Weiterleben

Erinnerst du dich an die Zeit vor zwei Jahren?
Ich war so aufgeregt, dass ich fieberte. Erkältet war.
Nichts ging mehr.
Wir haben viel telefoniert.
„Du schaffst das“, hast du gesagt, mit fester Stimme, obwohl es dir schon nicht mehr wirklich gut ging.
Zuversicht. Das hast du verbreitet. Vertrauen.

Vor zwei Jahren war alles anders als jetzt. Und doch ähnlich.
Ich ahnte dein Sterben.
Es hat mir mehr als einmal die Tränen in die Augen getrieben.
Ich weiss, ich bin eine Vatertochter.
Du warst mir immer nahe.

Ich wusste, dass ich mit all meinen Sorgen immer zu dir kommen konnte.
Du hattest das offene Ohr für mich.

Als ich meine erste Prüfung geschafft hatte, hast du deinen Freunden gesagt:
„Von mir hat sie das nicht.“

Deine Prüfungen im Leben waren immer anderer Natur als meine.
Du hattest einen Vater, der nicht liebevoll, sondern gewalttätig war.
Du hast mit 31 Jahren deinen Sohn verloren.
Du wolltest immer eine Familie.

Oftmals hast du mich nicht verstanden.
Ich war dir ähnlicher, als du wahrhaben wolltest.
Wir sind beide Menschen, die Vögel lieben.
Die den Dingen auf den Grund gehen.

Präteritum.
Die Dinge sind vergangen.
Du bist nicht mehr da und ich bin nicht mehr die gleiche seit deinem Tod.
Du fehlst.

Heute hat mir dein Verlust einmal mehr die Tränen in die Augen getrieben.
Seit zwei Wochen bin ich berufshalber zum zweiten Mal geimpft.
Jetzt wäre der Moment da, wo wir uns wieder unverkrampft sehen könnten.
Doch seit bald einem halben Jahr liegst du da in deinem kalten Grab auf dem Friedhof.

Jetzt gerade bräuchte ich dich sehr, weil ich nämlich noch immer nicht den Unterschied zwischen Douglasie, Weisstanne und Fichte geschnallt habe.
Weil ich die Stauden im Winter nicht voneinander unterscheiden kann.
Du wüsstest das alles, weil du immer ein Mann der Pflanzen, der Bäume warst.

Als euer Sohn Sven, mein Bruder, starb, hast du auf seinem Grab einen Nadelbaum gepflanzt. Erst vor einigen Jahren wurde mir bewusst, was das bedeutet. Du hast ihn (für uns) weiterleben lassen.

Erst kurz vor deinem Tod wurde Svens Grabstein und der Nadelbaum entfernt.
Ich hätte mir gewünscht, dass der Baum noch steht. Damit ich etwas habe, was von unserer Familie weiterlebt.

Von der Liebe zum Wald

Ich wuchs in einer braven gemischt-konfessionellen Familie auf. Der allwöchentliche Sonntagsspaziergang gehörte zu meiner (protestantischen) Erziehung dazu.

Mein Vater liebte es, spazieren zu gehen und so liefen wir Kinder und die Mutter neben ihm her. Je steiler das Waldstück, desto besser gefiel es ihm. Er war, meiner Einschätzung nach, ein Waldliebender. Er pflanzte Tannen neben seinem Kaninchenstall, weil er diese Bäume so sehr liebte.

Als Kind hasste ich die Sonntagsspaziergänge. Sie waren mir viel zu hektisch. Ich liebte es, stehen zu bleiben, zu lauschen und dann weiter zu gehen. Leider gab es damals noch keine Digitalkameras, denn dann wäre ich noch langsamer gelaufen, weil ich noch sehr viel mehr durch die Linse gesehen und noch mehr Besonderheiten entdeckt hätte.

Heute ist alles anders. Ich liebe Spaziergänge, das Wandern frühmorgens bei leicht trübem Wetter. Die innere Ruhe, die einkehrt, sobald ich durch einen Wald laufe. Das Herzklopfen, wenn ich Geräusche höre, innehalte und warte, was um mich herum passiert. Die Ruhe, die über mich kommt, wenn ich mich konzentriere.

Es ist heute nicht viel anders, als ich noch ein kleines Kind war. Der Wald fasziniert mich. Ich muss und will leise durch ihn hindurch laufen, um all die anderen Bewohner nicht zu stören. Wenn ich einen von ihnen erblicke, halte ich inne, ganz gleich ob Amsel, Eichhörnchen oder Reh. Da fühle ich mich wieder wie ein kleines Kind. Glücklich. Ganz bei mir.

Aber etwas fehlt mir, trotz meiner 43 Jahre: die starke Hand meines Vaters. Seinen lieben Blick, derweil er mir zuschaut, wie ich irgendwelche Büsche von nahem anschauen muss. Oder Losung fotografiere. Oder mich frage, welcher Berg nun welcher ist.

Manchmal denke ich, dass die Beeinträchtigung seiner Bewegungskompetenz durch seine Krankheit einfach nur schlimm und ungerecht war. Er hat es so sehr geliebt, zu laufen!

Doch gleichzeitig tröstet es mich, dass er bis fast zum letzten Tag seines Lebens so oft als möglich draussen war. An der Murg, an der Thur. Dass er Tiere beobachten konnte. Welche Freude es ihm bereitet hat, sie zu erkennen. Oder mit seiner geliebten Frau darüber zu sprechen, was sie beobachtet hatten.

Dieses Glück, als Kind der Natur begegnen zu dürfen, werde ich nie vergessen. Mein Vater hat mir sehr viel geschenkt. Ohne seine Liebe zur Natur wären für mich die letzten Monate sehr viel schwerer gewesen.

Ich wünschte mir, er würde er noch leben, um die nächsten paar Monate an meiner Seite zu sein.

Vom Erwachsensein

Vor einigen Tagen hat mich jemand gefragt, ob ich nie Kinder haben wollte und ich antwortete: „Nein.“
Ich wollte wirklich nie Mutter werden. Ich konnte es mir ehrlich nicht vorstellen.

Natürlich habe ich darüber nachgedacht, warum das so ist. Ein Grund war sicherlich mitzuerleben, was mit meiner Mutter geschah, nachdem sie ihr zweites Kind, meinen jüngeren Bruder, verlor. Ich wollte nie in eine solche Situation geraten. Sie wurde von Pflegenden und Ärzten der Schuld am Tod meines Bruders bezichtigt, weil sie Raucherin war.

Ich denke tatsächlich, dass es etwas vom Schlimmsten ist, sein Kind zu verlieren. Da ist es wohl leichter, sich gar nicht erst darauf einzulassen. Vielleicht bin ich da zu wenig mutig gewesen oder zu sehr bei mir selber.

Wenn ich aber darüber nachdenke, hätte ich mit Kindern an meiner Seite wohl nie meine Mutter und meine Omi am Ende ihres Lebens begleiten können, nie in meinem Beruf aufgehen können. Mir wäre dabei sehr viel entgangen.
Die Liebe, die ich meinen nicht-existenten Kindern geschenkt hätte, lebte ich mit gutem Gewissen bei der Arbeit und beim Schreiben aus und – in meiner Familie.

Jetzt, mit 43, wo die meisten meiner nächsten Verwandten nicht mehr da sind, fühlen sich Feste seltsam an. Meine Familie fehlt mir. Da ist Opa, der sich einen Spass machte, Ostereier und Schoggihasen im Garten zu verstecken – und zu vergessen, wo er sie überall hingelegt hatte.

Omi liebte es Geschenke zu machen. Ihr Osterfestmahl war das gleiche wie an Weihnachten: Gulasch aka Voressen mit Müscheli. Ich habs so sehr geliebt. Vor allem die weich gekochten Rüebli. Ihre lieben Worte und ihre Freude am Frühling vermisse ich sehr.

Von meiner Mutter erhielt ich zu Ostern immer Schreibsachen, was wohl daran lag, dass in meiner Kindheit das neue Schuljahr jeweils nach Ostern anfing. Ich habe das sehr gemocht. Sie hatte ein Händchen dafür.

Mit meinem Vater und seiner Frau haben wir Ostern jeweils mit einem Essen gefeiert. Ich dachte jeweils mir einen Mehrgänger aus und stand stundenlang in der Küche meiner Grosseltern und Urgrosseltern. In Vaters letztem Lebensjahr feierten wir nicht mehr gemeinsam. Doch dieses Jahr feierten wir wieder. Es fühlte sich wie wirkliches Ostern an: Das Weiterleben nach der Begegnung mit dem Tod.

Dort, wo ich mit ihnen so viele Feste feierte, lebe ich heute. Es ist anders als früher, als sie noch gelebt haben. Sie fehlen. Sehr.

Die Pflanzen und Bäume knospen. Der Frühling ist da. Das Leben geht weiter, auch wenn mein Vater nicht mehr da ist. Er hat den Frühling geliebt, die Eisvögel in den Bäumen an der Murg und den Fluss. Ich vermisse seine atemlosen Beschreibungen der Natur, so wie er sie wahrgenommen hat. Sein Blick auf das Wesentliche. Seine Liebe zur Natur und zu allem Lebendigen.

Erwachsensein bedeutet wohl, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auszuhalten, bei aller Schönheit, diese zu geniessen, auch wenn man sie mit niemandem mehr teilen kann, der mit einem verwandt ist und mit einem aufgewachsen ist. Das Leben ist einsamer als früher. Erwachsensein ist die Auseinandersetzung mit sich selber. Das Aushalten von nicht selbst gewähltem Alleinesein.

Dieser Text erschien schon vor einigen Tagen, ich habe ihn nochmals überarbeitet und mit einem Bild verstehen. Danke für euer Verständnis.

Papi und ich am Bach

Ostergruss

Geliebter Vater

Es ist Frühling und du bist nicht mehr da.
Deine Beobachtungen der Natur fehlen mir. Kein Telefonat mehr darüber, dass du Eisvögel an der Murg oder Wildschweinrotten an der Thur beobachten konntest.
Mir scheint, als versiege mit deinem Tod meine Wurzel zur Natur. Ich habe noch so viele Fragen, so viele Beobachtungen, die ich mit dir klären wollte.


Mir fehlen deine Wortmeldungen, deine feinen Wahrnehmungen, sei es über die Natur oder über Westernfilme.
Mit einem Mal ist alles weg, was dich ausgemacht hat. Mir fehlt deine Stimme, dein liebes Lächeln, deine zärtliche Ruhe. Dein Platz bleibt einfach leer und es ist für mich nur schwer zu ertragen.


Ich weiss, dass viele andere mit ihrem Vätern hadern. Aber du fehlst mir. Zwischen uns war alles geklärt. Ich liebte dich, weil du mir in vielen stürmischen Zeiten ein guter Vater warst. Das Leben fühlt sich abgerissen ohne dich.
An Ostern haben wir jeweils miteinander gegessen. Die letzten Jahren haben wir uns nicht mehr besucht, weil du nicht mehr in mein Haus gehen konntest und ich euch nicht mehr besuchen konnte.
Mein erstes Ostern ohne dich fühlt sich falsch an. Du fehlst an allen Ecken und Enden. Deine Zuversicht, dein Humor, dein Sarkasmus.


Ich erinnere mich an Sonntagsspaziergänge anfangs der 80er Jahre, wo du den Sennenhund Barri an der Leine hieltest und wir eine steile Strasse raufliefen. Wir blickten auf die Stadt hinab. Es fühlt sich an wie ein Film in schwarzweiss. Weit weg von allem, was jetzt ist.


Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter Shakshuka zubereitet hat und ich dieses Gericht geliebt habe, weil es so anders war, als alles andere, was ich bis dahin gegessen hatte.


Dein Leiden, am Ende deines Lebens, erinnert mich sehr an die Osterzeit, so sehr an dein Konfirmationsbild eines bärtigen, leidenden Jesus. Du hast es dir nicht ausgesucht, so zu sterben. Ich hätte es verstanden, wenn du einen anderen Weg gefunden hättest. Es mit dir zu tragen war schwer. Aber auch gut, weil es einen bescheiden macht, für alles, was kommen mag. Leben ist eine Sache, Sterben eine andere.

Vom Glück der Erinnerung

Nun ist es über ein Jahr her, seit wir alle in eine Art verordnete Käseglocke gesteckt wurden. Ich verspüre Sehnsucht nach dem Leben von vor einem Jahr oder nur dem schon von vor einigen Monaten. Es scheint mir alles irgendwie sehr surreal. Ich erinnere mich an vieles, das mir längst fern scheint. Wie fühlt sich ein Restaurantbesuch an? Wie Krafttraining in einem Fitnesscenter?

Doch das ist nur die eine Seite.
Ich stecke mitten in einer Phase vertieften Lesens und Lernens, neben der Arbeit. Man könnte sagen, es fühlt sich fast so wie eine Art Flow an. Die Dinge gehen mir leicht von der Hand, sei es beim Schreiben, am Arbeitsplatz oder bei der Führung des Haushalts. Beim Kochen. Beim Entsorgen von Gegenständen meiner Eltern und Grosseltern. Es fühlt sich leicht und richtig an.

Ich bin ganz begierig nach Bildung, nach neuen Erkenntnissen, nach Büchern, nach echtem Austausch mit anderen Menschen. Ich lese Zeitungen und Zeitschriften, gestalte Collagen und denke darüber nach, wie ich den Schermäusen im Garten Herrin und den Rasen vertikutieren werde. Ich kann es kaum erwarten, bis es wärmer wird. So möchte ich meine Kräuter wachsen sehen und kochen, feine Brote backen und abends nach der Arbeit in den Wald gehen.

Das Zuhause als wunderbarer, behaglicher Ort bestätigt sich in meinem Leben als gute Entscheidung. Ich liebe mein Haus, weil es so schön und alt und aus Holz gebaut ist. Deshalb verspüre ich wohl auch kein Fernweh. Hier finde ich alles, was mein Herz braucht, um gesund zu bleiben. Ich denke oft an meine Eltern und Grosseltern und was wir all die Jahre hier in diesem Haus gemeinsam erlebt haben. Die Erinnerung an das, was war, und was ich verloren habe, könnte schwer wiegen. Dennoch fühle ich anders: Das Glück, dass ich hier aufwachsen konnte, von meinen Grosseltern und Eltern geliebt wurde und heute hier leben darf, wiegt den Verlust ihres Todes auf.

Im Toggenburger Jahrbuch 2021 las ich vor einigen Tagen einen Text der wunderbaren Hildegard E. Keller, die ebenfalls hier oben aufgewachsen ist. In „Reise durchs Toggenburg in meiner Wohnung“ schreibt sie über die Begegnung mit Gegenständen, die sie all die Jahre vom Toggenburg aus mit in die Welt genommen hat. „Meine Wanderung führt mich in einen Mikrokosmos des maximal persönlichen, es ist eine Reise der Erinnerung. Durch jahrtausendelanges Training ist das Erinnern so stark geworden, dass es Menschen über Generationen hinweg verbindet. Die griechische Kultur nennt sie Mnemosyne.“

Frühling auf geplatzter Haut

Ich bin froh, kommt nun der Frühling. Er ist meine liebste Jahreszeit. Ich plange drauf, dass die Bäume und Blumen wieder blühen. Das erste Viertel des Jahres ohne meinen Vater ist um. Weihnachten und sein Geburtstag liegen hinter mir.

Vor einem Jahr, als die Pandemie anrollte, haben wir kurz übers Kranksein gesprochen. Vielmehr aber noch über die Freiheit. Rausgehen. Die Natur erleben. Das war sein grösster Wunsch. Und auch meiner.

Wenn ich im Garten arbeite, bin ich meinem Vater nahe. Das fühlt sich an wie eine sanfte Umarmung. Ich vermisse unsere Umarmungen. Seine Stimme. Mein Blick auf die Linde in meinem Garten, die er hasste: „Der Baum gibt zu viel Schatten. Der macht dir das Haus kaputt.“

Da ist die Erinnerung daran, wie wir vor 10 Jahren unsere Krähe Fritzi aufgezogen haben. Papi hat sie gerettet, im Wissen, dass man sie auf jener Weide vermäht hätte. Er rief mich an und sagte: „Komm vorbei. Ich habe eine Krähe gefunden und ziehe sie auf.“ Ich kam so schnell ich konnte, denn ich erinnerte mich daran, dass mein Vater das schon einmal getan hatte. Als Bub hatte er eine weisse Krähe. Die war zahm und folgte ihm auf Schritt und Tritt, sogar bis in die Schule. Auf Geheiss des Lehrers, ein Grund, warum mir Lehrer wohl immer unsympathisch bleiben werden, musste er sie abgeben. Mein Vater erzählte mir, sie sei dann in den Plättlizoo nach Frauenfeld gekommen. Belegen kann ich das leider nicht. Aber wenn mein Vater das sagt, dann muss das wohl gestimmt haben.

Ich frag mich, ob nun meine Trauerzeit bereits beendet ist. Was da noch kommt. Ich weiss: Da ist Ostern, wo wir immer fein essen gingen. Mein Geburtstag im Juli. Da haben wir ebenfalls gemeinsam gefeiert. Der 1. August. Den feierten wir nicht mehr so sehr, seit wir nicht mehr bei Frauenfeld wohnten. In meiner Erinnerung waren das immer schöne Feste. Gute, liebevolle und kritische Gespräche. Feines Essen. Zusammengehörigkeitsgefühl. So, wie sich in meinem Gefühl nach „Familie“ anfühlt.

Ich möchte nicht einfach übergehen zur Normalität. Denn die gibts wohl nicht mehr. Wenn die Eltern tot sind, ist wohl auch die gefühlte Kindheit zu Ende.
Willkommen im Leben.

Die 73.

Der erste 19. Februar ohne dich.
Wie soll das nur gehen?
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen deiner Geburtstage ausgelassen zu haben. Ich kann mich an so viele erinnern.

Meist lag Schnee. Oder es regnete in Strömen.
Einmal gewann dein Kaninchen den Schweizer Titel.
Du warst sehr stolz. Und ich auf dich.

Immer waren Freunde von dir da und feierten mit dir.
Trotz deiner Krankheit waren es an deinem letztem Geburtstag nicht weniger.
Sie ertrugen deine starke Trauer und deine Tränen.
Es fielen viele liebe Worte an dich.
Voller Freundschaft und Liebe.

Aber beim letzten Kilometer sind all diese Freundschaften wohl nicht mehr so wichtig. Du hast dich nicht mehr an vieles erinnert.
Du hast viel mehr gefühlt.
Was dir wichtig war.

Ich erinnere mich an den letzten Kilometer.
Du hast so stark und schnell geatmet.
Du warst sehr konzentriert
und dennoch voll da.
Du hast meine Hand gedrückt,
als ich dir ein Märchen erzählte.
Es war, als würdest du mir einen letzten Hinweis geben.
Eine Korrektur. Einen Trost, bei alledem, was nun folgen würde.

In einigen Tagen ist dein 73. Geburtstag.
Ich weiss nicht, wie ich den feiern soll,
jetzt, wo du nicht mehr da bist.

Das Familienfoto

Dieses eine Familienfoto zeigt alle Ebenen der Trauer und des Todes in meinem Leben auf. Ich mag es seit frühester Kindheit.

Auf dem Foto ist meine Kernfamilie zu sehen. Da ist meine Omi, meine Mutter, damals schwanger mit meinem Bruder, mein Vater und ich, mein Opi und meine Uromi zu sehen. Im Vordergrund sitzt mein Uropi. Dahinter der Hund meiner Urgrosseltern. Dort, wo mein Uropi sitzt, wächst nun ein Rosenstrauch. Ich sehe dieses Foto an und bin mir bewusst, dass ich die einzige bin, die von all jenen noch am Leben ist.

1979 trat der Tod zum ersten Mal wissentlich in mein Leben. Mein Bruder starb wenige Tage nach seiner Geburt. Ich war 2 Jahre alt, kann mich aber bis heute an Bruchstücke, an seinen kleinen weissen Sarg erinnern. Da war diese Beerdigung, dieses kleine Grab. Ich trug einen roten Mantel. Meine Eltern, meine Omi, weinten.

1983 starb Röös, meine Urgrossmutter. Auch an ihren Tod kann ich mich sehr gut erinnern. Sie wachte eines Morgens einfach nicht mehr auf. Ich war sechs Jahre alt, stand in der Stube neben dem antiken Buffet. Röös war sehr alt geworden. Ihr Tod fühlte sich logisch an. Es war eben an der Zeit.

Ein Jahr später starb mein Uropi Henri im Alter von 95 Jahren. Mein Opa hatte ihn und meine Urgrossmutter zuhause gepflegt. Erst viele Jahre später verstand ich die Tragweite von Opis Engagement. Mein Uropi war der erste Mensch, den ich tot gesehen habe. Er trug ein Totenhemd mit Spitze und sah aus wie ein schlafender, sehr alter Engel.

Dann hatte ich sehr lange Ruhe vor dem Tod. 1997, ich war knapp 20 Jahre alt, starb mein Opi an Leberkrebs. Er wusste nach der Diagnose, wie er sterben würde und hat mit niemandem gross darüber geredet. Ich bekam nur mit: „es würde heftig werden“. Opi erstickte langsam. Davor hatte er grosse Angst. ich nehme an, das hat auch mit seinen Kriegserfahrungen zu tun. Das langsame Sterben, der Verlust an Luft, hat ihm immer Angst gemacht. In Zeiten von Covid können wir das vielleicht alle gut nachvollziehen.

Nach Opis Tod dauerte es weitere zehn Jahre, bis der Tod wieder in mein Leben trat. Meine Mutter, damals 56 Jahre alt, litt an Leberzirrhose. Sie starb in einem Pflegeheim, in der Nähe des Ortes, wo sie geboren worden war, neben dem Spital, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte.

Mutters Tod veränderte mein eigenes Leben total. Mit einem Mal war ich mit der Frage konfrontiert, was ich für eine Frau werden würde, jetzt nach Mutters Tod. Mir war klar, ich würde niemals heiraten, niemals Kinder kriegen, nie ein Leben führen, wie es vielleicht (für jemand anderen) angebracht wäre. Das war ein gutes, wenn auch wildes Gefühl. Es begleitet mich bis heute.

Als meine Mutter starb, war ich an ihrer Seite. Ich kriegte mit, wie es ist, wenn ein Mensch langsam stirbt. Wie es sich von aussen anfühlt, wenn ein Mensch geht. Das war eine absolute Grenzerfahrung, vielleicht vergleichbar mit der Geburt eines Kindes, nur einfach andersrum.

Es dauerte weitere zehn Jahre bis 2017. Dann starb meine Omi. Kurz nach Mutters Tod trat Omis Demenz in Erscheinung, so als hätte sie nur darauf gewartet, endlich schalten und walten zu können. Omis Geist tauchte ab. Sie war zwar immer noch der gleiche, liebevolle Mensch, doch all ihre Erinnerungen verschwanden. Für mich war das eine Katastrophe, denn ich begriff, wieviel sie mir bedeutete, wie stark sie mich all die Jahre begleitet hatte.

2020 verlor ich meinen Vater. Was soll ich dazu sagen?
Er fehlt. Sein Verlust ist eine offene Wunde an meinem Herzen.
Er war mir einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich habe ihn sehr geliebt. Ich war immer so stolz auf ihn. Ich sah ihn gerne an. Ich hatte ihn furchtbar gerne. Vielleicht dachte ich in meinem töchterlichen Kind-Ich: er ist unsterblich.

Das war er leider nicht. Ich weiss, dass er an seiner Krankheit unsagbar litt.
Dass sein Tod eine Erlösung für ihn war. Dass ich ihn sehr vermisse. Dass ich von ihm träume.

Mein Rückblick auf ein seltsames Jahr

Nie und nimmer hätte ich mir vorstellen können, was in diesem Jahr alles geschieht. Ich glaube, ich kann sagen, in meinem Leben ist kein Stein auf dem anderen geblieben.

Im Frühling hat mich, wie viele andere auch, der Shutdown sehr getroffen. Ich bemerkte, wie sehr mir meine Freundinnen fehlen und wie gut mir unser Austausch immer tat. Dass neben vielen Anlässen und Feiern und Festen die Jagdprüfung auf Eis gelegt wurde, hat mich sehr beschäftigt. Ich hatte so viel Zeit und Energie zum Lernen investiert und fiel zuerst in ein Loch. Doch ich erfuhr Unterstützung von Jägern hier im Ort und so durfte ich richtig viel mitgehen und ansitzen und meine ersten Erfahrungen als Jägerin machen. Die Begegnungen in der Natur, die Erfahrung von Stille und Konzentration, die Auseinandersetzung mit Leben und Tod, haben mich sehr geprägt und gestärkt, so dass ich den Frühling und den Sommer gut überstand.

Während des Shutdowns wurde mein Vater zunehmend pflegebedürftiger. Seine Erkrankung schritt rasch voran. Ihn leiden zu sehen, war schrecklich für mich und stellte auch mein Bild der professionellen Pflege in Heimen oder zuhause zunehmend in Frage. Wir sahen uns einige wenige Male. Er schenkte mir im Sommer seine Gartenlounge und sein General-Guisan-Porträt. Ich war sehr gerührt und dankbar, aber ich ahnte auch, dass sehr rasch alles anderes werden würde.

Im Sommer wurde meine geliebte Katze krank. 18 Jahre war sie an meiner Seite. Sie zu verlieren, war sehr traurig. Dennoch war ich dankbar; so viele Jahre mit einem Haustier Zeit verbringen zu dürfen, ist selten. Dass wir einige Tage nach Dreizehntels Tod auf Fauci und Aelfric im Tierheim Nesslau aufmerksam gemacht wurden, war eine wunderbare Sache und wir sind unseren Freundinnen Vreni und Stella sehr dankbar. Ein Leben ohne Katze ist möglich, aber sinnlos.

Auch beruflich änderte sich mein Leben sehr rasch und komplett. Nach über 21,5 Jahren direkt in der Betreuung und Begleitung mit meinen Klienten, wechselte ich meine Funktion. Das war für mich im September ein wichtiger, auch sehr emotionaler Schritt, der mich glücklich macht. Panta rhei!

Mein Leben als Autorin war nicht minder spannend, zwar fielen sämtliche Auftritte und Lesungen aus, doch ich war nicht untätig. Ich schrieb für Magazine, bloggte oft. Was 2021 in der Hinsicht bringen wird, weiss ich noch nicht, doch ich bleibe offen für alles.

Im November 2020 verschlechterte sich der Zustand meines Vaters dramatisch. Ich musste mich nun mit seinem baldigen Tod auseinandersetzen. Ich war dankbar, dass mein Vater und ich immer geklärt und friedlich miteinander um- und auseinander gingen. Das erleichterte mein Loslassen, linderte aber nicht die Trauer, die mich umgibt. Dankbar war ich für jenen einen Nachmittag an seiner Seite, ich in Maske, ohne ihn umarmen zu können, wo wir noch miteinander reden konnten. Einige Wochen später verbrachte ich den Nachmittag bei ihm, weinte, erzählte ihm ein Märchen. Kurz nachdem ich ihn verliess, starb er.

Die Weihnachtszeit ist tatsächlich schwierig, weil mir bewusst ist, wie viel ich in diesem Jahr verloren habe, trotz aller Dankbarkeit für Geschenktes. Umso bewusster pflegte ich in den letzten Wochen den Kontakt zu meinen Freundinnen, die, neben meiner Arbeit, mein einziger sozialer Kontakt in der Woche waren.

Weihnachten war für mich lange Jahre die Zeit, wo ich mit Papi und seiner Frau essen ging, wo wir uns gut unterhielten, unsere Verbindung pflegten und uns frohgemut und dankbar wieder verliessen. Er fehlt mir sehr. Umso dankbarer bin ich dafür, dass wir am 27.12. Vaters Frau sehen dürfen. Sie ist noch das letzte, was mir vom Gefühl Familie geblieben ist.

Ich schaue, trotz Pandemie, hoffnungsvoll in die Zukunft. Ich kann gar nicht anders. Zwischendurch streichle ich Aelfric und Fauci und denke:
Alles kommt gut. Es muss einfach.

Was uns verbindet

Ich erinnere mich an ihn und es tauchen so viele Geschichten auf, die wir gemeinsam erlebt haben, dass ich es nur schwer schaffe, sie in Worte zu fassen.

Mein Vater und ich waren einander in vielen Situationen des Lebens eng verbunden, so fühle ich es jedenfalls.
Alles, was ich über meinen Bruder weiss, weiss ich von meinem Vater.
Von meinem Vater habe ich erfahren, wie belastend der Tod und die Beerdigung meines kleinen Bruders war. Mein Vater beschrieb mir, was er damals erlebt hatte. Ich verstand, warum mein Vater so war, wie er war. Ein verletzlicher, liebender Vater.

Mein Vater pflanzte an der Stelle des Grabes einen Nadelbaum. Dieses Bild begleitete mich während meiner Kindheit und Jugend: Wenn etwas stirbt, kann auch neues entstehen. Immer wieder war das Grab meines Bruders für mich ein wichtiger Anlaufpunkt bei wichtigen Entscheidungen in den letzten 40 Jahren.

Als meine Mutter 2007 verstarb, war es an mir, ihre Urne von Frauenfeld Oberkirch nach Lichtensteig zu schaffen. Mein Vater, der zu dem Zeitpunkt schon lange von ihr geschieden war, erfuhr davon. Er fragte mich, wie die Urne vom einen Ort zum anderen Ort gelangen sollte. Als ich es ihm erklärte, fragte er mich: „Das machst du ganz alleine?“
Ich bejahte dies.
Er sagte: „Ich verbiete dir das.“
Nun, ich war zu dem Zeitpunkt um die 30 und ich war es mich nicht gewöhnt, dass er mir irgendwas verbot.
„Du kannst diese Urne nicht alleine irgendwo hin fahren. Ich fahre dich.

Nun, das war sein Liebesdienst an mich und vielleicht auch an meine Mutter. Die war nämlich, sicher in Urne und Karton verstaut, auf dem Rücksitz angeschnallt, derweil wir vom Thurgau ins Toggenburg fuhren. Mein Vater und ich redeten über vieles. Gemeinsam lieferten wir ihre Asche ab.

Dass er vor fast einem Monat verstarb, scheint mir auch jetzt noch absolut irreal. Ich kann es nicht glauben, auch wenn ich es weiss. Es ist kurz vor Weihnachten und eigentlich würden wir nun gemeinsam überlegen, in welches Restaurant wir am 25.12 gehen würden. Nun ja, lieber Papi: Dein Timing war und ist toll. Selbst wenn du noch leben würdest, würden wir in diesem Jahr nicht mehr miteinander essen gehen.

Was bleibt: meine Erinnerung an einen zutiefst empathischen, liebenswürdigen und guten Vater. Meine Trauer um den Menschen, der mir wohl neben meiner Omi am nächsten stand. Ich kann nur schwer glauben, dass er nicht mehr ist. Auch wenn ich es weiss.

Am Tag der Beerdigung meines Vater fuhr ich am Grab meines Bruders in Wängi vorbei. Der Grabstein ist verschwunden. Doch noch schlimmer: Der Nadelbaum ist einfach abgesägt. Tot. Ich stehe da und denke: Nun sind sie alle weg.