Was uns verbindet

Ich erinnere mich an ihn und es tauchen so viele Geschichten auf, die wir gemeinsam erlebt haben, dass ich es nur schwer schaffe, sie in Worte zu fassen.

Mein Vater und ich waren einander in vielen Situationen des Lebens eng verbunden, so fühle ich es jedenfalls.
Alles, was ich über meinen Bruder weiss, weiss ich von meinem Vater.
Von meinem Vater habe ich erfahren, wie belastend der Tod und die Beerdigung meines kleinen Bruders war. Mein Vater beschrieb mir, was er damals erlebt hatte. Ich verstand, warum mein Vater so war, wie er war. Ein verletzlicher, liebender Vater.

Mein Vater pflanzte an der Stelle des Grabes einen Nadelbaum. Dieses Bild begleitete mich während meiner Kindheit und Jugend: Wenn etwas stirbt, kann auch neues entstehen. Immer wieder war das Grab meines Bruders für mich ein wichtiger Anlaufpunkt bei wichtigen Entscheidungen in den letzten 40 Jahren.

Als meine Mutter 2007 verstarb, war es an mir, ihre Urne von Frauenfeld Oberkirch nach Lichtensteig zu schaffen. Mein Vater, der zu dem Zeitpunkt schon lange von ihr geschieden war, erfuhr davon. Er fragte mich, wie die Urne vom einen Ort zum anderen Ort gelangen sollte. Als ich es ihm erklärte, fragte er mich: „Das machst du ganz alleine?“
Ich bejahte dies.
Er sagte: „Ich verbiete dir das.“
Nun, ich war zu dem Zeitpunkt um die 30 und ich war es mich nicht gewöhnt, dass er mir irgendwas verbot.
„Du kannst diese Urne nicht alleine irgendwo hin fahren. Ich fahre dich.

Nun, das war sein Liebesdienst an mich und vielleicht auch an meine Mutter. Die war nämlich, sicher in Urne und Karton verstaut, auf dem Rücksitz angeschnallt, derweil wir vom Thurgau ins Toggenburg fuhren. Mein Vater und ich redeten über vieles. Gemeinsam lieferten wir ihre Asche ab.

Dass er vor fast einem Monat verstarb, scheint mir auch jetzt noch absolut irreal. Ich kann es nicht glauben, auch wenn ich es weiss. Es ist kurz vor Weihnachten und eigentlich würden wir nun gemeinsam überlegen, in welches Restaurant wir am 25.12 gehen würden. Nun ja, lieber Papi: Dein Timing war und ist toll. Selbst wenn du noch leben würdest, würden wir in diesem Jahr nicht mehr miteinander essen gehen.

Was bleibt: meine Erinnerung an einen zutiefst empathischen, liebenswürdigen und guten Vater. Meine Trauer um den Menschen, der mir wohl neben meiner Omi am nächsten stand. Ich kann nur schwer glauben, dass er nicht mehr ist. Auch wenn ich es weiss.

Am Tag der Beerdigung meines Vater fuhr ich am Grab meines Bruders in Wängi vorbei. Der Grabstein ist verschwunden. Doch noch schlimmer: Der Nadelbaum ist einfach abgesägt. Tot. Ich stehe da und denke: Nun sind sie alle weg.

Mein Vater, der Eisvogel

Uns blieb unser letztes Jahr verwehrt. Dein Geburtstag im Februar 2020 war das letzte Fest unter Freunden, an das ich mich erinnern kann. Ich hätte nie gedacht, dass dies dein letzter Geburtstag sein würde und du genau neun Monate später tot sein würdest.

Wie viel an gemeinsamer Zeit und lieben Worten haben wir in diesem Jahr verloren?
Es war eines der härtesten Jahre meines Lebens, dieses verdammte 2020. Alles hat sich in meinem Leben verändert. Kein Stein blieb auf dem anderen. Doch dass ausgerechnet du am Ende nicht mehr da sein würdest, habe ich nicht erwartet.

Deine Krankheit war absolut unbarmherzig und grauenvoll. Von allen Dingen im Leben war sie das, was du nie im Leben wolltest. Du wolltest nie krank und auf Hilfe angewiesen sein, nicht bei vollem Bewusstsein die Kontrolle über deinen starken, sportlichen Körper verlieren. Es waren vier Jahre Qual, Leiden und Schmerzen.

Und ich war wenig bei dir, denn unsere Abmachung war: Freiheit ist das wichtigste. Keine Quarantäne riskieren, denn du wolltest täglich raus, in den Murg-Auen-Park, deine Singvögel beobachten. Den Eisvögeln zuschauen. Noch einmal eingeschlossen in ein Zimmer, wie damals im Pflegeheim, kam für dich nicht in Frage. „Isolationshaft“ hast du es genannt und du hattest wohl nicht ganz unrecht.

Rückblickend hätte ich vielleicht mutiger – oder je nach Sicht: rücksichtsloser – sein sollen. Meinem Herzen folgen, dich besuchen. Aber viel zu oft war ich müde, erschöpft, traurig oder einfach nur bestrebt danach, in den Wald zu gehen, abends zu schreiben, mir Ruhe zu gönnen.

Doch da war auch noch der Frühsommer 2019, als du mich batest, mit dir auszufahren und wir an alle für dich wichtigen Orte gefahren sind. Du hast mir sehr viel erklärt, vieles habe ich nicht auf Anhieb verstanden, aber ich habe dir zugehört. Schliesslich verstand ich, was du mir sagen wolltest. Du erzähltest mir Geschichten aus deiner RS, deiner Ehe mit meiner Mutter. Du hast quasi aufgeräumt und reinen Tisch mit dir (und mir) gemacht, derweil ich das Auto lenkte und dich dorthin fuhr, wo du es wünschtest. Irgendwann wurdest du müde und ich fuhr dich wieder nach Hause. Danach warst du seltsam zufrieden und ruhig.

Zu gerne hätte ich mit dir meinem 43. Geburtstag gefeiert. Aber dies blieb uns verwehrt, wie so vieles in diesem Jahr. Wenige Stunden vor deinem Tod sprach ich mit einer Begleitperson von dir, die dich lange Zeit zuhause betreut hat. Sie erzählte mir strahlend, dass sie bei einem Spaziergang mit dir zum ersten Mal im Leben einen Eisvogel gesehen hat. Dieses Strahlen werde ich nie vergessen.

Wenn ich dich suche, geliebter Vater, so gehe ich nicht auf den Friedhof, sondern an die Murg. Ich werde an deinem Ort sitzen und warten, bis ich die Eisvögel sehe und an dich denken, in der Hoffnung, dass du nun auch einer von ihnen geworden bist.

Ach, Papi

Mein Vater war definitiv der erste Mann in meinem Leben.
Mein Papi, ich liebte ihn von Anfang an.
Er trug mich auf seinen Schultern. Fuhr mich mit seinem Velo durch die Welt.
Er war meine Verbindung zur Natur. Er, der Bauernsohn.

Mein Vater war ein Feminist. Er dachte nie in Schubladen, sondern in Geleisen. Lerne einen Beruf. Mach dich unabhängig.
Heirate nicht, wenn du nicht unbedingt musst.
(Das Müssen wäre dagewesen, wenn es ein Kind gegeben hätte. Aber damit habe ich mein Umfeld nie beschenkt.)

Mein Vater ist ein wunderbarer Mensch.
Er ist sehr sensibel. Er ist präsent. Er weiss, was er will.

Vor zwei Jahren hat er zu mir gesagt:
Wenn ich gewusst hätte, wie mein Leben jetzt ist, hätte ich mit 40 noch
sehr viel mehr gelebt, was ich mich nie getraut hätte.
Ach Papi, du weisst gar nicht, was du mit diesen Sätzen bei mir ausgelöst hast.
Den Wunsch nach Freiheit. Den Wunsch, all das zu leben, was in mir steckt, an Potential, an Träumen.

Mir fällt ein Satz ein: Die Mütter schenken einem das Leben, die Väter verleihen einem die Flügel.

Mein Vater war in meiner Jugend einer der Menschen, der mir Flügel verlieh. Er akzeptierte nicht, dass ich meinen Beinen nicht mehr traute. Er hoffte auf mehr. Er trieb mich an. Ich lernte (wieder) zu laufen und zu velofahren, obwohl ich letzteres abgrundtief hasste. Aber trotz allem war es ein gutes Gefühl, zu spüren, was ich alles schaffte.

Nun gibt es so vieles in meinem Leben, was ich gerne mit meinem Vater erleben würde oder erlebt hätte. Er ist präsent in meinem Alltag, auch wenn er nicht immer mit dabei ist.

Ich denke zurück an jene Tage, wo wir gemeinsam unsere Krähe Fritzi aufzogen. Es waren glückliche Stunden, die ich nie vergessen werde. Wir waren als Familie aktiv und haben ein wunderbares Lebewesen am Leben gehalten.

Erinnerungen sind das, was einem bleibt. Erinnern ist eine intime Sache, weil es das Innen nach aussen kehrt. Das Aussen verursacht dann wohl auch all die Tränen, weil einem bewusst wird, wieviel man gerade verloren hat. Was einem fehlt.

Mein Papi ist nach wie vor der erste Mann in meinem Leben.
Ich habe ihn sehr gerne, weil ich mich in ihm wieder erkenne.
Er trägt mich nicht mehr auf seinen Schultern. Stattdessen streichle ich sein Gesicht. Sein weisses Haar.
Dank seinen Wünschen wage ich mich hinaus. In die Natur und stehe meinen Menschen.

Das Leben vorher und nachher

Heute ist es 13 Jahre her, dass meine Mutter verstorben ist. Anders als noch vor einigen Jahren denke ich weniger häufig an sie. Es ist nicht so, dass sie aus meinem Leben verschwunden wäre, sondern viel eher, dass sie den Platz gewechselt hat.
Ehrlich gesagt war ich während der letzten Monate sogar froh, dass sie nicht mehr lebt. Ich bezweifle, dass sie verstanden hätte, was um sie herum passiert. Ich denke auch, dass jemand wie sie Mühe gehabt hätte, ihre sozialen Kontakte zu beschränken. Es hätte sie wohl sehr getroffen, ihre Freunde nicht mehr zu sehen. Sie stand kurz vor ihrem Tod mitten im Leben.

Seit ihrem Tod hat sich alles in meinem Leben verändert und ich gehe sogar soweit zu sagen: es gibt (m)ein Leben vor und nach dem Tod meiner Mutter. Dass sie starb, als ich gerade mal 30 Jahre alt war, finde ich nach wie vor viel zu früh. Ich denke heute, dass man seine Mutter nicht nur als Kind braucht, sondern auch später. Es gibt vieles zu klären und zu bereden. Natürlich kann man dies auch nach dem Tod eines Elternteils machen, aber vielleicht erleichtert das Zusammenleben auch einiges.

Die eigene Mutter zu beerdigen bedeutet auch, einen Schlussstrich zu ziehen. Sie hat mich geboren und es war meine Aufgabe, sie der Erde zurück zu geben. Das Bild gefällt mir, auch wenn die Umsetzung doch eher emotional anspruchsvoll war. Als vor 23 Jahren mein Opa starb, da standen meine Mutter, meine Schwester und Omi mit mir an seinem Grab. 10 Jahre später waren dann nur noch meine Omi und ich da. Nur wenige andere Menschen kamen damals an Mutters Beerdigung.

Wenn ich heute Todesanzeigen lese, fällt mir auf, wie oft die Trauernden schreiben: „Wir bitten vom Kondolieren abzusehen.“ Ich frage mich oft, warum das so ist. Natürlich ist es scheissehart, als Trauernde dazustehen und Hände zu schütteln. (Ok, dank Corona werden weniger Toppen geschüttelt als früher.) Aber ich fand es auch immer sehr schön, bei aller Trauer und vielen Tränen, wenn ich mitbekam, dass auch andere traurig sind, weil mein Angehöriger nicht mehr lebt.

Meine Omi war diesbezüglich ein Vorbild. Auch sie war sehr traurig, als mein Opi und meine Mutter starben. Doch sie schaffte es, die Trauernden und Kondolierenden zu trösten und sorgte sogar dafür, dass während des Leidmahls Leute (wieder) lachten. Ihr Wortgefecht mit ihrer älteren Schwester Hadj beim Trauermahl meiner Mutter bleibt mir unvergessen:
Omi erzählt eine Geschichte über ihren Vater. Hadj unterbricht sie barsch und sagt: „Päul, woher wettsch jetzt du da wüsse. Für da bisch du no viel z’jung!“ Ich schrie vor Lachen. Omi und Hadj gingen da nämlich beide gegen die 80 zu.

Noch etwas hat der Tod meiner Mutter in meinem Leben verändert. Omi, Papi, seine Frau und ich wuchsen mehr zusammen. Viele Jahre haben wir anschliessend zusammen gefeiert. Dafür bin ich sehr dankbar. Dass Omi nicht mehr bei uns ist, macht mich noch immer traurig. Aber auch in ihrem Fall bin ich froh, dass sie Corona im Pflegeheim nicht miterleben musste. Ich glaube, das hätte mich als Enkelin seelisch kaputt gemacht, sie nicht mehr sehen zu dürfen.

Das Leben ist eine stürmische See. Wir sitzen alle in unseren Booten, sind Wind und Wetter ausgesetzt. Die Erfahrungen, die wir sammeln konnten, die Liebe, die wir erfahren durften, geben Halt, um den Sturm zu überstehen und gesund in den nächsten Hafen einzulaufen.

41

Wenn du noch am Leben wärst, wäre heute dein 41. Geburtstag. Du wärst vielleicht verheiratet und hättest Kinder, eine Ehefrau oder einen Ehemann, einen Labrador Retriever und würdest in einem Riegelhaus im Zürcher Unterland wohnen. Auf dem einzigen Foto, das ich von dir besitze, hast du rotes Haar.

Unsere Eltern sehen darauf glücklich aus. Aber auch sehr müde. Früher hat mich der Blick auf dieses Polaroid, aufgeklebt auf blaues Papier, neben deinem Fussabdruck, erschüttert, weil ich erkannte, wie schwer sie dein Tod treffen würde nach jenem Moment der erschöpften Freude über die Geburt des ersten Sohnes.

Dein Tod war eine Katastrophe für diese Familie. Es hat das Oben nach unten gekehrt und umgekehrt. Dein Leben dauerte drei Tage und dein Tod hat viele Jahre danach noch deine Angehörigen verfolgt.

Dein Tod hat mein Leben all die Jahre geprägt, denn es ist eine seltsame Sache, einen Bruder zu haben, den man nie gesehen und mit dem man nie gespielt hat und der dennoch so wichtig war.

Ich bin dankbar, dass du da warst, wenn auch nur kurz. Lieber hätte ich dich länger an meiner Seite gehabt, lieber Bruder. Das wäre bestimmt ziemlich gut geworden. Du fehlst.

Fünf Jahre

Fünfeinhalb Jahre

Bald leben wir ein halbes Jahrzehnt hier im Toggenburg und die Zeit scheint zu rasen. In wenigen Tagen werde ich 43 Jahre alt und mir scheint, als gehe vieles sehr schnell.

Das Haus hat sich verändert. Der Garten nicht.
Im Garten wachsen Rosen und andere Pflanzen. Viele Tiere halten sich bei uns auf, angefangen bei Schmetterlingen, Ameisen, Bienen, verschiedensten Vögeln wie Elstern, Wasseramseln, Kleibern, Buntspechten, Spatzen, Kohlmeisen, dann Füchse, Marder, Igel und all die Nachbarskatzen…

Ehrlich gesagt bin ich froh, dass Omi seit 2017 nicht mehr lebt. Wie hätte ich ihr erklären sollen, dass ich sie über zwei Monate nicht mehr hätte besuchen dürfen? Wie hätte sie verstanden, was eine Pandemie ist? Sie hat weiss Gott vieles erlebt, aber das ist ihr erspart geblieben!

Ich denke oft an die Angehörigen jener älteren Menschen, die in Pflegeheimen verstorben sind. Die nicht besucht werden durften. Es tut mir weh, denn ich weiss genau, wie wichtig diese Begegnungen für Angehörige und die älteren Menschen sind. Man sieht sich. Umarmt sich. Redet.

Ich kann nur ahnen, wie viele Angehörige ihre älteren Menschen nicht mehr besuchen konnten. Vor dem Tod. Was für eine Lücke das hinterlässt. Was für Narben bleiben. So viel sollte noch besprochen werden. So viele Umarmungen fehlten noch. Es brauchte so viele wichtige Gespräche. Verzeihungen. Entschuldigungen. Liebesbekundungen. Letzte wichtige Worte. Von allen Seiten.

Allesamt sind sie in vielen Situationen ausgeblieben. Die Hinterbliebenen bleiben vielfach mit ihren Emotionen alleine. Trauerarbeit bleibt auf der Strecke in einer Zeit, wo die einen Rücksicht auf andere unternehmen und andere Party machen.

Vom Tod in schweren Zeiten

Jeden Morgen, so es das E-Paper zulässt, lese ich unsere Zeitung. Ich lese den Hauptteil, die Regionalseiten und die Todesanzeigen. Seit einigen Wochen stelle ich eine grosse Veränderung fest.
Wo früher einfach stand: „Beisetzung im engsten Familienkreise“ stehen heute so Sätze wie „In Anbetracht der aktuellen Situation findet die Beisetzung im engsten Familienkreis statt“ oder „Der Zeitpunkt für eine spätere Trauerfeier wird noch bekannt gegeben“ oder „Die Trauerfeier wird im Sommer nachgeholt, dann wenn man sich wieder in grösseren Gruppen treffen darf.“

Mich rührt so etwas zutiefst. Es scheint uns Menschen ein Bedürfnis, gemeinsam zu trauern. Und so schwer jetzt alles ist: Die Vorstellung, dass wir mitten im Sommer oder im Herbst vielleicht gemeinsam zusammensitzen, um um all jene zu trauern, die uns jetzt verlassen und um die wir zu diesem Zeitpunkt nicht gemeinsam trauern können, stimmt mich zuversichtlich.

Der Tod, das Sterben, scheint an jeder Hausecke zu lauern. Wir sind nicht unverletzlich und alles ist vergänglich. Schlussendlich sind wir alle nur ein kleiner Teil des grossen Ganzen. Das ist zwar auf den ersten Blick schrecklich, aber irgendwie auch tröstlich. Carpe diem.

hey, wenig Trauer

Diese Woche dachte ich bei mir: hey, sehr wenig Trauer vorhanden.
Ich denke wenig an meine Mutter, dafür mehr an meine Omi.
Aber die Gefühle sind nicht trauriger Natur.
Oftmals denke ich: Was würde Omi jetzt dazu sagen?
Am Donnerstag dann war mein und Saschas 10jähriges.
Ich war noch nie mit einem Menschen so lange zusammen.
Nur mit der Katze.

Ich machte mir viele Gedanken, wann der Tod eine Erlösung ist. Bisher habe ich das nie so gesehen, denn ich kannte nur Menschen, die am Leben hingen und nicht sterben wollten. Was aber ist, wenn jemand schwerkrank ist und starke Schmerzen erleidet und nur noch mit Tränen in den Augen durch den Tag kommt, weil alles zu viel ist?

Dann erfahre ich, dass B. verstorben ist. Und heute morgen dann, dass K. nicht mehr lebt.
Ich habe nicht geweint, aber ich bin traurig. Beide waren Frauen, die so viel bewirkt haben und die ich beide sehr geschätzt habe. Der Gedanke, dass ich nie mehr mit ihnen reden, nie mehr Texte von ihnen lesen kann, macht mich sehr traurig. Auf der Heimfahrt dann weine ich. Aber das ist ok.

Allerheiligen war Omis Feiertag. Sie hat ihn, so lange sie sich daran erinnerte, begangen und mich immer sehr am Telefon angefaucht, wenn ich nicht bei ihr aufgetaucht bin. Meinen Einwand, dass das im Thurgau kein Feiertag ist, hat sie nicht gelten lassen.

Vor einigen Tagen erfuhr ich, dass die Vorbesitzerin dieses Hauses (also Frau B. bis ca 1955, als Henri und Röös das Haus kauften), Leichenwäscherin war. Eine ältere Dame, sie war vielleicht 80, erzählte mir, dass sie schon als Kind Angst und Respekt vor dem Haus und deren Bewohnerin gehabt habe.

Das fand ich bemerkenswert und irgendwie passt es zum Haus.

Willst du mit mir gehen?

Vor einigen Tagen stiess ich auf dieses Lied von Daliah Lavi. Ich mag es seit Kindertagen, denn ich wuchs mit ihrer rauchigen Stimme auf. Ganz gleich ob nachdenklicher Schlager oder „Stahlnetz des Dr. Mabuse“, Daliah Lavi war in unserem Thurgauer Haushalt eine feste Grösse.

„Willst du mit mir gehen?“ hat sich für mich in all den Jahren zu einer Hymne des Älterwerdens entwickelt. Daliah singt von Verbundenheit und dem Mut zur Liebe. Das sind allgemeingültige Themen, die auf jede Lebenssituation passen.

Für mich ist ihr Song ein Mutmachlied für Liebe und Demenz. Wie sonst sollen Paare durch diese schwierige Phase kommen? Daliahs Stimme ist intensiv und ich muss jedes Mal, wenn ich dieses Lied höre, mit den Tränen kämpfen. Es berührt mich tief drinnen und ich denke: es ist so wahr.

Wie soll man das Vergessen des geliebten Menschen ertragen?

Wenn der geliebte Mensch langsam verschwindet, nicht aber die Liebe?

Wenn man spürt, wie die ganze Erinnerung in den Händen zerrinnt.

Wenn man nur schwer erträgt, wie es dem geliebten Mensch geht und man nichts tun kann, um ihm sein Leiden zu lindern?

Wenn der Mensch, den man liebt, nur noch schwer leben kann und so sehr leidet, dass er keine Perspektive mehr sieht, weiter zu leben?

Vier Tode. Was mein Leben verändert hat.

Heute wurde ich auf Twitter von @hipsterfitness von mit der Frage konfrontiert: „Was hat dein Leben verändert?“ Ich möchte diese Frage gerne beantworten.

Der erste Tod in meinem Leben war der meines Bruders Sven.
Er wurde am 17. September 1979, 15 Tage nach Mutters 28. Geburtstag geboren und starb am 20. September 1979 im Kantonsspital Frauenfeld. Ich war zwei Jahre alt und begriff nichts und alles. Ich bin mir sicher, dass ich verstanden hatte, dass meine kindliche Welt mit Mutter und Vater nun nicht mehr existieren würde. Ich verstand körperlich, dass sich nun alles verändern würde.

Ich war zwar nur ein kleines Kind, doch ich fühlte, wie traurig meine Omi und mein Vater waren. Wer einmal unverhofft die Nachricht vom Tode eines geliebten Menschen erhalten hat, kann nachvollziehen, wie die Energie eines Raumes sich verändert. Die Angst. Die Panik. Die Hysterie. Die tiefe Trauer. In all das wurde ich geschmissen, als mein Bruder starb. Ich verlor nicht nur den Bruder, ich verlor auch die Eltern, so wie sie vorher waren.

Der zweite Tod in meinem Leben war der meines Grossvaters Walter.
Er wurde 1924 geboren, wurde mit knapp 20 in den Krieg eingezogen, wurde wieder aus der Armee ausgespuckt. Mein Grossvater war leidenschaftlicher Jazzmusiker. Ich kann mich nicht erinnern, dass je in diesem Haus keine Musik im Radio lief. Mein Opa war ein schmächtiger, zart gebauter Mann. Er hatte seit den frühen 80er Jahren seine Eltern gepflegt, weil er Zeit hatte. Die Textilindustrie im Toggenburg hatte für Menschen wie ihn keine Verwendung mehr.

Sein Sterben kam nicht unerwartet. Er war, solange ich ihn kannte, Alkoholiker gewesen. Er trank langsam, aber stetig, mit Vorliebe Rosé. 1996 wurde er plötzlich müde. Er ging zum Arzt im Spital, der ihm Leberkrebs diagnostizierte. Opi wusste wohl von Anfang an, was ihn erwartete. Stoisch ging er den letzten Tagen seines Lebens entgegen. Den Schluss verbrachte er in dem Bett, in dem schon sein Vater gestorben war. Sein Tod war eine Erlösung für ihn, doch für uns andere war es ein grosser Verlust. Er fehlt.

Der dritte Tod in meinem Leben war der meiner Mutter.
Ich war gerade 30 Jahre alt geworden, als sich abzeichnete, dass ihr Leben nun enden würde. Ich hatte mich schon Jahre davor befasst, denn wie schon ihr Vater war auch sie Alkoholikerin gewesen.

Mit 30 hat man wahrscheinlich als Frau schon Kinder. Ich hatte keine. Mein erstes Gebären war der Tod meiner Mutter. Das Sterben eines Menschen, der einem nahe steht zu begleiten, ist eine harte Sache. Ich wusste nicht, ob ich dem gewachsen war. Doch ich lief auch nicht davor davon. Ich konnte nicht anders.

Ich glaube, wenn man beim Sterben eines Menschen anwesend ist, hat man die Chance, tief ins eigene Ich zu blicken. Was macht mir wirklich Angst? Wen liebe ich? Wie will ich weiter leben? All das erfuhr ich, als ich die Hand meiner Mutter hielt, während sie starb. Es war wirklich hart, aber es war auch ein Geschenk für mein Leben. Nach ihrem Tod wurde ich zu einer anderen Frau.

Der vierte Tod in meinem Leben war der meiner Omi.
Ich wusste, dass Omi und ich uns loslassen würden. Es war von Anfang an klar. Unsere Beziehung war immer eine des Lebens und des Todes gewesen. Wir hatten unzählige Male darüber gesprochen. Zwischen uns war alles klar.

Als sie dann aber im Dezember 2016 ihr Leben langsam losliess, hatte ich Mühe. So viele Jahre hatte ich versucht, für sie zu sorgen, zu schauen, damit sie ihr Leben so leben kann, wie sie es für richtig hält. Autonomie, dieses grosse Wort, hatte ich hoch gehalten, trotz ihrer Demenz.

Doch was bedeutet Autonomie, wenn jemand stirbt? Ich klammerte mich innerlich an sie. Ich konnte sie nach über 39 gemeinsamen Jahren nur schwer loslassen. Sie war für mich der Anker gewesen. Sie zu verlieren war für mich unvorstellbar.

In jener Nacht, als sie ihre letzten Züge tat, schrieb ich, wie schon die Nächte zuvor. Es war tiefster Winter und sehr kalt. Ich schrieb, weil es das war, was ich gut konnte. Am nächsten Morgen erwachte ich, müde und seltsam leicht. Man rief uns an, um uns mitzuteilen, dass Omi um vier Uhr morgens gestorben sei. Es wunderte mich nicht. Es war ihre Zeit. Ihr Leben. Und ihr Abschied.