Unterwegs im Herbstnebel

Als ich vielleicht 13 oder 14 Jahre alt war, begleitete ich meinen Vater jeweils mit dem Velo, wenn er für seine Läufe trainieren ging. Wir wohnten am Hüttwilersee und ich denke, die Seenplatte war auch sein liebster Trainingsort.

Wenige Jahre zuvor war ich an beiden Hüftgelenken operiert worden. Sport und vor allem Laufen war für mich damals keine Option mehr, da ich wenig Kraft und Angst vor Stürzen hatte.

Mein Vater und ich waren uns immer sehr nahe. Nachdem er seinen Job gewechselt hatte – er hatte viele Jahre auf dem Bau gearbeitet, schliesslich hatte er eine Stelle als Schulhauswart angenommen – war er uns Kindern noch näher als vorher. Wir konnten mit allen Sorgen jederzeit zu ihm gehen, ein Luxus, den viele Kinder nicht haben, deren Väter abwesend berufstätig sind.

Er motivierte mich, nach meinen drei langwierigen OPs, ihn bei seinen Trainings zu begleiten. Das tat ich schliesslich. Er instruierte mich genau, wo ich auf ihn warten sollte, beschrieb die Kreuzungen und Wege. So lief er los und ich fuhr mit dem Velo, leicht zittrig zu jenen Orten.

Ich erinnere mich an jenen einen Abend, ich weiss nicht, war es Frühling oder Herbst, als die Sonne leicht durch den Nebel auf den Hüttwilersee schien. Die Felder leuchteten. Ich war sehr bewegt und glücklich.

Noch glücklicher war ich jeweils, wenn mein Vater zur abgemachten Zeit an meinem Warteort vorbei lief, ich ihm sein isotonisches Getränk reichen und hinterher fahren konnte.

Ich erinnere mich an seine Stimme, die Instruktion, wo ich wann als nächstes warten sollte. Ich fuhr los.

Später, so mit 16 oder 17 hatte ich dann ein Töffli, eine Chopper, die gnadenlos klang und die ich von Herzen liebte. Bis ich schliesslich die Autofahrprüfung machte, begleitete ich ihn mit diesem Höllengefährt bei Trainings, kurzzeitig am Frauenfelder. Ich war furchtbar stolz, auch wenn mir manchmal fast die Finger abgefroren sind.

Es ist schon seltsam, woran man sich erinnert, wenn man sich drauf einlässt. Auch wenn es weh tut.
Mein Vater fehlt mir sehr. Aber ich bin auch dankbar für all jene schönen Erfahrungen, wo er mir Mut gemacht hat, mit meiner Beeinträchtigung klar zu kommen und einen Scheiss drauf zu geben, was andere von mir denken. Ich denke, das ist es, was die Aufgabe von Vätern und anderen liebenden Menschen ist: Ermutigen. Lieben. Stärken.

Meine magische Begegnung mit Doldola

Mein Vater war seit frühen Jahren begeisterter und begabter Kaninchenzüchter. Er konnte einfach mit Tieren. Seine stille, ruhige Art wirkte, wann immer er mit Kaninchen, Hühnern, Tauben oder Krähen zusammentraf.

Am Freitag war ich an der OLMA. Das ist eine Messe in der Ostschweiz für Landwirtschaft und Milchwirtschaft, sprich für Bauern und Bäuerinnen. Da gibt es verschiedene Messehallen. Meine liebste Halle ist jene, wo die Kühe, Geissen und Hühner sind.

Nach über zwei Jahren waren wir also wieder da. Ein Jahr Pause wegen Corona. Viele Erinnerungen. Jedenfalls lief ich durch den Stock, wo die ganzen „kleinen“ Tiere, wie Kaninchen, Hühner und eben die Geissen sind. Ich sah ein Plakat für einen Geissenmarkt im Toggenburg im Frühling 2022 und war mit einem Mal nahe an den Tränen.

Ich erinnerte mich plötzlich an ein Telefonat so um 2010 mit meinem Vater. Er hatte mich aus Versehen angerufen, weil er sein Smartphone in der Hosentasche herumtrug und das zwischendurch mal einfach blind Anrufe auslöste.

Ich rief ihn also zurück. Ich hörte seine Stimme, inmitten von Gejodel, Glockenklängen und – Geissengemecker. Er war auf einem Markt im Toggenburg mit einem Freund, auf der Suche nach Zuchtziegen. Ich hängte lachend auf. Ich freute mich für ihn, denn er klang sehr glücklich.

Kurze Zeit später fand er auf einer weiteren Geissentour die Krähe Fritzi, die wir später gemeinsam aufzogen und auswilderten, auch das ein wichtiger Teil meines Lebens und meiner Beziehung zu ihm.

So stand ich also an dieser Olma am Geissengehege, nahe an den Tränen. Ich hatte mit einem Mal so grosse Sehnsucht nach meinem Vater, dass ich am liebsten laut heraus geweint hätte.

In dem Moment blickte mich Doldola, eine Pfauenziege, an. Sie kam einfach auf mich zugetrottet und ich kraulte ihren Kopf. Nach ein paar Minuten dachte ich, dass sie wohl genug hätte. Doch sie berührte mit ihrer Schnauze meine Hand, und ich streichelte sie weiter. Ich war in Gedanken verloren und doch bei ihr. Es war einfach nur schön, dieses wunderbare, liebe Tier zu streicheln und mit ihr in Kontakt zu sein.
Zwischendurch versuchte ein Kind, sie anzufassen. Für einen Moment fürchtete ich, dass sie schrecken und weggehen würde. Doch sie drehte sich einfach weg, dann wieder zu mir hin, damit ich sie weiter streichelte.

Die Begegnung mit Doldola war richtig schön. Sie tat meinem Herzen gut.

Photo by Sascha Erni

Über die Trauer. Und die Wut.

Vor einigen Tagen las ich einen Text von Regula Staempfli über das Buch „Notes on Grief“ von Chimanda Ngozi Adichie. Ihr Text hat mich sehr berührt.

Ich fühlte mich erinnert und zurückgestossen in die Zeit vor einem Jahr, als mein Vater sich bereit machte, dieses Leben hinter sich zu lassen. „Das körperliche Verschwinden eines geliebten Menschen fühlt sich an, als wäre man amputiert worden“, schreibt Regula Staempfli.

Das Gefühl des Unvollständigseins, des starken Schmerzes ist nach wie vor in meinem Leben vorhanden. Mal werde ich mehr, mal weniger davon beeinträchtigt. Ihre Worte treffen den Kern meiner Trauer. Mir fehlt die Nähe meines Vaters. Unsere Telefonate. Unsere gemeinsamen Leidenschaften. Wir liebten den Wald und alte Filme. Es fehlt mir, dass wir nie mehr gemeinsam durch den Wald laufen. Dass ich mit ihm nicht mehr über meine Beobachtungen und Eindrücke sprechen kann.

„Die Fassunglosigkeit, die einen erfasst, wenn ein Mensch aus dem eigenen Leben tritt. Dieses Unglück, geliebte Eltern zu verlieren, die einem doch das ganze Leben begleitet haben – wer ist dann noch da?“
Ich hatte das offenbar seltene Glück, einen wunderbaren, liebenden und liebevollen Vater zu haben. Er war während meiner Kindheit, meiner Pubertät und auch später – einfach da. Er hörte mir zu. Bewertete wenig. Er hielt mich für kompetent und zweifelte nicht daran, dass ich meinen Weg machen würde. Er bestärkte mich in meinem Willen und meiner Kraft.

Er war stolz auf mich, auch wenn er es mir nicht oft zeigte, dafür seinen Freunden umso mehr. Wir waren einander herzensnah und vor allem sehr ähnlich.

Dann schreibt Regula Staempfli: „Die Sitte der Spitalkultur verbat es mir, zu schreien, zu toben, mir die Kleider vom Leib zu reissen, die Haare zu raufen und allen ins Gesicht zu klagen: Stop the clock! She! Is! Dead!“

Auch hier spricht, nein, schreit sie mir aus dem Herzen. Ich war nach dem Tod meiner Mutter nahe dran, mir die Haare vom Kopf zu rasieren. Als Ausdruck meiner Trauer und Fassungslosigkeit. Stattdessen wächst mein Haar weiter, ergraut langsam, mit weissen Strähnen, dort wo das Leben mir Schläge verpasst hat.

Chimanda Ngozi Adichie schreibt schliesslich: „An all meine Feinde, aufgepasst! Das Schlimmste ist passiert. Mein Vater ist weg. Meine Wut, mein Wahnsinn werden sich jetzt erst recht manifestieren.“

Aus Wut wird Mut. So will ich es handhaben. Ich will schreiben, was ich fühle. Zu meinen Gefühlen stehen. Mich nicht verbiegen. Nicht schweigen.

Über Trauer und Schmerz zu schreiben, scheint mir lebenswichtig. Trauer und Schmerz sind Zeichen, dass man – bei all dem Leid – noch lebt. Und wenn ich dann so einen leidenschaftlichen, schönen Text wie jenen von Regula Staempfli lese, fühle ich mich etwas weniger alleine.

Vom Sinn des Lebens

Als ich 30 Jahre alt wurde, lag meine Mutter im Sterben. Sie wurde gerade mal 56 Jahre alt. Ich begleitete sie die letzten Wochen ihres Lebens. Ich hatte damals einen neuen Job mit Leitungsfunktion angetreten und wusste nicht, wie ich diese Doppelbelastung unter einen Hut bringen sollte. Ich arbeitete sehr viel und versuchte – wann immer möglich – meine Mutter im Spital und danach im Pflegeheim zu besuchen.


Es riss mich fast entzwei. Ihr Sterben machte mich sehr betroffen und ich begriff, dass ich nun nur noch wenig Zeit hatte, mich mit ihr auszusprechen und mit mir selber, was sie betraf, ins Reine zu kommen.
Ich hatte einige Jahre in Wut auf sie verbracht, sie wegen ihres Alkoholproblems gehasst und verachtet. Die letzten drei Monate ihres Lebens waren für mich wohl dazu da, alles aufzuarbeiten.
Das tat ich. Und es tat furchtbar weh.
Doch am Ende konnte ich sie loslassen und durfte dabei anwesend sein, als sie starb.

Kurze Zeit später machten sich bei meiner Omi die ersten Anzeichen einer dementiellen Erkrankung bemerkbar. Ich wollte es erst nicht wahrhaben. Omi war immer an meiner Seite gewesen, hatte mit mir am Bett ihrer sterbenden Tochter gewacht. Irgendwie hatte ich den Gedanken gehabt, nun wenigstens noch einige Jahre mit Omi zu haben.

Ich hatte Übung, einen Menschen in seinen letzten Jahren und Monaten zu begleiten. Doch auch hier überwog der Schmerz. Ich verlor meine Omi Stück für Stück. Sie, die mich immer so geliebt und als Kind verwöhnt hatte, vergass mich nun langsam. Den Schmerz konnte ich nur angehen, indem ich über ihn schrieb und all das Unfassbare in Worte presste.

Der letzte Weg mit Omi war meine Auseinandersetzung mit einem guten, gelebten Leben. Ich war traurig, dass sie starb. Doch ich spürte auch, es ist gut so wie es ist.

An Omis Beerdigung weinte mein Vater. Er war lange Zeit ihr Schwiegersohn gewesen, nach der Scheidung von meiner Mutter aber war er für sie der Vater von Omis Enkeln. Wir ahnten damals nicht, dass nun Papis Sterben einen Anfang nehmen würden. Ich denke, er wusste da mehr.

Mein Vater litt plötzlich unter Gleichgewichtsstörungen, konnte kaum noch gehen. Von einem Tag auf den anderen gab er seinen Führerschein ab. Für ihn, den Bewegungsmenschen, war das ein grosser Einschnitt in seine Lebensqualität. Er verlor sehr viel Lebensmut, gleichzeitig wollte er alles tun, was in seiner Macht stand, um nicht an Kraft zu verlieren und weiter zu leben.

Sein Leiden berührte mich sehr. Ich konnte nur schwer zusehen und wusste nicht, wie ich noch Trost oder Mut spenden konnte. Ein Satz von ihm änderte schliesslich mein Leben. Er hatte gesagt: „Wenn ich mit Anfang 40 gewusst hätte, wie sich mein Leben mit 70 verändert, so hätte ich noch sehr viel mehr all das getan, was ich mich bis dahin nie getraut hätte.“

Ich dachte darüber nach, woran ich mich nie heran gewagt hätte, wären nicht diese Worte meines Vater gewesen. Mit einem Mal sah ich klar: Ich wollte mich mit der Natur, dem Leben und dem Tod auseinandersetzen. Ich wollte lernen.
So entschied ich mich, mich an die Jagdprüfung anzumelden.

Mein Vater reagierte erst verwundert, dann entschied er sich, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen. Er motivierte mich, freute sich über Erfolge und sprach mir Mut zu. Mit einem Mal sprachen wir wieder über andere Themen.

Dann kam Corona und unsere Verbindung wurde erneut auf die Probe gestellt. Ich besuchte ihn nicht mehr oft, aus Sorge, ihn oder seine Frau ungewollt mit Covid anzustecken.

Die letzten Monate seines Lebens telefonierten wir, sahen uns nicht mehr. Es war aber nicht so, dass wir uns von einander entfernten. Viel mehr spürte ich jedes Mal, wenn ich in den Wald ging und jagte, wie nahe er mir hier ist. Es fühlte sich an, als ob er immerzu an meiner Seite wäre. Ich fühlte mich gestärkt.

Im letzten November starb mein Vater. Ich war erleichtert, dass er loslassen konnte und dass sein Leiden ein Ende hatte. Die Trauer begleitet mich trotzdem. Er ist viel zu früh gegangen. Ich hätte ihn gerne noch länger an meiner Seite gehabt.

Doch da ist noch mehr: Ich trete sein Erbe an, widme mich der Natur. Tue Dinge, an die ich mich nie gewagt hätte. Ich gehe mutig in die Zukunft mit gefülltem Rucksack.

42.

Am Freitag würde mein Bruder Sven 42 Jahre alt.
42 ist ein wichtiges Alter. Er wäre nun kein junger Mann mehr.
Vielleicht hätte er Kinder. Vielleicht hätte er einen Partner.
Ich stelle mir meinen Bruder immer als rothaarigen, bärtigen Mann vor.

Manchmal scheint es mir so, als würde mein Herz ausserhalb meines Körpers schlagen. Ich vermisse diesen Bruder sehr. Es bringt mich auch 42 Jahre nach seinem Tod zum Weinen.

Das Leben ist vielleicht einfacher, wenn man Geschwister hat. Man trägt viele Lasten gemeinsam, streitet sich.

Ohne Svens Tod wäre das Leben wohl anders verlaufen.
Ich kann mir meine Eltern gar nicht glücklich vorstellen.
Sein Tod hat alles verändert.

Alles, was in meinem Leben von ihm existiert, ist ein Fussabdruck auf blauem Papier und ein Polaroid meiner Eltern, kurz nach seiner Geburt. Sie sehen glücklich, erschöpft und müde aus. Ich glaube, mein Vater hat sich sehr über die Geburt seines Sohnes gefreut. Meine Mutter sieht müde aus. Und glücklich.

Mit Svens Tod brach so vieles zusammen.

Ich hätte sehr gerne einen Bruder im Leben gehabt. Einen Menschen, der den gleichen Namen wie ich trägt. Das wäre unsere eine Gemeinsamkeit gewesen.

Vielleicht hätte er das Lesen und Schreiben auch geliebt. Vielleicht wäre er aber auch ein Mann der Pflanzen und Bäume geworden. Ein Gärtner. Ein Förster.

42 Jahre ist er tot. Ich hätte ihn so gerne gekannt und erfahren, was für ein Mensch aus ihm werden wird. Ich hätte gerne mit ihm gestritten, mich an ihm gerieben und wäre furchtbar gerne seine grosse Schwester gewesen. Dass ich es nicht sein konnte, macht mich traurig.

Das Band, das uns verbindet.

Vor 12 Jahren wurde ich zur Fahnenpatin. Das scheint alles sehr weit zurück.
Es kam so:

Den Sommer 2009 verlebte ich als Single und das war gut so. Ich reiste mit meinem alten Mercedes durch die Schweiz und erlebte richtig schöne Ferien. Ich war glücklich. An einem der letzten Ferientage traf ich in einer Stadt auf Kinder, die eine verletzte Taube mit Füssen traten und auch noch Freude daran hatten. Ich war total entsetzt und nahm das Tier an mich. Ich erinnere mich, dass ich einen Polizist, der in der Nähe stand und dem Treiben zuschaute, fragte, warum er die Kinder nicht davon abhielt, das Tier weiter zu verletzen. Er zuckte die Schultern und meinte, ich soll doch die Taube auf die Strasse, vor ein Auto, werfen.

Das tat ich natürlich nicht.

Nun, es war Wochenende und ich wusste nicht was tun. Also rief ich meinen Vater an und fuhr mit der verletzten Taube zu ihm. Mein Vater nahm das Tier an sich und erlöste es von seinen Schmerzen.

Aber etwas war danach anders zwischen uns. Mein Vater meinte, wir seien uns ähnlich. Das wusste ich ja, aber für ihn schien es eine ganz neue Erkenntnis zu sein.

Einige Tage später rief er mich an und fragte mich, ob ich Fahnenpatin bei der Einweihung seiner Fahnenstange und einer neuen Fahne auf seinem Kleintiergelände sein wollte. Ich wollte!

Es war ein ganz reizender Abend und all seine tierliebenden Freunde und Freundinnen waren anwesend. Es waren die gleichen Menschen, die auch im November 2020 an seiner Beerdigung sein würden. Wir assen gut, tranken Bier. Es war warm. Dann hielt mein Vater eine kleine Rede. Sie hat mich sehr gerührt, auch wenn ich mich nicht mehr an die einzelnen Worte erinnern kann.

Doch auch hier erwähnte er, dass ich seine Fahnenpatin sei, weil ich – wie er auch – diesen Draht, die Liebe zu Tieren hatte. Das schweisste uns zusammen.

Vor einigen Tagen erinnerte ich mich an diesen Abend. Es tat weh, ihn auf Fotos und in Filmen zu sehen, die ich an jenem Tag gemacht hatte. Ich war damals auf so kindliche Art glücklich. Es war eine besondere Ehre, die er mir als Tochter zuteil werden liess. Es war ein Band, das uns beide noch enger verband als zuvor. Vor einigen Wochen erhielt ich von seiner geliebten Frau eines seiner Bücher. Es ist eines über Greifvögel und Eulen.

Er fehlt.

Ein paar Tränen

Heute morgen packte ich die Tüten aus, die ich von der Frau meines Vaters erhalten hatte. Sie beinhalteten unter anderem seine Schulzeugnisse.
Die Einträge haben mich sehr berührt, denn ich hatte bisher nicht gewusst, wie gut oder schlecht er in der Schule gewesen war.

Mein Vater war kein hervorragender Schüler. Aber er war fleissig und wissbegierig. Er machte immer wieder grosse Fortschritte, litt aber unter einer Lese- und Schreibschwäche. Ich kann mir das heute fast nicht vorstellen, denn er war der erste zeitungslesende Mensch in meinem Leben. Er las in guten leidenschaftlich alles, was ihm unter die Hände geriet. Und er konnte richtig gute Ansprachen halten.

In den naturwissenschaftlichen Fächern war er, natürlich, gut. Alles, was mit der Natur zu tun hatte, schien ihm leicht zu fallen. In dem Punkt waren wir uns, zumindest in der Schulzeit, nicht ähnlich. Ich hatte Mühe mit Physik und Chemie, weil mich das mit 13 oder 14 einfach nicht interessiert hat. Wenn es damals ein Fach „Hollywood in den 50ern“ gegeben hätte, wäre ich auf jeden Fall Klassenbeste gewesen.

Mein Vater besuchte nach der Primarschule die landwirtschaftliche Schule. Er wäre Bauer geworden und hätte den Hof des Vaters übernommen. Aus irgendeinem Grund, den ich bis heute nicht genau weiss, kam alles anders. Er wurde Landschaftsgärtner, ging sogar bis nach Australien, traf meine Mutter und arbeitete später auf dem Bau. Als ich acht Jahre alt war, wurde er Hauswart einer grossen Schule im Thurgau.

Privat, in seinen Vereinen, konnte mein Vater super mit Menschen. Beruflich war es eher schwierig für ihn. Als Kinder bekamen meine Schwester oftmals die Verachtung und den Hass auf ihn zu spüren. Es ist wohl keine Überraschung, dass ich nach meiner Schulzeit den Ort meiner Kindheit so rasch als möglich verliess. Dort hielten mich keine zehn Pferde und ich verspüre bis heute keine Heimatgefühle für jenen Ort.

Wir waren beide immer unangepasst. Die Natur, die Tiere waren (und sind) uns näher, als die Menschen. Wenn ich jetzt an ihn denke, kommt mir immer die schöne Stimme von Joe Dassin in den Sinn. Laut meiner Mutter konnte mein Vater nicht singen. Offenbar hat er nach meiner Geburt nach einem Fest mit seinen Freunden an meiner Wiege laut gesungen, so dass ich wach wurde und weinte. Nachher soll er nicht mehr gesungen haben. Aber das kann ich mir nicht vorstellen.

Vor einigen Tagen stiess ich beim Aufräumen meines Bilderarchivs auf ein Video von ihm. Ich hatte ihn vor über 10 Jahren gefilmt, wie er seine Hühner in Händen hielt. Ich sass da wie gelähmt. Ihn so – lebend – zu sehen, hatte ich nicht erwartet. Es tat weh.

Er kniet da, streichelt seine Tiere und beim Anschauen wird mir klar, dass er einfach bei sich ist, völlig im Moment. Die Tiere haben keine Angst vor ihm und geht mit ihnen ganz natürlich um. Dieser einminütige Film rührt mich sehr. Er macht mir bewusst, wie glücklich ich war und bin, seine Tochter zu sein, und wie sehr er mir fehlt. Gerade jetzt. Und wahrscheinlich immer.

Der erste Mann.

Mein Vater war der erste Mann in meinem Leben.
Er bedeutete mir immer viel.

Als ich noch klein war, war er der Mensch, der mich auf Händen trug.
Er war immer stolz auf mich.
Es gibt Fotos, da schaut er mich einfach nur an.
Seine liebenden Augen vergess ich nie.
Wenn ich krank war und im Spital lag, dann litt er mit.
Doch er zweifelte nie daran, dass ich es schaffe, wieder laufen zu lernen.

Wir glichen uns immer sehr.
Er und ich waren Menschen, die die Natur liebten,
beobachteten und sich wohl fühlten im tiefsten Grün eines Waldes, einer Wiese oder hoch auf einem Berg.

Er war es, der mich auf den Kindersitz seines Militärvelos gesetzt hat und mit mir über Berge und durch Täler fuhr.
«Schneller, Papi, schneller!!» schrie ich wohl.

Mein erster Geburtstag ohne ihn. Es scheint mir so irreal, auch wenn er über ein halbes Jahr tot ist. Er war immer da und jetzt ist er es nicht mehr.
Sein Platz bleibt leer und gerade an diesem Tag tut es umso mehr weh, weil mir bewusst ist, was wir alles hatten.

Was bleibt ist jene Nähe zu ihm, wenn ich unter einem Baum sitze, wenn ich den Vögeln zusehe, die durch die Luft fliegen oder wenn ich zum Säntis schaue. Dann scheint es mir, als sitzt er schweigend neben mir und schaut mir lächelnd zu, wie ich mein Leben – ohne ihn – weiterlebe.

Schritt für Schritt

Ich habe das Gefühl, dass ich in den letzten Tagen meinen Vater weiter loslassen konnte. Er fehlt, aber das Gefühl, dass ein Teil von ihm weiterhin da ist, wenn ich ihn brauche, ist sehr präsent.

Ich denke, ich war reich beschenkt mit dieser engen Beziehung, dieser Vater-Tochter-Liebe. Es fällt mir nicht schwer, ihn loszulassen, denn ich weiss, dass der Tod für ihn eine einzige Erlösung war. Aber ich weiss auch, wie gerne er gelebt habt. Wie gerne er Tiere gehegt und gepflegt hat. Wie sehr er die Natur geliebt hat. Diese Präsenz von ihm, seine klugen Gedanken dazu fehlen mir. Ich hätte gerne noch länger zugehört und gerne mehr Fragen gestellt.

Vor einigen Tagen las ich (endlich) das Buch «H wie Habicht» von Helen Macdonald fertig. Ich hatte grossen Respekt davor, weil ich ahnte, wie sehr es mich emotional in Beschlag nehmen würde. Sie beschreibt in ihrem Roman die Begegnung zwischen ihr und ihrem Habicht Mabel und gleichzeitig das schmerzhafte Loslassen ihres Vaters. Sie findet Worte fürs Trauern und den abgrundtiefen Schmerz, den sie dabei erlitt.

Ich bin dankbar für dieses Buch und musste an einen Satz von C.S. Lewis denken: «Wer liest, ist nicht allein.» Denn das ist wohl der Weg, den alle Trauernden gehen (müssen). Das Loslassen kann einem keiner abnehmen.

Loslassen und träumen

Ein Freund hat mir vor einigen Tagen geraten, meinen Vater loszulassen. Ich war der Meinung, ich hätte längst losgelassen. Aber das ist, auch nach über einem halben Jahr nach seinem Tod, wohl erst langsam möglich.

Ich bin darüber nicht unglücklich, denn ich halte das erste Jahr nach dem Tod eines Menschen für meine Trauer und mein Abschied nehmen wichtig. Ich entdecke immer wieder aufs Neue, wie ich an meinen Vater denke und ihm den Platz in meinem Leben einräume, damit er danach wirklich gehen kann.

Ein Teil meiner Trauer besteht darin, dass ich meine eigenen Träume lebe. Dass ich das tue, was mich glücklich macht, gleichwohl, was andere denken. Das tut gut. Und ich denke, das ist auch dem langsamen Sterben meines Vaters zu verdanken. Ich will glücklich sein und ich bin es auch, am Ende jedes Tages. Seit vielen Monaten schreibe ich eine tägliche Dankbarkeitsliste, um mich an all das zu erinnern, was ich als schön erlebt habe.

Manchmal flammt Wut in mir auf, etwa wenn ich daran denke, dass Leute bei seiner Beerdigung so nebenbei gesagt haben, wir sollen froh sein, konnte er sterben. Ich sage nichts anderes: Ich bin froh, muss mein Vater nicht mehr leiden. Aber wenn mir das jemand anders sagt(e), dann trifft es mich. Und ich empfinde es als übergriffig. Viel schöner wäre das Leben, wäre er noch da.

In ungefähr einem Monat ist mein 44. Geburtstag. Ich hätte mir gewünscht, er wäre dabei. Seine Anwesenheit bei diesem Fest hat es immer besonders gemacht. Schliesslich ist er mein Vater und ich war ein Teil von ihm.

Manchmal wünschte ich, ich hätte ein Grab, das ich bepflanzen könnte. Aber dann denke ich: Es ist schon richtig so, wie es jetzt ist. Ein Stein auf deinen sterblichen Überresten hätte dich genervt. Du gehörst raus auf eine Blumenwiese, unter einen wunderschönen Baum, geliebter Vater.

Ich hätte mir für seine Beerdigung ein Fest gewünscht, wo die Menschen einander umarmen, gemeinsam weinen und lachen, essen und trinken. Ich war an dem Tag so verheult und damit beschäftigt, überhaupt jemanden hinter der Maske zu erkennen, dass es mich nur gestresst hat. Es macht mich traurig, konnte ich nicht gross mit seinen (mir nicht immer näher bekannten) Freunden sprechen. Das hätte mich getröstet.

Am Samstag habe ich ein Fotoalbum entdeckt, dass meine Mutter und er um 1974 angelegt haben. Damals waren sie frisch verheiratet und ich lerne meine jungen Eltern auf den Bildern nochmals ganz anders kennen. Sie sehen so glücklich und schön aus. Dennoch entdecke ich den ernsten Blick meines Vaters, wie er in die Kamera schaut, so als ob er spürt, was das Leben ihm alles anbieten wird. Er wird schöne und traurige Zeiten erleben. Und vor allem wird er viele Jahre später seine grosse Liebe treffen, die ihm bis zu seinem Tod zur Seite stehen wird. Das finde ich sehr tröstlich.

Was mich in den letzten Wochen erstaunt – und erfreut – hat, ist, dass ich von ihm träume. In meinen nächtlichen Spaziergängen ist er immer so um Mitte 40. Er wirkt kraftvoll und strahlt, weil er glücklich ist. Dieses Bild gefällt mir und so mag ich ihn gerne loslassen, weil ich weiss, dass ein Teil immer bei mir ist.

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