Frühling auf geplatzter Haut

Ich bin froh, kommt nun der Frühling. Er ist meine liebste Jahreszeit. Ich plange drauf, dass die Bäume und Blumen wieder blühen. Das erste Viertel des Jahres ohne meinen Vater ist um. Weihnachten und sein Geburtstag liegen hinter mir.

Vor einem Jahr, als die Pandemie anrollte, haben wir kurz übers Kranksein gesprochen. Vielmehr aber noch über die Freiheit. Rausgehen. Die Natur erleben. Das war sein grösster Wunsch. Und auch meiner.

Wenn ich im Garten arbeite, bin ich meinem Vater nahe. Das fühlt sich an wie eine sanfte Umarmung. Ich vermisse unsere Umarmungen. Seine Stimme. Mein Blick auf die Linde in meinem Garten, die er hasste: „Der Baum gibt zu viel Schatten. Der macht dir das Haus kaputt.“

Da ist die Erinnerung daran, wie wir vor 10 Jahren unsere Krähe Fritzi aufgezogen haben. Papi hat sie gerettet, im Wissen, dass man sie auf jener Weide vermäht hätte. Er rief mich an und sagte: „Komm vorbei. Ich habe eine Krähe gefunden und ziehe sie auf.“ Ich kam so schnell ich konnte, denn ich erinnerte mich daran, dass mein Vater das schon einmal getan hatte. Als Bub hatte er eine weisse Krähe. Die war zahm und folgte ihm auf Schritt und Tritt, sogar bis in die Schule. Auf Geheiss des Lehrers, ein Grund, warum mir Lehrer wohl immer unsympathisch bleiben werden, musste er sie abgeben. Mein Vater erzählte mir, sie sei dann in den Plättlizoo nach Frauenfeld gekommen. Belegen kann ich das leider nicht. Aber wenn mein Vater das sagt, dann muss das wohl gestimmt haben.

Ich frag mich, ob nun meine Trauerzeit bereits beendet ist. Was da noch kommt. Ich weiss: Da ist Ostern, wo wir immer fein essen gingen. Mein Geburtstag im Juli. Da haben wir ebenfalls gemeinsam gefeiert. Der 1. August. Den feierten wir nicht mehr so sehr, seit wir nicht mehr bei Frauenfeld wohnten. In meiner Erinnerung waren das immer schöne Feste. Gute, liebevolle und kritische Gespräche. Feines Essen. Zusammengehörigkeitsgefühl. So, wie sich in meinem Gefühl nach „Familie“ anfühlt.

Ich möchte nicht einfach übergehen zur Normalität. Denn die gibts wohl nicht mehr. Wenn die Eltern tot sind, ist wohl auch die gefühlte Kindheit zu Ende.
Willkommen im Leben.

Lass die Maske fallen

„Zieh die Maske ab, ich möchte dein Gesicht sehen“, sagte mein Vater, als ich ihn an Pfingsten 2020 im Pflegeheim besuchte. Das Sprechen fiel ihm damals noch nicht schwer, das Bewegen seiner Beine hingegen schon. Ich bin seinem Wunsch nicht nachgekommen, weil mir das schlimmstenfalls einen Rauswurf aus dem Heim eingebracht hätte.

Rückblickend bereue ich es, dass mein Vater mich nicht mehr ansehen konnte.
Mein Vater ist vor zwei Monaten nach langer, schwerer Krankheit zuhause verstorben. In all der Zeit hat er mich nie mehr ohne Gesichtsmaske gesehen, denn das war eine der Abmachungen, die wir als Familie getroffen haben: Lieber so, als dass die Eltern Gefahr laufen, krank zu werden.

Ich sah meinen Vater immer sehr gerne an. Er war ein gutaussehender Mann. Das war er nicht immer gewesen, hatte er mir vor Jahren verraten. Als Jugendlicher litt er unter einer schlimmen Akne, die ihm einige Narben im Gesicht einbrachten. Deswegen hat er sich dann später auch einen Bart wachsen lassen. Als kleines Kind habe ich seinen Bart geliebt. Und als er einmal erwog, diesen zu rasieren, habe ich ihm gedroht: „Dann bist du nicht mehr mein Papi.“

Unsere Vater-Tochter-Beziehung war immer sehr ehrlich gewesen. Ich konnte ihm als Teenager alle meine Sorgen erzählen. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich und selten Ratschläge. Die meisten unserer Gespräche fanden statt, wenn er seine Kaninchen fütterte. Er hörte mir zu, runzelte die Stirn und am Schluss lud er mich jeweils zum Znacht oder einem Kaffee zuhause ein.

All das konnten wir die letzten Monate seines Lebens nicht mehr geniessen. Alles fiel ihm schwer. Er litt und ich stand daneben und konnte ihm nicht helfen. Wahrscheinlich ist all das auch nicht die Aufgabe einer Tochter. Für ihn war wichtig, dass ich mein eigenes Leben lebe, dass ich das tue, was mir wichtig ist. Er hat nie den Wunsch geäussert, dass ich ihn mit-pflegen sollte. Das war für uns beide wohl zu intim. Ich meine, den eigenen Vater derart verletzlich zu erleben, war für mich, trotz 20 Jahren Berufserfahrung in Pflege und Betreuung, ein Schock:

Einen Menschen zu pflegen verlangt von einem, dass man die Maske fallen lässt. Beim Pflegen ist man körperlich und seelisch nahe an seinem Mitmenschen. Anders könnte man ihm gar nicht begegnen und helfend tätig sein. Gleichzeitig trägt man die Maske der Professionalität, die es einem möglich macht, tagtäglich menschliches Leid zu ertragen. Wenn man nun seinen Angehörigen pflegt, umgibt man sich in grosser Nähe zu jenem Menschen, den man liebt, verliert jegliche Zeit und Sorge zu sich selber und muss sich gleichzeitig mit der Endlichkeit des Seins abfinden. All dies ist eine schwer erträgliche Sache.

Ich durfte in den letzten Stunden seines Lebens an meines Vaters Seite sitzen. Ich trug dabei eine Maske. Zwischendurch ging ich auf die Terrasse, um frei durchzuatmen, eine neue Maske anzuziehen, weil die alte von Tränen durchfeuchtet war. An jenem 19. November war ich tieftraurig, weil ich wusste, dass ich meinen Vater nun gehen lassen muss. Doch ich war gleichzeitig von einer grossen Erleichterung durchflutet: ich durfte meinen Vater besuchen. Er musste nicht alleine im Pflegeheim sterben. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Tatsache so glücklich machen würde. Was für ein verdammtes Scheissjahr.

Papi und ich

(k)ein Nachruf auf meinen Vater

Am Donnerstagabend ist mein Vater verstorben.

Die Beisetzung meines Vaters findet in einigen Tagen statt und ich darf seinen Nachruf verfassen. Dazu muss ich sagen, dass ich es liebe, gute Nachrufe zu lesen. Mein Vater und ich haben jahrelang den Appenzeller Kalender gelesen und uns darüber am Telefon ausgetauscht. Diese Lektüre prägt, wenn man selber in die Lage kommt, über einen lieben Verstorbenen zu schreiben.

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater führt einem immer wieder zu sich selbst zurück:
Wer bin ich? Woher komme ich?
Was ist mir wichtig? Wo will ich hin?

In meinem Fall ist es so: ich bin die Tochter meines Vaters. Er war federführend, was die Erziehung von mir und meiner Schwester betraf. Er hat uns geprägt mit seiner Liebe zur Natur, familiären Werten, der Liebe zum Kanton Thurgau (und auch zum Kanton Jura – aber das ist eine ganz andere Geschichte.) Ich verdanke meinem Vater die Fähigkeit zu fliegen: Er liess mich einfach ziehen, auch wenn ich weiss, dass es ihm fast das Herz gebrochen hat.

Mein Vater bemerkte vor einigen Jahren beiläufig, dass ich „es“ nicht von ihm hätte. Er meinte damit das Schreiben. Das mag vielleicht sogar stimmen. Er war eher ein Mann des Wortes. Mein Vater konnte, trotz seiner eher schüchternen, bescheidenen Art, vor Leute hin stehen und etwas sagen. Das habe ich immer sehr bewundert und ihn dafür geliebt. Ich war immer sehr stolz auf meinen Vater, weil er so ein guter Mensch war. Er fehlt mir so.

Während ich das hier schreibe und nachdenke, google ich meinen Vater.
Ich finde Fotos von ihm aus früheren Jahren, wie er sich kraftvoll und strahlend unter Menschen bewegt. Das Lachen habe ich zweifelsohne von ihm. Es gibt von ihm (und mir) kein Foto, wo wir lächeln. Entweder ganz oder gar nicht.

Wir haben die gleichen Gesichtszüge, sind aus einem Holz geschnitzt.
Wir waren es.

41

Wenn du noch am Leben wärst, wäre heute dein 41. Geburtstag. Du wärst vielleicht verheiratet und hättest Kinder, eine Ehefrau oder einen Ehemann, einen Labrador Retriever und würdest in einem Riegelhaus im Zürcher Unterland wohnen. Auf dem einzigen Foto, das ich von dir besitze, hast du rotes Haar.

Unsere Eltern sehen darauf glücklich aus. Aber auch sehr müde. Früher hat mich der Blick auf dieses Polaroid, aufgeklebt auf blaues Papier, neben deinem Fussabdruck, erschüttert, weil ich erkannte, wie schwer sie dein Tod treffen würde nach jenem Moment der erschöpften Freude über die Geburt des ersten Sohnes.

Dein Tod war eine Katastrophe für diese Familie. Es hat das Oben nach unten gekehrt und umgekehrt. Dein Leben dauerte drei Tage und dein Tod hat viele Jahre danach noch deine Angehörigen verfolgt.

Dein Tod hat mein Leben all die Jahre geprägt, denn es ist eine seltsame Sache, einen Bruder zu haben, den man nie gesehen und mit dem man nie gespielt hat und der dennoch so wichtig war.

Ich bin dankbar, dass du da warst, wenn auch nur kurz. Lieber hätte ich dich länger an meiner Seite gehabt, lieber Bruder. Das wäre bestimmt ziemlich gut geworden. Du fehlst.

Farewell my friend

Gestern war der Tag, wo sich unsere Wege nach fast 18 Jahren getrennt haben. Ich wusste, dass es bald soweit sein würde, dennoch wurde ich überrollt, wie schnell es vor sich ging.

Am Tag nach meinem Geburtstag wecktest du mich im Bett. Du wolltest vom Milchschaum meines Kaffees. Das war während vieler Jahre unser Morgenritual. Du hast jeweils drei Mal meinen Finger voller Schaum abgeleckt, dann bist du aus dem Schlafzimmer, die Treppe hinab gesprungen.

Im Laufe des Tages verliessen dich deine Kräfte sehr schnell. Du verbrachtest den Montag an der Sonne liegend auf Saschas Bürostuhl, zufrieden und ruhig. Am Dienstag mochtest du nicht mehr herumlaufen, sondern schliefst einfach auf dem Teppich. Am Abend dann bist du ins Bad gegangen und hast dich dort auf den Badewannenvorleger gelegt. Am Mittwochmorgen wussten wir, dass wir der Tierärztin Bescheid geben würden. Wir wollten dich nicht mehr irgendwo hin transportieren.

Du hattest ein seltsames, sehr kätzisches Wesen. Du warst zärtlich, aber auch sehr egozentrisch, was deine Fress- und Trinkbedürfnisse anging. Mit grosser Geduld hast du täglich eingefordert, was dir gebührte. Mir schien, als würde dir das Leben am besten behagen, wenn Sascha und ich wie faule Würste auf dem Sofa in der Stube lagen und du abwechslungsweise auf uns schlafen konntest.

Dein Fell war wunderschön und von einer aussergewöhnlichen Textur, auf die einen mochte es schwarz wirken, doch wenn man dich genau anschaute, konnte man die dunkle Schokolade erkennen. Deine Augen waren die einer Eule, gross und gelb, dein Blick intensiv. Du warst eine wunderschöne, stolze alte Löwin.

Du liebtest Musik. Wenn Sascha Bass übte oder sich lautstark Death Metal anhörte, dann sassest du auf dem Lautsprecher und blicktest wie eine Sphinx drein, so als wüsstest du alle Geheimnisse der Welt. Als wir 2015 hierher zogen und im August die Jazztage stattfanden, direkt vor unserer Haustüre, warst du sichtlich beeindruckt. Du hast die drei Tage am Fenster verbracht, voller Faszination für die Jazzmusik aus dem Postzelt, das direkt über unserem Haus aufgebaut war. Zu gerne hätten wir mit dir noch einmal die drei schönsten Tage unseres Städtlis miterlebt.

18 Jahre sind eine verdammt lange Zeit für ein Katzenleben, aber auch für mich. Dich loszulassen war einfach nur schmerzhaft und ist es noch immer. Mir fehlen deine Eigenheiten, dein forderndes Miauen, deine Spleens und deine nächtlichen Besuche im Bett, wenn du auf meine Brust gehockt bist und mich einfach angestarrt hast.

Ich will nicht über deinen Tod nachdenken, denn er kam schnell. Die Zeit davor war wunderschön und ich war so stolz, mit dir zusammen zu leben. Du warst für mich die Katze, die ich immer haben wollte, mein seltsames Fabelwesen, meine Schicksalsgefährtin, meine Inspiration für Figuren in Kurzgeschichten.

Du hast mir in deinen letzten Minuten deine Pfote auf die Hand gelegt. Dein Blick ging nach dem Fenster, so als wolltest du vorsorgen, dass deine Seele, und ja, ich bin überzeugt, dass du eine hast, entschwinden kann. Es ging sehr schnell, denn du warst bereit zu gehen und ich wollte dich gehen lassen. Auch wenn ich mich jetzt sehr einsam fühle, so als katzenverwaister Mensch.

Was bleibt sind viele Fotos und meine Erinnerungen an dich, geliebte Katze. Mach es gut.

Die Fotos stammen alle von Sascha @nggalai Erni

Vom Tod in schweren Zeiten

Jeden Morgen, so es das E-Paper zulässt, lese ich unsere Zeitung. Ich lese den Hauptteil, die Regionalseiten und die Todesanzeigen. Seit einigen Wochen stelle ich eine grosse Veränderung fest.
Wo früher einfach stand: „Beisetzung im engsten Familienkreise“ stehen heute so Sätze wie „In Anbetracht der aktuellen Situation findet die Beisetzung im engsten Familienkreis statt“ oder „Der Zeitpunkt für eine spätere Trauerfeier wird noch bekannt gegeben“ oder „Die Trauerfeier wird im Sommer nachgeholt, dann wenn man sich wieder in grösseren Gruppen treffen darf.“

Mich rührt so etwas zutiefst. Es scheint uns Menschen ein Bedürfnis, gemeinsam zu trauern. Und so schwer jetzt alles ist: Die Vorstellung, dass wir mitten im Sommer oder im Herbst vielleicht gemeinsam zusammensitzen, um um all jene zu trauern, die uns jetzt verlassen und um die wir zu diesem Zeitpunkt nicht gemeinsam trauern können, stimmt mich zuversichtlich.

Der Tod, das Sterben, scheint an jeder Hausecke zu lauern. Wir sind nicht unverletzlich und alles ist vergänglich. Schlussendlich sind wir alle nur ein kleiner Teil des grossen Ganzen. Das ist zwar auf den ersten Blick schrecklich, aber irgendwie auch tröstlich. Carpe diem.

Vier Tode. Was mein Leben verändert hat.

Heute wurde ich auf Twitter von @hipsterfitness von mit der Frage konfrontiert: „Was hat dein Leben verändert?“ Ich möchte diese Frage gerne beantworten.

Der erste Tod in meinem Leben war der meines Bruders Sven.
Er wurde am 17. September 1979, 15 Tage nach Mutters 28. Geburtstag geboren und starb am 20. September 1979 im Kantonsspital Frauenfeld. Ich war zwei Jahre alt und begriff nichts und alles. Ich bin mir sicher, dass ich verstanden hatte, dass meine kindliche Welt mit Mutter und Vater nun nicht mehr existieren würde. Ich verstand körperlich, dass sich nun alles verändern würde.

Ich war zwar nur ein kleines Kind, doch ich fühlte, wie traurig meine Omi und mein Vater waren. Wer einmal unverhofft die Nachricht vom Tode eines geliebten Menschen erhalten hat, kann nachvollziehen, wie die Energie eines Raumes sich verändert. Die Angst. Die Panik. Die Hysterie. Die tiefe Trauer. In all das wurde ich geschmissen, als mein Bruder starb. Ich verlor nicht nur den Bruder, ich verlor auch die Eltern, so wie sie vorher waren.

Der zweite Tod in meinem Leben war der meines Grossvaters Walter.
Er wurde 1924 geboren, wurde mit knapp 20 in den Krieg eingezogen, wurde wieder aus der Armee ausgespuckt. Mein Grossvater war leidenschaftlicher Jazzmusiker. Ich kann mich nicht erinnern, dass je in diesem Haus keine Musik im Radio lief. Mein Opa war ein schmächtiger, zart gebauter Mann. Er hatte seit den frühen 80er Jahren seine Eltern gepflegt, weil er Zeit hatte. Die Textilindustrie im Toggenburg hatte für Menschen wie ihn keine Verwendung mehr.

Sein Sterben kam nicht unerwartet. Er war, solange ich ihn kannte, Alkoholiker gewesen. Er trank langsam, aber stetig, mit Vorliebe Rosé. 1996 wurde er plötzlich müde. Er ging zum Arzt im Spital, der ihm Leberkrebs diagnostizierte. Opi wusste wohl von Anfang an, was ihn erwartete. Stoisch ging er den letzten Tagen seines Lebens entgegen. Den Schluss verbrachte er in dem Bett, in dem schon sein Vater gestorben war. Sein Tod war eine Erlösung für ihn, doch für uns andere war es ein grosser Verlust. Er fehlt.

Der dritte Tod in meinem Leben war der meiner Mutter.
Ich war gerade 30 Jahre alt geworden, als sich abzeichnete, dass ihr Leben nun enden würde. Ich hatte mich schon Jahre davor befasst, denn wie schon ihr Vater war auch sie Alkoholikerin gewesen.

Mit 30 hat man wahrscheinlich als Frau schon Kinder. Ich hatte keine. Mein erstes Gebären war der Tod meiner Mutter. Das Sterben eines Menschen, der einem nahe steht zu begleiten, ist eine harte Sache. Ich wusste nicht, ob ich dem gewachsen war. Doch ich lief auch nicht davor davon. Ich konnte nicht anders.

Ich glaube, wenn man beim Sterben eines Menschen anwesend ist, hat man die Chance, tief ins eigene Ich zu blicken. Was macht mir wirklich Angst? Wen liebe ich? Wie will ich weiter leben? All das erfuhr ich, als ich die Hand meiner Mutter hielt, während sie starb. Es war wirklich hart, aber es war auch ein Geschenk für mein Leben. Nach ihrem Tod wurde ich zu einer anderen Frau.

Der vierte Tod in meinem Leben war der meiner Omi.
Ich wusste, dass Omi und ich uns loslassen würden. Es war von Anfang an klar. Unsere Beziehung war immer eine des Lebens und des Todes gewesen. Wir hatten unzählige Male darüber gesprochen. Zwischen uns war alles klar.

Als sie dann aber im Dezember 2016 ihr Leben langsam losliess, hatte ich Mühe. So viele Jahre hatte ich versucht, für sie zu sorgen, zu schauen, damit sie ihr Leben so leben kann, wie sie es für richtig hält. Autonomie, dieses grosse Wort, hatte ich hoch gehalten, trotz ihrer Demenz.

Doch was bedeutet Autonomie, wenn jemand stirbt? Ich klammerte mich innerlich an sie. Ich konnte sie nach über 39 gemeinsamen Jahren nur schwer loslassen. Sie war für mich der Anker gewesen. Sie zu verlieren war für mich unvorstellbar.

In jener Nacht, als sie ihre letzten Züge tat, schrieb ich, wie schon die Nächte zuvor. Es war tiefster Winter und sehr kalt. Ich schrieb, weil es das war, was ich gut konnte. Am nächsten Morgen erwachte ich, müde und seltsam leicht. Man rief uns an, um uns mitzuteilen, dass Omi um vier Uhr morgens gestorben sei. Es wunderte mich nicht. Es war ihre Zeit. Ihr Leben. Und ihr Abschied.

 


 

 

Vielleicht

Vielleicht war der Verlust meiner Mutter der heftigste meines bisherigen Lebens.
In meiner Mutter wollte ich mich nie erkennen und fand doch immer nur mein Spiegelbild.
Dass sie nun elf Jahre tot ist, erscheint mir manchmal etwas irreal. Es war erst gestern oder nie.

Meine Mutter war 56, als sie starb. Ich war 30, als ich mutterlos wurde.
Ich bin manchmal etwas neidisch, wenn ich andere Töchter mit ihren Müttern sehe.
Aber es macht mich jedes Mal auch glücklich, wenn ich den Stolz in den Augen einer Mutter entdecke.
Dann denke ich: Das ist so schön.

Ich weiss nicht wirklich, ob meine Mutter je stolz auf mich war.
Was ich in meinem Leben bis zu ihrem Tod anstellte, hinterliess sie immer etwas ratlos.
„Schreiben? Woher hast du das bloss? Wenigstens nicht von mir!“
Oder: „Ich könnte nie mit Behinderten arbeiten. Das bräche mir das Herz.“
Oder: „Du fährst Auto. Sowas könnte ich nie. Da hab ich Angst.“

Vielleicht war es aber auch so, dass sie gar keine Worte für ihre Gefühle fand.
Meine Omi schaffte das problemlos. Es gab bis zum Ende ihrer Erinnerung sehr viele Worte des
Stolzes. Das hat die beiden unterschieden. Omi konnte sehr lange ihre Emotionen ausdrücken, derweil es meine Mutter erst kurz vor ihrem Tod schaffte.

Herbstferien

Herbstferien bedeuten für mich Ausruhen, das schöne Wetter im Toggenburg geniessen, den Garten winterfest zu machen und die Gräber von Mami und Omi neu zu machen.

Etwas Gutes hat der schöne Sommer ja: Die Blumen blühen und die beiden Gräber brauchen noch gar keinen Allerheiligenflor, obwohl es in zwei Wochen schon soweit ist. Normalerweise habe ich um diese Zeit Mamis Grab neu gemacht. Es ist nur noch knapp eine Woche bis zu ihrem 11. Todestag.

Vor einigen Wochen ist unsere uralte Forsythie im Sturm umgefallen. Der Baum war bestimmt 50 Jahre alt. Er stand all die Jahre in jenem Blumenbeet neben dem Waschbärenstall. Alles hat seine Zeit und man kann sich fragen, wann die eigene abgelaufen ist.

Ich mag diese Zeit der bunten Farben, wenn die Blätter von den Bäumen fallen. Ich räume den Garten auf und verstaue alles, was wir den Winter über nicht mehr brauchen im Keller. Ich pflanze Tulpen und Narzissen und freue mich auf den Frühling, wenn sie ihre Köpfe aus dem kalten Boden recken. Die alten Rosen blühen noch immer und ich freue mich über jede Blüte wie ein Geschenk.

Vor sechs Jahren um diese Zeit bangte ich um Omi, die ins Altersheim ziehen würde. All das scheint mir elend weit weg und wenn ich nicht soviel darüber geschrieben hätte, wüsste ich es wohl nicht mehr.

Als meine Mutter im Sterben lag, telefonierten Omi und ich praktisch täglich. Wir waren beide durch den Wind und sehr traurig. Omi war der einzige Mensch, dem ich nichts vormachen musste. Wir wussten beide: Das ist nun das Ende. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass sie und ich Mami in den Tod begleitet haben. Omi und ich erlebten die Wochen vor Mamis Todestag jeweils sehr intensiv.

Das hat auch unsere restlichen gemeinsamen Jahre geprägt – bis Omi sich nicht mehr an meine Mutter erinnern konnte. Das war sehr schmerzhaft, denn es zeigte mir auf, dass menschliche Identität sich an den gemeinsamen Erinnerungen festmacht. Es tat mir weh, nicht mehr mit meiner Erinnerungsgefährtin reden zu können.

Doch all das hat auch etwas Gutes. Omis Demenz hat mich dazu gebracht, schreibend weiter zu denken, mich zu erinnern – und loszulassen. Das ist ein grosses Geschenk, trotz allem.

GeburtsTodesTag

Mein Bruder würde heute 39 Jahre alt werden.
Ich kanns mir nicht vorstellen, wie er sein würde.
Seit sein Grab verschwunden ist, scheint mir auch sein Dasein langsam aus den Gedanken wegzuschwinden. Ich bin weniger traurig.

Heute vor zwei Jahren verstarb Tante Bibi.
Ich hab mich davor gescheut, sie nach Omis Tod anzurufen.
Ich wollte nicht die sein, die ihr sagt, dass ihre jüngere Schwester nun auch tot ist.
Dabei war sie da schon längst nicht mehr am Leben.

Ich frage mich, wie eng unser Kontakt hätte sein können.
Sie war sehr offen, herzlich und aufgestellt.
Als Omi noch lebte, hätte ich mir nicht vorstellen können,
eine andere ältere Frau neben ihr zu besuchen.

Es wäre mir wie ein Betrug vorgekommen.
Aber ich bin mir sicher, Bibi hat das verstanden.
Mit ihren damals fast 90 Jahren ermutigte sie mich, gut für Omi
zu schauen.
Man kann sein Herz nicht vierteilen. Ich zumindest kann es nicht.