In Liebe, Papi.

Vor drei Jahren entschied ich mich nach einem Gespräch mit meinem Vater für die Anmeldung an die Jagdausbildung. Mein Vater ging es an jenem Sonntag im September 2018 schlecht. Er sagte, wenn er mit 40 gewusst hätte, dass er mit 70 so krank sein würde, hätte er in seinem Leben mehr gewagt. Das machte mich nachdenklich.

Zuhause zog ich mich zurück. Ich machte eine Auflistung, was ich schon immer gerne machen und lernen wollte, aber mich bis dahin nicht getraut hatte. 

Mein Thurgauer Geschlecht „Debrunner“ bedeutet Hirschtränke.

Ich überlegte mir lange, woher dieser Wunsch kam. Ich ging in mich, denn ich verstand erst nicht, warum ich jagen lernen wollte. Ich hatte natürlich jene Bilder der Jagd vor Augen, die nicht wirklich positiv waren und denen ich nicht entsprechen wollte. Aber da waren sehr viel mehr andere: Ich erinnerte mich an Begegnungen mit Jägern nach Wildunfällen, an der Olma, Gespräche und Berichte, die ich gelesen hatte. Ich sehnte mich nach tieferem Wissen über die Zusammenhänge in der Natur. Ich wollte auf Forschungsreise gehen.

Nach einigen Wochen teilte ich meine Entscheidung meinem Freund und schliesslich meinem Vater mit. Mein Vater reagierte sehr direkt. „Spinnst du?“, fragte er mich und ich erinnere mich genau an den Moment, als wir damals telefoniert haben. „Dir ist bewusst, was das bedeutet, zu jagen? Dass du auch bereit sein musst, ein Tier zu töten?“. Er klang nicht wütend, sondern besorgt. Ich antwortete mit „Ja.“

Kurze Zeit später waren wir bei ihm zuhause zu Gast. Er legte mir einige Ausschnitte aus dem „St. Galler Bauer“ zum Thema Wildbrethygiene hin, die er für mich zur Seite gelegt hatte. 

„Da“, sagte er, „das nimmst du dir jetzt zu Herzen und lernst es, damit du es an der Prüfung kannst.“

Von dem Moment an wusste ich, dass er mich unterstützt. Es hat mich sehr gerührt und ich habe es ihm damals auch erklärt, dass er mich in meiner Entscheidung vor drei Jahren geprägt hat. 

Ein erster Impuls, Jägerin zu werden, entstand wohl 2011, als wir, mein Vater, seine Frau, Sascha und ich, gemeinsam Fritzi, die Krähe, aufgezogen haben. Ich spürte, wie sehr ich Vögel, gleich ob Krähe oder Milane, liebe. Ich wollte mehr über sie wissen – und stiess dabei auf die Jagd- beziehungsweise die Falknerausbildung. Nur habe ich mir diesen Weg damals nicht zugetraut. Ich stand mitten im Berufsleben und konnte mir gar nicht vorstellen, so viel Zeit in der Natur unterwegs zu sein.

Die vier Wochen mit Fritzi waren intensiv. Ich lernte meinen Vater in jenen Tagen erneut von einer ganz anderen Seite kennen. Wir wuchsen noch mehr zusammen. Ich bemerkte, wie sehr wir uns ähnlich sind, in unserer Art der Wahrnehmung, der Liebe zu den Tieren und dem Tragen der Konsequenzen, was Entscheidungen in unserer beider Leben betraf. Als Fritzi ausflog, weinte ich Rotz und Wasser. Noch heute denke ich bei jedem Anblick einer Krähe an Fritzi – und an jenen besonderen Frühling mit meinem geliebten Vater.

Im Februar 2019 startete ich mit der Ausbildung. Ich war anfänglich recht unsicher, lernte dann aber schnell. Ich bemerkte, wie wichtig Konzentration und innere Ruhe sind. Das gefiel mir. Ich wusste sehr gute Lehrerinnen und Lehrer an meiner Seite. Dafür war und bin ich sehr dankbar. Als ich im Mai 2019 schliesslich die erste Prüfung schaffte, habe ich meinen Vater sofort informiert. 

Er war sehr stolz auf mich und sagte mir und seinen Freunden: “Von mir hat sie das nicht.”

Dann besuchte ich als nächstes die obligatorischen Kurse, schliesslich startete ich im Januar 2020 mit den freiwilligen, aber sehr wichtigen fachlichen Kursen. Ich war sehr glücklich. Ich lernte sehr viel und ganz ehrlich – habe ich noch nie eine Ausbildung erlebt, die so fundiert, so leidenschaftlich von den Ausbildnerinnen und Ausbildnern unterrichtet – und einfach toll ist.

Corona machte mir und all den anderen meines Jahrgangs schliesslich einen Strich durch die Rechnung. Alle Ausbildungstage und die Prüfung wurden abgesagt und ich fiel für kurze Zeit in ein Loch. Ich hatte so viel Zeit und Energie ins Lernen investiert. Dank der Möglichkeit, in den Wald zu gehen, mit den Jagdkollegen unterwegs zu sein, ging es mir rasch wieder besser. Ich fühlte mich trotz der starken psychischen Belastungen im Pflege-Beruf und während des Shutdowns glücklich, vor allem, wenn ich im Wald war. Ich entdeckte, wie tröstlich es ist, wenn man sich unter Bäumen bewegt und ein Teil der Natur ist, fernab von allem, was sonst wichtig scheint.

Die Gesundheit meines Vaters liess immer mehr nach. Wir besprachen uns, dass ich ihn und seine Frau aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr besuchen komme, um das Risiko einer Erkrankung bzw. einer Isolation für sie zu minimieren. Das war meines Erachtens ein guter Entscheid. Aber es fiel mir auch sehr schwer, ihn nicht mehr einfach zu besuchen. 

Wir haben zwar oft telefoniert, aber mir fehlten seine Umarmungen sehr.

Unsere Beziehung hatte viele Jahre darin bestanden, dass ich ihn alle par Wochen abends, während er seine Kaninchen und Hühner füttert, besuchte. Er, ganz konzentriert, dem jeweiligen Tier die richtige Nahrung abzumessen und zu geben, hörte mir zu. Im Hintergrund lief das alte Radio. Wir redeten nicht wirklich viel. Aber wir waren einander immer sehr nahe.

Mitten im Shutdown im Mai ging mein Vater, für einen Monat in ein Pflegeheim, damit sich seine ihn aufopferungsvoll pflegende Frau etwas erholen konnte. Während ich nun lernte, anzusitzen, Ruhe zu bewahren, hoch auf Hügeln sass und auf den Anblick der Wildtiere wartete, harrte mein Vater einen Monat lang in seinem Pflegeheim-Zimmer in Frauenfeld aus. Er beobachtete die Vögel vor seinem Zimmer, ertrug die stickige Wärme, sehnte sich nach frischer Luft und seiner geliebten Frau. Nie zuvor war mir das Gefühl von Leben, Lieben und Leiden so sehr bewusst wie in jenen Tagen.

Dann kam der Sommer und wir holten die Loungemöbel und das Bild von General Guisan ab, weil seine Frau die gemeinsame Kleintierstallung auflösen musste und alles weitergab, was mein Vater weiter gegeben haben wollte. Es war mir mit einem Mal klar, dass mein Vater nie mehr seine geliebten Kaninchen wieder hegen und pflegen würde. Ich verbrachte warme Nächte im Schlafsack auf der Lounge unter freiem Himmel mit Blick auf die Neu-Toggenburg und den Wald. Ich dachte fest an ihn und sein Geschenk an mich. Ich war glücklich.

Dann kam der Herbst. Um uns herum wurden viele Leute krank. Ich durfte mit auf die Herbstjagd. Ich hielt engen Kontakt zu meinem Vater, schickte ihm immer wieder Bilder von meinen Eindrücken, die er auch kommentierte. Es schien mir, als wäre er an meiner Seite. Ich wünschte es mir so sehr. 

Schliesslich kam der November.

Alles lag nahe beieinander: Das Leben. Der Tod. Freude. Tiefe Trauer. Ich hätte nicht gedacht, ihn so zu verlieren. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass er plötzlich tot sein könnte. Er war für mich immer der Fels in der Brandung. Mein geliebter, starker, schöner Vater.

Nun ist Frühling und in 2 Monaten ist meine Prüfung. Er ist nicht da. Er fehlt mir. Ich vermisse seine kritischen Fragen. Sein Mitdenken. Seinen wunderbaren Sarkasmus. Seine freundliche Stimme. Seine Ermutigungen. Sein Mitfühlen.

Irgendwie glaube ich ganz fest, er wird an der Prüfung bestimmt an meiner Seite sein. Mich unterstützen, so wie er es immer getan hat. So wie damals, als wir damals – als ich so 14, 15 Jahre alt war – mit dem Velo auf den Chasseral gefahren sind. Aufgrund meiner Hüftbehinderung konnte ich einfach nicht mehr weiter und weinte nur noch. Er hat es nicht akzeptiert. Er sagte: “Du schaffst das.”

Er hatte Recht. Ich schaffte es.

Vom Erwachsensein

Vor einigen Tagen hat mich jemand gefragt, ob ich nie Kinder haben wollte und ich antwortete: „Nein.“
Ich wollte wirklich nie Mutter werden. Ich konnte es mir ehrlich nicht vorstellen.

Natürlich habe ich darüber nachgedacht, warum das so ist. Ein Grund war sicherlich mitzuerleben, was mit meiner Mutter geschah, nachdem sie ihr zweites Kind, meinen jüngeren Bruder, verlor. Ich wollte nie in eine solche Situation geraten. Sie wurde von Pflegenden und Ärzten der Schuld am Tod meines Bruders bezichtigt, weil sie Raucherin war.

Ich denke tatsächlich, dass es etwas vom Schlimmsten ist, sein Kind zu verlieren. Da ist es wohl leichter, sich gar nicht erst darauf einzulassen. Vielleicht bin ich da zu wenig mutig gewesen oder zu sehr bei mir selber.

Wenn ich aber darüber nachdenke, hätte ich mit Kindern an meiner Seite wohl nie meine Mutter und meine Omi am Ende ihres Lebens begleiten können, nie in meinem Beruf aufgehen können. Mir wäre dabei sehr viel entgangen.
Die Liebe, die ich meinen nicht-existenten Kindern geschenkt hätte, lebte ich mit gutem Gewissen bei der Arbeit und beim Schreiben aus und – in meiner Familie.

Jetzt, mit 43, wo die meisten meiner nächsten Verwandten nicht mehr da sind, fühlen sich Feste seltsam an. Meine Familie fehlt mir. Da ist Opa, der sich einen Spass machte, Ostereier und Schoggihasen im Garten zu verstecken – und zu vergessen, wo er sie überall hingelegt hatte.

Omi liebte es Geschenke zu machen. Ihr Osterfestmahl war das gleiche wie an Weihnachten: Gulasch aka Voressen mit Müscheli. Ich habs so sehr geliebt. Vor allem die weich gekochten Rüebli. Ihre lieben Worte und ihre Freude am Frühling vermisse ich sehr.

Von meiner Mutter erhielt ich zu Ostern immer Schreibsachen, was wohl daran lag, dass in meiner Kindheit das neue Schuljahr jeweils nach Ostern anfing. Ich habe das sehr gemocht. Sie hatte ein Händchen dafür.

Mit meinem Vater und seiner Frau haben wir Ostern jeweils mit einem Essen gefeiert. Ich dachte jeweils mir einen Mehrgänger aus und stand stundenlang in der Küche meiner Grosseltern und Urgrosseltern. In Vaters letztem Lebensjahr feierten wir nicht mehr gemeinsam. Doch dieses Jahr feierten wir wieder. Es fühlte sich wie wirkliches Ostern an: Das Weiterleben nach der Begegnung mit dem Tod.

Dort, wo ich mit ihnen so viele Feste feierte, lebe ich heute. Es ist anders als früher, als sie noch gelebt haben. Sie fehlen. Sehr.

Die Pflanzen und Bäume knospen. Der Frühling ist da. Das Leben geht weiter, auch wenn mein Vater nicht mehr da ist. Er hat den Frühling geliebt, die Eisvögel in den Bäumen an der Murg und den Fluss. Ich vermisse seine atemlosen Beschreibungen der Natur, so wie er sie wahrgenommen hat. Sein Blick auf das Wesentliche. Seine Liebe zur Natur und zu allem Lebendigen.

Erwachsensein bedeutet wohl, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auszuhalten, bei aller Schönheit, diese zu geniessen, auch wenn man sie mit niemandem mehr teilen kann, der mit einem verwandt ist und mit einem aufgewachsen ist. Das Leben ist einsamer als früher. Erwachsensein ist die Auseinandersetzung mit sich selber. Das Aushalten von nicht selbst gewähltem Alleinesein.

Dieser Text erschien schon vor einigen Tagen, ich habe ihn nochmals überarbeitet und mit einem Bild verstehen. Danke für euer Verständnis.

Papi und ich am Bach

Remains of you, my dear father

Dein Gang, während du auf unser Haus zuläufst. Dein Blick auf die Linde, die du nie mochtest, weil sie zu viel Schatten auf das Haus wirft und du dir Sorgen darum gemacht hast.

Wenn ich an dich denke, sehe ich dich immer als jungen Mann, meinen Vater, der angstlos, aber ernst in die Kamera schaut. Du hast die Familie meiner Mutter erkannt und oftmals nicht gemocht. Es war mehr als schwierig für dich, den Naturburschen, mit diesen Textilarbeitern umzugehen. Die Welt, aus der du kamst, war eine vollkommen andere.

Am Ende sind nur noch wir beide übrig geblieben. Du hattest deine liebe Mühe mit dem Haus. Die wenigen Feste, die wir hier miteinander gefeiert haben, haben wir genossen. Du warst ein wichtiger Teil davon.

Seltsam, wie wichtig es mir war, dass du mit meinen liebsten Freunden in Kontakt kamst. Ich war immer sehr stolz auf dich.

Jetzt, nach deinem Tod, entdecke ich dich laufend neu. Du warst für mich immer ein Vorbild, in Sachen Sport und Tierhaltung und Umgang mit anderen Menschen.

Doch heute ist das alles in meiner Wahrnehmung nochmals anders: Du warst immer so offen für Menschen und ihre Fragen. Du warst ein zutiefst neugieriger Mensch. Deine Liebe zu den Singvögeln in deinen letzten Lebensjahren hat mich sehr berührt. Dass wir alle zusammen in die Vogelwarte gingen, war schön. Noch lieber hätte ich dich in der Falknerei erlebt. Denn das ist wohl unser beider Leidenschaft: Das Umgeben mit den wunderbarsten Vögeln.

Ich bin nicht besonders religiös, aber wenn ich an dich denke, so kommt mir sofort der Eisvogel als dein Lieblingstier in den Sinn. Er ist geschmeidig, wunderschön, ein magisches Tier. Er ist so wie du. Nicht greifbar, aber hinterlässt Spuren bei den Menschen, die mit ihm zu tun hatten.

An unserem letzten, gemeinsamen Osterfest haben wir uns nicht umarmt. Du standest auf eurem Balkon und wir haben uns von weitem zugewinkt. Danach habe ich geweint. Ich war müde vom Arbeiten und traurig, weil ich dich so sehr vermisste. Ostern war unser fröhliches Fest. All die Jahre.

Das erste Ostern ohne dich. Ich habe keine Idee, wie das vonstatten gehen soll. Du hast die letzten Monate und Wochen deines Lebens so sehr gelitten. Du fehlst.

Vom Glück der Erinnerung

Nun ist es über ein Jahr her, seit wir alle in eine Art verordnete Käseglocke gesteckt wurden. Ich verspüre Sehnsucht nach dem Leben von vor einem Jahr oder nur dem schon von vor einigen Monaten. Es scheint mir alles irgendwie sehr surreal. Ich erinnere mich an vieles, das mir längst fern scheint. Wie fühlt sich ein Restaurantbesuch an? Wie Krafttraining in einem Fitnesscenter?

Doch das ist nur die eine Seite.
Ich stecke mitten in einer Phase vertieften Lesens und Lernens, neben der Arbeit. Man könnte sagen, es fühlt sich fast so wie eine Art Flow an. Die Dinge gehen mir leicht von der Hand, sei es beim Schreiben, am Arbeitsplatz oder bei der Führung des Haushalts. Beim Kochen. Beim Entsorgen von Gegenständen meiner Eltern und Grosseltern. Es fühlt sich leicht und richtig an.

Ich bin ganz begierig nach Bildung, nach neuen Erkenntnissen, nach Büchern, nach echtem Austausch mit anderen Menschen. Ich lese Zeitungen und Zeitschriften, gestalte Collagen und denke darüber nach, wie ich den Schermäusen im Garten Herrin und den Rasen vertikutieren werde. Ich kann es kaum erwarten, bis es wärmer wird. So möchte ich meine Kräuter wachsen sehen und kochen, feine Brote backen und abends nach der Arbeit in den Wald gehen.

Das Zuhause als wunderbarer, behaglicher Ort bestätigt sich in meinem Leben als gute Entscheidung. Ich liebe mein Haus, weil es so schön und alt und aus Holz gebaut ist. Deshalb verspüre ich wohl auch kein Fernweh. Hier finde ich alles, was mein Herz braucht, um gesund zu bleiben. Ich denke oft an meine Eltern und Grosseltern und was wir all die Jahre hier in diesem Haus gemeinsam erlebt haben. Die Erinnerung an das, was war, und was ich verloren habe, könnte schwer wiegen. Dennoch fühle ich anders: Das Glück, dass ich hier aufwachsen konnte, von meinen Grosseltern und Eltern geliebt wurde und heute hier leben darf, wiegt den Verlust ihres Todes auf.

Im Toggenburger Jahrbuch 2021 las ich vor einigen Tagen einen Text der wunderbaren Hildegard E. Keller, die ebenfalls hier oben aufgewachsen ist. In „Reise durchs Toggenburg in meiner Wohnung“ schreibt sie über die Begegnung mit Gegenständen, die sie all die Jahre vom Toggenburg aus mit in die Welt genommen hat. „Meine Wanderung führt mich in einen Mikrokosmos des maximal persönlichen, es ist eine Reise der Erinnerung. Durch jahrtausendelanges Training ist das Erinnern so stark geworden, dass es Menschen über Generationen hinweg verbindet. Die griechische Kultur nennt sie Mnemosyne.“

Frühling auf geplatzter Haut

Ich bin froh, kommt nun der Frühling. Er ist meine liebste Jahreszeit. Ich plange drauf, dass die Bäume und Blumen wieder blühen. Das erste Viertel des Jahres ohne meinen Vater ist um. Weihnachten und sein Geburtstag liegen hinter mir.

Vor einem Jahr, als die Pandemie anrollte, haben wir kurz übers Kranksein gesprochen. Vielmehr aber noch über die Freiheit. Rausgehen. Die Natur erleben. Das war sein grösster Wunsch. Und auch meiner.

Wenn ich im Garten arbeite, bin ich meinem Vater nahe. Das fühlt sich an wie eine sanfte Umarmung. Ich vermisse unsere Umarmungen. Seine Stimme. Mein Blick auf die Linde in meinem Garten, die er hasste: „Der Baum gibt zu viel Schatten. Der macht dir das Haus kaputt.“

Da ist die Erinnerung daran, wie wir vor 10 Jahren unsere Krähe Fritzi aufgezogen haben. Papi hat sie gerettet, im Wissen, dass man sie auf jener Weide vermäht hätte. Er rief mich an und sagte: „Komm vorbei. Ich habe eine Krähe gefunden und ziehe sie auf.“ Ich kam so schnell ich konnte, denn ich erinnerte mich daran, dass mein Vater das schon einmal getan hatte. Als Bub hatte er eine weisse Krähe. Die war zahm und folgte ihm auf Schritt und Tritt, sogar bis in die Schule. Auf Geheiss des Lehrers, ein Grund, warum mir Lehrer wohl immer unsympathisch bleiben werden, musste er sie abgeben. Mein Vater erzählte mir, sie sei dann in den Plättlizoo nach Frauenfeld gekommen. Belegen kann ich das leider nicht. Aber wenn mein Vater das sagt, dann muss das wohl gestimmt haben.

Ich frag mich, ob nun meine Trauerzeit bereits beendet ist. Was da noch kommt. Ich weiss: Da ist Ostern, wo wir immer fein essen gingen. Mein Geburtstag im Juli. Da haben wir ebenfalls gemeinsam gefeiert. Der 1. August. Den feierten wir nicht mehr so sehr, seit wir nicht mehr bei Frauenfeld wohnten. In meiner Erinnerung waren das immer schöne Feste. Gute, liebevolle und kritische Gespräche. Feines Essen. Zusammengehörigkeitsgefühl. So, wie sich in meinem Gefühl nach „Familie“ anfühlt.

Ich möchte nicht einfach übergehen zur Normalität. Denn die gibts wohl nicht mehr. Wenn die Eltern tot sind, ist wohl auch die gefühlte Kindheit zu Ende.
Willkommen im Leben.

Das letzte Fest.

Dein 72. Geburtstag am 19. Februar 2020 war das letzte Fest, an das ich mich erinnern kann. Die Zahl 72 mochte ich immer sehr. Sie ist so harmonisch.
Deine Geburtstage in den letzten 25 Jahren waren immer sehr gesellig. All deine Freunde und Freundinnen trafen sich in eurer Stube. Es wurde gelacht, getrunken und fein gegessen. Deine Frau war immer eine wunderbare Gastgeberin.
Ich erinnere mich an so viele gute, tiefgründige Gespräche. An liebevolle, kritische und freundliche Menschen.

Die letzten paar Jahre hast du an deinem Geburtstag mit deinen Gefühlen nicht zurückgehalten. Du hast deine Mitmenschen fadegrad damit konfrontiert, wie es ist, seine Gesundheit und seine Selbständigkeit zu verlieren. Deine Ehrlichkeit hat mir imponiert. Die Zuneigung und Zärtlichkeit deiner Freunde und Freundinnen auch. Sie waren, mehrheitlich, bis zum Ende deines Lebens für dich da.

Natürlich gab es da auch die anderen, und unter denen hast du anfangs gelitten. Die Menschen, die einfach nur nehmen, andere ausnutzen und keine Empathie für andere aufbringen. Doch du hast das alles einfach stehen lassen. Du warst nämlich anders. Ich erinnere mich daran, wie du in den 90ern und 2000ern jeweils betagte Freunde mit Tierfutter beliefert hast. Es war dir wichtig und darum hast du es getan. Du hast keine grosse Sache draus gemacht, nur gemeint, es sei eben wichtig, dass die weiterhin ihre Tiere füttern und züchten können. Das fand ich immer lieb von dir.

Nun ist bald dein 73. Geburtstag. Das ist dein erster Geburtstag, der ohne dich stattfindet. Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Du warst schliesslich immer da in meinem Leben. Du warst so ein liebenswerter, guter Mensch. Ich vermisse so sehr die Gespräche über die Natur und Tiere mit dir. Deine Sicht auf die Welt. Deine Sprüche. Ich wäre so gerne mit dir an eine Greifvogelschau, zu einem Falkner gefahren. Ich hätte so gerne gewusst, was du davon hältst.

Vor einigen Tagen sah ich einen Western mit Tom Hanks. Um zehn Uhr nachts griff ich zum Telefonhörer, um dich anzurufen und dir davon zu erzählen. Mit einem Mal war mir klar, dass ich dir nie mehr davon erzählen würde.
Ach, lieber Papi, ich hätte zu gerne noch mindestens ein Jahr mehr mit dir gehabt.

Die 73.

Der erste 19. Februar ohne dich.
Wie soll das nur gehen?
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen deiner Geburtstage ausgelassen zu haben. Ich kann mich an so viele erinnern.

Meist lag Schnee. Oder es regnete in Strömen.
Einmal gewann dein Kaninchen den Schweizer Titel.
Du warst sehr stolz. Und ich auf dich.

Immer waren Freunde von dir da und feierten mit dir.
Trotz deiner Krankheit waren es an deinem letztem Geburtstag nicht weniger.
Sie ertrugen deine starke Trauer und deine Tränen.
Es fielen viele liebe Worte an dich.
Voller Freundschaft und Liebe.

Aber beim letzten Kilometer sind all diese Freundschaften wohl nicht mehr so wichtig. Du hast dich nicht mehr an vieles erinnert.
Du hast viel mehr gefühlt.
Was dir wichtig war.

Ich erinnere mich an den letzten Kilometer.
Du hast so stark und schnell geatmet.
Du warst sehr konzentriert
und dennoch voll da.
Du hast meine Hand gedrückt,
als ich dir ein Märchen erzählte.
Es war, als würdest du mir einen letzten Hinweis geben.
Eine Korrektur. Einen Trost, bei alledem, was nun folgen würde.

In einigen Tagen ist dein 73. Geburtstag.
Ich weiss nicht, wie ich den feiern soll,
jetzt, wo du nicht mehr da bist.

Das Familienfoto

Dieses eine Familienfoto zeigt alle Ebenen der Trauer und des Todes in meinem Leben auf. Ich mag es seit frühester Kindheit.

Auf dem Foto ist meine Kernfamilie zu sehen. Da ist meine Omi, meine Mutter, damals schwanger mit meinem Bruder, mein Vater und ich, mein Opi und meine Uromi zu sehen. Im Vordergrund sitzt mein Uropi. Dahinter der Hund meiner Urgrosseltern. Dort, wo mein Uropi sitzt, wächst nun ein Rosenstrauch. Ich sehe dieses Foto an und bin mir bewusst, dass ich die einzige bin, die von all jenen noch am Leben ist.

1979 trat der Tod zum ersten Mal wissentlich in mein Leben. Mein Bruder starb wenige Tage nach seiner Geburt. Ich war 2 Jahre alt, kann mich aber bis heute an Bruchstücke, an seinen kleinen weissen Sarg erinnern. Da war diese Beerdigung, dieses kleine Grab. Ich trug einen roten Mantel. Meine Eltern, meine Omi, weinten.

1983 starb Röös, meine Urgrossmutter. Auch an ihren Tod kann ich mich sehr gut erinnern. Sie wachte eines Morgens einfach nicht mehr auf. Ich war sechs Jahre alt, stand in der Stube neben dem antiken Buffet. Röös war sehr alt geworden. Ihr Tod fühlte sich logisch an. Es war eben an der Zeit.

Ein Jahr später starb mein Uropi Henri im Alter von 95 Jahren. Mein Opa hatte ihn und meine Urgrossmutter zuhause gepflegt. Erst viele Jahre später verstand ich die Tragweite von Opis Engagement. Mein Uropi war der erste Mensch, den ich tot gesehen habe. Er trug ein Totenhemd mit Spitze und sah aus wie ein schlafender, sehr alter Engel.

Dann hatte ich sehr lange Ruhe vor dem Tod. 1997, ich war knapp 20 Jahre alt, starb mein Opi an Leberkrebs. Er wusste nach der Diagnose, wie er sterben würde und hat mit niemandem gross darüber geredet. Ich bekam nur mit: „es würde heftig werden“. Opi erstickte langsam. Davor hatte er grosse Angst. ich nehme an, das hat auch mit seinen Kriegserfahrungen zu tun. Das langsame Sterben, der Verlust an Luft, hat ihm immer Angst gemacht. In Zeiten von Covid können wir das vielleicht alle gut nachvollziehen.

Nach Opis Tod dauerte es weitere zehn Jahre, bis der Tod wieder in mein Leben trat. Meine Mutter, damals 56 Jahre alt, litt an Leberzirrhose. Sie starb in einem Pflegeheim, in der Nähe des Ortes, wo sie geboren worden war, neben dem Spital, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte.

Mutters Tod veränderte mein eigenes Leben total. Mit einem Mal war ich mit der Frage konfrontiert, was ich für eine Frau werden würde, jetzt nach Mutters Tod. Mir war klar, ich würde niemals heiraten, niemals Kinder kriegen, nie ein Leben führen, wie es vielleicht (für jemand anderen) angebracht wäre. Das war ein gutes, wenn auch wildes Gefühl. Es begleitet mich bis heute.

Als meine Mutter starb, war ich an ihrer Seite. Ich kriegte mit, wie es ist, wenn ein Mensch langsam stirbt. Wie es sich von aussen anfühlt, wenn ein Mensch geht. Das war eine absolute Grenzerfahrung, vielleicht vergleichbar mit der Geburt eines Kindes, nur einfach andersrum.

Es dauerte weitere zehn Jahre bis 2017. Dann starb meine Omi. Kurz nach Mutters Tod trat Omis Demenz in Erscheinung, so als hätte sie nur darauf gewartet, endlich schalten und walten zu können. Omis Geist tauchte ab. Sie war zwar immer noch der gleiche, liebevolle Mensch, doch all ihre Erinnerungen verschwanden. Für mich war das eine Katastrophe, denn ich begriff, wieviel sie mir bedeutete, wie stark sie mich all die Jahre begleitet hatte.

2020 verlor ich meinen Vater. Was soll ich dazu sagen?
Er fehlt. Sein Verlust ist eine offene Wunde an meinem Herzen.
Er war mir einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich habe ihn sehr geliebt. Ich war immer so stolz auf ihn. Ich sah ihn gerne an. Ich hatte ihn furchtbar gerne. Vielleicht dachte ich in meinem töchterlichen Kind-Ich: er ist unsterblich.

Das war er leider nicht. Ich weiss, dass er an seiner Krankheit unsagbar litt.
Dass sein Tod eine Erlösung für ihn war. Dass ich ihn sehr vermisse. Dass ich von ihm träume.

Ein Nachruf.

Rolf Debrunner wurde am 19.2.1948 im alten Spital Frauenfeld als jüngerer Sohn von Hermann und Ida Debrunner geboren. Er wuchs in Wetzikon TG als Bauernsohn auf. Schon früh entdeckte er seine Liebe zur Natur und seine Freude an Tieren. Er begann schon als kleiner Bub mit der Kaninchenzucht. Er lernte später den Berufs des Landschaftsgärtners, verbrachte einige Zeit in Australien und kehrte zurück in den Thurgau, als sein Vater schwer krank wurde.

Rolf Debrunner absolvierte die Radfahrer-RS. Die Freundschaften, die er dort knüpfte, hielten ein Leben lang. Mit 20 Jahren lief Rolf den ersten Waffenlauf, er schaffte sogar fast 30 Frauenfelder Militärwettmärsche. Er blieb ein Leben lang dem „Frauenfelder“ verbunden.
1974 heiratete er Ursula, hatte mit ihr 3 Kinder: Zora, Swen und Denise. Er trauerte sehr, als sein Sohn nach 3 Tagen verstarb.

Obwohl er selber keine besonders schöne Kindheit erlebt hatte, war er seinen überlebenden Töchtern ein liebevoller, engagierter Vater. Er legte wert darauf, für sie da zu sein, war immer ein verständnisvolles, liebevolles, geduldiges Gegenüber.

Er war sein Leben lang ein begeisterter Velofahrer, freute sich über jegliche Sendungen über die Tour de Suisse oder Tour de France.
Er arbeitete lange Jahre als Maschinist in der Baufirma Zehnder in Wängi, übernahm 1985 die Stelle des Schulhauswartes der Schulen in Hüttwilen.

In den 90er Jahren traf er auf seine grosse Liebe Helene und konnte viele schöne Jahre mit ihr erleben. Diese Liebe war ihm sehr wichtig, und er erwähnte auch dies immer wieder gegenüber seiner Tochter.
In der Kaninchen- und Hühnerzucht konnte er viele Erfolge feiern. 1989, an seinem 41. Geburtstag, gewann er mit seinem Kleinsilber-Rammler den Titel „Schweizer Champion“ in Bern.
Mein Vater züchtete die verschiedensten Kaninchenrassen, angefangen von „Japanerkaninchen“ über die „Silberkaninchen“. Mit seinem grossen Züchterwissen wurde ihm 1999 das Amt als Obmann Geflügel angeboten. Dieses übte er bis zum Jahr Jahr 2016 aus. Von 2010 bis 2016 war er Zentralpräsident des Schweizer Silberkaninchen-Klubs und prägte so mit seiner Frau zusammen das Vereinsleben.


„Neues und anspruchsvolle Zuchtarbeit faszinierten ihn stets. Er engagierte sich intensiv beim Aufbau neuer Kaninchenrassen in der Schweiz. So war er als Mann der ersten Stunde bei den Rassen Deilenaar, Farbenzwerge silber und Weissgrannen schwarz massgeblich beteiligt.“ (Zitat Luzia Bösch, Schweizerischer Silberklub)

Um 2011 zog er mit seiner Familie eine kleine Krähe auf, dieses Erlebnis schweisste die ganze Familie noch mehr zusammen.
Nach seiner Pension arbeitete er eine Zeit lang als Knecht. Er erzählte oft mit strahlenden Augen, was er bei der Arbeit auf dem Bauernhof ob Eschenz erlebt hatte. Gleichsam waren ihm Ausflüge im familiären Rahmen, sei es auf dem Untersee oder dem Rheintal wichtig.
Um 2016 erkrankte er schwer. Seine letzten Lebensjahre waren geprägt vom Willen, seine Krankheit zu besiegen und der Liebe zur Natur, insbesondere zu den Singvögeln.
Sein Wunsch, den er bei seiner Pensionierung äusserte, noch viel mit seiner Frau zu unternehmen, blieb leider unerfüllt.

Er wurde bis zuletzt zuhause von seiner Frau Helene liebevoll gepflegt. Er starb am 19. November 2020, kurz vor sechs Uhr abends. Sein bescheidenes Wesen, seine sensible, kluge Art, sein lieber Blick werden uns für immer fehlen.

Ein (letzter) Liebesdienst

Als meine Mutter starb, waren sie und mein Vater schon viele Jahre geschieden und das war gut so. So hatten sie beide, aus meiner jugendlichen Sicht, eine Chance, ihr Lebensglück zu finden und zu leben.
Meine Mutter war allerdings kein einfacher Mensch. Sie hat ihren ganzen Zorn auf meinen Vater projiziert und das war richtig übel. Er entschied sich 1994 während der Scheidung das Sorgerecht für mich und meine Schwester zu erkämpfen. Dafür werde ich ihm immer sehr dankbar sein.
Nun, als meine Mutter 2007 starb, hatte mein Vater allen Grund, sich nicht für ihr Sterben zu interessieren. Doch er unterstützte mich bei der Begleitung meiner Mutter so gut er (und seine Frau) es konnten.

In ihren letzten Stunden war ich an ihrer Seite. Ich habe alle Formalitäten erledigt, die so ein Todesfall mit sich bringt. Und weil meine Omi im Toggenburg gewünscht hat, dass meine Mutter auf dem Friedhof beerdigt wird, wo mein Opi begraben liegt, habe ich mich natürlich sehr dafür eingesetzt.
Doch weil die bürokratischen Mühlen langsam mahlen, war es nun mal so, dass ich Mamis Urne beim Friedhof Oberkirch in Frauenfeld abholen und selber ins Toggenburg fahren musste. Mein Vater bekam dies mit und verbot es mir mit aller Vehemenz, die ich von ihm bis dahin nicht kannte.
„Was soll ich denn machen? Sie muss doch auf den Friedhof, weil am nächsten Tag die Beerdigung ist.“, entgegnete ich ihm am Telefon.

Und so holte mein Vater mich zuhause im Thurgau ab, fuhr mich zum Friedhof Oberkirch und holte mit mir die Urne meiner Mutter ab. Dann fuhren wir ins Toggenburg und lieferten ihre sterblichen Überreste auf dem Friedhof ab.
Auf der Fahrt erzählte mir mein Vater, wie er die Beerdigung meines Bruders, 28 Jahre zuvor, erlebt hatte. Ich begriff mit einem Mal, vor welchem Schmerz, welcher Überforderung, er mich nun beschützen wollte. Dass er mit seinem Einsatz weit über seine eigenen Grenzen ging, begriff ich erst später.

Kurze Zeit später sassen wir bei Omi in der Küche. Wir weinten alle drei, umarmten uns. Wir weinten um Bruder, Mutter, Sohn, Tochter, Enkel und wahrscheinlich noch sehr viel mehr um uns. Die Trauer und das Bedauern bekamen mit einem Mal eine Form. Es war ein sehr liebevoller, ehrlicher und trauriger Moment, den ich nie mehr vergessen werde.

Kurze Zeit später machte sich Omis Demenz bemerkbar. Ich hatte das Gefühl, dass sie nun, mit dem Tod ihrer Tochter ihre Aufgaben erledigt hatte, und sein und fühlen konnte, was sie brauchte.
13 Jahre nach meiner Mutter starb im November 2020 nun mein Vater und ich empfand es als Ironie des Schicksals, dass wir unter Corona-Massnahmen auf dem Friedhof Oberkirch von ihm Abschied nahmen. Am gleichen Ort, wo er fast 13 Jahre zuvor an meiner Seite war, als es galt, meine Mutter zu beerdigen. Panta rhei.