Die Autofahrt.

Vor zwei Jahren, zur Zeit der Apfelblüte, machte ich mit meinem Vater eine Fahrt mit dem Auto. Er hatte damals bereits grosse Mühe zu gehen.

Einige Wochen zuvor, ich durfte ihn einige Stunden „hüten“, machte ich ihm den Vorschlag, dass wir nicht einfach direkt von Frauenfeld nach Weinfelden auf den Stelzenhof fahren, sondern so, dass er wünschen kann, welche Wege ich benutzen soll.

Und so fuhren wir bei leicht trübem Thurgauer Frühlingswetter los. Einen Tag zuvor hatte ich den ersten Teil meiner Jagdausbildung bestanden. Ich war müde und glücklich. Ich fuhr von Frauenfeld aus in Richtung Stettfurt, dann hoch nach Wetzikon TG. Wetzikon ist der Ort, wo mein Vater aufwuchs. Auf mich hatte dieser Flecken seit früher Kindheit eine grosse Anziehung. Schliesslich stand dieser Name lange Zeit als mein Heimatort in meiner ID. Wezzinchova bzw. Wezinchova wurde bereits 827 erwähnt. Der Name ist vom althochdeutschen Personennamen Wazo/Wezo abgeleitet.

Wir fuhren die steile Strasse nach Wetzikon hoch und mein Vater sagte: „Erinnerst du dich noch an die Lichtung?“ Dunkel kamen mir Bilder vor Augen.
Dann fuhren wir an blühenden Birnbäumen auf einer Waldlichtung vorbei. Dieses Bild werde ich nie mehr vergessen, denn ich weinte fast vor Glück und Rührung.

Mein Vater führte mich weiter, er schien genau zu wissen, welche Wege ich fahren sollte. Und er hatte recht. Wir landeten am Schluss auf unscheinbaren Wegen auf dem Stelzenhof.

Ihm gefiel die Fahrt offenbar so gut, dass er sich eine weitere wünschte. Das erstaunte mich. Irgendwie. ich erinnerte mich an unsere Lernfahrten, so um 2000, wo er nicht wirklich nett meine Fahrkünste, sich mit weissen Knöcheln an der Handbremse haltend, kommentierte.

Wir fuhren also los in Richtung Wil, Rickenbach, schliesslich Bazenheid, Flawil und wieder zurück. Er redete sehr viel und ich erkannte vieles, was ich zuletzt in meiner Kindheit gehört hatte. Mit einem Mal verstand ich, was er mir sagen wollte. Ich liess das Fenster rauf und runter, die Heizung an und wieder ab. Sein Gefühl für Wärme und Kälte war stark gestört. Er litt darunter. Er der immer so sehr den Sommer liebte, konnte ihn nun fast nicht mehr ertragen. Er fror. Er schwitzte. Sein Gehirn sendete Signale, die für ihn nur schwer zu verarbeiten waren.

Wir fuhren weiter, nach Unterrindal und schliesslich wieder zurück nach Bazenheid. In der Nähe der Kläranlage bat er um eine Pause. Er musste austreten. Und so hielt ich an, ging mit ihm an den Strassenrand, weit unter uns die tosende Thur, und stützte ihn, damit er, der sein Gleichgewichtsgefühl verloren hatte, pissen konnte. Dann gingen wir zurück zum Auto und fuhren zurück nach Hause.

Ein Teil in mir, zugegebenermassen ein sehr kindlicher, glaubte daran, dass wir nun immer mal wieder ausfahren würden. Doch es kam nicht mehr dazu.

Rückblickend scheint es mir, als hätte er mir damals alles gesagt, was ich für mein weiteres Leben wissen muss. Ohne zu wissen, was uns 2020 erwartet, hat er wohl an jenem Tag vor zwei Jahren von mir, der ältesten Tochter, Abschied genommen.

Von der Liebe zum Wald

Ich wuchs in einer braven gemischt-konfessionellen Familie auf. Der allwöchentliche Sonntagsspaziergang gehörte zu meiner (protestantischen) Erziehung dazu.

Mein Vater liebte es, spazieren zu gehen und so liefen wir Kinder und die Mutter neben ihm her. Je steiler das Waldstück, desto besser gefiel es ihm. Er war, meiner Einschätzung nach, ein Waldliebender. Er pflanzte Tannen neben seinem Kaninchenstall, weil er diese Bäume so sehr liebte.

Als Kind hasste ich die Sonntagsspaziergänge. Sie waren mir viel zu hektisch. Ich liebte es, stehen zu bleiben, zu lauschen und dann weiter zu gehen. Leider gab es damals noch keine Digitalkameras, denn dann wäre ich noch langsamer gelaufen, weil ich noch sehr viel mehr durch die Linse gesehen und noch mehr Besonderheiten entdeckt hätte.

Heute ist alles anders. Ich liebe Spaziergänge, das Wandern frühmorgens bei leicht trübem Wetter. Die innere Ruhe, die einkehrt, sobald ich durch einen Wald laufe. Das Herzklopfen, wenn ich Geräusche höre, innehalte und warte, was um mich herum passiert. Die Ruhe, die über mich kommt, wenn ich mich konzentriere.

Es ist heute nicht viel anders, als ich noch ein kleines Kind war. Der Wald fasziniert mich. Ich muss und will leise durch ihn hindurch laufen, um all die anderen Bewohner nicht zu stören. Wenn ich einen von ihnen erblicke, halte ich inne, ganz gleich ob Amsel, Eichhörnchen oder Reh. Da fühle ich mich wieder wie ein kleines Kind. Glücklich. Ganz bei mir.

Aber etwas fehlt mir, trotz meiner 43 Jahre: die starke Hand meines Vaters. Seinen lieben Blick, derweil er mir zuschaut, wie ich irgendwelche Büsche von nahem anschauen muss. Oder Losung fotografiere. Oder mich frage, welcher Berg nun welcher ist.

Manchmal denke ich, dass die Beeinträchtigung seiner Bewegungskompetenz durch seine Krankheit einfach nur schlimm und ungerecht war. Er hat es so sehr geliebt, zu laufen!

Doch gleichzeitig tröstet es mich, dass er bis fast zum letzten Tag seines Lebens so oft als möglich draussen war. An der Murg, an der Thur. Dass er Tiere beobachten konnte. Welche Freude es ihm bereitet hat, sie zu erkennen. Oder mit seiner geliebten Frau darüber zu sprechen, was sie beobachtet hatten.

Dieses Glück, als Kind der Natur begegnen zu dürfen, werde ich nie vergessen. Mein Vater hat mir sehr viel geschenkt. Ohne seine Liebe zur Natur wären für mich die letzten Monate sehr viel schwerer gewesen.

Ich wünschte mir, er würde er noch leben, um die nächsten paar Monate an meiner Seite zu sein.

Warum Trauern kein „Quatsch“ ist.

Vor einem Jahr starb der erste Mensch an Corona in der Schweiz. Seither ist viel passiert. Über 9300 Menschen sind bis heute (5.3.2021) verstorben.

Der Tonfall in diesem Land hat sich verändert. Da sind die einen, die finden „Hey, die waren alt und eh am Ende des Lebens. Ist halt so.“ Und dann sind die da die anderen, die irgendwie das Leben wichtig finden, egal wie alt jemand ist. Ich zähle mich zu den letzteren. Ich bin der Meinung, dass ein Mensch auch hochbetagt oder erkrankt ein Recht auf Leben hat.

Das klingt jetzt vielleicht heftig. Aber es drückt das aus, was mir seit Monaten durch den Kopf geht: Ich bin genauso Corona-müde wie ihr anderen alle auch. Aber für mich ist es nicht einfach damit getan, alte und kranke Menschen weg zu sperren oder zu denken, die Impfung tut dann irgendwann schon den Rest. Ich weigere mich, anderen Menschen ihr Recht aufs Leben abzusprechen, nur weil ich mich in meinen Shopping-Lüsten eingeschränkt sehe. Oder ganz allgemein, sich einen Dreck um all jene zu foutieren, denen es aufgrund der Pandemie verschissen geht und ihnen die finanzielle Hilfe zu verweigern. Das überlasse ich sehr gerne gewissen PolitikerInnen in Bern. Denn offenbar ist Empathie in diesem Business nur hinderlich.

Ich blicke mit den Augen der Trauernden auf Corona. Mein Vater ist nicht an Covid19 gestorben. Aber traurig war dieses Jahr allemal. An seiner Beerdigung durften zwar bis 50 Menschen teilnehmen, aber das gemeinsame Trauern konnten wir nicht leben. Es gab kein Fest, kein sich fröhliches, gemeinsames Erinnern an ihn. Keine Umarmungen. Kein Streicheln. Vielleicht kann man einfach nicht auf Distanz zusammen trauern.

Ich schätze mich glücklich, denn wenn ich mir vorstelle, wie schrecklich es im Frühjahr 2020 gewesen sein muss, seinen liebsten Menschen zu beerdigen, wird mir übel. Das Loslassen, das Trauern, ist so wichtig. Vielen wurde es verwehrt. Dabei ist der Abschied nötig, um sein eigenes Leben gesund weiter zu leben.

Heute mittag läuteten die Glocken. Ich hielt inne und dachte an all die Menschen, die in diesem Jahr ihr Leben verloren haben, obwohl sie noch Wünsche und Träume und Liebe für die Zukunft in sich hatten. Ich dachte an jene Menschen, die von ihren Verstorbenen nicht angemessen Abschied nehmen konnten, an die Tränen, die geflossen sind oder eben vielleicht nicht. Ich dachte an jene Angehörigen, die ihren Sterbenden gar nicht mehr oder auf der Intensivstation besuchen konnten und schlimme Bilder in sich tragen. Ich dachte auch an meinen Vater, an dieses vermaledeite, verlorene Jahr.

Dann öffne ich Twitter und lese, wie sich Menschen über diese 10 Minuten Trauer lustig machen und sie als Quatsch bezeichnen. Ich bemerke, wie ich nicht mal mehr wütend werde, sondern den Kopf schüttle, über soviel Herzlosigkeit und emotionale Kaltschnäuzigkeit. Doch dann denke ich an all jene, die mit anderen trauern, die fähig sind, Mitgefühl zu zeigen. Diese Kraft rührt mich. Dieser Trost, der zwar nicht im RL gelebt werden kann, sondern in Worten ausgedrückt wird, ist wunderschön und lässt mich hoffen.

Frühling auf geplatzter Haut

Ich bin froh, kommt nun der Frühling. Er ist meine liebste Jahreszeit. Ich plange drauf, dass die Bäume und Blumen wieder blühen. Das erste Viertel des Jahres ohne meinen Vater ist um. Weihnachten und sein Geburtstag liegen hinter mir.

Vor einem Jahr, als die Pandemie anrollte, haben wir kurz übers Kranksein gesprochen. Vielmehr aber noch über die Freiheit. Rausgehen. Die Natur erleben. Das war sein grösster Wunsch. Und auch meiner.

Wenn ich im Garten arbeite, bin ich meinem Vater nahe. Das fühlt sich an wie eine sanfte Umarmung. Ich vermisse unsere Umarmungen. Seine Stimme. Mein Blick auf die Linde in meinem Garten, die er hasste: „Der Baum gibt zu viel Schatten. Der macht dir das Haus kaputt.“

Da ist die Erinnerung daran, wie wir vor 10 Jahren unsere Krähe Fritzi aufgezogen haben. Papi hat sie gerettet, im Wissen, dass man sie auf jener Weide vermäht hätte. Er rief mich an und sagte: „Komm vorbei. Ich habe eine Krähe gefunden und ziehe sie auf.“ Ich kam so schnell ich konnte, denn ich erinnerte mich daran, dass mein Vater das schon einmal getan hatte. Als Bub hatte er eine weisse Krähe. Die war zahm und folgte ihm auf Schritt und Tritt, sogar bis in die Schule. Auf Geheiss des Lehrers, ein Grund, warum mir Lehrer wohl immer unsympathisch bleiben werden, musste er sie abgeben. Mein Vater erzählte mir, sie sei dann in den Plättlizoo nach Frauenfeld gekommen. Belegen kann ich das leider nicht. Aber wenn mein Vater das sagt, dann muss das wohl gestimmt haben.

Ich frag mich, ob nun meine Trauerzeit bereits beendet ist. Was da noch kommt. Ich weiss: Da ist Ostern, wo wir immer fein essen gingen. Mein Geburtstag im Juli. Da haben wir ebenfalls gemeinsam gefeiert. Der 1. August. Den feierten wir nicht mehr so sehr, seit wir nicht mehr bei Frauenfeld wohnten. In meiner Erinnerung waren das immer schöne Feste. Gute, liebevolle und kritische Gespräche. Feines Essen. Zusammengehörigkeitsgefühl. So, wie sich in meinem Gefühl nach „Familie“ anfühlt.

Ich möchte nicht einfach übergehen zur Normalität. Denn die gibts wohl nicht mehr. Wenn die Eltern tot sind, ist wohl auch die gefühlte Kindheit zu Ende.
Willkommen im Leben.

Das letzte Fest.

Dein 72. Geburtstag am 19. Februar 2020 war das letzte Fest, an das ich mich erinnern kann. Die Zahl 72 mochte ich immer sehr. Sie ist so harmonisch.
Deine Geburtstage in den letzten 25 Jahren waren immer sehr gesellig. All deine Freunde und Freundinnen trafen sich in eurer Stube. Es wurde gelacht, getrunken und fein gegessen. Deine Frau war immer eine wunderbare Gastgeberin.
Ich erinnere mich an so viele gute, tiefgründige Gespräche. An liebevolle, kritische und freundliche Menschen.

Die letzten paar Jahre hast du an deinem Geburtstag mit deinen Gefühlen nicht zurückgehalten. Du hast deine Mitmenschen fadegrad damit konfrontiert, wie es ist, seine Gesundheit und seine Selbständigkeit zu verlieren. Deine Ehrlichkeit hat mir imponiert. Die Zuneigung und Zärtlichkeit deiner Freunde und Freundinnen auch. Sie waren, mehrheitlich, bis zum Ende deines Lebens für dich da.

Natürlich gab es da auch die anderen, und unter denen hast du anfangs gelitten. Die Menschen, die einfach nur nehmen, andere ausnutzen und keine Empathie für andere aufbringen. Doch du hast das alles einfach stehen lassen. Du warst nämlich anders. Ich erinnere mich daran, wie du in den 90ern und 2000ern jeweils betagte Freunde mit Tierfutter beliefert hast. Es war dir wichtig und darum hast du es getan. Du hast keine grosse Sache draus gemacht, nur gemeint, es sei eben wichtig, dass die weiterhin ihre Tiere füttern und züchten können. Das fand ich immer lieb von dir.

Nun ist bald dein 73. Geburtstag. Das ist dein erster Geburtstag, der ohne dich stattfindet. Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Du warst schliesslich immer da in meinem Leben. Du warst so ein liebenswerter, guter Mensch. Ich vermisse so sehr die Gespräche über die Natur und Tiere mit dir. Deine Sicht auf die Welt. Deine Sprüche. Ich wäre so gerne mit dir an eine Greifvogelschau, zu einem Falkner gefahren. Ich hätte so gerne gewusst, was du davon hältst.

Vor einigen Tagen sah ich einen Western mit Tom Hanks. Um zehn Uhr nachts griff ich zum Telefonhörer, um dich anzurufen und dir davon zu erzählen. Mit einem Mal war mir klar, dass ich dir nie mehr davon erzählen würde.
Ach, lieber Papi, ich hätte zu gerne noch mindestens ein Jahr mehr mit dir gehabt.

Die 73.

Der erste 19. Februar ohne dich.
Wie soll das nur gehen?
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen deiner Geburtstage ausgelassen zu haben. Ich kann mich an so viele erinnern.

Meist lag Schnee. Oder es regnete in Strömen.
Einmal gewann dein Kaninchen den Schweizer Titel.
Du warst sehr stolz. Und ich auf dich.

Immer waren Freunde von dir da und feierten mit dir.
Trotz deiner Krankheit waren es an deinem letztem Geburtstag nicht weniger.
Sie ertrugen deine starke Trauer und deine Tränen.
Es fielen viele liebe Worte an dich.
Voller Freundschaft und Liebe.

Aber beim letzten Kilometer sind all diese Freundschaften wohl nicht mehr so wichtig. Du hast dich nicht mehr an vieles erinnert.
Du hast viel mehr gefühlt.
Was dir wichtig war.

Ich erinnere mich an den letzten Kilometer.
Du hast so stark und schnell geatmet.
Du warst sehr konzentriert
und dennoch voll da.
Du hast meine Hand gedrückt,
als ich dir ein Märchen erzählte.
Es war, als würdest du mir einen letzten Hinweis geben.
Eine Korrektur. Einen Trost, bei alledem, was nun folgen würde.

In einigen Tagen ist dein 73. Geburtstag.
Ich weiss nicht, wie ich den feiern soll,
jetzt, wo du nicht mehr da bist.

Lass die Maske fallen

„Zieh die Maske ab, ich möchte dein Gesicht sehen“, sagte mein Vater, als ich ihn an Pfingsten 2020 im Pflegeheim besuchte. Das Sprechen fiel ihm damals noch nicht schwer, das Bewegen seiner Beine hingegen schon. Ich bin seinem Wunsch nicht nachgekommen, weil mir das schlimmstenfalls einen Rauswurf aus dem Heim eingebracht hätte.

Rückblickend bereue ich es, dass mein Vater mich nicht mehr ansehen konnte.
Mein Vater ist vor zwei Monaten nach langer, schwerer Krankheit zuhause verstorben. In all der Zeit hat er mich nie mehr ohne Gesichtsmaske gesehen, denn das war eine der Abmachungen, die wir als Familie getroffen haben: Lieber so, als dass die Eltern Gefahr laufen, krank zu werden.

Ich sah meinen Vater immer sehr gerne an. Er war ein gutaussehender Mann. Das war er nicht immer gewesen, hatte er mir vor Jahren verraten. Als Jugendlicher litt er unter einer schlimmen Akne, die ihm einige Narben im Gesicht einbrachten. Deswegen hat er sich dann später auch einen Bart wachsen lassen. Als kleines Kind habe ich seinen Bart geliebt. Und als er einmal erwog, diesen zu rasieren, habe ich ihm gedroht: „Dann bist du nicht mehr mein Papi.“

Unsere Vater-Tochter-Beziehung war immer sehr ehrlich gewesen. Ich konnte ihm als Teenager alle meine Sorgen erzählen. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich und selten Ratschläge. Die meisten unserer Gespräche fanden statt, wenn er seine Kaninchen fütterte. Er hörte mir zu, runzelte die Stirn und am Schluss lud er mich jeweils zum Znacht oder einem Kaffee zuhause ein.

All das konnten wir die letzten Monate seines Lebens nicht mehr geniessen. Alles fiel ihm schwer. Er litt und ich stand daneben und konnte ihm nicht helfen. Wahrscheinlich ist all das auch nicht die Aufgabe einer Tochter. Für ihn war wichtig, dass ich mein eigenes Leben lebe, dass ich das tue, was mir wichtig ist. Er hat nie den Wunsch geäussert, dass ich ihn mit-pflegen sollte. Das war für uns beide wohl zu intim. Ich meine, den eigenen Vater derart verletzlich zu erleben, war für mich, trotz 20 Jahren Berufserfahrung in Pflege und Betreuung, ein Schock:

Einen Menschen zu pflegen verlangt von einem, dass man die Maske fallen lässt. Beim Pflegen ist man körperlich und seelisch nahe an seinem Mitmenschen. Anders könnte man ihm gar nicht begegnen und helfend tätig sein. Gleichzeitig trägt man die Maske der Professionalität, die es einem möglich macht, tagtäglich menschliches Leid zu ertragen. Wenn man nun seinen Angehörigen pflegt, umgibt man sich in grosser Nähe zu jenem Menschen, den man liebt, verliert jegliche Zeit und Sorge zu sich selber und muss sich gleichzeitig mit der Endlichkeit des Seins abfinden. All dies ist eine schwer erträgliche Sache.

Ich durfte in den letzten Stunden seines Lebens an meines Vaters Seite sitzen. Ich trug dabei eine Maske. Zwischendurch ging ich auf die Terrasse, um frei durchzuatmen, eine neue Maske anzuziehen, weil die alte von Tränen durchfeuchtet war. An jenem 19. November war ich tieftraurig, weil ich wusste, dass ich meinen Vater nun gehen lassen muss. Doch ich war gleichzeitig von einer grossen Erleichterung durchflutet: ich durfte meinen Vater besuchen. Er musste nicht alleine im Pflegeheim sterben. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Tatsache so glücklich machen würde. Was für ein verdammtes Scheissjahr.

Papi und ich

Das Familienfoto

Dieses eine Familienfoto zeigt alle Ebenen der Trauer und des Todes in meinem Leben auf. Ich mag es seit frühester Kindheit.

Auf dem Foto ist meine Kernfamilie zu sehen. Da ist meine Omi, meine Mutter, damals schwanger mit meinem Bruder, mein Vater und ich, mein Opi und meine Uromi zu sehen. Im Vordergrund sitzt mein Uropi. Dahinter der Hund meiner Urgrosseltern. Dort, wo mein Uropi sitzt, wächst nun ein Rosenstrauch. Ich sehe dieses Foto an und bin mir bewusst, dass ich die einzige bin, die von all jenen noch am Leben ist.

1979 trat der Tod zum ersten Mal wissentlich in mein Leben. Mein Bruder starb wenige Tage nach seiner Geburt. Ich war 2 Jahre alt, kann mich aber bis heute an Bruchstücke, an seinen kleinen weissen Sarg erinnern. Da war diese Beerdigung, dieses kleine Grab. Ich trug einen roten Mantel. Meine Eltern, meine Omi, weinten.

1983 starb Röös, meine Urgrossmutter. Auch an ihren Tod kann ich mich sehr gut erinnern. Sie wachte eines Morgens einfach nicht mehr auf. Ich war sechs Jahre alt, stand in der Stube neben dem antiken Buffet. Röös war sehr alt geworden. Ihr Tod fühlte sich logisch an. Es war eben an der Zeit.

Ein Jahr später starb mein Uropi Henri im Alter von 95 Jahren. Mein Opa hatte ihn und meine Urgrossmutter zuhause gepflegt. Erst viele Jahre später verstand ich die Tragweite von Opis Engagement. Mein Uropi war der erste Mensch, den ich tot gesehen habe. Er trug ein Totenhemd mit Spitze und sah aus wie ein schlafender, sehr alter Engel.

Dann hatte ich sehr lange Ruhe vor dem Tod. 1997, ich war knapp 20 Jahre alt, starb mein Opi an Leberkrebs. Er wusste nach der Diagnose, wie er sterben würde und hat mit niemandem gross darüber geredet. Ich bekam nur mit: „es würde heftig werden“. Opi erstickte langsam. Davor hatte er grosse Angst. ich nehme an, das hat auch mit seinen Kriegserfahrungen zu tun. Das langsame Sterben, der Verlust an Luft, hat ihm immer Angst gemacht. In Zeiten von Covid können wir das vielleicht alle gut nachvollziehen.

Nach Opis Tod dauerte es weitere zehn Jahre, bis der Tod wieder in mein Leben trat. Meine Mutter, damals 56 Jahre alt, litt an Leberzirrhose. Sie starb in einem Pflegeheim, in der Nähe des Ortes, wo sie geboren worden war, neben dem Spital, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte.

Mutters Tod veränderte mein eigenes Leben total. Mit einem Mal war ich mit der Frage konfrontiert, was ich für eine Frau werden würde, jetzt nach Mutters Tod. Mir war klar, ich würde niemals heiraten, niemals Kinder kriegen, nie ein Leben führen, wie es vielleicht (für jemand anderen) angebracht wäre. Das war ein gutes, wenn auch wildes Gefühl. Es begleitet mich bis heute.

Als meine Mutter starb, war ich an ihrer Seite. Ich kriegte mit, wie es ist, wenn ein Mensch langsam stirbt. Wie es sich von aussen anfühlt, wenn ein Mensch geht. Das war eine absolute Grenzerfahrung, vielleicht vergleichbar mit der Geburt eines Kindes, nur einfach andersrum.

Es dauerte weitere zehn Jahre bis 2017. Dann starb meine Omi. Kurz nach Mutters Tod trat Omis Demenz in Erscheinung, so als hätte sie nur darauf gewartet, endlich schalten und walten zu können. Omis Geist tauchte ab. Sie war zwar immer noch der gleiche, liebevolle Mensch, doch all ihre Erinnerungen verschwanden. Für mich war das eine Katastrophe, denn ich begriff, wieviel sie mir bedeutete, wie stark sie mich all die Jahre begleitet hatte.

2020 verlor ich meinen Vater. Was soll ich dazu sagen?
Er fehlt. Sein Verlust ist eine offene Wunde an meinem Herzen.
Er war mir einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich habe ihn sehr geliebt. Ich war immer so stolz auf ihn. Ich sah ihn gerne an. Ich hatte ihn furchtbar gerne. Vielleicht dachte ich in meinem töchterlichen Kind-Ich: er ist unsterblich.

Das war er leider nicht. Ich weiss, dass er an seiner Krankheit unsagbar litt.
Dass sein Tod eine Erlösung für ihn war. Dass ich ihn sehr vermisse. Dass ich von ihm träume.

Mein Rückblick auf ein seltsames Jahr

Nie und nimmer hätte ich mir vorstellen können, was in diesem Jahr alles geschieht. Ich glaube, ich kann sagen, in meinem Leben ist kein Stein auf dem anderen geblieben.

Im Frühling hat mich, wie viele andere auch, der Shutdown sehr getroffen. Ich bemerkte, wie sehr mir meine Freundinnen fehlen und wie gut mir unser Austausch immer tat. Dass neben vielen Anlässen und Feiern und Festen die Jagdprüfung auf Eis gelegt wurde, hat mich sehr beschäftigt. Ich hatte so viel Zeit und Energie zum Lernen investiert und fiel zuerst in ein Loch. Doch ich erfuhr Unterstützung von Jägern hier im Ort und so durfte ich richtig viel mitgehen und ansitzen und meine ersten Erfahrungen als Jägerin machen. Die Begegnungen in der Natur, die Erfahrung von Stille und Konzentration, die Auseinandersetzung mit Leben und Tod, haben mich sehr geprägt und gestärkt, so dass ich den Frühling und den Sommer gut überstand.

Während des Shutdowns wurde mein Vater zunehmend pflegebedürftiger. Seine Erkrankung schritt rasch voran. Ihn leiden zu sehen, war schrecklich für mich und stellte auch mein Bild der professionellen Pflege in Heimen oder zuhause zunehmend in Frage. Wir sahen uns einige wenige Male. Er schenkte mir im Sommer seine Gartenlounge und sein General-Guisan-Porträt. Ich war sehr gerührt und dankbar, aber ich ahnte auch, dass sehr rasch alles anderes werden würde.

Im Sommer wurde meine geliebte Katze krank. 18 Jahre war sie an meiner Seite. Sie zu verlieren, war sehr traurig. Dennoch war ich dankbar; so viele Jahre mit einem Haustier Zeit verbringen zu dürfen, ist selten. Dass wir einige Tage nach Dreizehntels Tod auf Fauci und Aelfric im Tierheim Nesslau aufmerksam gemacht wurden, war eine wunderbare Sache und wir sind unseren Freundinnen Vreni und Stella sehr dankbar. Ein Leben ohne Katze ist möglich, aber sinnlos.

Auch beruflich änderte sich mein Leben sehr rasch und komplett. Nach über 21,5 Jahren direkt in der Betreuung und Begleitung mit meinen Klienten, wechselte ich meine Funktion. Das war für mich im September ein wichtiger, auch sehr emotionaler Schritt, der mich glücklich macht. Panta rhei!

Mein Leben als Autorin war nicht minder spannend, zwar fielen sämtliche Auftritte und Lesungen aus, doch ich war nicht untätig. Ich schrieb für Magazine, bloggte oft. Was 2021 in der Hinsicht bringen wird, weiss ich noch nicht, doch ich bleibe offen für alles.

Im November 2020 verschlechterte sich der Zustand meines Vaters dramatisch. Ich musste mich nun mit seinem baldigen Tod auseinandersetzen. Ich war dankbar, dass mein Vater und ich immer geklärt und friedlich miteinander um- und auseinander gingen. Das erleichterte mein Loslassen, linderte aber nicht die Trauer, die mich umgibt. Dankbar war ich für jenen einen Nachmittag an seiner Seite, ich in Maske, ohne ihn umarmen zu können, wo wir noch miteinander reden konnten. Einige Wochen später verbrachte ich den Nachmittag bei ihm, weinte, erzählte ihm ein Märchen. Kurz nachdem ich ihn verliess, starb er.

Die Weihnachtszeit ist tatsächlich schwierig, weil mir bewusst ist, wie viel ich in diesem Jahr verloren habe, trotz aller Dankbarkeit für Geschenktes. Umso bewusster pflegte ich in den letzten Wochen den Kontakt zu meinen Freundinnen, die, neben meiner Arbeit, mein einziger sozialer Kontakt in der Woche waren.

Weihnachten war für mich lange Jahre die Zeit, wo ich mit Papi und seiner Frau essen ging, wo wir uns gut unterhielten, unsere Verbindung pflegten und uns frohgemut und dankbar wieder verliessen. Er fehlt mir sehr. Umso dankbarer bin ich dafür, dass wir am 27.12. Vaters Frau sehen dürfen. Sie ist noch das letzte, was mir vom Gefühl Familie geblieben ist.

Ich schaue, trotz Pandemie, hoffnungsvoll in die Zukunft. Ich kann gar nicht anders. Zwischendurch streichle ich Aelfric und Fauci und denke:
Alles kommt gut. Es muss einfach.

Ich hasse dich, 2020

Dieses 2020 war für mich ein bedeutsames, schreckliches Jahr.

Ich verlor in diesem Jahr so vieles, wie viele andere auch. Einen Ausbildungsabschluss, auf den ich anderthalb Jahre hingearbeitet habe. Und wovon aktuell nichts übrig bleibt. Ich verlor meine geliebte Katze Dreizehntel im Alter von biblischen 18 Katzenjahren. Ihr Sterben war kurz und heftig. Mitten im Sommer, vor den kalten Tagen, ging sie einfach.

Doch das Prägendste in diesem verdammten Jahr ist der Tod und – noch viel mehr – das Sterben meines Vaters. Seine Krankheit, sein Aufenthalt im Pflegeheim, sein Sterben zuhause, haben mein Leben verändert – trotz der verdammten räumlichen Distanz.

Ich bereue die Zeit, die ich nicht mit ihm verbracht habe zutiefst. Mir fehlt die Zeit mit ihm. Mir fehlen die Zusammentreffen. Die Abende an seiner Seite. Auch wenn wir alles gemeinsam bereinigt haben, bereue ich es, dass ich nicht mehr da war. Wir nicht noch mehr reden konnten, auch wenn vielleicht alles schon gesagt war.

Ohne dieses fucking Corona-Virus wäre alles anders gewesen. Ich wäre mehr für ihn und meine Stiefmutter, die für mich seit Kindertagen wie eine Mutter war, da gewesen, ohne Angst, meine Liebsten krank zu machen. Ich wäre an seiner Seite gesessen, ohne Maske („zieh das Scheiss-Ding ab, ich seh dein Gesicht nicht“ – O-Ton Papi Debrunner im Pflegeheim).

Nun ist mein Vater nicht mehr da, und in meinem Leben klafft eine offene, blutende Wunde. Ich bin sehr traurig, denn gerade Weihnachten ohne ihn wird heavy. Ich hab noch nie in meinem Leben so ein Weihnachtsfest erlebt. Ohne ihn.

Er fehlt mir so sehr, mein schöner, lieber Vater. ich kann nichts anderes sagen. Er fehlt. Verdammt. Er fehlt.