Der Radius wird klein(er)

Seltsames Gefühl, in einigen Tagen Omis Möbel, die sie nicht mehr braucht, aus dem Altersheim abzuholen. Was ich schon bei meiner Mutter Sterben beobachtet habe, nämlich das Kleinerwerden des Radius, bemerke ich nun auch bei meiner Oma.

Omi Paula liebte das Reisen immer sehr. Rom. Lourdes. Berlin. Zürich. Luzern. Irgendwann schafften wir es nur noch bis St. Gallen. Frauenfeld. Wattwil. Dann wurde auch das zu weit. Das Einkaufen übernahm mit einem Mal ich. Oma schaffte es nicht einmal mehr bis zum kleinen Dorfladen.

Oma liebte ihr Haus immer so. Die vielen Zimmer hat sie mit Inbrunst geputzt und instand gehalten. In den letzten Jahren, während sie noch im Haus lebte, wurde auch dieser Radius immer geringer. Sie zog vom Dachgeschoss in Opas altes Schlafzimmer und lebte irgendwann nur noch in Küche, Bad und Schlafzimmer.

Ähnlich verhält es sich nun im Pflegeheim. Schwierig genug, mit Oma einige Möbel auszuwählen, die sie „mitnehmen“ will. Jetzt, anderthalb Jahre später braucht sie sehr viel weniger. Die Möbel und der Besitz haben ihre Wichtigkeit verloren, sie lenken sie nur ab.

Ich weiss nicht, was ich denken soll. Es ist irgendwie beruhigend, dass am Ende des Lebens Besitz von Dingen nicht mehr wichtig ist. Wie wird es wohl sein, wenn ich sterbe?

paula packt

paulas entschluss steht fest. sie geht ins altersheim. wirklich entspannend ist das nicht, denn paula hat es sich in den kopf gesetzt, ihr haus aufzuräumen.

es ist ja nicht so, dass paula ein messie ist. im gegenteil. sie ist ein sehr ordentlicher mensch. sie behandelt ihren besitz sehr sorgfältig. ihre kaffeemaschine hat sie in plastik verpackt, damit ihr ja nichts passiert. ebenso andere küchengeräte. paula kann gegenstände wie plastiksäcke oder kartonschachteln nicht wegwerfen. im vorratsraum stehen deshalb schachtelnweise schön gefaltete plastiksäcke herum.

da paula in ihrem eigenen haus lebt, braucht sie es jetzt auch noch nicht zu räumen. ihr das jedoch näher zu bringen, ist schwierig. manchmal ruft sie weinend an, weil sie müde ist vom schränke aufräumen und ihren besitz ordnen. nun könnte man einwerfen, warum ich, die liebe enkelin, sie da nicht unterstützt.

das ist leider sehr schwierig. mit paula etwas aufzuräumen, ist ein ding der unmöglichkeit. wenn ich sie frage: „soll ich das wegtun?“ antwortet sie mit „nein, das kann ich noch brauchen.“ eine diskussion übers horten von alten plastiksäcken macht nur dann sinn, wenn ich streit mit ihr will. und das will ich natürlich nicht.

vorsorglich kleider fürs altersheim packen ist ebenfalls eine sisyphosarbeit. schön gepackte schachteln sind einige tage später wieder ausgepackt, der inhalt im ganzen haus verteilt. alles fein säuberlich aufgeräumt. es ist zum schreien.