Vom Sinn des Lebens

Als ich 30 Jahre alt wurde, lag meine Mutter im Sterben. Sie wurde gerade mal 56 Jahre alt. Ich begleitete sie die letzten Wochen ihres Lebens. Ich hatte damals einen neuen Job mit Leitungsfunktion angetreten und wusste nicht, wie ich diese Doppelbelastung unter einen Hut bringen sollte. Ich arbeitete sehr viel und versuchte – wann immer möglich – meine Mutter im Spital und danach im Pflegeheim zu besuchen.


Es riss mich fast entzwei. Ihr Sterben machte mich sehr betroffen und ich begriff, dass ich nun nur noch wenig Zeit hatte, mich mit ihr auszusprechen und mit mir selber, was sie betraf, ins Reine zu kommen.
Ich hatte einige Jahre in Wut auf sie verbracht, sie wegen ihres Alkoholproblems gehasst und verachtet. Die letzten drei Monate ihres Lebens waren für mich wohl dazu da, alles aufzuarbeiten.
Das tat ich. Und es tat furchtbar weh.
Doch am Ende konnte ich sie loslassen und durfte dabei anwesend sein, als sie starb.

Kurze Zeit später machten sich bei meiner Omi die ersten Anzeichen einer dementiellen Erkrankung bemerkbar. Ich wollte es erst nicht wahrhaben. Omi war immer an meiner Seite gewesen, hatte mit mir am Bett ihrer sterbenden Tochter gewacht. Irgendwie hatte ich den Gedanken gehabt, nun wenigstens noch einige Jahre mit Omi zu haben.

Ich hatte Übung, einen Menschen in seinen letzten Jahren und Monaten zu begleiten. Doch auch hier überwog der Schmerz. Ich verlor meine Omi Stück für Stück. Sie, die mich immer so geliebt und als Kind verwöhnt hatte, vergass mich nun langsam. Den Schmerz konnte ich nur angehen, indem ich über ihn schrieb und all das Unfassbare in Worte presste.

Der letzte Weg mit Omi war meine Auseinandersetzung mit einem guten, gelebten Leben. Ich war traurig, dass sie starb. Doch ich spürte auch, es ist gut so wie es ist.

An Omis Beerdigung weinte mein Vater. Er war lange Zeit ihr Schwiegersohn gewesen, nach der Scheidung von meiner Mutter aber war er für sie der Vater von Omis Enkeln. Wir ahnten damals nicht, dass nun Papis Sterben einen Anfang nehmen würden. Ich denke, er wusste da mehr.

Mein Vater litt plötzlich unter Gleichgewichtsstörungen, konnte kaum noch gehen. Von einem Tag auf den anderen gab er seinen Führerschein ab. Für ihn, den Bewegungsmenschen, war das ein grosser Einschnitt in seine Lebensqualität. Er verlor sehr viel Lebensmut, gleichzeitig wollte er alles tun, was in seiner Macht stand, um nicht an Kraft zu verlieren und weiter zu leben.

Sein Leiden berührte mich sehr. Ich konnte nur schwer zusehen und wusste nicht, wie ich noch Trost oder Mut spenden konnte. Ein Satz von ihm änderte schliesslich mein Leben. Er hatte gesagt: „Wenn ich mit Anfang 40 gewusst hätte, wie sich mein Leben mit 70 verändert, so hätte ich noch sehr viel mehr all das getan, was ich mich bis dahin nie getraut hätte.“

Ich dachte darüber nach, woran ich mich nie heran gewagt hätte, wären nicht diese Worte meines Vater gewesen. Mit einem Mal sah ich klar: Ich wollte mich mit der Natur, dem Leben und dem Tod auseinandersetzen. Ich wollte lernen.
So entschied ich mich, mich an die Jagdprüfung anzumelden.

Mein Vater reagierte erst verwundert, dann entschied er sich, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen. Er motivierte mich, freute sich über Erfolge und sprach mir Mut zu. Mit einem Mal sprachen wir wieder über andere Themen.

Dann kam Corona und unsere Verbindung wurde erneut auf die Probe gestellt. Ich besuchte ihn nicht mehr oft, aus Sorge, ihn oder seine Frau ungewollt mit Covid anzustecken.

Die letzten Monate seines Lebens telefonierten wir, sahen uns nicht mehr. Es war aber nicht so, dass wir uns von einander entfernten. Viel mehr spürte ich jedes Mal, wenn ich in den Wald ging und jagte, wie nahe er mir hier ist. Es fühlte sich an, als ob er immerzu an meiner Seite wäre. Ich fühlte mich gestärkt.

Im letzten November starb mein Vater. Ich war erleichtert, dass er loslassen konnte und dass sein Leiden ein Ende hatte. Die Trauer begleitet mich trotzdem. Er ist viel zu früh gegangen. Ich hätte ihn gerne noch länger an meiner Seite gehabt.

Doch da ist noch mehr: Ich trete sein Erbe an, widme mich der Natur. Tue Dinge, an die ich mich nie gewagt hätte. Ich gehe mutig in die Zukunft mit gefülltem Rucksack.

70.

Morgen, am 2. September ist der 70. Geburtstag meiner Mutter. Tot ist sie nun seit bald 14 Jahren. An ihren 40. Geburtstag kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war eine sehr seltsame Zeit. Ich war mitten in der Pubertät und kriegte mit, wie unglücklich meine Mutter war. Wie unglücklich mein Vater war. Was es bedeutet, wenn zwei Menschen miteinander verheiratet sind, die sich längst hätten trennen sollen, damit sie glücklich werden.

Mein Vater wurde es. Bei ihr bin ich mir unsicher.

Ihr Geburtstag war, solange ich mich erinnern konnte, der Startschuss für einen Monat voller Leiden. Am 17. September nämlich ist der Geburtstag meines Bruders, drei Tage später sein Todestag. Meine Mutter versuchte in jenen Tagen viele Jahre lang, auf irgendeine Art ihr Leben zu beenden. Es gelang ihr nicht.

Ich habe mein bisheriges Leben ganz anders als sie gelebt. Ich war nie Mutter eines Kindes, geschweige denn von drei Kindern, so wie sie. Ich war nie verheiratet. Nie geschieden. Vielleicht habe ich, im Gegensatz zu ihr, meine Träume verwirklichen können.

Manchmal wünsche ich mir, ihr Leben wäre anders weiter gegangen, hätte anders geendet. Aber dann denke ich, dass ihr früher Tod in meinem Leben vielleicht für etwas gut war. Dass ich dank dieser Erfahrung in der Lage war, mit Eltern und Trauernden zu arbeiten. Dass meine schwerste Zeit als Tochter für meine berufliche Tätigkeit ein wichtiger Wendepunkt war.

Unsere gemeinsame Zeit war schwierig. Die Wochen, in denen ich sie vor ihrem Tod begleitete, waren aber intensiv und wichtig. Ohne diese Zeit mit meiner sterbenden Mutter hätte ich wohl niemals Omi Paula begleiten können.

In meiner Erinnerung ist meine Mutter eine wunderschöne, dunkelhaarige grosse Frau. Ich liebte ihre braunen Augen und ihren schmalen dunkelroten Mund. Als junge Frau muss sie traumhaft schön ausgesehen haben.

Manchmal wünsche ich mir, ihr Leben wäre anders weiter gegangen. Dass wir morgen Abend miteinander das Leben feiern. Dass sie meine Freundinnen und Freunde kennengelernt hätte. Mit Rotwein auf ihren 70sten anstossen. Dass wir uns in die Arme nehmen und fest drücken und dabei Tränen der Rührung verdrücken, weil das Zusammensein so ein gutes Gefühl ist. Happy Birthday, liebes Mami, liebe Ursle, liebe Uschi. Du fehlst.

Das Leben vorher und nachher

Heute ist es 13 Jahre her, dass meine Mutter verstorben ist. Anders als noch vor einigen Jahren denke ich weniger häufig an sie. Es ist nicht so, dass sie aus meinem Leben verschwunden wäre, sondern viel eher, dass sie den Platz gewechselt hat.
Ehrlich gesagt war ich während der letzten Monate sogar froh, dass sie nicht mehr lebt. Ich bezweifle, dass sie verstanden hätte, was um sie herum passiert. Ich denke auch, dass jemand wie sie Mühe gehabt hätte, ihre sozialen Kontakte zu beschränken. Es hätte sie wohl sehr getroffen, ihre Freunde nicht mehr zu sehen. Sie stand kurz vor ihrem Tod mitten im Leben.

Seit ihrem Tod hat sich alles in meinem Leben verändert und ich gehe sogar soweit zu sagen: es gibt (m)ein Leben vor und nach dem Tod meiner Mutter. Dass sie starb, als ich gerade mal 30 Jahre alt war, finde ich nach wie vor viel zu früh. Ich denke heute, dass man seine Mutter nicht nur als Kind braucht, sondern auch später. Es gibt vieles zu klären und zu bereden. Natürlich kann man dies auch nach dem Tod eines Elternteils machen, aber vielleicht erleichtert das Zusammenleben auch einiges.

Die eigene Mutter zu beerdigen bedeutet auch, einen Schlussstrich zu ziehen. Sie hat mich geboren und es war meine Aufgabe, sie der Erde zurück zu geben. Das Bild gefällt mir, auch wenn die Umsetzung doch eher emotional anspruchsvoll war. Als vor 23 Jahren mein Opa starb, da standen meine Mutter, meine Schwester und Omi mit mir an seinem Grab. 10 Jahre später waren dann nur noch meine Omi und ich da. Nur wenige andere Menschen kamen damals an Mutters Beerdigung.

Wenn ich heute Todesanzeigen lese, fällt mir auf, wie oft die Trauernden schreiben: „Wir bitten vom Kondolieren abzusehen.“ Ich frage mich oft, warum das so ist. Natürlich ist es scheissehart, als Trauernde dazustehen und Hände zu schütteln. (Ok, dank Corona werden weniger Toppen geschüttelt als früher.) Aber ich fand es auch immer sehr schön, bei aller Trauer und vielen Tränen, wenn ich mitbekam, dass auch andere traurig sind, weil mein Angehöriger nicht mehr lebt.

Meine Omi war diesbezüglich ein Vorbild. Auch sie war sehr traurig, als mein Opi und meine Mutter starben. Doch sie schaffte es, die Trauernden und Kondolierenden zu trösten und sorgte sogar dafür, dass während des Leidmahls Leute (wieder) lachten. Ihr Wortgefecht mit ihrer älteren Schwester Hadj beim Trauermahl meiner Mutter bleibt mir unvergessen:
Omi erzählt eine Geschichte über ihren Vater. Hadj unterbricht sie barsch und sagt: „Päul, woher wettsch jetzt du da wüsse. Für da bisch du no viel z’jung!“ Ich schrie vor Lachen. Omi und Hadj gingen da nämlich beide gegen die 80 zu.

Noch etwas hat der Tod meiner Mutter in meinem Leben verändert. Omi, Papi, seine Frau und ich wuchsen mehr zusammen. Viele Jahre haben wir anschliessend zusammen gefeiert. Dafür bin ich sehr dankbar. Dass Omi nicht mehr bei uns ist, macht mich noch immer traurig. Aber auch in ihrem Fall bin ich froh, dass sie Corona im Pflegeheim nicht miterleben musste. Ich glaube, das hätte mich als Enkelin seelisch kaputt gemacht, sie nicht mehr sehen zu dürfen.

Das Leben ist eine stürmische See. Wir sitzen alle in unseren Booten, sind Wind und Wetter ausgesetzt. Die Erfahrungen, die wir sammeln konnten, die Liebe, die wir erfahren durften, geben Halt, um den Sturm zu überstehen und gesund in den nächsten Hafen einzulaufen.

Die wilde 69

Es gibt Tage, da denke ich sehr oft an dich. Je älter ich werde, desto jünger sehe ich dich vor mir.
Du bist schön, gross, hast lange dunkle Haare und leuchtende braune Augen.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, warst du die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Du warst ein wenig wie Ava Gardner, ein wenig Jane Russell und sehr viel Ali MacGraw.

Ich weiss bis heute nicht genau, wieviel wir gemeinsam haben. Du hast mit mir alle Klassiker (und auch ganz viele Schundfilme) geschaut. Das Kino war eine gemeinsame Leidenschaft und ich bin dir auch heute noch dankbar dafür, dass du mir so viel erklärt und gezeigt hast.

Die Lebenszeit verkürzt sich sehr rasch und ich liebe das Leben genauso wie du. Dass du so jung verstorben ist, ist für mich auch heute noch ein Verlust. Ich hätte dich gerne besser kennengelernt.

Eine Sache habe ich dank dir schon früh gelernt: Das Leben ist ein Wunder und ein Geschenk. Viel zu schnell zerrinnt es einem zwischen den Fingern und man trauert dem ungelebten Leben nach. Du warst da anders: Du hast aus ganzem Herzen gelebt bist zu deinem letzten Tag. Ich bin sehr dankbar, dass ich bis zum Schluss dabei sein durfte.

Ich, die Vatertochter.

Wahrscheinlich bin ich das, was man eine „Vatertochter“ nennt. Schon in frühen Jahren stand ich meinem Vater näher als meiner Mutter. Vielleicht lag das daran, dass sie beide einen Sohn verloren hatten. Als Erstgeborene hatte ich plötzlich mehrere Rollen auszufüllen.

Mein Vater hat mich insofern geprägt, als dass er mich zu beruflicher Unabhängigkeit motivierte. Es schien für ihn nichts Mühsameres zu geben, als eine Frau, die in der Ehe von ihrem Mann finanziell abhängig ist. Er sagte zu mir: „Lass dir einfach nie auf die Kappe scheissen von einem Typen.“
Welchen Beruf ich lernen sollte, war ihm recht gleichgültig. Ich durfte das tun, was ich liebte und wonach mir der Sinn stand.

Sehr gerne wäre ich Archäologin geworden. Das war von allen Berufen, die ich im Alter von acht Jahren kannte, der liebste. Ich liebte das Buddeln in der Erde, mir war nichts zu schmutzig.
Der zweite Beruf, den ich gerne gelernt hätte, war jener der Schriftstellerin. Ich stellte mir dies wunderschön vor: Stundenlang an einer Schreibmaschine sitzen (unsere hiess Daniela) und sinnierend zu tippen. Jahre später, ich besass bereits einen PC, erfuhr ich dann an am eigenen Leib, wie anstrengend und zehrend dies sein kann.
Schliesslich bewarb ich mich in einer Confiserie, weil ich Schokolade und andere wunderschöne Sachen aus Teig und Schokolade immer sehr bewundert und geliebt habe. Mein Vater trug meinen Entscheid mit und besuchte mich mit seiner Frau manchmal sogar samstags in meinem Lehrgeschäft. Es gab die besten Crème- und Rahmschnitten und die unvergesslichen Nusstörtli. Die vermisse ich heute noch. Sehr.

Das ist nun über 20 Jahre her und ich bemerke, das sehr vieles an mir vorbei gezogen ist und sich verändert hat. Meine Liebe zu schönen lauten Tastaturen, wunderbarer Schokolade und zur Archäologie ist geblieben. Geblieben sind auch meine Erinnerungen an damals, an meine Mutter, meine Omi und all jene Menschen, die mich damals geprägt haben. Einige dieser Menschen leben leider nicht mehr und ich vermisse sie sehr.

Gelernt habe ich schliesslich als Zweit-Beruf Agogin, was heute gendergerecht „Fachfrau/Fachmann Betreuung“ oder in kurz Form FaBe heisst. Seltsamerweise habe ich in dieser Berufsausübung alles gefunden, was mich (heute) glücklich macht. Ich befasse mich mit Sprachen, Technik, menschlichem Verhalten, lebenslangem Lernen, Kommunikation und PR. 1999, als ich in diesen Berufszweig einstieg, hätte ich all das nie gedacht. Alles verändert sich so schnell, dass man – rückblickend – fast nicht mitkommt.

Was mir ebenfalls bleibt, ist der Wunsch, andere Frauen zu unterstützen in der Umsetzung ihrer Träume und Wünsche. Diese Arbeit macht mich glücklich, denn sie bringt uns alle voran.
Frauen sind das Salz der Erde.

3x 24 oder was ich mir nie zugetraut hätte

Schon als ich noch ein Kind war, liebte ich die 12er Reihe. Sie zog mich magisch an und ich konnte mir seltsamerweise alle Zahlen merken, auch wenn ich immer Buchstaben lieber mochte.

Heute wurde mein Vater 72 Jahre alt.
Damit ist er nun 16 Jahre älter als meine Mutter es je wurde und 30 Jahre älter als ich.
Mein Vater und ich haben, in meinen Augen, eine spezielle Beziehung. Ich bin seine älteste Tochter und genauso fühle ich mich auch.
In den letzten Monaten habe ich mich sehr mit Leben und Sterben auseinander gesetzt. Daran war mein Vater nicht ganz unschuldig. Er ist und war mein Schlüssel zur Natur. Von ihm habe ich soviel gelernt. Auch heute noch erkennt er Tiere nur aufgrund ihrer Silhouette, weiss vielerlei Geschichten zu erzählen.
Er ist ein Bauernsohn und was er in seiner Kindheit auf jenem Hügel im Thurgau mit Sicht auf den Säntis erlebt habt, mag wohl einige Bücher füllen. Mein Vater liess mich dabei sein, wenn er unsere Kaninchen schlachtete und erklärte mir, was es bedeutet, wenn ein Ei befruchtet und ausgebrütet wird.
Ich bin wohl ein richtiges Vaterkind und das hat mich immer glücklich gemacht. Ich hänge an ihm.
Als KInd wurde ich wütend, wenn ein Kind meinen Vater blöd fand und ich habe mich seinetwegen auch einige Male geprügelt. Mein Vater hat Landschaftsgärtner gelernt, war in Australien und hat auf dem Bau gearbeitet. Er war mein Tor zur Welt.

Als ich in den Kindergarten kam, und das ist nun bald 40 Jahre her, ging ich mit den Kindern seiner italienischen Arbeitskollegen dahin. Ich sprach früh Italienisch. Er pflegte zu sagen „Sprachen sind wichtig.“

Mein Vater war mir als Jugendliche alles. Mit ihm habe ich mich identifiziert, denn mit ihm habe ich um meinen Bruder getrauert, sehr viel offen gesprochen und mitgelitten. Von ihm habe ich meine Liebe zu Nadelbäumen, ich liebe Rottannen, und überhaupt zu Bäumen.
Doch wir hatten auch einige Diskussionen. Dass ich damals Omis Haus gekauft hatte, fand er gelinde gesagt ziemlich Scheisse. Doch es hat ihn nicht davon abgehalten, uns beim ersten Schnitt ums Haus unter die Arme zu greifen, mir zu helfen, eine gute Motorsense zu kaufen und mir vor allem zu zeigen, wie ich sie anwenden muss.

Gemeinsam haben wir alle eine Krähe aufgezogen und – ausgewildert. Dieses Erlebnis wird mich wohl bis ans Ende meines Lebens begleiten, denn es hat mich glücklich gemacht. In der Zuneigung zu Tieren gleichen wir uns. Wir können beide minutenlang dastehen und dem Tanz eines Eisvogels oder eines Huhns zuschauen.

Doch das ist alles tempi passati.
Er hat heute Mühe zu gehen, und er leidet unsagbar darunter und das macht mich traurig und verzweifelt und wütend.
Was mich aber besonders berührt, ist sein Wille. Er trauert um seine Mobilität, er leidet, doch er versteckt seine Gefühle nicht unter falsch verstandener Männlichkeit.
Er spornt mich an, mich zu bewegen, mein Leben zu geniessen.
Dank ihm habe ich mich an Dinge gewagt, die ich mir nie zuvor zugetraut hätte und ohne die ich heute nicht mehr leben möchte.


Es ist wie damals, als ich noch ein Kind war und er mich motiviert hat, schneller zu rennen, schneller mit dem Velo zu fahren, das zu tun, was ich immer wollte.
„Du kannst das.“


Lieber Papi, ich habe dich sehr gern. ❤

Sein 40ster

In einer perfekten Welt hätte ich am Dienstag, gemeinsam mit den Eltern, vielleicht den Grosseltern und meiner Schwester den 40sten Geburtstag meines Bruders Sven gefeiert. Doch die Welt, und vor allem das Leben, ist natürlich nicht perfekt.

Ich denke daran, dass meine Mutter vor bald 12 Jahren gestorben ist und dass ihr der Tod meines Bruders sehr nahe gegangen ist. Ich bin wehmütig, denn ich hätte furchtbar gerne einen coolen Bruder gehabt.

Mir wird in diesen Tagen einmal mehr bewusst, dass wir Menschen in den Erinnerungen derjenigen Menschen leben, die uns lieben. Manchmal denke ich daran, dass ich bald einmal die einzige meiner Familie sein werde, die noch weiss, dass Sven mal gelebt hat.

Es existiert ein Bild – ich denke, es ist ein Polaroidfoto – auf dem meine Eltern mit Sven abgebildet sind. Das Foto wurde kurz nach Svens Geburt aufgenommen. Meine Eltern wirken unglaublich jung und glücklich und müde, Sven blickt in die Kamera. Jedes Mal, wenn ich es in die Hand nehme, treten mir die Tränen ins Gesicht. Noch wissen sie nicht, was ihnen bevorsteht.

Ich fühlte schon als Kind durch diesen Verlust mit meiner Mutter verbunden. Zwar verstand ich nicht genau, was passiert war, doch die abgrundtiefe Trauer konnte ich spüren. Sie hat mir damals grosse Angst eingejagt. Erst gegen Ende von Mutters Leben wurde es für sie einfacher. Vermutlich ist dies einer der segensreichen Errungenschaften des Sterbens, dass man langsam alle Trauer und alles Leiden des eigenen Lebens hinter sich lassen kann.

Svens Grab existiert nicht mehr. Ich habe mir vorgenommen, dass ihm symbolisch bei meiner Mutter auf dem Grab einen Platz einrichte. Denn da gehört er hin: Zu ihr, der Frau, die ihm sein Leben geschenkt hat und die ihn so früh gehen lassen musste.

Gewisse Dinge verändern sich nicht

Gestern traf ich jemanden, der mich schon als kleines Mädchen von zwei Jahren kannte und auch meine Familie. Er fragte mich, wie es meiner Mutter gehe und reagierte dann recht ungläubig, als ich entgegnete, sie wäre schon elf Jahre tot.

Gewisse Dinge verändern sich nicht. Das bemerkte ich gestern. Die Sehnsucht nach jenen, die nicht mehr da sind, bleibt. Sie sind einfach da und man vermisst sie, besonders in jenen Momenten, in denen man ihren Namen laut ausspricht. Es gibt Orte, da ist man noch immer Kind und kann sich erinnern, als wenn es gestern gewesen wäre, wie man noch die Hand der Mutter, der Grossmutter gehalten hat.

Ein wenig erinnert mich der Thurgau im November an Irland. Alles ist grau und grün und braun. Die Felder wirken auf den ersten Blick karg, doch das schlafen gegangene Leben ist bereits wieder zu spüren. Nur noch wenige Monate und der Frühling kehrt zurück in die müden Apfelbäume.

Ich fuhr gestern vorbei an einem alten Baum, der in meiner Kindheit strahlend blühte. Nun fällt er langsam auseinander, ist zerfressen von Würmern und anderem Getier und ich bin mir sicher, dass er nächsten November nicht mehr hier sein wird. Ich erinnere mich noch gut, wie Omi und Mami und ich oft auf dem Bänkli unter diesem Baum sassen und auf das Dorf blickten. Omi hatte immer Schokolade dabei und ich weiss noch gut, dass jenes Schoggi-Prügeli mit Silberpapier eingewickelt war und darauf Jass-Symbole gedruckt waren. Als ich gestern an jenem Platz vorbei fuhr, fiel mir schmerzlich ein, wie sehr sie mir alle fehlen. Für einen kurzen Moment stiegen mir die Tränen in die Augen.

Doch am Ende des Tages war ich glücklich, weil sich ein Mensch, den ich zuvor nicht kannte, an meine Mutter erinnert hat, die seit elf Jahren tot ist.

Vielleicht

Vielleicht war der Verlust meiner Mutter der heftigste meines bisherigen Lebens.
In meiner Mutter wollte ich mich nie erkennen und fand doch immer nur mein Spiegelbild.
Dass sie nun elf Jahre tot ist, erscheint mir manchmal etwas irreal. Es war erst gestern oder nie.

Meine Mutter war 56, als sie starb. Ich war 30, als ich mutterlos wurde.
Ich bin manchmal etwas neidisch, wenn ich andere Töchter mit ihren Müttern sehe.
Aber es macht mich jedes Mal auch glücklich, wenn ich den Stolz in den Augen einer Mutter entdecke.
Dann denke ich: Das ist so schön.

Ich weiss nicht wirklich, ob meine Mutter je stolz auf mich war.
Was ich in meinem Leben bis zu ihrem Tod anstellte, hinterliess sie immer etwas ratlos.
„Schreiben? Woher hast du das bloss? Wenigstens nicht von mir!“
Oder: „Ich könnte nie mit Behinderten arbeiten. Das bräche mir das Herz.“
Oder: „Du fährst Auto. Sowas könnte ich nie. Da hab ich Angst.“

Vielleicht war es aber auch so, dass sie gar keine Worte für ihre Gefühle fand.
Meine Omi schaffte das problemlos. Es gab bis zum Ende ihrer Erinnerung sehr viele Worte des
Stolzes. Das hat die beiden unterschieden. Omi konnte sehr lange ihre Emotionen ausdrücken, derweil es meine Mutter erst kurz vor ihrem Tod schaffte.

Trauer im Wandel

Trauer ist kein fester Zustand. Sie wandelt sich. Trauern erinnert mich an eine Schlange oder Spinne, die immer wieder aus ihrer zu klein gewordenen Haut ausbricht.

Vor einigen Tagen las ich einen Text von 2012 und ich erschrak, wie traurig ich war. Es kam mir für einen Moment vor, als würde mein jetziges Ich dem trauernden Menschen von damals über die Schulter streichen und sagen: „Es kommt alles gut.“

Ich bin keine Trösterin. Wenn mir jemand erzählt, er verliere gerade einen geliebten Menschen, dann beschwichtige ich nicht. Ich kann nicht sagen: „Das wird schon wieder.“ oder „Schau vorwärts.“ Das kommt mir alles blöd vor.

Wenn ich so einer Erzählung lausche, höre ich zu. Ich nicke, weil mir so viele der Emotionen meines Gegenübers bekannt vorkommen, auch wenn sie nicht meine eigenen sind. Ich kann gar nicht mehr sagen. Denn in Anbetracht der Schilderung komme ich mir sehr unwichtig vor. Wichtig ist, dass ein trauernder Mensch Gehör bekommt. Dass er nicht das Gefühl von aussen bekommt, er sei nervig und mühsam, denn vielleicht denkt er das schon von sich selber.

Immer wieder mache ich die Bekanntschaft von demenzkranken Menschen und ihren Angehörigen. Es rührt mich sehr, wenn ich die engen Bande zwischen Menschen erkenne. Wenn ich sehe, wie sehr sich das Gegenüber um seinen vergessenden Menschen kümmert und sorgt. Oftmals denke ich, wie viele Geschichten wohl der demente Mensch im Stuhl gegenüber wohl noch zu erzählen hätte? Am Ende bleiben doch nur die wirklich wichtigen Dinge übrig.

Vor 11 Jahren sass ich bei meiner Mutter im Pflegeheim. Sie war 56 und ich konnte mich nun endlich auf sie einlassen. Es war nicht einfach, denn ich war nie die von heute und auch nicht die von morgen. Ein sterbender Mensch sieht anders in die Welt. Sie konnte in jenen Tagen all das äussern, was ihr in diesem einen Leben wichtig war. Das waren kleine Dinge, wie Strickzeitschriften, die Musikwelle, das Streicheln der Katze.

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Manchmal bedauere ich, dass es von uns beiden keine Fotografie aus jener Zeit gibt. Aber ich weiss auch, wieso das so ist. Ich wagte es nicht, meine Mutter in ihren letzten Wochen zu fotografieren. Es gibt diesen Spruch, man soll die Menschen so in Erinnerung behalten, wie sie ihr Leben lang gewesen sind. Das ist Blödsinn. Das menschliche Gehirn bastelt sich seine Erinnerungen ganz selber zusammen. Es spielt keine Rolle, wie man am Ende aussieht. Aber es hilft einem, das Geschehene auf die Reihe zu kriegen.

Damals vor 11 Jahren sprachen wir darüber, dass meine Mutter wenige Tage vor 9/11, sie war im September 2001 gerade 50 geworden, im Cockpit eines Swissair-Fliegers sein durfte. Ich musste ihr im Pflegeheim versprechen, dass ich die Karte der damaligen Crew aus ihrer Wohnung hole, weil sie die so toll fand. Sie ist mit silbernem Stift geschrieben. Ich halte sie noch immer in Ehren.