2007

Vor 15 Jahren erlebte ich den letzten September meiner Mutter. Am 2. September feierte sie ihren 56. Geburtstag und wir wussten beide, dass es ihr letzter sein würde. Wir sprachen nicht mehr über den Geburtstag und den Todestag ihres Sohnes, meines Bruders im gleichen Monat. Es war der 28. Es spielte keine Rolle mehr und das erleichterte mich irgendwie.

Das Sterbenwollen war kein Thema. Es ging nur noch ums Leben. Wir blätterten gemeinsam Strickzeitschriften durch. Meine Katze kam im Pflegeheim zu Besuch. Sie fand es nicht toll, dass ich schwarze Kleidung trug. „Ich bin im Fall noch nicht tot“, meinte sie vorwurfsvoll. Als ich meiner Mutter schliesslich mitteilen musste, dass ich ihre Wohnung auf Druck des Sozialamtes kündigen musste, schmiss sie mich aus ihrem Zimmer. Sie schrie: „Ich will dich nie mehr wieder sehen.“ Ich dachte: „Das dauert wohl nicht mehr lange.“

Ich war gerade 30 Jahre alt geworden. In dem Alter hatten Frauen meines Alters Kinder, ein neugebautes Haus, einen mehr oder weniger glücklichen Ehemann und schlecht erzogene Hunde.

Ich hingegen hatte einen Job, den ich über alles liebte, meine Omi, meinen Vater und seine Frau, die mich alle von Herzen unterstützten. Und meine Mutter, von der ich wusste, dass sie ihr Leben schnell verlebte. Zu schnell. Hätte ich damals eine eigene kleine Familie gehabt, hätte ich ihre Sterbebegleitung wohl nicht auf die Reihe gebracht.

In jenen letzten Wochen entdeckte ich eine neue Welt, jene des Pflegeheims. Lauter sehr alte Menschen, die geduldig auf das Ende ihres Lebens warteten. Dazwischen meine 56jährige Mutter, lebensfroh, todkrank, neugierig und frech. Sie liebte Sudoku, zweideutige Sprüche, schöne Menschen und Rotwein. Letzteren konnte sie aufgrund ihrer Erkrankung nicht mehr geniessen. Alles andere dafür umso mehr.

Der letzte September meiner Mutter war sehr sonnengeflutet. Ich arbeitete viel, schaute nach der Arbeit – ich arbeitete als Gruppenleiterin mit mehrfach beeinträchtigten, jungen Menschen – bei ihr vorbei und holte in jenem Monat all das nach, was wir in meiner Kindheit miteinander verpasst hatten. Ich hatte tiefgründige und rauschfreie, schöne Gespräche mit ihr. Ich lernte sie komplett neu kennen, schätzen und – lieben. Das Loslassen ging viel zu schnell.

Einige Tage vor ihrem Tod telefonierten wir. Es war bereits Oktober geworden. Der Zuckerrübennebel herrschte über dem Thurtal, als sie mir sagte, wie sehr sie es schätzte, dass ich die letzten Wochen an ihrer Seite gewesen war. Ich glaube, im Radio lief Grönemeyers „Der Weg“. Ich weinte, weil ich wusste, dass wir nun gemeinsam auf ihren Endspurt zusteuern würden.

Ein bisschen Mut, #hellsbells und Erinnerungen

Am Donnerstag ist es also soweit. Ich werde meine beiden ungeliebten Mitbewohner in meinem Bauch – aka #hellsbells los. Vorangegangen sind viele Monate Schmerzen und Leiden. Und nun soll ein minimalinvasiver Eingriff dem allem ein Ende bereiten.

Um es klar auszudrücken: Ich werde langsam alt. In meiner Gebärmutter haben sich seit bestimmt vier Jahren mindestens zwei Myome gebildet, die ziemlich nerven und mich bei der Ausübung meines Lebens immer mal wieder behindern. Sie drücken auf Blase und Rücken. Ich habe Schmerzen. Über meinen Eisenwert mag ich gar nicht sprechen.

Meine Frauenärztin meinte dazu sehr trocken: Ihre Gebärmutter versucht seit mehreren Jahren die #hellsbells loszuwerden. Es fühlt sich an wie Wehen. Und ja, vermutlich triffts dieser Ausdruck total. Ein bisschen ironisch bei jemandem wie mir.

Meine letzte Vollnarkose ist ziemlich genau 16 Jahre her. Da war ich gerade mal 29 Jahre alt. Aber irgendwie war damals alles anders. Meine Omi, meine Mutter und mein Vater haben noch gelebt und sich um mich gekümmert. Meine Omi, wie immer um mich besorgt, hat mich nach der OP sofort angerufen und gefragt: „Meitli, gohts dir guet? Isch bi dir alles in Orning? Söll ich verbi cho?“ Von soviel grossmütterlicher Liebe umgeben, ging es mir sofort besser. Denn Omi hat mit ihrer Energie immer alles ins Positive gelenkt.

Für meine Eltern waren meine Spitalaufenthalte, die ich seit frühester Kindheit kannte, Stress pur. Meine Mutter ertrug es nur schwer, mich in einem Spitalbett zu sehen. Als ich 1986 zum ersten Mal meine deformierten Hüften operieren liess, weinte sie. Mein Vater hingegen zeigte mehr Fassung, allerdings nur nach aussen. Auch ihm ging das alles sehr nahe. Er unterstützte mich mit aufmunternden, liebevollen Worte. „Du schaffsch da“, sagte er. Vermutlich hat meine Situation meine geliebten Eltern zu sehr an den Tod meines Bruders erinnert.

Ich verbrachte mehrere Ferien im Spital Frauenfeld, damals noch im grossen Bettenturm, der nun allerdings nicht mehr da ist und wo auch mein Bruder starb. In den 80ern waren die Vollnarkosen noch etwas anders und weniger leicht verdaulich als heute. Ich erinnere mich an Glasflaschen, gefüllt mit Blut, an meinen Beinen, starke Schmerzen. Übelkeit. Grosse Angst. Lange Nächte, in denen Bettnachbarinnen vor Schmerzen durchgeschrien haben. Meistens hatten sie Mandelentfernungs-OPs. Sie kriegten sehr viel Glacé in der Nachbehandlung.

Ich verbrachte jeweils mindestens zwei bis drei Wochen im Spital. Hatte Bücher und meine Barbies dabei. Ich erinnere mich an einen Dekubitus an meinen Fersen. Dekubitus ist das Schreckgespenst aller, die liegen müssen und tut höllisch weh. Ich hatte Physiotherapie bei holländischen Therapeutinnen, die immer sehr nett waren und deren Dialekt ich immer für sehr schweizerisch gehalten hatte.

Ich erinnere mich dunkel, dass mich irgendwelche Primarschullehrer*innen bei Pflichtbesuchen für meine Tapferkeit gelobt und gleichzeitig mich als Vorbild für andere meines Alters hervorgehoben haben. Das verstehe ich bis heute nicht: Warum sollte ein neunjähriges, gehbehindertes Mädchen Vorbild für andere, nicht gehbehinderte Kinder sein, die (zum Glück) null Wissen von Schmerzen, Mobilitätsproblemen und anderem haben?

In den Nächten im Spital ist jeder mit sich alleine. Das nimmt einem keiner ab. Der Umgang mit Schmerzen lässt einen altern und irgendwie einen Umgang mit Wut finden. Mir fehlen meine Eltern und Omi. Denn das ist nun das erste Mal, dass ich so einen Weg ohne sie gehe. Das fühlt sich ungewohnt schwer an.

Ich bin schon ein wenig neugierig, wie das so wird nächste Woche. Und wie sich das anfühlt, wenn ich – einmal mehr in meinem Leben – ohne Schmerz lebe.

Achtzehn Monate

Heute ist mein Vater 18 Monate tot.

Die letzten Tage war ich in Gedanken sehr oft bei ihm. Ich träumte von ihm, sah ihn gesund und voller Kraft vor mir. Das war sehr schön und gleichzeitig verstörend. „Du lebst!“ rief ich einmal im Traum und wurde sofort wach. Verena Kast beschreibt in ihrem kleinen, feinen Büchlein „Zeit der Trauer“ dies als Phase des Suchens und Sich-Trennens.
Mir tut es noch immer weh, wenn ich an Orten unterwegs bin, die ich mit ihm verbinde, sei es seine Strasse oder Orte, wo wir als Familie gewohnt hatten. Verena Kast schreibt, dass sie daran glaubt, dass das Suchen den Sinn haben kann, sich immer wieder mit dem Menschen auseinander zu setzen, den man verloren hat. Ich stimme ihr zu. Das Finden meines Vaters führt dazu, dass ich den Verlust neu erlebe, mir noch bewusster wird als vorher, wie viel ich verloren habe. Sie schreibt, dass dieses Suchverhalten den Menschen immer mehr darauf vorbereite, den Verlust zu akzeptieren, ein Leben ohne den Verstorbenen weiterzuleben.
Nun, ich weiss, dass ich auch ohne ihn weiterlebe. Aber an gewissen Tagen schmerzt es so sehr, ihn nicht mehr sprechen zu können. Ich vermisse es sehr, ihn nicht mehr um Rat fragen zu können und noch viel mehr, einfach von Tochter zu Vater zu reden und getröstet zu werden.
Vor einigen Wochen verspürte ich grosse Wut, weil ich daran denken musste, wie viel Wissen über Hühner- und Kaninchenzucht unwiederbringlich mit seinem Tod verschwunden ist. In solchen Momenten denke ich an unsere Gespräche im Stall, während er seine Tiere fütterte und wir einfach redeten.
Kast schreibt, dass diese Phase des Suchens und Sich-Trennens Wochen bis Jahre dauern kann, wobei ihrer Erfahrung nach die Intensität des Suchens immer mehr abnimmt, je mehr der trauernde Mensch seine chaotischen Emotionen äussern konnte.
Wenn mich jemand drängen würde, meinen Verlust „endlich“ zu akzeptieren, würde ich wohl ziemlich sauer. Im Gegensatz zu meiner Omi starb mein Vater für mich gefühlt „vor seiner Zeit“. Und von friedlichem Sterben war keine Rede. Er hat ziemlich viel gelitten. Aber 72 ist echt kein Alter zum Sterben.

Ich bedauere es sehr, dass er unser frisch renoviertes Haus nie sehen konnte. Ich hätte zu gerne gewusst, was er dazu meint. Noch lieber hätte ich mit ihm und seiner Frau einfach gerne draussen grilliert und gequatscht. Solche Abende wie damals vermisse ich.

Vom Rosenstock und den Blütenblättern, die wie Tage verrinnen

Mein Vater ist bald 18 Monate tot. Das sind anderthalb Jahre. Zwei Geburtszyklen.

Es gibt Momente, da vermisse ich ihn unerwartet und sehr heftig. In jenen Sekunden schlägt mein Herz schnell und schmerzhaft und der Verlust wird für mich sehr spürbar.

Vielleicht ist es mit dem Trauern so, dass erst einige Winter, Frühlinge, Sommer und Herbste überstanden werden müssen, bis aus einem abgesägten Stamm wieder neue Zweige spriessen und Blüten blühen. Meine Omi pflegte zu sagen: „Da muess scho no chli Wasser Thur durab flüüse, bis es wieder guet chunnt.“

Kurz bevor wir 2015 in unser Haus einzogen, haben mein Vater und seine Frau an den Kellerfenstern kleine Gitter befestigt, damit wir nicht von Mäusen heimgesucht würden. Heute fiel mein Blick auf eines dieser Kellerfenster und mir stiegen mit einem Mal die Tränen in die Augen.

Einmal haben er und seine Frau ein Klafter Holz in den Keller gebracht, damit wir im Winter genügend Holz zum Heizen hatten. Mit Schleife drum. Einfach so.

Im Kellerflur stehen seine zwei hölzernen Waffenlauf-Uhren, die ich von ihm geerbt habe. Ich weiss nicht, wo ich sie aufhängen soll, weil die blosse Erinnerung an seine Kraft und seinen Willen zum Laufen weh tut.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, fand ich im Estrich zuhause seine Tagebücher. Das waren so handliche Bücher, schwarzer Einband. Das Jahr vorne auf dem Leder eingeprägt. Ich erinnere mich daran, dass er ab ca 1968 bis ca 1982 solche Agenden geführt hatte. 1974 hat er geheiratet. An meinem Geburtstag 1977 stand: „Geburt meiner Tochter. Grosses Glück.“
Ich las weitere Einträge. Mein Vater hatte eine sehr einfach lesbare Schrift. Am Todestag meines Bruders stand: „Unser Sohn ist tot.“

Eines Tages waren seine Tagebücher verschwunden. Vermutlich hat er sie entsorgt. Für mich waren sie für eine kurze Zeit ein grosses Geschenk, auch wenn ich als Kind nicht verstand, welche Traurigkeit und welch Glück er in einfachen Sätzen beschrieb.

Vor einigen Jahren hat er beim Mähen einen Rosenstock abgemäht. Die Pflanze hat alles überstanden und blüht nun wieder. Derweil er nicht mehr da ist.

Es gibt kein Grab von ihm und irgendwie passt das. Es gibt nur noch die Idee von ihm, meine Trauer, mein Blick in den Spiegel. „Sie isch de abgschnitte Vater„, hatte mir mal ein Freund von ihm gesagt, als er mich gesehen hat. Er hatte Recht.

25 Jahre.

Heute vor 25 Jahren starb mein Opi Walter. Er wurde 72 Jahre alt.
Opi war im Herbst 1996 Leberkrebs diagnostiziert worden. Er wusste, welches Ende ihn erwarten würde und entschied sich, zuhause zu sterben. Meine Omi hat ihn bis zu seinem Tod begleitet, ebenso eine Pflegende.

Omi berichtete, wie zerbrechlich Opi am Ende seines Lebens geworden war. Sie hielt seine Hand, als er am Morgen des 7. Januar 1997 um Punkt acht Uhr seinen letzten Atemzug tat. Omi war auch über 10 Jahre später an der Seite meiner Mutter, ihrer Tochter, als sie starb und hat auch damals ihre Hand gehalten.

Die Nachricht von Opis Tod erreichte mich am Arbeitsplatz. Ich arbeitete seit einigen Monaten in einem Ladengeschäft und war mehr oder weniger glücklich dabei. Meine Mutter hatte meine Chefin angerufen, die mich dann ins Büro zitierte. Meine Mutter weinte am Telefon und sagte, Opi wäre tot. Ich weinte kurz, ging dann wieder zur Arbeit.

Ich spürte damals, dass ich offenbar innerlich trauere. Ich muss weiter arbeiten können, in meinem gewohnten Umfeld funktionieren. Ich brauche keinen totalen Rückzug von allem.

Eine Woche später war Opis Beerdigung. Es war sehr kalt. In meiner Erinnerung liegt Schnee. Omi war sehr stark und tröstete uns alle. Meine Schwester und ich weinten.

Beim Trauermahl im Café Huber, wo Omis Geschwister, Mami, Opis Freunde aus der Aktivdienstzeit dabei waren, erzählten alle Erlebnisse mit Opi. Es schien mir, als würde er für einen Moment nochmals zwischen uns sitzen, ein dünner zierlicher Mann, mit stahlblauen Augen, die Zigarette zwischen den Fingern.

Erst nach seinem Tod, als ich mit Omi das Haus aufräumte, Fotos und Zeitungsberichte fand, lernte ich meinen Opi ganz anders kennen.

Er war sehr intelligent, an Politik, Physik und Chemie interessiert, gleichzeitig ein begabter Musiker, Jazz- und Swingliebhaber. Er interessierte sich für Geschichte, das Toggenburg und hatte den Zweiten Weltkrieg als Militärmusiker am eigenen Leib erlebt.

Er war das zweite Kind von Anna und Henri Mettler. Seine ältere Schwester Nelly war einige Jahre vor seinem Tod als Kleinkind verstorben. Henri war Veteran des Ersten Weltkriegs und wie er Fabrikarbeiter im Toggenburg.

Opi war während meiner Kindheit und Jugend mein freundlicher Begleiter. Er motivierte mich zu lernen, an mich zu glauben und das zu tun, was ich mir erträume.

Sein langsames Sterben war eine sehr traurige und zugleich schöne Erfahrung. Ich lernte von ihm, wie es ist, anderen zu vergeben und offen zu sein für den Übergang in den Tod. Opi war ein sehr besonderer Mensch und er fehlt mir, auch 25 Jahre später noch immer. Ich denke gerne an ihn zurück. Ich bin dankbar, dass ich seine Enkelin bin.

Das Märchen vom schlaflosen König

Ich liebe den Film „Big Fish“, weil er mich so sehr an meinen geliebten Vater erinnert.
„Erzähl mir, wie es sich abspielt. Wie ich gehe.“ sagt der Vater.
„Ohne dich kann ich das nicht. Hilf mir“, antwortet der Sohn,
„die Geschichte eines Lebens kann ich nicht ohne dich erzählen.“

Bis heute weiss ich nicht, warum ich vor über 6 Jahren dieses eine Märchen schrieb. Es fiel mir quasi in den Schoss: „Das Märchen vom schlaflosen König“. Ich erzählte es meinem Vater auf dem Sterbebett.

„Es war einmal ein König, der hatte mehr als sein halbes Leben Krieg geführt. Sein Körper war voller Narben, die er sich in vielen Kämpfen zugezogen hatte. Doch noch viel schlimmer als die sichtbaren Narben auf der Haut waren jene Verwundungen seiner Seele. Die konnte niemand sehen, denn er war ein sehr starker Mann.

Doch nachts konnte er nicht mehr schlafen. Er litt unter Albträumen. Jede Nacht von neuem ging sein Kampf weiter. Der König war tagsüber grantig, die Königin längst ihres Weges gezogen. Doch der König hatte noch eine Tochter. Sie war sein einziges Kind. Jahrelang hatte er sich gegrämt, dass er keinen Sohn hatte aufwachsen sehen. Das hatte er seine Tochter spüren lassen.

Seine Tochter war ein tapferes Mädchen. Sie, die Prinzessin, machte sich Sorgen um ihren Vater. Sie hatte sehr wohl bemerkt, wie sehr ihr Vater litt. Niemand am Hofe wusste Rat und konnte ihm helfen. Eines Morgen erwachte sie. Ein Vogel, es war eine Bachstelze, klopfte mit dem Schnabel an ihr Fenster. Die Prinzessin stand auf und öffnete das Fenster.

„Zi-lipp! Zi-lipp! Wenn du dem König helfen willst, verlass das Schloss und mach dich auf die Suche nach dem gelben Haus im grossen Wald! Zi-lipp! Zi-lipp!“
Die Prinzessin blickte den kleinen, grau-schwarzen Vogel überrascht an.
„Danke für deine Hilfe, kleiner Freund!“
Die Bachstelze jedoch fing mit dem Schnabel einen Käfer auf dem Fensterbrett und flog davon.

Die Prinzessin schlich sich leise weg aus dem Haus ihres Vaters. Sie entkam aus dem Schloss, ohne dass die Wachen ihres Vaters sie entdeckten. Der grosse Wald lag dunkel vor ihr. Doch sie hatte keine Angst. Sie war beseelt von dem Wunsch, ihrem Vater, dem König zu helfen.

Nach vielen Stunden des Wanderns durch die Dunkelheit erblickte sie ein gelbes Haus. Es stand mitten im Wald und leuchtete dennoch. Eine alte Frau trat aus der Türe. Sie hiess das Mädchen willkommen. Die Prinzessin, die noch immer ihr edles Kleid trug, das jedoch mittlerweile staubig geworden war, betrat das Haus. In der Küche bot ihr die Frau eine Tasse Tee an.

„Nimm ruhig, Kind. Die Blüten dieses Tees haben mir meine Freunde, die Vögel geschenkt.“

Die Prinzessin nahm einen Schluck. Der Tee schmeckte aussergewöhnlich gut. Er liess ihre Tränen und ihre Angst versiegen.
„Was willst du hier, Kind?“, fragte die Frau.
„Ich suche Heilung für meinen Vater. Er kann nicht mehr schlafen.“
Die alte Frau blickte sie wissend an. Sie schloss die Augen und flüsterte:
„Dein Vater ist ein starker Mann. Doch im Schlaf ist auch er ein Mensch wie jeder andere auch.“
Die Prinzessin nickte.
„Du kannst ihm aber helfen. Geh in den Wald und warte. Das erste Tier, das deinen Weg kreuzt, wird dich bei deinem Plan unterstützen.“
Die alte Frau gab der Prinzessin ein neues Kleid. Es war sehr einfach, aber sauber.

So ging die Prinzessin in den Wald zurück. Langsam wurde es dunkel. Mit einem Mal hörte sie ein sanftes Gurren. Sie folgte dem Geräusch und stiess auf eine kleine Krähe. Diese schien verlassen. Die Prinzessin ging auf die Knie und nahm den Vogel in ihre Hände. Die kleine Krähe schien keine Angst zu haben. Gemeinsam kehrten sie zurück zum Haus der alten Frau.

Diese schien nicht erstaunt, dass die Prinzessin eine Krähe gefunden hatte. Sie fütterte den kleinen Vogel mit einigen Würmern.
„Nun, mein Kind, kannst du dich aufmachen zu deinem Vater. Aber ich bitte dich, kehr hierher zurück. Ich versichere dir, dass dein Vater dann wieder vollends gesundet.“
Die Prinzessin versprach ihr das und kehrte mit der Krähe zurück ins Schloss ihres Vaters.

Ihr Vater war erzürnt, dass seine Tochter sein Schloss verlassen hatte. Die Prinzessin jedoch zeigte der Krähe das Gemach des Vaters. Das Tier suchte sich rasch einen Platz im Verborgenen. Die Prinzessin verabschiedete sich unter Tränen von der Krähe und verliess das Schloss wieder.

Sie kehrte zurück in das gelbe Haus im dunklen Wald. Dort übernahm sie den Platz der alten Frau, die in Wirklichkeit eine verzauberte Hexe war. Durch das Befolgen des Rats der Alten hatte die Prinzessin den Zauber gebrochen und wurde nun zur Herrin des Hauses und des Waldes. Die alte Hexe ging ihres Weges und ward nie mehr gesehen.

Der König aber konnte in jener Nacht endlich schlafen, denn wie jeder weiss, vertreibt die Krähe jegliche Dämonen, Albträume und schlechte Gedanken. In jener Nacht flog aus dem Fenster des Königs ein wunderbarer, kleiner Eisvogel. Der König ward nie mehr gesehen.

Die Krähe jedoch fand ihren Weg zur Tochter des Königs und ward von jenem Tag an eine treue Begleitung in guten und schweren Tagen.“

Den Schalk in den Augen

Am nächsten Freitag ist mein Vater ein Jahr tot.
Ich kann es nur sehr schwer glauben, dass ich vor bald einem Jahr zum letzten Mal seine Hand hielt.

Meine Beziehung zu ihm war immer tiefer als zu meiner Mutter. Ich hatte das Gefühl, dass er mich wirklich versteht, auch wenn er nicht immer nachvollziehen konnte, was mich antrieb.

Er war für mich immer sehr wichtig. Ich liebte es, seine Stimme zu hören, seine Briefe zu lesen. Ich liebte sein Lachen.

Wir liebten Filme. Bud Spencer, John Wayne, Terence Hill und Robert Mitchum waren unsere Helden. Mein Vater hatte den Schalk in den Augen.

Mein Vater nahm in meinem Leben eine Vorbildrolle ein. Er war sehr aktiv in jenen Vereinen, die ihm wichtig waren. Er war einer, der Verantwortung übernahm. Er züchtete Kaninchen, Hühner, später im Leben setzte er sich für Vögel ein.

Vögel waren unsere gemeinsame Leidenschaft. Wir zogen gemeinsam eine Krähe auf. Das schweisste unsere Familie sehr zusammen.

Gleichzeitig war er aber auch ein sehr engagierter Vater. Er nahm mich mit, wenn er an Ausflüge und Tagungen ging. Er gab mir das Gefühl, wichtig zu sein. Ich liebte es, in seiner Nähe zu sein.

Im Gegensatz zu meiner Mutter hat er mir nie vorgehalten, dass ich keine Kinder hatte. Die Rolle als Grossvater hat er wohl nur sehr ambivalent gelebt. Vielleicht fühlte er sich für all das zu jugendlich.

Eine Freundin unserer Familie hat mir an seinem 60sten Geburtstag gesagt, wie sehr er um meinen Bruder getrauert hat. Sie sagte, dass sie nie einen Mann so sehr trauern sah.

Mein Vater wirkte nach aussen immer stark und hart. Doch ich wusste und spürte, wie verletzlich er war und es machte mir nichts aus. Er hat mein Männerbild geprägt.

Am nächsten Freitag ist er ein Jahr tot. Ich kann nur sehr schwer glauben, dass es nun ein Jahr her ist, dass er nicht mehr lebt. Er fehlt mir ungemein. Ich vermisse seine Stimme, seine Umarmungen, seine Ermutigungen und seine Liebe.

Gestern war ich im Wald und ich musste an ihn denken, inmitten der Bäume. In diesem Leben habe ich ihn verloren, doch ich finde ihn wieder, wenn ich in den Wald gehe.

Meine magische Begegnung mit Doldola

Mein Vater war seit frühen Jahren begeisterter und begabter Kaninchenzüchter. Er konnte einfach mit Tieren. Seine stille, ruhige Art wirkte, wann immer er mit Kaninchen, Hühnern, Tauben oder Krähen zusammentraf.

Am Freitag war ich an der OLMA. Das ist eine Messe in der Ostschweiz für Landwirtschaft und Milchwirtschaft, sprich für Bauern und Bäuerinnen. Da gibt es verschiedene Messehallen. Meine liebste Halle ist jene, wo die Kühe, Geissen und Hühner sind.

Nach über zwei Jahren waren wir also wieder da. Ein Jahr Pause wegen Corona. Viele Erinnerungen. Jedenfalls lief ich durch den Stock, wo die ganzen „kleinen“ Tiere, wie Kaninchen, Hühner und eben die Geissen sind. Ich sah ein Plakat für einen Geissenmarkt im Toggenburg im Frühling 2022 und war mit einem Mal nahe an den Tränen.

Ich erinnerte mich plötzlich an ein Telefonat so um 2010 mit meinem Vater. Er hatte mich aus Versehen angerufen, weil er sein Smartphone in der Hosentasche herumtrug und das zwischendurch mal einfach blind Anrufe auslöste.

Ich rief ihn also zurück. Ich hörte seine Stimme, inmitten von Gejodel, Glockenklängen und – Geissengemecker. Er war auf einem Markt im Toggenburg mit einem Freund, auf der Suche nach Zuchtziegen. Ich hängte lachend auf. Ich freute mich für ihn, denn er klang sehr glücklich.

Kurze Zeit später fand er auf einer weiteren Geissentour die Krähe Fritzi, die wir später gemeinsam aufzogen und auswilderten, auch das ein wichtiger Teil meines Lebens und meiner Beziehung zu ihm.

So stand ich also an dieser Olma am Geissengehege, nahe an den Tränen. Ich hatte mit einem Mal so grosse Sehnsucht nach meinem Vater, dass ich am liebsten laut heraus geweint hätte.

In dem Moment blickte mich Doldola, eine Pfauenziege, an. Sie kam einfach auf mich zugetrottet und ich kraulte ihren Kopf. Nach ein paar Minuten dachte ich, dass sie wohl genug hätte. Doch sie berührte mit ihrer Schnauze meine Hand, und ich streichelte sie weiter. Ich war in Gedanken verloren und doch bei ihr. Es war einfach nur schön, dieses wunderbare, liebe Tier zu streicheln und mit ihr in Kontakt zu sein.
Zwischendurch versuchte ein Kind, sie anzufassen. Für einen Moment fürchtete ich, dass sie schrecken und weggehen würde. Doch sie drehte sich einfach weg, dann wieder zu mir hin, damit ich sie weiter streichelte.

Die Begegnung mit Doldola war richtig schön. Sie tat meinem Herzen gut.

Photo by Sascha Erni

Fast ein Jahr.

Heute in 2 Monaten ist mein Vater ein Jahr tot und es scheint mir, als wäre es ewig und gestern her. Auf meiner Fernsehkommode steht ein Foto in schwarzweiss von ihm. Er blickt interessiert sein Gegenüber an. Er strahlt wie immer von ihnen. Er ist ein schöner, alternder Mann.

Morgen ist es 42 Jahre her, dass mein Bruder Sven starb. Ich bin die letzte meiner Familie, die noch weiss, dass es ihn, wenn auch nur sehr kurz, gegeben hat.

Als mein Vater vor einigen Jahren an Krebs erkrankte, sprachen wir über Sven Geburt und seinen Tod. Zum ersten Mal überhaupt. Es war mir, als würden alle Wunden aufbrechen. Es schien mir, als müsste er reinen Tisch mit seinen Gefühlen und seiner Trauer um ihn machen. Ich konnte meinen Vater alles fragen, und ich bekam auf alles, was er wusste, eine Antwort. Es war für mich heilsam.

Meine Mutter war einige Jahre zuvor gestorben und mit ihr war ein tieferes Gespräch über den Tod meines Bruders nicht möglich. Über die Geburt schon. Doch sein Tod, damit verbunden ihre tiefen Verletzungen, blieb für den Rest ihres Lebens ein Tabu.

Für all diese Gespräche mit meinen Eltern bin ich dankbar. Doch ich bleibe zurück mit vielen Fragen, die wohl nie beantwortet werden. Die Frage nach dem Warum, dem Sinn des Lebens und dem Tod eines Säuglings. Ich habe darauf keine Antwort. Aber ich werde geduldig warten.

Nachtrag vom 20. September 2021: Schaue heute abend „Beginners“. Ein berührender Film übers Trauern und den Tod. Über unbändige Lebensfreude. Die Liebe zwischen Sohn und Vater. Erinnerungen.

Es gibt also keinen Moment meines Lebens, an den ich mich bewusst erinnere, wo meine Eltern nicht getrauert hätten. Die Trauer um meinen Bruder hat vieles erstickt. Es gibt ein Leben vor und nach dem Tod meines Bruders. Das zu anerkennen ist wichtig. Aber es hat nichts mit mir als Individuum zu tun.

Ich stelle mir vor, wie grauenvoll es ist, mit Ende 20 den Sohn zu verlieren. Ein Baby, einen Säugling, den man nicht beschützen konnte. Nicht vor dem Tod. Es ist die grösste Ohnmacht, die Eltern erfahren können. Dennoch haben sie es irgendwie geschafft, weiter zu leben. Auch wenn es nicht leicht für beide war.

Ich bin dankbar für meine Eltern. Und traurig, dass sie beide nicht mehr da sind

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Vom Sinn des Lebens

Als ich 30 Jahre alt wurde, lag meine Mutter im Sterben. Sie wurde gerade mal 56 Jahre alt. Ich begleitete sie die letzten Wochen ihres Lebens. Ich hatte damals einen neuen Job mit Leitungsfunktion angetreten und wusste nicht, wie ich diese Doppelbelastung unter einen Hut bringen sollte. Ich arbeitete sehr viel und versuchte – wann immer möglich – meine Mutter im Spital und danach im Pflegeheim zu besuchen.


Es riss mich fast entzwei. Ihr Sterben machte mich sehr betroffen und ich begriff, dass ich nun nur noch wenig Zeit hatte, mich mit ihr auszusprechen und mit mir selber, was sie betraf, ins Reine zu kommen.
Ich hatte einige Jahre in Wut auf sie verbracht, sie wegen ihres Alkoholproblems gehasst und verachtet. Die letzten drei Monate ihres Lebens waren für mich wohl dazu da, alles aufzuarbeiten.
Das tat ich. Und es tat furchtbar weh.
Doch am Ende konnte ich sie loslassen und durfte dabei anwesend sein, als sie starb.

Kurze Zeit später machten sich bei meiner Omi die ersten Anzeichen einer dementiellen Erkrankung bemerkbar. Ich wollte es erst nicht wahrhaben. Omi war immer an meiner Seite gewesen, hatte mit mir am Bett ihrer sterbenden Tochter gewacht. Irgendwie hatte ich den Gedanken gehabt, nun wenigstens noch einige Jahre mit Omi zu haben.

Ich hatte Übung, einen Menschen in seinen letzten Jahren und Monaten zu begleiten. Doch auch hier überwog der Schmerz. Ich verlor meine Omi Stück für Stück. Sie, die mich immer so geliebt und als Kind verwöhnt hatte, vergass mich nun langsam. Den Schmerz konnte ich nur angehen, indem ich über ihn schrieb und all das Unfassbare in Worte presste.

Der letzte Weg mit Omi war meine Auseinandersetzung mit einem guten, gelebten Leben. Ich war traurig, dass sie starb. Doch ich spürte auch, es ist gut so wie es ist.

An Omis Beerdigung weinte mein Vater. Er war lange Zeit ihr Schwiegersohn gewesen, nach der Scheidung von meiner Mutter aber war er für sie der Vater von Omis Enkeln. Wir ahnten damals nicht, dass nun Papis Sterben einen Anfang nehmen würden. Ich denke, er wusste da mehr.

Mein Vater litt plötzlich unter Gleichgewichtsstörungen, konnte kaum noch gehen. Von einem Tag auf den anderen gab er seinen Führerschein ab. Für ihn, den Bewegungsmenschen, war das ein grosser Einschnitt in seine Lebensqualität. Er verlor sehr viel Lebensmut, gleichzeitig wollte er alles tun, was in seiner Macht stand, um nicht an Kraft zu verlieren und weiter zu leben.

Sein Leiden berührte mich sehr. Ich konnte nur schwer zusehen und wusste nicht, wie ich noch Trost oder Mut spenden konnte. Ein Satz von ihm änderte schliesslich mein Leben. Er hatte gesagt: „Wenn ich mit Anfang 40 gewusst hätte, wie sich mein Leben mit 70 verändert, so hätte ich noch sehr viel mehr all das getan, was ich mich bis dahin nie getraut hätte.“

Ich dachte darüber nach, woran ich mich nie heran gewagt hätte, wären nicht diese Worte meines Vater gewesen. Mit einem Mal sah ich klar: Ich wollte mich mit der Natur, dem Leben und dem Tod auseinandersetzen. Ich wollte lernen.
So entschied ich mich, mich an die Jagdprüfung anzumelden.

Mein Vater reagierte erst verwundert, dann entschied er sich, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen. Er motivierte mich, freute sich über Erfolge und sprach mir Mut zu. Mit einem Mal sprachen wir wieder über andere Themen.

Dann kam Corona und unsere Verbindung wurde erneut auf die Probe gestellt. Ich besuchte ihn nicht mehr oft, aus Sorge, ihn oder seine Frau ungewollt mit Covid anzustecken.

Die letzten Monate seines Lebens telefonierten wir, sahen uns nicht mehr. Es war aber nicht so, dass wir uns von einander entfernten. Viel mehr spürte ich jedes Mal, wenn ich in den Wald ging und jagte, wie nahe er mir hier ist. Es fühlte sich an, als ob er immerzu an meiner Seite wäre. Ich fühlte mich gestärkt.

Im letzten November starb mein Vater. Ich war erleichtert, dass er loslassen konnte und dass sein Leiden ein Ende hatte. Die Trauer begleitet mich trotzdem. Er ist viel zu früh gegangen. Ich hätte ihn gerne noch länger an meiner Seite gehabt.

Doch da ist noch mehr: Ich trete sein Erbe an, widme mich der Natur. Tue Dinge, an die ich mich nie gewagt hätte. Ich gehe mutig in die Zukunft mit gefülltem Rucksack.