Der erste Mann.

Mein Vater war der erste Mann in meinem Leben.
Er bedeutete mir immer viel.

Als ich noch klein war, war er der Mensch, der mich auf Händen trug.
Er war immer stolz auf mich.
Es gibt Fotos, da schaut er mich einfach nur an.
Seine liebenden Augen vergess ich nie.
Wenn ich krank war und im Spital lag, dann litt er mit.
Doch er zweifelte nie daran, dass ich es schaffe, wieder laufen zu lernen.

Wir glichen uns immer sehr.
Er und ich waren Menschen, die die Natur liebten,
beobachteten und sich wohl fühlten im tiefsten Grün eines Waldes, einer Wiese oder hoch auf einem Berg.

Er war es, der mich auf den Kindersitz seines Militärvelos gesetzt hat und mit mir über Berge und durch Täler fuhr.
«Schneller, Papi, schneller!!» schrie ich wohl.

Mein erster Geburtstag ohne ihn. Es scheint mir so irreal, auch wenn er über ein halbes Jahr tot ist. Er war immer da und jetzt ist er es nicht mehr.
Sein Platz bleibt leer und gerade an diesem Tag tut es umso mehr weh, weil mir bewusst ist, was wir alles hatten.

Was bleibt ist jene Nähe zu ihm, wenn ich unter einem Baum sitze, wenn ich den Vögeln zusehe, die durch die Luft fliegen oder wenn ich zum Säntis schaue. Dann scheint es mir, als sitzt er schweigend neben mir und schaut mir lächelnd zu, wie ich mein Leben – ohne ihn – weiterlebe.

Schritt für Schritt

Ich habe das Gefühl, dass ich in den letzten Tagen meinen Vater weiter loslassen konnte. Er fehlt, aber das Gefühl, dass ein Teil von ihm weiterhin da ist, wenn ich ihn brauche, ist sehr präsent.

Ich denke, ich war reich beschenkt mit dieser engen Beziehung, dieser Vater-Tochter-Liebe. Es fällt mir nicht schwer, ihn loszulassen, denn ich weiss, dass der Tod für ihn eine einzige Erlösung war. Aber ich weiss auch, wie gerne er gelebt habt. Wie gerne er Tiere gehegt und gepflegt hat. Wie sehr er die Natur geliebt hat. Diese Präsenz von ihm, seine klugen Gedanken dazu fehlen mir. Ich hätte gerne noch länger zugehört und gerne mehr Fragen gestellt.

Vor einigen Tagen las ich (endlich) das Buch «H wie Habicht» von Helen Macdonald fertig. Ich hatte grossen Respekt davor, weil ich ahnte, wie sehr es mich emotional in Beschlag nehmen würde. Sie beschreibt in ihrem Roman die Begegnung zwischen ihr und ihrem Habicht Mabel und gleichzeitig das schmerzhafte Loslassen ihres Vaters. Sie findet Worte fürs Trauern und den abgrundtiefen Schmerz, den sie dabei erlitt.

Ich bin dankbar für dieses Buch und musste an einen Satz von C.S. Lewis denken: «Wer liest, ist nicht allein.» Denn das ist wohl der Weg, den alle Trauernden gehen (müssen). Das Loslassen kann einem keiner abnehmen.

Loslassen und träumen

Ein Freund hat mir vor einigen Tagen geraten, meinen Vater loszulassen. Ich war der Meinung, ich hätte längst losgelassen. Aber das ist, auch nach über einem halben Jahr nach seinem Tod, wohl erst langsam möglich.

Ich bin darüber nicht unglücklich, denn ich halte das erste Jahr nach dem Tod eines Menschen für meine Trauer und mein Abschied nehmen wichtig. Ich entdecke immer wieder aufs Neue, wie ich an meinen Vater denke und ihm den Platz in meinem Leben einräume, damit er danach wirklich gehen kann.

Ein Teil meiner Trauer besteht darin, dass ich meine eigenen Träume lebe. Dass ich das tue, was mich glücklich macht, gleichwohl, was andere denken. Das tut gut. Und ich denke, das ist auch dem langsamen Sterben meines Vaters zu verdanken. Ich will glücklich sein und ich bin es auch, am Ende jedes Tages. Seit vielen Monaten schreibe ich eine tägliche Dankbarkeitsliste, um mich an all das zu erinnern, was ich als schön erlebt habe.

Manchmal flammt Wut in mir auf, etwa wenn ich daran denke, dass Leute bei seiner Beerdigung so nebenbei gesagt haben, wir sollen froh sein, konnte er sterben. Ich sage nichts anderes: Ich bin froh, muss mein Vater nicht mehr leiden. Aber wenn mir das jemand anders sagt(e), dann trifft es mich. Und ich empfinde es als übergriffig. Viel schöner wäre das Leben, wäre er noch da.

In ungefähr einem Monat ist mein 44. Geburtstag. Ich hätte mir gewünscht, er wäre dabei. Seine Anwesenheit bei diesem Fest hat es immer besonders gemacht. Schliesslich ist er mein Vater und ich war ein Teil von ihm.

Manchmal wünschte ich, ich hätte ein Grab, das ich bepflanzen könnte. Aber dann denke ich: Es ist schon richtig so, wie es jetzt ist. Ein Stein auf deinen sterblichen Überresten hätte dich genervt. Du gehörst raus auf eine Blumenwiese, unter einen wunderschönen Baum, geliebter Vater.

Ich hätte mir für seine Beerdigung ein Fest gewünscht, wo die Menschen einander umarmen, gemeinsam weinen und lachen, essen und trinken. Ich war an dem Tag so verheult und damit beschäftigt, überhaupt jemanden hinter der Maske zu erkennen, dass es mich nur gestresst hat. Es macht mich traurig, konnte ich nicht gross mit seinen (mir nicht immer näher bekannten) Freunden sprechen. Das hätte mich getröstet.

Am Samstag habe ich ein Fotoalbum entdeckt, dass meine Mutter und er um 1974 angelegt haben. Damals waren sie frisch verheiratet und ich lerne meine jungen Eltern auf den Bildern nochmals ganz anders kennen. Sie sehen so glücklich und schön aus. Dennoch entdecke ich den ernsten Blick meines Vaters, wie er in die Kamera schaut, so als ob er spürt, was das Leben ihm alles anbieten wird. Er wird schöne und traurige Zeiten erleben. Und vor allem wird er viele Jahre später seine grosse Liebe treffen, die ihm bis zu seinem Tod zur Seite stehen wird. Das finde ich sehr tröstlich.

Was mich in den letzten Wochen erstaunt – und erfreut – hat, ist, dass ich von ihm träume. In meinen nächtlichen Spaziergängen ist er immer so um Mitte 40. Er wirkt kraftvoll und strahlt, weil er glücklich ist. Dieses Bild gefällt mir und so mag ich ihn gerne loslassen, weil ich weiss, dass ein Teil immer bei mir ist.

Processed With Darkroom

Die Autofahrt.

Vor zwei Jahren, zur Zeit der Apfelblüte, machte ich mit meinem Vater eine Fahrt mit dem Auto. Er hatte damals bereits grosse Mühe zu gehen.

Einige Wochen zuvor, ich durfte ihn einige Stunden „hüten“, machte ich ihm den Vorschlag, dass wir nicht einfach direkt von Frauenfeld nach Weinfelden auf den Stelzenhof fahren, sondern so, dass er wünschen kann, welche Wege ich benutzen soll.

Und so fuhren wir bei leicht trübem Thurgauer Frühlingswetter los. Einen Tag zuvor hatte ich den ersten Teil meiner Jagdausbildung bestanden. Ich war müde und glücklich. Ich fuhr von Frauenfeld aus in Richtung Stettfurt, dann hoch nach Wetzikon TG. Wetzikon ist der Ort, wo mein Vater aufwuchs. Auf mich hatte dieser Flecken seit früher Kindheit eine grosse Anziehung. Schliesslich stand dieser Name lange Zeit als mein Heimatort in meiner ID. Wezzinchova bzw. Wezinchova wurde bereits 827 erwähnt. Der Name ist vom althochdeutschen Personennamen Wazo/Wezo abgeleitet.

Wir fuhren die steile Strasse nach Wetzikon hoch und mein Vater sagte: „Erinnerst du dich noch an die Lichtung?“ Dunkel kamen mir Bilder vor Augen.
Dann fuhren wir an blühenden Birnbäumen auf einer Waldlichtung vorbei. Dieses Bild werde ich nie mehr vergessen, denn ich weinte fast vor Glück und Rührung.

Mein Vater führte mich weiter, er schien genau zu wissen, welche Wege ich fahren sollte. Und er hatte recht. Wir landeten am Schluss auf unscheinbaren Wegen auf dem Stelzenhof.

Ihm gefiel die Fahrt offenbar so gut, dass er sich eine weitere wünschte. Das erstaunte mich. Irgendwie. ich erinnerte mich an unsere Lernfahrten, so um 2000, wo er nicht wirklich nett meine Fahrkünste, sich mit weissen Knöcheln an der Handbremse haltend, kommentierte.

Wir fuhren also los in Richtung Wil, Rickenbach, schliesslich Bazenheid, Flawil und wieder zurück. Er redete sehr viel und ich erkannte vieles, was ich zuletzt in meiner Kindheit gehört hatte. Mit einem Mal verstand ich, was er mir sagen wollte. Ich liess das Fenster rauf und runter, die Heizung an und wieder ab. Sein Gefühl für Wärme und Kälte war stark gestört. Er litt darunter. Er der immer so sehr den Sommer liebte, konnte ihn nun fast nicht mehr ertragen. Er fror. Er schwitzte. Sein Gehirn sendete Signale, die für ihn nur schwer zu verarbeiten waren.

Wir fuhren weiter, nach Unterrindal und schliesslich wieder zurück nach Bazenheid. In der Nähe der Kläranlage bat er um eine Pause. Er musste austreten. Und so hielt ich an, ging mit ihm an den Strassenrand, weit unter uns die tosende Thur, und stützte ihn, damit er, der sein Gleichgewichtsgefühl verloren hatte, pissen konnte. Dann gingen wir zurück zum Auto und fuhren zurück nach Hause.

Ein Teil in mir, zugegebenermassen ein sehr kindlicher, glaubte daran, dass wir nun immer mal wieder ausfahren würden. Doch es kam nicht mehr dazu.

Rückblickend scheint es mir, als hätte er mir damals alles gesagt, was ich für mein weiteres Leben wissen muss. Ohne zu wissen, was uns 2020 erwartet, hat er wohl an jenem Tag vor zwei Jahren von mir, der ältesten Tochter, Abschied genommen.

Vom Glück der Erinnerung

Nun ist es über ein Jahr her, seit wir alle in eine Art verordnete Käseglocke gesteckt wurden. Ich verspüre Sehnsucht nach dem Leben von vor einem Jahr oder nur dem schon von vor einigen Monaten. Es scheint mir alles irgendwie sehr surreal. Ich erinnere mich an vieles, das mir längst fern scheint. Wie fühlt sich ein Restaurantbesuch an? Wie Krafttraining in einem Fitnesscenter?

Doch das ist nur die eine Seite.
Ich stecke mitten in einer Phase vertieften Lesens und Lernens, neben der Arbeit. Man könnte sagen, es fühlt sich fast so wie eine Art Flow an. Die Dinge gehen mir leicht von der Hand, sei es beim Schreiben, am Arbeitsplatz oder bei der Führung des Haushalts. Beim Kochen. Beim Entsorgen von Gegenständen meiner Eltern und Grosseltern. Es fühlt sich leicht und richtig an.

Ich bin ganz begierig nach Bildung, nach neuen Erkenntnissen, nach Büchern, nach echtem Austausch mit anderen Menschen. Ich lese Zeitungen und Zeitschriften, gestalte Collagen und denke darüber nach, wie ich den Schermäusen im Garten Herrin und den Rasen vertikutieren werde. Ich kann es kaum erwarten, bis es wärmer wird. So möchte ich meine Kräuter wachsen sehen und kochen, feine Brote backen und abends nach der Arbeit in den Wald gehen.

Das Zuhause als wunderbarer, behaglicher Ort bestätigt sich in meinem Leben als gute Entscheidung. Ich liebe mein Haus, weil es so schön und alt und aus Holz gebaut ist. Deshalb verspüre ich wohl auch kein Fernweh. Hier finde ich alles, was mein Herz braucht, um gesund zu bleiben. Ich denke oft an meine Eltern und Grosseltern und was wir all die Jahre hier in diesem Haus gemeinsam erlebt haben. Die Erinnerung an das, was war, und was ich verloren habe, könnte schwer wiegen. Dennoch fühle ich anders: Das Glück, dass ich hier aufwachsen konnte, von meinen Grosseltern und Eltern geliebt wurde und heute hier leben darf, wiegt den Verlust ihres Todes auf.

Im Toggenburger Jahrbuch 2021 las ich vor einigen Tagen einen Text der wunderbaren Hildegard E. Keller, die ebenfalls hier oben aufgewachsen ist. In „Reise durchs Toggenburg in meiner Wohnung“ schreibt sie über die Begegnung mit Gegenständen, die sie all die Jahre vom Toggenburg aus mit in die Welt genommen hat. „Meine Wanderung führt mich in einen Mikrokosmos des maximal persönlichen, es ist eine Reise der Erinnerung. Durch jahrtausendelanges Training ist das Erinnern so stark geworden, dass es Menschen über Generationen hinweg verbindet. Die griechische Kultur nennt sie Mnemosyne.“

Frühling auf geplatzter Haut

Ich bin froh, kommt nun der Frühling. Er ist meine liebste Jahreszeit. Ich plange drauf, dass die Bäume und Blumen wieder blühen. Das erste Viertel des Jahres ohne meinen Vater ist um. Weihnachten und sein Geburtstag liegen hinter mir.

Vor einem Jahr, als die Pandemie anrollte, haben wir kurz übers Kranksein gesprochen. Vielmehr aber noch über die Freiheit. Rausgehen. Die Natur erleben. Das war sein grösster Wunsch. Und auch meiner.

Wenn ich im Garten arbeite, bin ich meinem Vater nahe. Das fühlt sich an wie eine sanfte Umarmung. Ich vermisse unsere Umarmungen. Seine Stimme. Mein Blick auf die Linde in meinem Garten, die er hasste: „Der Baum gibt zu viel Schatten. Der macht dir das Haus kaputt.“

Da ist die Erinnerung daran, wie wir vor 10 Jahren unsere Krähe Fritzi aufgezogen haben. Papi hat sie gerettet, im Wissen, dass man sie auf jener Weide vermäht hätte. Er rief mich an und sagte: „Komm vorbei. Ich habe eine Krähe gefunden und ziehe sie auf.“ Ich kam so schnell ich konnte, denn ich erinnerte mich daran, dass mein Vater das schon einmal getan hatte. Als Bub hatte er eine weisse Krähe. Die war zahm und folgte ihm auf Schritt und Tritt, sogar bis in die Schule. Auf Geheiss des Lehrers, ein Grund, warum mir Lehrer wohl immer unsympathisch bleiben werden, musste er sie abgeben. Mein Vater erzählte mir, sie sei dann in den Plättlizoo nach Frauenfeld gekommen. Belegen kann ich das leider nicht. Aber wenn mein Vater das sagt, dann muss das wohl gestimmt haben.

Ich frag mich, ob nun meine Trauerzeit bereits beendet ist. Was da noch kommt. Ich weiss: Da ist Ostern, wo wir immer fein essen gingen. Mein Geburtstag im Juli. Da haben wir ebenfalls gemeinsam gefeiert. Der 1. August. Den feierten wir nicht mehr so sehr, seit wir nicht mehr bei Frauenfeld wohnten. In meiner Erinnerung waren das immer schöne Feste. Gute, liebevolle und kritische Gespräche. Feines Essen. Zusammengehörigkeitsgefühl. So, wie sich in meinem Gefühl nach „Familie“ anfühlt.

Ich möchte nicht einfach übergehen zur Normalität. Denn die gibts wohl nicht mehr. Wenn die Eltern tot sind, ist wohl auch die gefühlte Kindheit zu Ende.
Willkommen im Leben.

Lass die Maske fallen

„Zieh die Maske ab, ich möchte dein Gesicht sehen“, sagte mein Vater, als ich ihn an Pfingsten 2020 im Pflegeheim besuchte. Das Sprechen fiel ihm damals noch nicht schwer, das Bewegen seiner Beine hingegen schon. Ich bin seinem Wunsch nicht nachgekommen, weil mir das schlimmstenfalls einen Rauswurf aus dem Heim eingebracht hätte.

Rückblickend bereue ich es, dass mein Vater mich nicht mehr ansehen konnte.
Mein Vater ist vor zwei Monaten nach langer, schwerer Krankheit zuhause verstorben. In all der Zeit hat er mich nie mehr ohne Gesichtsmaske gesehen, denn das war eine der Abmachungen, die wir als Familie getroffen haben: Lieber so, als dass die Eltern Gefahr laufen, krank zu werden.

Ich sah meinen Vater immer sehr gerne an. Er war ein gutaussehender Mann. Das war er nicht immer gewesen, hatte er mir vor Jahren verraten. Als Jugendlicher litt er unter einer schlimmen Akne, die ihm einige Narben im Gesicht einbrachten. Deswegen hat er sich dann später auch einen Bart wachsen lassen. Als kleines Kind habe ich seinen Bart geliebt. Und als er einmal erwog, diesen zu rasieren, habe ich ihm gedroht: „Dann bist du nicht mehr mein Papi.“

Unsere Vater-Tochter-Beziehung war immer sehr ehrlich gewesen. Ich konnte ihm als Teenager alle meine Sorgen erzählen. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich und selten Ratschläge. Die meisten unserer Gespräche fanden statt, wenn er seine Kaninchen fütterte. Er hörte mir zu, runzelte die Stirn und am Schluss lud er mich jeweils zum Znacht oder einem Kaffee zuhause ein.

All das konnten wir die letzten Monate seines Lebens nicht mehr geniessen. Alles fiel ihm schwer. Er litt und ich stand daneben und konnte ihm nicht helfen. Wahrscheinlich ist all das auch nicht die Aufgabe einer Tochter. Für ihn war wichtig, dass ich mein eigenes Leben lebe, dass ich das tue, was mir wichtig ist. Er hat nie den Wunsch geäussert, dass ich ihn mit-pflegen sollte. Das war für uns beide wohl zu intim. Ich meine, den eigenen Vater derart verletzlich zu erleben, war für mich, trotz 20 Jahren Berufserfahrung in Pflege und Betreuung, ein Schock:

Einen Menschen zu pflegen verlangt von einem, dass man die Maske fallen lässt. Beim Pflegen ist man körperlich und seelisch nahe an seinem Mitmenschen. Anders könnte man ihm gar nicht begegnen und helfend tätig sein. Gleichzeitig trägt man die Maske der Professionalität, die es einem möglich macht, tagtäglich menschliches Leid zu ertragen. Wenn man nun seinen Angehörigen pflegt, umgibt man sich in grosser Nähe zu jenem Menschen, den man liebt, verliert jegliche Zeit und Sorge zu sich selber und muss sich gleichzeitig mit der Endlichkeit des Seins abfinden. All dies ist eine schwer erträgliche Sache.

Ich durfte in den letzten Stunden seines Lebens an meines Vaters Seite sitzen. Ich trug dabei eine Maske. Zwischendurch ging ich auf die Terrasse, um frei durchzuatmen, eine neue Maske anzuziehen, weil die alte von Tränen durchfeuchtet war. An jenem 19. November war ich tieftraurig, weil ich wusste, dass ich meinen Vater nun gehen lassen muss. Doch ich war gleichzeitig von einer grossen Erleichterung durchflutet: ich durfte meinen Vater besuchen. Er musste nicht alleine im Pflegeheim sterben. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Tatsache so glücklich machen würde. Was für ein verdammtes Scheissjahr.

Papi und ich

(k)ein Nachruf auf meinen Vater

Am Donnerstagabend ist mein Vater verstorben.

Die Beisetzung meines Vaters findet in einigen Tagen statt und ich darf seinen Nachruf verfassen. Dazu muss ich sagen, dass ich es liebe, gute Nachrufe zu lesen. Mein Vater und ich haben jahrelang den Appenzeller Kalender gelesen und uns darüber am Telefon ausgetauscht. Diese Lektüre prägt, wenn man selber in die Lage kommt, über einen lieben Verstorbenen zu schreiben.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater führt einem immer wieder zu sich selbst zurück:
Wer bin ich? Woher komme ich?
Was ist mir wichtig? Wo will ich hin?

In meinem Fall ist es so: ich bin die Tochter meines Vaters. Er war federführend, was die Erziehung von mir und meiner Schwester betraf. Er hat uns geprägt mit seiner Liebe zur Natur, familiären Werten, der Liebe zum Kanton Thurgau (und auch zum Kanton Jura – aber das ist eine ganz andere Geschichte.) Ich verdanke meinem Vater die Fähigkeit zu fliegen: Er liess mich einfach ziehen, auch wenn ich weiss, dass es ihm fast das Herz gebrochen hat.

Mein Vater bemerkte vor einigen Jahren beiläufig, dass ich „es“ nicht von ihm hätte. Er meinte damit das Schreiben. Das mag vielleicht sogar stimmen. Er war eher ein Mann des Wortes. Mein Vater konnte, trotz seiner eher schüchternen, bescheidenen Art, vor Leute hin stehen und etwas sagen. Das habe ich immer sehr bewundert und ihn dafür geliebt. Ich war immer sehr stolz auf meinen Vater, weil er so ein guter Mensch war. Er fehlt mir so.

Während ich das hier schreibe und nachdenke, google ich meinen Vater.
Ich finde Fotos von ihm aus früheren Jahren, wie er sich kraftvoll und strahlend unter Menschen bewegt. Das Lachen habe ich zweifelsohne von ihm. Es gibt von ihm (und mir) kein Foto, wo wir lächeln. Entweder ganz oder gar nicht.

Wir haben die gleichen Gesichtszüge, sind aus einem Holz geschnitzt.
Wir waren es.

41

Wenn du noch am Leben wärst, wäre heute dein 41. Geburtstag. Du wärst vielleicht verheiratet und hättest Kinder, eine Ehefrau oder einen Ehemann, einen Labrador Retriever und würdest in einem Riegelhaus im Zürcher Unterland wohnen. Auf dem einzigen Foto, das ich von dir besitze, hast du rotes Haar.

Unsere Eltern sehen darauf glücklich aus. Aber auch sehr müde. Früher hat mich der Blick auf dieses Polaroid, aufgeklebt auf blaues Papier, neben deinem Fussabdruck, erschüttert, weil ich erkannte, wie schwer sie dein Tod treffen würde nach jenem Moment der erschöpften Freude über die Geburt des ersten Sohnes.

Dein Tod war eine Katastrophe für diese Familie. Es hat das Oben nach unten gekehrt und umgekehrt. Dein Leben dauerte drei Tage und dein Tod hat viele Jahre danach noch deine Angehörigen verfolgt.

Dein Tod hat mein Leben all die Jahre geprägt, denn es ist eine seltsame Sache, einen Bruder zu haben, den man nie gesehen und mit dem man nie gespielt hat und der dennoch so wichtig war.

Ich bin dankbar, dass du da warst, wenn auch nur kurz. Lieber hätte ich dich länger an meiner Seite gehabt, lieber Bruder. Das wäre bestimmt ziemlich gut geworden. Du fehlst.

Farewell my friend

Gestern war der Tag, wo sich unsere Wege nach fast 18 Jahren getrennt haben. Ich wusste, dass es bald soweit sein würde, dennoch wurde ich überrollt, wie schnell es vor sich ging.

Am Tag nach meinem Geburtstag wecktest du mich im Bett. Du wolltest vom Milchschaum meines Kaffees. Das war während vieler Jahre unser Morgenritual. Du hast jeweils drei Mal meinen Finger voller Schaum abgeleckt, dann bist du aus dem Schlafzimmer, die Treppe hinab gesprungen.

Im Laufe des Tages verliessen dich deine Kräfte sehr schnell. Du verbrachtest den Montag an der Sonne liegend auf Saschas Bürostuhl, zufrieden und ruhig. Am Dienstag mochtest du nicht mehr herumlaufen, sondern schliefst einfach auf dem Teppich. Am Abend dann bist du ins Bad gegangen und hast dich dort auf den Badewannenvorleger gelegt. Am Mittwochmorgen wussten wir, dass wir der Tierärztin Bescheid geben würden. Wir wollten dich nicht mehr irgendwo hin transportieren.

Du hattest ein seltsames, sehr kätzisches Wesen. Du warst zärtlich, aber auch sehr egozentrisch, was deine Fress- und Trinkbedürfnisse anging. Mit grosser Geduld hast du täglich eingefordert, was dir gebührte. Mir schien, als würde dir das Leben am besten behagen, wenn Sascha und ich wie faule Würste auf dem Sofa in der Stube lagen und du abwechslungsweise auf uns schlafen konntest.

Dein Fell war wunderschön und von einer aussergewöhnlichen Textur, auf die einen mochte es schwarz wirken, doch wenn man dich genau anschaute, konnte man die dunkle Schokolade erkennen. Deine Augen waren die einer Eule, gross und gelb, dein Blick intensiv. Du warst eine wunderschöne, stolze alte Löwin.

Du liebtest Musik. Wenn Sascha Bass übte oder sich lautstark Death Metal anhörte, dann sassest du auf dem Lautsprecher und blicktest wie eine Sphinx drein, so als wüsstest du alle Geheimnisse der Welt. Als wir 2015 hierher zogen und im August die Jazztage stattfanden, direkt vor unserer Haustüre, warst du sichtlich beeindruckt. Du hast die drei Tage am Fenster verbracht, voller Faszination für die Jazzmusik aus dem Postzelt, das direkt über unserem Haus aufgebaut war. Zu gerne hätten wir mit dir noch einmal die drei schönsten Tage unseres Städtlis miterlebt.

18 Jahre sind eine verdammt lange Zeit für ein Katzenleben, aber auch für mich. Dich loszulassen war einfach nur schmerzhaft und ist es noch immer. Mir fehlen deine Eigenheiten, dein forderndes Miauen, deine Spleens und deine nächtlichen Besuche im Bett, wenn du auf meine Brust gehockt bist und mich einfach angestarrt hast.

Ich will nicht über deinen Tod nachdenken, denn er kam schnell. Die Zeit davor war wunderschön und ich war so stolz, mit dir zusammen zu leben. Du warst für mich die Katze, die ich immer haben wollte, mein seltsames Fabelwesen, meine Schicksalsgefährtin, meine Inspiration für Figuren in Kurzgeschichten.

Du hast mir in deinen letzten Minuten deine Pfote auf die Hand gelegt. Dein Blick ging nach dem Fenster, so als wolltest du vorsorgen, dass deine Seele, und ja, ich bin überzeugt, dass du eine hast, entschwinden kann. Es ging sehr schnell, denn du warst bereit zu gehen und ich wollte dich gehen lassen. Auch wenn ich mich jetzt sehr einsam fühle, so als katzenverwaister Mensch.

Was bleibt sind viele Fotos und meine Erinnerungen an dich, geliebte Katze. Mach es gut.

Die Fotos stammen alle von Sascha @nggalai Erni