Vom Rosenstock und den Blütenblättern, die wie Tage verrinnen

Mein Vater ist bald 18 Monate tot. Das sind anderthalb Jahre. Zwei Geburtszyklen.

Es gibt Momente, da vermisse ich ihn unerwartet und sehr heftig. In jenen Sekunden schlägt mein Herz schnell und schmerzhaft und der Verlust wird für mich sehr spürbar.

Vielleicht ist es mit dem Trauern so, dass erst einige Winter, Frühlinge, Sommer und Herbste überstanden werden müssen, bis aus einem abgesägten Stamm wieder neue Zweige spriessen und Blüten blühen. Meine Omi pflegte zu sagen: „Da muess scho no chli Wasser Thur durab flüüse, bis es wieder guet chunnt.“

Kurz bevor wir 2015 in unser Haus einzogen, haben mein Vater und seine Frau an den Kellerfenstern kleine Gitter befestigt, damit wir nicht von Mäusen heimgesucht würden. Heute fiel mein Blick auf eines dieser Kellerfenster und mir stiegen mit einem Mal die Tränen in die Augen.

Einmal haben er und seine Frau ein Klafter Holz in den Keller gebracht, damit wir im Winter genügend Holz zum Heizen hatten. Mit Schleife drum. Einfach so.

Im Kellerflur stehen seine zwei hölzernen Waffenlauf-Uhren, die ich von ihm geerbt habe. Ich weiss nicht, wo ich sie aufhängen soll, weil die blosse Erinnerung an seine Kraft und seinen Willen zum Laufen weh tut.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, fand ich im Estrich zuhause seine Tagebücher. Das waren so handliche Bücher, schwarzer Einband. Das Jahr vorne auf dem Leder eingeprägt. Ich erinnere mich daran, dass er ab ca 1968 bis ca 1982 solche Agenden geführt hatte. 1974 hat er geheiratet. An meinem Geburtstag 1977 stand: „Geburt meiner Tochter. Grosses Glück.“
Ich las weitere Einträge. Mein Vater hatte eine sehr einfach lesbare Schrift. Am Todestag meines Bruders stand: „Unser Sohn ist tot.“

Eines Tages waren seine Tagebücher verschwunden. Vermutlich hat er sie entsorgt. Für mich waren sie für eine kurze Zeit ein grosses Geschenk, auch wenn ich als Kind nicht verstand, welche Traurigkeit und welch Glück er in einfachen Sätzen beschrieb.

Vor einigen Jahren hat er beim Mähen einen Rosenstock abgemäht. Die Pflanze hat alles überstanden und blüht nun wieder. Derweil er nicht mehr da ist.

Es gibt kein Grab von ihm und irgendwie passt das. Es gibt nur noch die Idee von ihm, meine Trauer, mein Blick in den Spiegel. „Sie isch de abgschnitte Vater„, hatte mir mal ein Freund von ihm gesagt, als er mich gesehen hat. Er hatte Recht.

Bäume meiner Kindheit

Wenn ich an die Wohnorte meiner Kindheit und Jugend denke, kommen mir weniger Häuser und Wohnungen in den Sinn als die Bäume, denen ich mich verbunden fühlte.

Ich wuchs in Wängi auf. Neben unserer Wohnung stand eine grosse alte Weide. Ein wunderbarer Baum. Ich liebte es, seine Rinde und seine Blätter zu berühren. Als ich noch ein kleines Mädchen war, brach eines Tages ein grosser Ast ab. Ich erinnere mich noch genau an das Tosen und die Schreie meiner Mutter. Die alte Weide ist längst verschwunden.

Am gleichen Ort wuchs eine Buche. Auch sie war ein grosser, starker Baum. Ich habe ihr als Kind Geschichten vorgelesen. Warum ich das tat, weiss ich nicht mehr, aber meine Eltern haben Fotos gemacht, während ich mit einem Buch vor dem Baum stand.

Im Bachtobel gab es einen sehr seltsamen Baum, den wir Kinder den „Tintenfischbaum“ nannten. Er war riesig und seine Wurzeln schlängelten sich wie Tentakel durch das Tobel.

Nach dem Tod meines Bruders hat mein Vater an diesem und am nächsten Wohnort Tannen gepflanzt. Es freut mich sehr, wenn ich auf google streetview schaue, dass diese Bäume noch immer da sind, selbst wenn mein Bruder nun über 42 Jahre tot ist.

In Hüttwilen, wo wir einige Jahre lebten, spielte ich oft auf zwei Ahornbäumen. Ich kletterte auf ihren Ästen herum und versteckte mich dort, wenn meine Mutter mal wieder sauer auf mich war. Letzthin habe ich bemerkt, dass sie längst nicht mehr da sind.

Als ich in Wellhausen lebte, gab es in der Nachbarschaft eine riesige Birke. Ich liebte es, ihr zuzusehen, wenn der Wind in ihren Ästen spielte. Die Krähen hatten diesen Baum ebenfalls auserkoren. An einem Samstagmorgen wurde die Birke gefällt. Ich habe furchtbar geweint. Noch Monate später beobachtete ich die Krähen, wie sie an dem Ort, wo die Birke stand, ins Leere flogen.

Neben meinem Haus steht eine alte Linde. Sie ist wohl einige Jahre älter als ich und ich habe sie „die vier Schwestern“ getauft. Sie besteht aus vier Hauptästen, die mich an meine Mutter, meine Omi und ihre Schwestern Bibi und Hadi erinnern. Die Linde ist Brutplatz für Vögel und im Frühling nähren ihre Blüten Bienen.

unsere alte Linde

Als mein Bruder beerdigt wurde, pflanzte mein Vater ein Nadelgehölz auf seinem Grab. Ich war zwei, als mein Bruder starb. Wenn ich den wachsenden Baum sah, dachte ich immer daran, wie es wäre, wenn mein Bruder noch leben würde, wie gross er jetzt wäre. Jahre später, als erwachsene Frau, berührte ich die Nadeln des Baumes, weil ich dachte, dass ein Teil meines Bruders in diesem Baum weiter lebt.

Einige Monate vor dem Tod meines Vaters wurde das Grab meines Bruders aufgelöst. Der Baum abgeholzt. Am Beerdigungstag meines Vaters besuchte ich den Friedhof, wo mein Bruder gelegen hatte. Lediglich ein Baumstrunk erinnerte noch daran, dass hier einmal ein Grab gewesen war. Ich weinte sehr.

Mein Vater wollte kein Grab mit Stein und so. Er liess sich auf einem Stück Wiese in einem Gemeinschaftsgrab, unter einem Baum beerdigen. Ich habe sein Grab seit der Beerdigung nicht mehr besucht, weil ich spürte, dass ich an jedem Baum, den ich mag, um ihn trauern kann. Wenn ich an einer Tanne vorbeilaufe, berühre ich ihre Rinde, atme ihren Geruch ein. Dann fühlt es sich wieder an, wie damals, als ich ein Kind war.

Spread your wings and fly away

Vor einigen Tagen las ich ein Zitat von Barbara Leciejewski aus „Für immer und ein bisschen länger“:

„Vielleicht klammert sich die Seele an dem Ort fest, wo sie am glücklichsten war. Vielleicht sitzen die Menschen, die wir geliebt und verloren haben, unsichtbar bei uns auf der Bettkante und sehen uns beim Schlafen zu,. Vielleicht sind sie immer bei uns. Was wissen wir schon?“

Nun, mein Vater ist jetzt seit Ende November 2020 tot. Dennoch fühle ich immer wieder seine Nähe, wenn ich im Wald bin, wenn ich in tiefster Konzentration ansitze und warte, das Grün auf mich wirken lasse und Tiere beobachte. Mein Vater ist bei mir, wenn ich die Schulbank drücke und mit anderen Interessierten zuhöre, welche Krankheiten den Greifvögeln zusetzen und was für ein Wunder der Natur diese Lebewesen sind. Er ist bei mir, wenn ich glücklich und wenn ich traurig bin. Sein Tod hat eine grosse Narbe hinterlassen, die nur langsam zuwächst.

Sein Erbe an mich besteht nicht aus Geld, sondern aus Mut und Vertrauen, dass alles gut kommt. Als Sportler ging er immer wieder an seine Grenzen. Er war ein guter Läufer. Doch am Ende seines Lebens, als er nicht mehr gehen konnte, wurde alles anders.

Sein ganzes Interesse galt nun den Vögeln. Sein Herz brannte für Eisvögel und Krähen und Hühner. Während sich sein Körper veränderte, blieb sein Geist wachsam und gleichsam verletzlich. Er wirkte auf mich wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln.
Menschen, die sich auf den Weg machen, gleichen oftmals den Vögeln.

Seine Freude an den fliegenden Lebewesen blieb bis zuletzt. Diese Liebe hat er mir weitergegeben. Wenn ich einen Vogel sehe, verspüre ich Freude, Neugier und Liebe. Weil ich weiss, dass in jedem dieser Lebewesen ein klein wenig von meinem Vater steckt. Weil ich mich an Momente erinnere, wo wir gemeinsam Vögel gepflegt haben, wo wir uns freuten, wenn sie ihre Flügel ausbreiteten und wegflogen. Einem neuen Leben entgegen.

Umbauen. Ja, ich will.

Vor zehn Jahren entschloss sich meine an Demenz erkrankte Omi dazu, dass nun Zeit wäre, ein Pflegeheim zu suchen. Es fiel ihr sehr schwer, sich von dem Haus, wo sie seit den 80er Jahren gelebt hatte, zu trennen. So viel hatte sie hier erlebt.

Opi war 1983 hierher gezogen, um seine hochbetagten Eltern zu pflegen. Omi arbeitete weiter in ihrem Kiosk, um Geld zu verdienen. Als meine Urgrosseltern um 1984 verstorben waren, lebten Omi und Opi gemeinsam hier. Sie pflegten einen grossen Garten, sorgten für Barri, den Berner Sennenhund der Urgrosseltern.

Doch das Schönste war, dass meine Schwester und ich von da an alle Ferien hier verbringen konnten. Das Haus wurde zu einem sicheren Hafen in einer Kindheit, die nicht einfach war. Wir liebten es, das Haus zu erkunden, uns in Seitenschränken oder im Keller zu verstecken und mit dem Hund zu spielen.

Mein Grossvater bläute mir und meiner Mutter ein, dass wir uns immer um das Haus kümmern sollten. Es war alles, was unserer Familie gehörte. Es war sozusagen der Fels in der familiären Brandung. Das Haus war ein fester Wert – und das über Generationen.

Opi starb 1997. Omi erbte das Haus und tätigte erste Renovationen. Sie liess die uralten Fenster und undichte Türen auswechseln. Der alte Hundezwinger wurde abgebrochen. Es gab Spannteppich in der Stube und das Parkett im Gang wurde kurzerhand überklebt. Omi und das Haus blühten auf.

Das Haus wirkte immer etwas verwunschen und geheimnisvoll. Ich war nicht erstaunt, als ich von Einheimischen hörte, dass sie es „Hexenhüsli“ nennen. Vielleicht ist es das wirklich.

2007 starb meine Mutter. Nun folgte eine sehr schwere Zeit für meine Omi. Immer mehr zog sie sich zurück, liess sogar den schönen Garten dem Erdboden gleich machen. Schritt für Schritt wurde das Haus mit seinen vier Wänden zum Kosmos meiner Omi. Am Schluss verbrachte sie ihr Leben in drei Zimmern: der Küche, der Stube und dem kleinen Schlafzimmer. Omi stellte sich den Geistern der Vergangenheit, kämpfte mit ihren Erinnerungen an ihre Schwiegermutter und all dem Plunder, von dem sie sich nie trennen konnte.

Omi zog im Herbst 2012 in ein kleines, wunderbares Toggenburger Pflegeheim. Vielleicht hat sie dieses Haus an ihr eigenes – und an ihre Kindheit – erinnert. Jedenfalls war sie dort bis zu ihrem Tod noch einmal glücklich.

2014 konnten wir Omi das Haus, das seit den 1950er Jahren in der Familie war, abkaufen. 2015 zogen wir hier ein.

Vor einigen Tagen nun konnten wir mit der Renovation des Daches beginnen.

Manchmal denke ich daran, wie gerne ich diesen Moment mit Omi (und mit meinem Papi) geteilt hätte. Ich würde gerne wissen, was sie darüber denken würden. „Dasch aber tüür“, würde Omi wohl sagen. „Oh ja, Omi, aber es lohnt sich“ wäre meine Antwort.

Ich freue mich darauf, dass unser Haus, das wir seit vielen Jahren „Paulahaus“ nennen, zu neuem Glanz erblüht. Es wird mich immer an jene Menschen erinnern, die hier gelebt haben. Von den einen weiss ich viel, von den anderen nur wenig oder gar nichts. Das Haus ist alt, älter als der Eintrag im Grundbuchamt von 1839.

Das Paulahaus gehörte verschiedenen Personen bzw. sogar Firmen. Es ist eng verbunden mit der Textilvergangenheit des Toggenburgs. Gleichzeitig finden sich im Haus Spuren aus England. Im einen Schrank ist eine Edinburgh press, die Laminate sind aus Lancaster.

Der Kellerboden ist felsig, leicht abschüssig. Das kommt daher, dass sich hier mal eine Wäscherei befand. Später war hier die Werkstatt meines Grossvaters.

Es ist ein seltsames Gefühl, im Schlafzimmer zu liegen und zu wissen, dass über einem kein Dach mehr ist. Ich bin sehr gespannt, wie das Haus nachher aussieht. Wie es sich anfühlt, wenn nachher alte Wunden geheilt und neu verputzt sind.

Ich glaube ganz fest daran, dass alte Häuser eine Seele haben. Mehr als einmal habe ich 2014 gehofft, dass wir „unser Haus“ kaufen können. 2022, alles ist nun anders, bin ich noch immer glücklich, dass wir hier leben, an diesem wunderbarsten Ort in meinem Leben. In dieser alten Stadt, an diesem Ort am Lederbach, in diesem einen Haus, das ich seit bald 40 Jahren liebe. Das mir Trost war, wenn das Leben schwierig war.

Ich bin glücklich über das neue Dach, das nun über uns entsteht. Die Fassade, die in einigen Tagen Stück für Stück renoviert wird. Ich denke dabei an all meine Altvorderen, die hier gelebt haben und das Haus mit Leben und Glück erfüllt haben. Ich bin dankbar, dass sie da waren, weil sie allesamt ein Teil meines bisherigen Lebens waren.

Aber ich denke auch an meinen Vater, der „das Haus“ immer sehr kritisch beäugt hat. „Willst du das wirklich? Bist du dir sicher?“, fragte er jeweils. Ich antwortete mit „Ja. ich will.“

Vereine dich

Dieser Tage fand die Rammlerschau in Thun statt und wenn mein Vater noch am Leben wäre, wäre er da zweifelsohne anzutreffen gewesen.

Die meisten Menschen wissen nicht, was eine Kaninchenausstellung ist.

Ihnen ist ein wichtiger Teil der Schweizerischen Tierhaltekultur entgangen. Kaninchenzüchter*innen sind so eine Art Subkultur. Sie lieben ihre Tiere heiss und innig. Sie orientieren sich an sogenannten Richtlinien, wie ihre Tiere auszusehen haben.

Mein Vater war Kaninchenzüchter. Und ich behaupte mal einfach: Er war einer der Besten. Er hatte ein Gefühl für Tiere. Egal, welche Tiere er bei sich aufnahm: sie gediehen wunderbar.

Dank ihm bin ich seit frühester Kindheit mit Kleinsilberkaninchen, Wyandotten, Bartzwergen, Ko Shamos, Englischen Kämpfern und Seidenhühnern aufgewachen. Er liebte Tiere, Vögel, über alles. Er war geduldig, liebevoll und still. Gleichzeitig hat er mir immer Mut gemacht, meine eigenen Flügel auszubreiten und das zu tun, woran ich selber nie geglaubt hätte.

Die Liebe zu Vögeln liegt uns beiden im Blut.
2011 haben wir alle gemeinsam, als Familie, eine Krähe ausgewildert. Das macht mich nach wie vor glücklich. Diese paar Wochen habe ich in bester Erinnerung. Ich werde das alles nie vergessen.

Dank Papis Liebe und Mut habe ich mich an die Jagdausbildung gewagt. Dass ich nun einen Schritt weiter gehe, ist unserem gemeinsamen Traum geschuldet: unserer Liebe zu den Greifvögeln.

Mein Vater ist nun bald anderthalb Jahre tot. Er begleitet mich nach wie vor. Ich denke oft an ihn. Wenn ich glücklich bin. Wenn ich Greifvögel am Himmel erblicke. Wenn ich im Wald bin. Wenn ich die Sonne untergehen sehe. Dann denke ich an ihn.

Vom im-materiellen Erbe

Vor über 10 Jahren habe ich damit angefangen, die Fotos und Negative meiner Familie zu digitalisieren. Das hat richtig Spass gemacht. Ich kam Stück für Stück meinen Familienangehörigen näher. Ich erinnerte mich an all die Geschichten, die die einen erzählt haben, während wir gemeinsam Fotos angeschaut haben, erinnerte mich an all die seltsamen Familienfreunde, Onkel und Tanten, die längst nicht mehr da sein.

Tut man das heute eigentlich noch? Ich meine, ganz ehrlich: Wer von euch schaut mit seinen Kindern/ Familienangehörigen noch Fotoalben durch? Wann hat das ipad gruselig verklebte und beschriftete Familienalben abgelöst? Wo teilt man Erinnerungen nur noch via Whatsapp oder Facebook?

Vor einigen Monaten stiess ich auf neue Fotos meiner Familie. Für mich war ganz klar, dass ich diese digitalisiere und in meine Cloud lade. Die Cloud ist sozusagen das stichwortbasierte Fotoalbum meines Lebens.

Doch wofür tue ich das eigentlich?
Vor einigen Wochen hat mir ein Mensch gesagt, dass Frauen, die keine Mütter sind überhaupt nicht bei den grossen Themen im Leben mitreden könnten. So ein Schlag in die Eierstöcke sitzt natürlich richtig. Das muss ich schon sagen.

Die Frage nach dem (im-)materiellen Erbe stellt sich natürlich schon. Für meine Nachkommenschaft digitalisiere ich definitiv keine Fotos. Ich tu’s für mich selber, weil ich daran Freude habe. Ich will dann, wenn ich Lust oder das Bedürfnis habe, auf meine Familienfotos zugreifen und mich zurückerinnern an jene, die ich verloren habe und die mir fehlen.

Ich mag übrigens die Vorstellung, dass nach meinem Ableben irgendwo in irgendwelchen Wolken Fotos von Onkel Sepp und Tante Hadj im Marienkäferkostüm kursieren.

Hair

Als ich ein kleines Mädchen war, hatte ich blonde Zapfenlocken. Mein Vater, meine Omi liebten meine Haare. Meine Mutter hasste sie, denn sie war es, die sie bürsten und pflegen musste.

Ich weiss nicht mehr, wie alt ich damals war, als meine Mutter in einem Wutausbruch meine Haare einfach abschnitt. Ich erinnere mich jedenfalls dunkel, dass dies der Anfang vom Ende der Ehe meiner Eltern war. Mein Vater wurde richtig sauer. Mein Kinderfoto hat er noch viele Jahre danach in seinem Auto gehabt.

All die Jahre meiner Kindheit trug ich sehr kurzes, burschikoses Haar. Es fühlte sich toll an. Ich war mit einem Mal kein „Meiteli“ mehr, sondern durfte „Ruech“ und wildes Kind sein.

Es war vermutlich ein Segen, dass ich während meiner Pubertät kein wallendes, dunkelblondes Haar mit mir herum trug, sondern kurze, rot gefärbte Stoppeln. Ich erinnere mich daran, dass in den 80er und 90er die jungen Männer, die jeweils von der Kalchrain auf den Sportplatz in Hüttwilen trainieren gingen, „Hoorlis“ genannt wurden. Für mich sahen die alle ein wenig wie Jesus aus.

Ich wurde langsam erwachsen und mit ca 22 Jahren liess ich mein kurzes Haar wachsen. Es war eine furchtbare Sache. Weil ich so viele, so dichte Haare hatte, sah ich in dieser Phase meistens aus wie ein menschlicher Besen.

Die letzten 23 Jahre wuchs mein Haar einfach weiter. Zuerst war es lockig dunkelblond, zwischendurch braun. Nun ist es, seit einigen Jahren von weiss-grauen Strähnen durchzogen, auf die ich stolz bin. Ich mag es, dass mein Haar mein Leben, meine Gefühle abbildet. Ich trage zwar mein Haar hochgesteckt, aber ich mag die Länge und die Schwere. Ich mag Zöpfe und Dutts und alles mögliche.

Ich fühlte mich vor einigen Jahren mit einem Mal nicht mehr in der Lage, Jugendlichkeit abzubilden. Ich hörte auf, meine Haare zu färben. Zu viel hatte sich verändert. Alle meine nächsten, geliebten Verwandten waren gestorben. Alles war anders. Ich fühlte mich reif genug für graues und weisses Haar.

Mein Vater hat nur eines nie verstanden, und das konnte ich nicht mehr mit ihm klären: Er fand mein langes Haar im Vergleich zu einer „rassigen“ Kurzhaarfrisur einfach nicht schön. Diese Frage bleibt nun wohl für immer offen.

Rot.

Meine Mutter hat am Ende nur etwas an mir gehasst: meine schwarzen Kleider.

Ich war gerade 30 Jahre alt geworden und trug mit Vorliebe schwarze, graue und dunkelbraune Kleidung. Ich fand damals, dass das genau meinem Typ entsprach. Ich fühlte mich sehr wohl, weil ich mich darin unauffällig fühlte.

„Ich bi im Fall no nöd tot“, sagte sie einige Wochen vor ihrem Tod mit missbilligendem Blick auf meine schwarze Jeans, die schwarze Bluse, meine braunen Ohrringe, die ich im Pflegeheim, ihrem Hospiz trug.

Fast 15 Jahre später ist alles anders. Ich mag zwar schwarz noch immer sehr, aber ich trage es selten. Meine Haare ergrauen nun langsam. Die Farbe Schwarz ist reserviert für die wirklich schwarzen Tage. Ich mag Grün. Petrol. Blau. Gelb. Rot.

Meine Mutter hat mir damals eine entscheidende Lebensweisheit weitergegeben: Du lebst jetzt. Trauern ist ok, aber es ist bloss ein Teil des Lebens. Leben ist wichtiger. Leben ist alles.

Sie liebte Rot.

Vater. Oh Vater.

In den letzten Tagen musste ich sehr viel an meinen Vater denken.
Vor zwei Jahren um diese Zeit haben wir oft telefoniert und geredet, so als hätten wir gespürt, dass danach eine Zeit der Entfernung, der Sehnsucht und der Trennung folgt.

Der 72. Geburtstag meines Vaters am 19. Februar 2020 war das letzte Familienfest, an das ich mich erinnern kann. Mehr als ein halbes Jahr später, auf den Tag genau, im November, verstarb er.

Ich habe die letzten Monate seiner Krankheit, seines Leidens, seiner Pflege, nur aus Entfernung miterlebt. Meine Lebensader zu ihm war wie abgeschnitten, und das aus gutem Grund. Freiheit war sein Lebensmotto. Er soll sich frei bewegen können, ohne Quarantänebescheinung, ohne Isolation. Frische Luft, rausgehen. Sein Leben leben. Mit Rollstuhl. Aber aus voller Kraft.

Seine Frau und ich sprechen immer wieder mal darüber. Es war gut so, zu entscheiden. Weg zu bleiben. Ich habe mir – und ihm – sehr viel erspart. Aber es rettet mich nicht vor der Trauer um ihn. Mein Verlust ist sehr gross. Er war mir der nächste, liebste Mensch. Mein Vater fehlt mir so sehr. Ich vermisse seine Umarmungen. Seinen Humor. Sein sanftes Lächeln.

Ich habe viele Momente seines Lebens, im Herbst 2020, verpasst. Es war mir nicht vergönnt, an seiner Seite zu sein. An seinem letzten Tag wachte ich an seinem Bett. Das hat mir sehr viel gegeben. Ich spürte, wie sehr er mir in diesem verrückten Jahr gefehlt hat. Wenige Minuten vor seinem Tod verliess ich ihn. Ich war müde und traurig und spürte, dass es nun Zeit war, zu gehen. Ich war an der Seite meiner Mutter, als sie 2007 starb, aber es war nicht meine Aufgabe, an der Seite meines Vaters zu sein.

Ich musste daran denken, dass er, am Anfang meines Lebens, sehr präsent da war. Bei meiner Geburt war er an der Seite meiner Mutter. Er hielt mich, wenige Momente später in den Händen, schnitt meine Nabelschnur durch. Er war da ganz furchtlos und neugierig. Das macht mich sehr stolz auf ihn. Und es verstärkt die Sehnsucht nach einem dieser wichtigsten Menschen in meinem Leben. Er war mir so oft Mutter und Vater gleichzeitig.

Mir fehlen sehr viele menschliche Kontakte. Mir fehlen meine Freunde, die ich jeweils am Freitag oder Samstag treffe. Mir fehlen aber auch meine nächsten Verwandten, meine Omi. Papi. Meine Mutter. Meine Grosstanten mütterlicherseits.

Corona hat mich sehr viel einsamer gemacht als zuvor. Ich lebe mein Leben und das gelingt mir ziemlich gut. Aber mir fehlen die Menschen. Die Begegnungen im Alltag, die ich zuvor so sehr in meiner Stadt geschätzt habe. Das ganze soziale Leben liegt brach.

Meine berufliche Welt ist eine komplett andere als die private. Ich bin mit sehr vielen Schicksalen konfrontiert und es fällt mir schwer, zu verallgemeinern. Manchmal bin ich sehr müde. Dann wieder voller Kraft. Ich funktioniere hinter meiner Maske. Mein Makeup ist noch immer nicht wasserfest.

Es wäre leichter, wenn ich meine Angehörigen noch hätte. Aber es ist auch gut, wenn ich meine Freunde an meiner Seite weiss. Ohne wenig Worte. Das Gefühl reicht aus, dass sie da sind.

5 Jahre

Heute vor fünf Jahren starb meine Omi Paula im Alter von 88 Jahren.
Gemessen an dem, was sie als Kind erlebte und überstand, wurde sie uralt. Sie selber hat sich immer wieder darüber gewundert, wie alt sie wurde. Während des Zweiten Weltkriegs ist sie an einer schweren Hirnhautentzündung erkrankt und keiner hat daran geglaubt, dass sie das alles überlebt, ausser ihrer Mutter.

Omi war für mich der wichtigste Mensch in meiner Kindheit, meiner Jugend und auch später. Sie war liebevoll, geduldig und fröhlich. Sie liess nie einen Zweifel daran, dass sie mich, ihre erste Enkelin, über alles liebte und daran glaubte, dass ich alles schaffe, was ich mir vornehme. „Es chunnt schon guet, wenn dä Herrgott will“, hat sie gesagt.

Wir erlebten sehr viel miteinander: sie begleitete mich an Kreisturntage, besuchte Theateraufführungen, in denen ich als Kind auftrat, wir reisten zusammen nach Berlin, Luzern, Stein am Rhein und Zürich. Wir trauerten gemeinsam um Opi, der fast auf den Tag genau 20 Jahre vor ihr starb. Wir begleiteten meine Mutter, ihre Tochter Uschi, gemeinsam in den Tod.
Omi und ich, da passte kein Blatt dazwischen.

Wenn sie heute noch leben würde, und wir beide jünger wären, hätten wir vielleicht einen tiktok-Account zusammen. Omi war einfach immer cool. Ich war immer unglaublich stolz auf sie, weil sie so ein offener, herzlicher Mensch war.

Weniger cool war ihre Demenzerkrankung. Sie forderte mich heraus und ich musste mit anfang 30 richtig viel lernen. Ich bin, trotz allem sehr dankbar. Es gibt Sätze aus Omis Mund, die vergess ich nie: „Werde so alt wie ich, dann schauen wir weiter.“ Sie hatte so sehr recht. Ich denke sehr oft an jene Tage zurück, als Omi noch im Pflegeheim lebte. Ihre Worte, ihre Liebe, ihr langsames Vergessen. Das alles ist da und verschwindet doch langsam.

Trotz aller Trauer um sie bin ich froh, dass sie in diesen Tagen nicht mehr lebt. Ich weiss nicht, wie ich das Abschiednehmen überstanden hätte, wenn ich sie nicht mehr einfach so hätte sehen können. Corona ist ein Arschloch.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Fünf Jahre sind nichts.