Ein paar Tränen

Heute morgen packte ich die Tüten aus, die ich von der Frau meines Vaters erhalten hatte. Sie beinhalteten unter anderem seine Schulzeugnisse.
Die Einträge haben mich sehr berührt, denn ich hatte bisher nicht gewusst, wie gut oder schlecht er in der Schule gewesen war.

Mein Vater war kein hervorragender Schüler. Aber er war fleissig und wissbegierig. Er machte immer wieder grosse Fortschritte, litt aber unter einer Lese- und Schreibschwäche. Ich kann mir das heute fast nicht vorstellen, denn er war der erste zeitungslesende Mensch in meinem Leben. Er las in guten leidenschaftlich alles, was ihm unter die Hände geriet. Und er konnte richtig gute Ansprachen halten.

In den naturwissenschaftlichen Fächern war er, natürlich, gut. Alles, was mit der Natur zu tun hatte, schien ihm leicht zu fallen. In dem Punkt waren wir uns, zumindest in der Schulzeit, nicht ähnlich. Ich hatte Mühe mit Physik und Chemie, weil mich das mit 13 oder 14 einfach nicht interessiert hat. Wenn es damals ein Fach „Hollywood in den 50ern“ gegeben hätte, wäre ich auf jeden Fall Klassenbeste gewesen.

Mein Vater besuchte nach der Primarschule die landwirtschaftliche Schule. Er wäre Bauer geworden und hätte den Hof des Vaters übernommen. Aus irgendeinem Grund, den ich bis heute nicht genau weiss, kam alles anders. Er wurde Landschaftsgärtner, ging sogar bis nach Australien, traf meine Mutter und arbeitete später auf dem Bau. Als ich acht Jahre alt war, wurde er Hauswart einer grossen Schule im Thurgau.

Privat, in seinen Vereinen, konnte mein Vater super mit Menschen. Beruflich war es eher schwierig für ihn. Als Kinder bekamen meine Schwester oftmals die Verachtung und den Hass auf ihn zu spüren. Es ist wohl keine Überraschung, dass ich nach meiner Schulzeit den Ort meiner Kindheit so rasch als möglich verliess. Dort hielten mich keine zehn Pferde und ich verspüre bis heute keine Heimatgefühle für jenen Ort.

Wir waren beide immer unangepasst. Die Natur, die Tiere waren (und sind) uns näher, als die Menschen. Wenn ich jetzt an ihn denke, kommt mir immer die schöne Stimme von Joe Dassin in den Sinn. Laut meiner Mutter konnte mein Vater nicht singen. Offenbar hat er nach meiner Geburt nach einem Fest mit seinen Freunden an meiner Wiege laut gesungen, so dass ich wach wurde und weinte. Nachher soll er nicht mehr gesungen haben. Aber das kann ich mir nicht vorstellen.

Vor einigen Tagen stiess ich beim Aufräumen meines Bilderarchivs auf ein Video von ihm. Ich hatte ihn vor über 10 Jahren gefilmt, wie er seine Hühner in Händen hielt. Ich sass da wie gelähmt. Ihn so – lebend – zu sehen, hatte ich nicht erwartet. Es tat weh.

Er kniet da, streichelt seine Tiere und beim Anschauen wird mir klar, dass er einfach bei sich ist, völlig im Moment. Die Tiere haben keine Angst vor ihm und geht mit ihnen ganz natürlich um. Dieser einminütige Film rührt mich sehr. Er macht mir bewusst, wie glücklich ich war und bin, seine Tochter zu sein, und wie sehr er mir fehlt. Gerade jetzt. Und wahrscheinlich immer.

Der erste Mann.

Mein Vater war der erste Mann in meinem Leben.
Er bedeutete mir immer viel.

Als ich noch klein war, war er der Mensch, der mich auf Händen trug.
Er war immer stolz auf mich.
Es gibt Fotos, da schaut er mich einfach nur an.
Seine liebenden Augen vergess ich nie.
Wenn ich krank war und im Spital lag, dann litt er mit.
Doch er zweifelte nie daran, dass ich es schaffe, wieder laufen zu lernen.

Wir glichen uns immer sehr.
Er und ich waren Menschen, die die Natur liebten,
beobachteten und sich wohl fühlten im tiefsten Grün eines Waldes, einer Wiese oder hoch auf einem Berg.

Er war es, der mich auf den Kindersitz seines Militärvelos gesetzt hat und mit mir über Berge und durch Täler fuhr.
«Schneller, Papi, schneller!!» schrie ich wohl.

Mein erster Geburtstag ohne ihn. Es scheint mir so irreal, auch wenn er über ein halbes Jahr tot ist. Er war immer da und jetzt ist er es nicht mehr.
Sein Platz bleibt leer und gerade an diesem Tag tut es umso mehr weh, weil mir bewusst ist, was wir alles hatten.

Was bleibt ist jene Nähe zu ihm, wenn ich unter einem Baum sitze, wenn ich den Vögeln zusehe, die durch die Luft fliegen oder wenn ich zum Säntis schaue. Dann scheint es mir, als sitzt er schweigend neben mir und schaut mir lächelnd zu, wie ich mein Leben – ohne ihn – weiterlebe.

Sommer

Mein Vater liebte viele Jahre den Sommer. Es konnte ihm nie warm genug sein.
Ich liebe den Sommer und verleibe ihn mir ein. Ich liebe die Hitze, die Schwüle, das starke Grün der Blätter.

Der Sommer war immer meine liebste Jahreszeit. Sommer war für mich seit frühester Kindheit an eine absolut ambivalente Zeit: Es konnte kühl sein, so dass Omi Fondue auftischte oder so heiss, dass wir uns von Cipollata und Rösti ernährten. Ich liebte als Kind beides.

Die Erinnerungen an den Sommer mit Omi und Opi sind sehr präsent. Im Sommer waren wir uns immer nahe. Der Sommer 1996 war unser letzter als Familie. Danach entfernten wir uns langsam. Opi erkrankte an Leberkrebs, ich erholte mich von einer Kiefer-OP. Wir führten einige gute Gespräche, deren Wert ich erst nach Opis Tod erkannte.

Seit ich ca 32 Jahre war, feierte ich meine Geburtstage mit meinem Vater und seiner Frau. Wir waren uns immer nahe. Die Geburtstage taten ihr übriges, Wir feierten jeweils ein Fest des Lebens mit unseren Freunden. Das habe ich immer sehr schön gefunden, weil es mir aufzeigte, wie wichtig es ist, (als Kinderlose) ein Netz von Freunden um sich zu wissen.

Wir feierten einfach den jeweiligen Tag. Meine Eltern begingen ihre Geburtstage im tiefsten Winter, ich den meinen im Hochsommer.

In wenigen Tagen werde ich 44 Jahre alt und es wird der erste Geburtstag in meinem Leben ohne meinen Vater sein. Ich habe wenig Ahnung, wie ich damit umgehen soll. Er fehlt mir einfach sehr. Vor einigen Tagen bekam ich von seiner Frau seinen ersten Ehering, seine Fischhalskette und seinen „Grabstein“. Jetzt bin ich Besitzerin von zwei solchen Relikten aus dem Militär.

Ich fühle mich reich beschenkt, weil ich einen liebenden, treusorgenden und sensiblen Vater an meiner Seite wusste. Ihn loszulassen kostet mich viel, weil seine Nähe, seine Liebe nicht missen mag. Ich wünschte mir sehr, dass er an meinem Geburtstag da wäre, aber ich bin auch dankbar, dass er gehen konnte in jener Zeit, wo er so sehr litt.

Diese Ambivalenz zwischen Leben und Tod, diese Lust am Leben und gleichzeitige Dankbarkeit gehen zu können, wenn das Leben zu schwer wird, macht mich demütig. Mein Vater war so lebenslustig, aber auch bescheiden. Er liebte das Leben sehr, hatte Freude an Begegnungen und Erfahrungen.

Mein Vater liebte viele Jahre den Sommer. Es konnte ihm nie warm genug sein.
Ich liebe den Sommer und verleibe ihn mir ein. Ich liebe die Hitze, die Schwüle, das starke Grün der Blätter.

Schritt für Schritt

Ich habe das Gefühl, dass ich in den letzten Tagen meinen Vater weiter loslassen konnte. Er fehlt, aber das Gefühl, dass ein Teil von ihm weiterhin da ist, wenn ich ihn brauche, ist sehr präsent.

Ich denke, ich war reich beschenkt mit dieser engen Beziehung, dieser Vater-Tochter-Liebe. Es fällt mir nicht schwer, ihn loszulassen, denn ich weiss, dass der Tod für ihn eine einzige Erlösung war. Aber ich weiss auch, wie gerne er gelebt habt. Wie gerne er Tiere gehegt und gepflegt hat. Wie sehr er die Natur geliebt hat. Diese Präsenz von ihm, seine klugen Gedanken dazu fehlen mir. Ich hätte gerne noch länger zugehört und gerne mehr Fragen gestellt.

Vor einigen Tagen las ich (endlich) das Buch «H wie Habicht» von Helen Macdonald fertig. Ich hatte grossen Respekt davor, weil ich ahnte, wie sehr es mich emotional in Beschlag nehmen würde. Sie beschreibt in ihrem Roman die Begegnung zwischen ihr und ihrem Habicht Mabel und gleichzeitig das schmerzhafte Loslassen ihres Vaters. Sie findet Worte fürs Trauern und den abgrundtiefen Schmerz, den sie dabei erlitt.

Ich bin dankbar für dieses Buch und musste an einen Satz von C.S. Lewis denken: «Wer liest, ist nicht allein.» Denn das ist wohl der Weg, den alle Trauernden gehen (müssen). Das Loslassen kann einem keiner abnehmen.

Loslassen und träumen

Ein Freund hat mir vor einigen Tagen geraten, meinen Vater loszulassen. Ich war der Meinung, ich hätte längst losgelassen. Aber das ist, auch nach über einem halben Jahr nach seinem Tod, wohl erst langsam möglich.

Ich bin darüber nicht unglücklich, denn ich halte das erste Jahr nach dem Tod eines Menschen für meine Trauer und mein Abschied nehmen wichtig. Ich entdecke immer wieder aufs Neue, wie ich an meinen Vater denke und ihm den Platz in meinem Leben einräume, damit er danach wirklich gehen kann.

Ein Teil meiner Trauer besteht darin, dass ich meine eigenen Träume lebe. Dass ich das tue, was mich glücklich macht, gleichwohl, was andere denken. Das tut gut. Und ich denke, das ist auch dem langsamen Sterben meines Vaters zu verdanken. Ich will glücklich sein und ich bin es auch, am Ende jedes Tages. Seit vielen Monaten schreibe ich eine tägliche Dankbarkeitsliste, um mich an all das zu erinnern, was ich als schön erlebt habe.

Manchmal flammt Wut in mir auf, etwa wenn ich daran denke, dass Leute bei seiner Beerdigung so nebenbei gesagt haben, wir sollen froh sein, konnte er sterben. Ich sage nichts anderes: Ich bin froh, muss mein Vater nicht mehr leiden. Aber wenn mir das jemand anders sagt(e), dann trifft es mich. Und ich empfinde es als übergriffig. Viel schöner wäre das Leben, wäre er noch da.

In ungefähr einem Monat ist mein 44. Geburtstag. Ich hätte mir gewünscht, er wäre dabei. Seine Anwesenheit bei diesem Fest hat es immer besonders gemacht. Schliesslich ist er mein Vater und ich war ein Teil von ihm.

Manchmal wünschte ich, ich hätte ein Grab, das ich bepflanzen könnte. Aber dann denke ich: Es ist schon richtig so, wie es jetzt ist. Ein Stein auf deinen sterblichen Überresten hätte dich genervt. Du gehörst raus auf eine Blumenwiese, unter einen wunderschönen Baum, geliebter Vater.

Ich hätte mir für seine Beerdigung ein Fest gewünscht, wo die Menschen einander umarmen, gemeinsam weinen und lachen, essen und trinken. Ich war an dem Tag so verheult und damit beschäftigt, überhaupt jemanden hinter der Maske zu erkennen, dass es mich nur gestresst hat. Es macht mich traurig, konnte ich nicht gross mit seinen (mir nicht immer näher bekannten) Freunden sprechen. Das hätte mich getröstet.

Am Samstag habe ich ein Fotoalbum entdeckt, dass meine Mutter und er um 1974 angelegt haben. Damals waren sie frisch verheiratet und ich lerne meine jungen Eltern auf den Bildern nochmals ganz anders kennen. Sie sehen so glücklich und schön aus. Dennoch entdecke ich den ernsten Blick meines Vaters, wie er in die Kamera schaut, so als ob er spürt, was das Leben ihm alles anbieten wird. Er wird schöne und traurige Zeiten erleben. Und vor allem wird er viele Jahre später seine grosse Liebe treffen, die ihm bis zu seinem Tod zur Seite stehen wird. Das finde ich sehr tröstlich.

Was mich in den letzten Wochen erstaunt – und erfreut – hat, ist, dass ich von ihm träume. In meinen nächtlichen Spaziergängen ist er immer so um Mitte 40. Er wirkt kraftvoll und strahlt, weil er glücklich ist. Dieses Bild gefällt mir und so mag ich ihn gerne loslassen, weil ich weiss, dass ein Teil immer bei mir ist.

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Die Prüfung

Man weiss nie, welche Prüfungen einen im Leben erwarten und meist sind es die unerwarteten, die einen wirklich weiter bringen.

Im Spätsommer 2018 sagte mein Vater zu mir: Wenn ich gewusst hättte, wie es mir mit 70 geht, hätte ich mit 40 noch sehr viel mehr die Sau rausgelassen und all das getan, woran ich mich nie gewagt hätte.
Ich war damals 41 Jahre alt.

Er sagte noch ein paar andere Dinge. Es war ein gutes, liebevolles Gespräch zwischen Vater und Tochter. Ich fuhr nach Hause. Da fing ich an nieder zu schreiben, was mir in jenem Moment wichtig war und woran ich mich bis dahin nie getraut hatte.
Die Jagd war eines der ersten Wörter, die ich schrieb. Ich weiss bis heute nicht, woher dieses Wort kam. Es war einfach da, so wie immer, wenn ich beim Schreiben die Augen schliesse und einfach drauf los schreibe.

Und so meldete ich mich im Winter 2018 für die Jagdausbildung des Kantons St. Gallen an.

Im Februar 2019 startete ich mit dem ersten Teil der Ausbildung, der Schulung an der Waffe. Ich hatte bis dahin nie eine in der Hand gehalten.
Die Ausbildung (und vor allem die Ausbildner und Ausbildnerinnen) im Kanton St. Gallen sind wirklich gut. Hart, klar und sehr fair. Ich lernte schnell. Und ich bemerkte: Ich kann gut schiessen. Mein Vater pflegte nach der Schiessprüfung zu sagen: „Das hat sie nicht von mir.“

Das ist übrigens ein typischer Ostschweizer Spruch, der sehr trocken und recht nebenbei daher kommt, aber eigentlich sehr liebevoll gemeint ist.

Nun, die Schiessprüfung ist ein erster Meilenstein in der Jagdausbildung. Hier werden Hirn, Nerven und Charakter in Stresssituationen geprüft.

Ich war sehr glücklich (ich habe recht heftig geweint), als ich meinen Eltern mitteilen durfte, dass ich diese erste Prüfung bewältigt habe. Mein Vater war sichtlich stolz und es bereitete mir Freude, mit ihm darüber zu sprechen.

Im Sommer 2019 fanden die obligatorischen Tage statt, die man unbedingt besuchen muss, wenn man die theoretische Prüfung antreten will. Das sind sehr lehrreiche, wichtige und berührende Tage. Ich lernte sehr viel über den Wald, die Arbeit mit den Jagdhunden und noch sehr viel mehr über Leben und Tod.

Das letzte gemeinsame Jahr mit meinem Vater war geprägt von Begegnungen und Gesprächen. Wir schauten zusammen Zeitschriften an und ich bemerkte einmal mehr seine Verbundenheit zu den Vögeln und zur Natur. Zu gerne hätte ich mehr mit ihm mehr über die Hühnerzucht und seine Abenteuer mit der weissen Krähe gesprochen, die er als Jugendlicher aufgezogen hatte. Vögel waren immer seine Leidenschaft gewesen. Ich dachte damals, ich hätte noch sehr viel Zeit.

Weihnachten 2019 feierten wir in seinem Lieblingsrestaurant. Es war barrierefrei und die Bedienung war wirklich super. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch mehr als früher zu schätzen, dass ein Restaurant auf der Website angibt, ob es Menschen mit Behinderung beherbergen mag. Ich wusste nicht, dass es unser letztes gemeinsames Weihnachtsfest werden würde.

2020 startete wie erwartet. Ich besuchte am Montagabend jeweils die freiwilligen Kurse der Jagdausbildung und lernte sehr rasch sehr viel über die Wildtiere der Schweiz, deren Lebensraum, das Wildtiermanagement, das Schweizer Recht und überhaupt, was Jagd bedeutet. Ich sog das Wissen praktisch auf und es machte mir sehr viel Freude, da auch die AusbildnerInnen einfach toll waren. Ich hatte bis dahin noch nie eine Ausbildung erlebt, die von so motivierten und engagierten Menschen durchgeführt wurde.

Ich hatte mich sehr auf die Prüfung im Juni 2020 vorbereitet. Umso mehr war es für mich (und viele meiner Kollegen) ein Schock, dass von einem auf den anderen Tag im Kanton St. Gallen alles abgesagt wurde. Keine Ausbildung mehr und vor allem: keine Prüfung.

Für mich brach eine Welt zusammen. Insgeheim hatte ich gehofft, dass ich im Juni 2020 die Prüfung bestehen und mein Vater das alles miterleben würde.

Es kam alles anders. Der Shutdown kam und damit wenig Kontakt zwischen uns Menschen.

Das letzte Lebensjahr meines Vater verlief praktisch ohne mich. Wir telefonierten zwar regelmässig, aber wir sahen uns nicht mehr. Unsere Devise war: Bloss keine Isolation riskieren. Freiheit ist das Wichtigste. Das Eingesperrtsein in seine vier Wände schien ihm das Schlimmste und das respektierte ich.

Und so ging ich mit der Jagdgesellschaft in meinem Ort regelmässig auf Jagd. Es war wunderschön. Tröstend. Es heilte viele meiner Wunden. Ich war glücklich, denn ich war im Wald. Ich vergass meinen Vater nicht. Gefühlsmässig war er immer dabei. Ich erlebte viele Sonnenuntergänge, konnte Hasen, Rehe und Füchse beobachten. Ich war glücklich.

Im November 2020, 12 Tage vor seinem Tod, erlegte ich mein erstes Tier. Ich habe sehr geweint.
Weil ich spürte, dass es nicht mehr lange dauern würde, dass ich ihn, meinen geliebten Vater, verlieren würde. Weil Tod und Leben einfach nahe beisammen lagen. Dass ich mit seinem Tod eine andere werden würde.

Und dann starb mein Vater. Es ging plötzlich sehr schnell. Ich war und bin sehr traurig. Aber auch sehr erleichtert, weil sein Leiden so schwer erträglich war für uns alle, die ihn liebten und vor allem für ihn.

Der Winter wurde hart und kalt. Viel Schnee fiel. Er hätte ihn von Herzen gehasst. Im Januar starteten die freiwilligen Kurse erneut, allerdings nicht mehr im Real Life, sondern online.

Die Jagd ist eine Sache, die man nicht einfach nur lesen oder beschreiben kann. Die Jagd lebt. Man muss sie anfassen, riechen, streicheln und fühlen können. Sie berührt alle Sinne. Sie lässt einen nicht kalt. Sie trifft einen immer im Innersten. Ins Herz. Du kannst dich nicht verstecken. Du bist immer du selbst.

Und so lernte ich auf die theoretische Prüfung, derweil um mich Quarantänen und Isolationen ausgesprochen wurden, Menschen sehr krank wurden. Ich konzentrierte mich auf den Termin im Juni. Alles andere war mir mit einem Mal unwichtig.

Die Wochen und Tage vor der Prüfung waren für mich sehr emotional. Ich versuchte mich auf das zu konzentrieren, was ich wusste und konnte, schob alles andere zur Seite.

An der Prüfung trug ich die Krähenkette, die mir mein Vater zum 40sten Geburtstag geschenkt hatte und an den ich noch den Ehering meiner Omi gehängt hatte.

Meine Omi gestand mir vor einigen Jahren, dass sie anfangs der 50er Jahre versucht hatte, einen Fuchsbraten für meinen Opi zuzubereiten. Sie hatte ihn von einem Jäger, vermutlich eher einem Wilderer gekauft. Er geriet fürchterlich und führte dazu, dass mein Opi danach nur noch heissen Fleischkäse, Voressen oder verkochte Teigwaren essen wollte.

Und so ging ich am 9. Juni an die Jagdprüfung. Ich war gut vorbereitet, sehr aufgeregt und freute mich auf die Fragen. Die Experten und Expertinnen waren sehr freundlich und sehr kritisch. Ich hatte ein gutes Gefühl.

Als ich nach 17h vom Obmann zum Büro gerufen wurde, war ich dennoch zittrig. Umso glücklicher und erleichterter war ich schliesslich, als er mir mitteilte, dass ich die Prüfung bestanden und den Fähigkeitsausweis erlangt hatte. Die Tränen flossen und das war gut so.

Zu gerne hätte ich diesen Tag mit meinem Vater gefeiert. Ich kann mir auch genau vorstellen, was er dazu gesagt hätte. Es schmerzt mich sehr, dass er all das nicht mehr erleben kann. Ich hatte mir so sehr erhofft, dass er dabei gewesen wäre. Dass er kommentieren würde, was er sieht und fühlt. Wie immer wäre es sehr ehrlich herausgekommen.

Nun ist er nicht mehr da und trotzdem war er ein Teil von allem. Er war in meinem Herzen und in meinem Hosensack.

Hühnerloses Leben

Seit ich mich erinnern kann, lebte ich mit Hühnern zusammen. Mein Vater züchtete sie während vielen Jahren: goldhalsige Antwerpener Bartzwerge, schwarze Wyandotten, Araucana, schwarze Seidenhühner, Ko Shamo und Moderne Englische Kämpfer.

Ich liebte es, mit ihnen zu zusammenzuleben und ihnen zuzusehen, wie sie sich bewegen und miteinander umgehen. Die Seidenhühner hatte ich sehr lieb und sie waren auch sehr zutraulich. Ich liebte es, sie in meinen Armen zu wiegen.

Vielleicht war ich ein seltsames Kind, aber mein grösster Traum damals so mit 11 oder 12 Jahren war, mit Hühnern, oder überhaupt Vögeln zu arbeiten. Sie erschienen mir immer als Wunderwesen. Ich gab ihnen Namen und weigerte mich als Kind standhaft, Hühnerfleisch zu essen.

Gerne hätte ich selber Hühner gehalten, doch bei meinen ersten Wohnorten und vor allem meinem Beruf, war das doch eher aufwändig. Umso mehr freute ich mich, wenn ich aushelfen konnte, wenn meine Eltern Ferien machten. Dann genoss ich die Hühner ganz für mich, überglücklich, dass ich für sie sorgen konnte.

Die Hühnerhaltung meiner Eltern ist längst Geschichte. Es scheint als mir, als wäre dieser Teil meines Lebens nun beendet. Ich bereue es, dass ich nicht mehr vom Wissen meines Vaters über Hühnerzucht mitnehmen konnte, dass so vieles mit ihm gestorben ist.

Papi.

Wenn ich an meinen Vater denke, dann purzeln meine Gedanken wild durcheinander.
Ich muss dran denken, was er mir über meine Geburt und die meiner anderen Geschwister gesagt hat:
Er war immer dabei. Ganz nah.
Er hat sich vor der Geburt eines Menschen nicht gescheut.
Ich war die Älteste.
Vielleicht sind wir darum so eng verbunden.

Ich erinnere mich an jenen weissen Hocker mit dem Weltkugelkleber, den er vor sich auf den Velolenker geschraubt hat. Er fuhr mit mir auf seinem Militärvelo herum, natürlich ohne Helm. Ich habe es als Kind geliebt, mit ihm zu fliegen.

Ich erinnere mich an Wanderungen durch den Wald und einige Kaninchenausstellungen. Ich war immer gerne mit ihm zusammen, denn mit ihm lief immer was. Ich liebte es als Teenager, etwas zu leisten, sei es Lose oder Sandwiches zu verkaufen. Diese eine Ausstellung, ich war vielleicht 15, werde ich nie mehr vergessen. Es war einfach super. Ich lernte sehr viel über Führung von Menschen, Kollegialität und über meinen Vater.

Als Teenager begleitete ich ihn einige Male beim Frauenfelder Waffenlauf. Jedes Mal litt ich stark, weil ich fürchtete, er würde diesen Marathon nicht überstehen. So ein Marathon ist kein Sonntagsspaziergang. Das Glück, wenn ich meinen Vater jeweils an den abgemachten Stellen traf, ihm Getränke reichen konnte und ihn durch den Zieleinlauf begleitete, vergesse ich nie mehr.

Mein Vater war nie ein lauter Mann. Das habe ich immer an ihm geschätzt. Aber er war durchdringend. Stark. Er besass eine natürliche Autorität. Ein Blick von ihm reichte, dass Menschen verstanden, was er wollte.

Er trieb mich immer wieder an und ich denke, wenn er in früheren Jahren hätte wählen können, hätte er gerne eine super sportliche, ehrgeizige und was Sport angeht erfolgreiche Tochter gehabt.
Stattdessen hatte er mich: ein Mädchen mit diagnostizierter beidseitiger Hüftdysplasie, mit mehreren Operationen gesegnet um überhaupt laufen zu können. Jahrelange Therapien. Ich habe ihn nie gefragt, wie das für ihn war.

Er hat sich nie beklagt, ganz im Gegenteil. Als er selber älter wurde, hat er thematisiert, dass es ihm leid tut, so wütend geworden zu sein, wenn ich nicht mehr velofahren oder laufen konnte. Diese Gedanken kamen spät, aber nicht zu spät. Ich lernte zu vergeben.

Als ich älter wurde, veränderte sich vieles. Ich habe das schon damals, als meine Mutter 2007 pflegebedürftig wurde, später bei meiner Omi erlebt. Es wurden andere Dinge wichtig.

Ich erinnere mich an jene eine Autoausfahrt vor wenigen Jahren mit meinem Vater durchs Toggenburg. Er war der Regisseur, sagte genau, wohin er fahren wollte und welche Strasse ich wählen sollte. Mein Vater hatte ein sensationelles Gedächtnis. Vielleicht hat das alles so schwierig gemacht. Wir spürten, dass wir hier einen Menschen bei vollem Bewusstsein verlieren, der sehr viel spürt, aber nicht mehr in der Lage ist, sich klar auszudrücken.

Heute las ich bei einer Freundin ein Gedicht von Mascha Kaleko und musste fest an meinen Vater denken. Wieviele Tode er wohl in seinem Leben erlebt hat? Ich weiss, er verlor einige seiner guten, lieben Freunde, seinen Sohn, seine Eltern.

Dieses Gedicht lässt mich fragend zurück.

Memento
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Sensenvater und Sensentochter

Vor einigen Jahren, ich glaube, es war so um 2013 herum, zeigte mir mein Vater nach langem Nachfragen meinerseits, wie ich mit einer Sense mähen kann. Nun könnte man meinen, dass diese Tätigkeit für ein ehemaliges Thurgauer Landmeiteli doch nichts besonderes bedeutet hätte. Viele Sommer lang half ich meinem Vater beim Heuen und Emden, aber die Sense hatte immer er fest in der Hand.

Er zeigte mir, wie ich die Sense halten und wie tängeln muss, verbunden mit mehrmaligen Hinweisen, mir nicht die Hände zu zerschneiden, bzw. in meinem Fall nur ja gute Handschuhe zu tragen. Auch sollte ich darauf achten, nicht in Steine und andere Hindernisse zu hauen, weil davon die Sense einen „Hick“ bekommen könnte. Wir mähten also gemeinsam ein Stück Wiese vor seinem Kaninchenstall, dann durfte ich seine Sense mitnehmen.

Ich hatte vor, die Wiese um Omis Haus zu mähen. Omi lebte zu dem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr im Pflegeheim und ich hatte mir auf die Fahne geschrieben, das Haus zu erhalten. Zu dem Zeitpunkt dachte ich höchstens entfernt daran, mal hier im Toggenburg zu wohnen. Zu weit war der Thurgau entfernt, zu wenig flach war es hier für meinen damaligen Geschmack.

An jenem Tag, wo ich die abschüssigen Wiesen ums Haus von Hand schnitt, kam eine tiefe Sehnsucht in mir auf. Hier in Lichtensteig war ich immer glücklich gewesen. Es bereitete mir grosse Freude, mir die Hände mit Erde dreckig zu machen. Ich schwitzte und keuchte zwar, weil ich die harte Mäharbeit nicht gewohnt war, doch ich war glücklich. Ich wusste plötzlich, hier will ich leben.

Vielleicht bin ich an jenem Abend als eine andere zu meinem Vater gekommen, als ich gegangen war. Ich überreichte ihm seine Sense, er kontrollierte, ob ich einen „Hick“ rein gemacht hatte. Ich war leicht betüpft, weil ich sein Werkzeug doch so sorgfältig behandelt hatte. Einige Tage später kaufte ich mir eine eigene Sense, was er auch nicht wirklich toll fand.

Ein Jahr später, mein Vater hatte mich mit Engelszungen überredet, dass ich mir eine Fadensense anschaffe, standen wir, also Papi, seine Frau, Sascha und ich wieder vor dem Haus, und mähten. Mein Vater liess es sich nicht nehmen, mich in die Kunst des Fadensensenmähens einzuweisen. Er hielt mir einen Vortrag über Arbeitssicherheit, Helm mit Schutzschild, Handschuhen, Bergschuhen und passenden Arbeitshosen inklusive. Dann durfte ich mähen. Für vielleicht fünf Minuten. Dann nahm er mir das Werkzeug wieder ab und mähte fröhlich selber weiter, derweil wir anderen das geschnittene Gras wegtragen durften.

Rückblickend war es ein grosser Liebesdienst meines Vaters an mich und wenn ich nun auf der Terrasse hocke und auf die Wiese schaue, höre ich seine kritische Stimme. Ein klein wenig wünschte ich mir, er wäre jetzt hier und würde zuschauen, wie ich mähe. Er würde vielleicht die alte Linde kritisieren „Die nimmt einfach zu viel Licht weg. Ich würde die als umtun.“ Ich wüsste und spürte aber haargenau, dass er insgeheim furchtbar stolz auf mich ist.

In Liebe, Papi.

Vor drei Jahren entschied ich mich nach einem Gespräch mit meinem Vater für die Anmeldung an die Jagdausbildung. Mein Vater ging es an jenem Sonntag im September 2018 schlecht. Er sagte, wenn er mit 40 gewusst hätte, dass er mit 70 so krank sein würde, hätte er in seinem Leben mehr gewagt. Das machte mich nachdenklich.

Zuhause zog ich mich zurück. Ich machte eine Auflistung, was ich schon immer gerne machen und lernen wollte, aber mich bis dahin nicht getraut hatte. 

Mein Thurgauer Geschlecht „Debrunner“ bedeutet Hirschtränke.

Ich überlegte mir lange, woher dieser Wunsch kam. Ich ging in mich, denn ich verstand erst nicht, warum ich jagen lernen wollte. Ich hatte natürlich jene Bilder der Jagd vor Augen, die nicht wirklich positiv waren und denen ich nicht entsprechen wollte. Aber da waren sehr viel mehr andere: Ich erinnerte mich an Begegnungen mit Jägern nach Wildunfällen, an der Olma, Gespräche und Berichte, die ich gelesen hatte. Ich sehnte mich nach tieferem Wissen über die Zusammenhänge in der Natur. Ich wollte auf Forschungsreise gehen.

Nach einigen Wochen teilte ich meine Entscheidung meinem Freund und schliesslich meinem Vater mit. Mein Vater reagierte sehr direkt. „Spinnst du?“, fragte er mich und ich erinnere mich genau an den Moment, als wir damals telefoniert haben. „Dir ist bewusst, was das bedeutet, zu jagen? Dass du auch bereit sein musst, ein Tier zu töten?“. Er klang nicht wütend, sondern besorgt. Ich antwortete mit „Ja.“

Kurze Zeit später waren wir bei ihm zuhause zu Gast. Er legte mir einige Ausschnitte aus dem „St. Galler Bauer“ zum Thema Wildbrethygiene hin, die er für mich zur Seite gelegt hatte. 

„Da“, sagte er, „das nimmst du dir jetzt zu Herzen und lernst es, damit du es an der Prüfung kannst.“

Von dem Moment an wusste ich, dass er mich unterstützt. Es hat mich sehr gerührt und ich habe es ihm damals auch erklärt, dass er mich in meiner Entscheidung vor drei Jahren geprägt hat. 

Ein erster Impuls, Jägerin zu werden, entstand wohl 2011, als wir, mein Vater, seine Frau, Sascha und ich, gemeinsam Fritzi, die Krähe, aufgezogen haben. Ich spürte, wie sehr ich Vögel, gleich ob Krähe oder Milane, liebe. Ich wollte mehr über sie wissen – und stiess dabei auf die Jagd- beziehungsweise die Falknerausbildung. Nur habe ich mir diesen Weg damals nicht zugetraut. Ich stand mitten im Berufsleben und konnte mir gar nicht vorstellen, so viel Zeit in der Natur unterwegs zu sein.

Die vier Wochen mit Fritzi waren intensiv. Ich lernte meinen Vater in jenen Tagen erneut von einer ganz anderen Seite kennen. Wir wuchsen noch mehr zusammen. Ich bemerkte, wie sehr wir uns ähnlich sind, in unserer Art der Wahrnehmung, der Liebe zu den Tieren und dem Tragen der Konsequenzen, was Entscheidungen in unserer beider Leben betraf. Als Fritzi ausflog, weinte ich Rotz und Wasser. Noch heute denke ich bei jedem Anblick einer Krähe an Fritzi – und an jenen besonderen Frühling mit meinem geliebten Vater.

Im Februar 2019 startete ich mit der Ausbildung. Ich war anfänglich recht unsicher, lernte dann aber schnell. Ich bemerkte, wie wichtig Konzentration und innere Ruhe sind. Das gefiel mir. Ich wusste sehr gute Lehrerinnen und Lehrer an meiner Seite. Dafür war und bin ich sehr dankbar. Als ich im Mai 2019 schliesslich die erste Prüfung schaffte, habe ich meinen Vater sofort informiert. 

Er war sehr stolz auf mich und sagte mir und seinen Freunden: “Von mir hat sie das nicht.”

Dann besuchte ich als nächstes die obligatorischen Kurse, schliesslich startete ich im Januar 2020 mit den freiwilligen, aber sehr wichtigen fachlichen Kursen. Ich war sehr glücklich. Ich lernte sehr viel und ganz ehrlich – habe ich noch nie eine Ausbildung erlebt, die so fundiert, so leidenschaftlich von den Ausbildnerinnen und Ausbildnern unterrichtet – und einfach toll ist.

Corona machte mir und all den anderen meines Jahrgangs schliesslich einen Strich durch die Rechnung. Alle Ausbildungstage und die Prüfung wurden abgesagt und ich fiel für kurze Zeit in ein Loch. Ich hatte so viel Zeit und Energie ins Lernen investiert. Dank der Möglichkeit, in den Wald zu gehen, mit den Jagdkollegen unterwegs zu sein, ging es mir rasch wieder besser. Ich fühlte mich trotz der starken psychischen Belastungen im Pflege-Beruf und während des Shutdowns glücklich, vor allem, wenn ich im Wald war. Ich entdeckte, wie tröstlich es ist, wenn man sich unter Bäumen bewegt und ein Teil der Natur ist, fernab von allem, was sonst wichtig scheint.

Die Gesundheit meines Vaters liess immer mehr nach. Wir besprachen uns, dass ich ihn und seine Frau aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr besuchen komme, um das Risiko einer Erkrankung bzw. einer Isolation für sie zu minimieren. Das war meines Erachtens ein guter Entscheid. Aber es fiel mir auch sehr schwer, ihn nicht mehr einfach zu besuchen. 

Wir haben zwar oft telefoniert, aber mir fehlten seine Umarmungen sehr.

Unsere Beziehung hatte viele Jahre darin bestanden, dass ich ihn alle par Wochen abends, während er seine Kaninchen und Hühner füttert, besuchte. Er, ganz konzentriert, dem jeweiligen Tier die richtige Nahrung abzumessen und zu geben, hörte mir zu. Im Hintergrund lief das alte Radio. Wir redeten nicht wirklich viel. Aber wir waren einander immer sehr nahe.

Mitten im Shutdown im Mai ging mein Vater, für einen Monat in ein Pflegeheim, damit sich seine ihn aufopferungsvoll pflegende Frau etwas erholen konnte. Während ich nun lernte, anzusitzen, Ruhe zu bewahren, hoch auf Hügeln sass und auf den Anblick der Wildtiere wartete, harrte mein Vater einen Monat lang in seinem Pflegeheim-Zimmer in Frauenfeld aus. Er beobachtete die Vögel vor seinem Zimmer, ertrug die stickige Wärme, sehnte sich nach frischer Luft und seiner geliebten Frau. Nie zuvor war mir das Gefühl von Leben, Lieben und Leiden so sehr bewusst wie in jenen Tagen.

Dann kam der Sommer und wir holten die Loungemöbel und das Bild von General Guisan ab, weil seine Frau die gemeinsame Kleintierstallung auflösen musste und alles weitergab, was mein Vater weiter gegeben haben wollte. Es war mir mit einem Mal klar, dass mein Vater nie mehr seine geliebten Kaninchen wieder hegen und pflegen würde. Ich verbrachte warme Nächte im Schlafsack auf der Lounge unter freiem Himmel mit Blick auf die Neu-Toggenburg und den Wald. Ich dachte fest an ihn und sein Geschenk an mich. Ich war glücklich.

Dann kam der Herbst. Um uns herum wurden viele Leute krank. Ich durfte mit auf die Herbstjagd. Ich hielt engen Kontakt zu meinem Vater, schickte ihm immer wieder Bilder von meinen Eindrücken, die er auch kommentierte. Es schien mir, als wäre er an meiner Seite. Ich wünschte es mir so sehr. 

Schliesslich kam der November.

Alles lag nahe beieinander: Das Leben. Der Tod. Freude. Tiefe Trauer. Ich hätte nicht gedacht, ihn so zu verlieren. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass er plötzlich tot sein könnte. Er war für mich immer der Fels in der Brandung. Mein geliebter, starker, schöner Vater.

Nun ist Frühling und in 2 Monaten ist meine Prüfung. Er ist nicht da. Er fehlt mir. Ich vermisse seine kritischen Fragen. Sein Mitdenken. Seinen wunderbaren Sarkasmus. Seine freundliche Stimme. Seine Ermutigungen. Sein Mitfühlen.

Irgendwie glaube ich ganz fest, er wird an der Prüfung bestimmt an meiner Seite sein. Mich unterstützen, so wie er es immer getan hat. So wie damals, als wir damals – als ich so 14, 15 Jahre alt war – mit dem Velo auf den Chasseral gefahren sind. Aufgrund meiner Hüftbehinderung konnte ich einfach nicht mehr weiter und weinte nur noch. Er hat es nicht akzeptiert. Er sagte: “Du schaffst das.”

Er hatte Recht. Ich schaffte es.