Vater. Oh Vater.

In den letzten Tagen musste ich sehr viel an meinen Vater denken.
Vor zwei Jahren um diese Zeit haben wir oft telefoniert und geredet, so als hätten wir gespürt, dass danach eine Zeit der Entfernung, der Sehnsucht und der Trennung folgt.

Der 72. Geburtstag meines Vaters am 19. Februar 2020 war das letzte Familienfest, an das ich mich erinnern kann. Mehr als ein halbes Jahr später, auf den Tag genau, im November, verstarb er.

Ich habe die letzten Monate seiner Krankheit, seines Leidens, seiner Pflege, nur aus Entfernung miterlebt. Meine Lebensader zu ihm war wie abgeschnitten, und das aus gutem Grund. Freiheit war sein Lebensmotto. Er soll sich frei bewegen können, ohne Quarantänebescheinung, ohne Isolation. Frische Luft, rausgehen. Sein Leben leben. Mit Rollstuhl. Aber aus voller Kraft.

Seine Frau und ich sprechen immer wieder mal darüber. Es war gut so, zu entscheiden. Weg zu bleiben. Ich habe mir – und ihm – sehr viel erspart. Aber es rettet mich nicht vor der Trauer um ihn. Mein Verlust ist sehr gross. Er war mir der nächste, liebste Mensch. Mein Vater fehlt mir so sehr. Ich vermisse seine Umarmungen. Seinen Humor. Sein sanftes Lächeln.

Ich habe viele Momente seines Lebens, im Herbst 2020, verpasst. Es war mir nicht vergönnt, an seiner Seite zu sein. An seinem letzten Tag wachte ich an seinem Bett. Das hat mir sehr viel gegeben. Ich spürte, wie sehr er mir in diesem verrückten Jahr gefehlt hat. Wenige Minuten vor seinem Tod verliess ich ihn. Ich war müde und traurig und spürte, dass es nun Zeit war, zu gehen. Ich war an der Seite meiner Mutter, als sie 2007 starb, aber es war nicht meine Aufgabe, an der Seite meines Vaters zu sein.

Ich musste daran denken, dass er, am Anfang meines Lebens, sehr präsent da war. Bei meiner Geburt war er an der Seite meiner Mutter. Er hielt mich, wenige Momente später in den Händen, schnitt meine Nabelschnur durch. Er war da ganz furchtlos und neugierig. Das macht mich sehr stolz auf ihn. Und es verstärkt die Sehnsucht nach einem dieser wichtigsten Menschen in meinem Leben. Er war mir so oft Mutter und Vater gleichzeitig.

Mir fehlen sehr viele menschliche Kontakte. Mir fehlen meine Freunde, die ich jeweils am Freitag oder Samstag treffe. Mir fehlen aber auch meine nächsten Verwandten, meine Omi. Papi. Meine Mutter. Meine Grosstanten mütterlicherseits.

Corona hat mich sehr viel einsamer gemacht als zuvor. Ich lebe mein Leben und das gelingt mir ziemlich gut. Aber mir fehlen die Menschen. Die Begegnungen im Alltag, die ich zuvor so sehr in meiner Stadt geschätzt habe. Das ganze soziale Leben liegt brach.

Meine berufliche Welt ist eine komplett andere als die private. Ich bin mit sehr vielen Schicksalen konfrontiert und es fällt mir schwer, zu verallgemeinern. Manchmal bin ich sehr müde. Dann wieder voller Kraft. Ich funktioniere hinter meiner Maske. Mein Makeup ist noch immer nicht wasserfest.

Es wäre leichter, wenn ich meine Angehörigen noch hätte. Aber es ist auch gut, wenn ich meine Freunde an meiner Seite weiss. Ohne wenig Worte. Das Gefühl reicht aus, dass sie da sind.

5 Jahre

Heute vor fünf Jahren starb meine Omi Paula im Alter von 88 Jahren.
Gemessen an dem, was sie als Kind erlebte und überstand, wurde sie uralt. Sie selber hat sich immer wieder darüber gewundert, wie alt sie wurde. Während des Zweiten Weltkriegs ist sie an einer schweren Hirnhautentzündung erkrankt und keiner hat daran geglaubt, dass sie das alles überlebt, ausser ihrer Mutter.

Omi war für mich der wichtigste Mensch in meiner Kindheit, meiner Jugend und auch später. Sie war liebevoll, geduldig und fröhlich. Sie liess nie einen Zweifel daran, dass sie mich, ihre erste Enkelin, über alles liebte und daran glaubte, dass ich alles schaffe, was ich mir vornehme. „Es chunnt schon guet, wenn dä Herrgott will“, hat sie gesagt.

Wir erlebten sehr viel miteinander: sie begleitete mich an Kreisturntage, besuchte Theateraufführungen, in denen ich als Kind auftrat, wir reisten zusammen nach Berlin, Luzern, Stein am Rhein und Zürich. Wir trauerten gemeinsam um Opi, der fast auf den Tag genau 20 Jahre vor ihr starb. Wir begleiteten meine Mutter, ihre Tochter Uschi, gemeinsam in den Tod.
Omi und ich, da passte kein Blatt dazwischen.

Wenn sie heute noch leben würde, und wir beide jünger wären, hätten wir vielleicht einen tiktok-Account zusammen. Omi war einfach immer cool. Ich war immer unglaublich stolz auf sie, weil sie so ein offener, herzlicher Mensch war.

Weniger cool war ihre Demenzerkrankung. Sie forderte mich heraus und ich musste mit anfang 30 richtig viel lernen. Ich bin, trotz allem sehr dankbar. Es gibt Sätze aus Omis Mund, die vergess ich nie: „Werde so alt wie ich, dann schauen wir weiter.“ Sie hatte so sehr recht. Ich denke sehr oft an jene Tage zurück, als Omi noch im Pflegeheim lebte. Ihre Worte, ihre Liebe, ihr langsames Vergessen. Das alles ist da und verschwindet doch langsam.

Trotz aller Trauer um sie bin ich froh, dass sie in diesen Tagen nicht mehr lebt. Ich weiss nicht, wie ich das Abschiednehmen überstanden hätte, wenn ich sie nicht mehr einfach so hätte sehen können. Corona ist ein Arschloch.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Fünf Jahre sind nichts.

25 Jahre.

Heute vor 25 Jahren starb mein Opi Walter. Er wurde 72 Jahre alt.
Opi war im Herbst 1996 Leberkrebs diagnostiziert worden. Er wusste, welches Ende ihn erwarten würde und entschied sich, zuhause zu sterben. Meine Omi hat ihn bis zu seinem Tod begleitet, ebenso eine Pflegende.

Omi berichtete, wie zerbrechlich Opi am Ende seines Lebens geworden war. Sie hielt seine Hand, als er am Morgen des 7. Januar 1997 um Punkt acht Uhr seinen letzten Atemzug tat. Omi war auch über 10 Jahre später an der Seite meiner Mutter, ihrer Tochter, als sie starb und hat auch damals ihre Hand gehalten.

Die Nachricht von Opis Tod erreichte mich am Arbeitsplatz. Ich arbeitete seit einigen Monaten in einem Ladengeschäft und war mehr oder weniger glücklich dabei. Meine Mutter hatte meine Chefin angerufen, die mich dann ins Büro zitierte. Meine Mutter weinte am Telefon und sagte, Opi wäre tot. Ich weinte kurz, ging dann wieder zur Arbeit.

Ich spürte damals, dass ich offenbar innerlich trauere. Ich muss weiter arbeiten können, in meinem gewohnten Umfeld funktionieren. Ich brauche keinen totalen Rückzug von allem.

Eine Woche später war Opis Beerdigung. Es war sehr kalt. In meiner Erinnerung liegt Schnee. Omi war sehr stark und tröstete uns alle. Meine Schwester und ich weinten.

Beim Trauermahl im Café Huber, wo Omis Geschwister, Mami, Opis Freunde aus der Aktivdienstzeit dabei waren, erzählten alle Erlebnisse mit Opi. Es schien mir, als würde er für einen Moment nochmals zwischen uns sitzen, ein dünner zierlicher Mann, mit stahlblauen Augen, die Zigarette zwischen den Fingern.

Erst nach seinem Tod, als ich mit Omi das Haus aufräumte, Fotos und Zeitungsberichte fand, lernte ich meinen Opi ganz anders kennen.

Er war sehr intelligent, an Politik, Physik und Chemie interessiert, gleichzeitig ein begabter Musiker, Jazz- und Swingliebhaber. Er interessierte sich für Geschichte, das Toggenburg und hatte den Zweiten Weltkrieg als Militärmusiker am eigenen Leib erlebt.

Er war das zweite Kind von Anna und Henri Mettler. Seine ältere Schwester Nelly war einige Jahre vor seinem Tod als Kleinkind verstorben. Henri war Veteran des Ersten Weltkriegs und wie er Fabrikarbeiter im Toggenburg.

Opi war während meiner Kindheit und Jugend mein freundlicher Begleiter. Er motivierte mich zu lernen, an mich zu glauben und das zu tun, was ich mir erträume.

Sein langsames Sterben war eine sehr traurige und zugleich schöne Erfahrung. Ich lernte von ihm, wie es ist, anderen zu vergeben und offen zu sein für den Übergang in den Tod. Opi war ein sehr besonderer Mensch und er fehlt mir, auch 25 Jahre später noch immer. Ich denke gerne an ihn zurück. Ich bin dankbar, dass ich seine Enkelin bin.

Mein Rückblick auf das Jahr 2021

Die letzten zwölf Monate in meinem Leben waren geprägt von der Trauer um meinen Vater und dem Lernen von neuen Dingen. Nachdem im November 2020 mein Vater verstarb, hatte ich mit der Verarbeitung dieses Verlusts hart zu kämpfen. Doch mit jedem Monat wurde es leichter. Es gab sehr viele Momente, wo ich an ihn gedacht habe und aus denen ich Kraft schöpfen konnte.

Im Januar startete ich mit dem letzten Teil meiner Jagdausbildung im Kanton St. Gallen. Über drei Monate lang besuchte ich jeden Montagabend – Corona geschuldet im online Unterricht – die theoretische Ausbildung. Die Auseinandersetzung mit den Gesetzen der Natur tröstete mich, gab mir Kraft. Im Frühling verbrachte ich viel Zeit im Wald, erkundete Pflanzen, bestimmte Blumen. Und als ich schliesslich im Juni an die Prüfung ging, spürte ich meinen Vater noch einmal sehr nahe. Ich bestand die Prüfung ohne Probleme. Das machte mich sehr glücklich.

Im Frühjahr begann ich mit meiner Fortbildung an der Berner Fachhochschule. Bis Juli besuchte ich die Module online – irgendwie fand ein Teil dieses Jahres vor dem Bildschirm statt – ab August dann in Bern selber. Als ich dann meine MitstudentInnen im real life kennenlernte, war das eine richtig schöne Sache. Berner und Bernerinnen sind einfach tolle, liebe Menschen! Dass ich in Bern alte Freundinnen und Freunde traf, tat mir sehr gut.

Literarisch wurden dieses Jahr zwei Texte von mir veröffentlicht. Der erste im Kulturblatt „Obacht“ des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Ich durfte über die Jagd und meine Liebe zum Wald schreiben.

Im Sommer 2021 erschien schliesslich das Buch „Bleib doch – komm wieder“ im Saatgut Verlag. Das Buch handelt vom Aufbrechen und Ankommen, vom Bleiben und Weiterziehen. Mein Textbeitrag handelt vom legendären „tapferen Thurgauer Meitli“, einem Mädchen, das in den Wirren des Schwabenkriegs schreckliche Dinge erlebt und überlebt.

Ich las in diesem Jahr zwar viele Bücher, allerdings nur wenige Romane. Ich befasste mich mit positiver Psychologie, Führungsthemen und Resilienz, schrieb weiterhin tapfer Tagebuch und gestaltete mein Bulletjournal. Etwas machte mich sehr glücklich: Ich fand in einer Kiste Omis handgeschriebene Rezepte, die ich verloren glaubte. Ich bin so auf ihr legendäres Gulasch-Rezept gestossen.

Ich fing wieder an mit Langlaufen und überhaupt liebe ich frühmorgendliche Spaziergänge und Wanderungen. Je früher desto besser. Hügel und Berge ziehen mich an.

Ich erhielt von der Frau meines Vaters viele Erinnerungsstücke an meinen Papi, unter anderem seinen legendären Humpen, der nie brechen durfte, seine Waffenlauf-Uhren und seine Sport-Collagen-Hefte aus den 60ern. In diesen Momenten ist er mir sehr nahe. Wir sind uns ähnlich, beide offenbar visuell geprägt, In diesem Jahr arbeitete ich an vielen Collagen, schrieb dafür weniger in meinen Blogs als in früheren Jahren.

Die gemeinsamen Essen mit der Frau meines Vaters machten mich glücklich. Ich verspüre ein tiefes Gefühl von Familie, von Zugehörigsein, gerade in Zeiten von Corona.

Für 2022 hege ich viele Wünsche: ab April werde ich mich an der Berner Fachhochschule weiterbilden. Ich möchte die Falkner-Ausbildung besuchen. Im Frühling 2022 wird das Dach unseres Hauses gedeckt.

Was von 2021 bleibt, sind viele Er-Innerungen, Trauer, ein Gefühl der Dankbarkeit und der Lebensfreude, Neugier und den Willen, die Natur zu erkunden. Meine Liebe gehört weiterhin den Geschöpfen des Waldes und den Vögeln. Darin bin und bleibe ich ganz die Tochter meines Vaters.

Opi Walter

Heute ist der 97. Geburtstag meines Opi Walter. Er ist der Sohn von Henri und Anna, der Stiefsohn von Rosa. Er lebte bis zum 7.Januar 1997 in diesem Haus, wo ich seit 2015 lebe.
Walter war das zweite Kind von Henri und Anna, seine ältere Schwester starb kurz vor seiner Geburt. Bei Walters Geburt war sein Vater Henri schon 35 Jahre alt. Heute finden wir das vielleicht genau das richtige Alter, um Vater zu werden. Aber 1924 bedeutete das, dass er einen alten Vater hatte.

Henri war 1914 bis 1918 im Militär. Seine Beziehung zu Anna ist in vielen Postkarten dokumentiert. Da ist von Armut und Hunger die Rede. Nach dem Krieg fröhnte Walter seiner Liebe zum Swing und Jazz. Er spielte in mehreren Formationen, trat an vielen Orten auf. Er war leidenschaftlicher Saxophonspieler.

Mein Opi lernte anfangs der 50er Jahre meine spätere Omi Paula kennen. Mit 27 Jahren wurde er Vater meiner Mutter Uschi. Er war ein leidenschaftlicher, junger Mann. Ein Künstler. Er war Musiker durch und durch.
Walter arbeitete in der Textilbranche. Glücklich wurde er wohl nicht damit. Ende der 70er wurde er arbeitslos, tingelte von Weberei zu Weberei. Am Ende seines Arbeitslebens arbeitete er bei Kägi.

Mein Opi war für mich als Kind ein grosses Geheimnis. Ich verstand nicht, was er für ein Mensch war. Ich trage ihn in meiner Erinnerung als ein vom Leben gebeugter Mensch, der sich oft im Keller des Hauses aufhielt. Der immer ein Glas Rosé in seiner Werkstatt stehen hatte.
Er lehrte mich vieles. Dass ich mich für Physik, Chemie und Geschichte interessieren soll, weil es wichtig ist. Er hatte nie einen Vorbehalt betreffend Bildung und Frauen. Ganz im Gegenteil. „Lerne!“, sagte er. Und: „Niemals vergessen“ und das im Bezug auf Hitler.

„Irgendwann laufen wir auf die Krinau hinauf und schauen uns den Sonnenaufgang an.“ Wir haben es nie getan. Aber manchmal verspüre ich die Lust, auf die Neu-Toggenburg zu steigen, frühmorgens, und mir den Sonnenaufgang anzuschauen.

Seine Beerdigung war sehr traurig. Ich weinte sehr, weil er mir so sehr fehlte. Meine Mutter, Omi, meine Schwester und ich standen an seinem Grab. Nur gerade 10 Jahre später würden Omi und ich an Mamis Grab stehen, nur wenige Meter von Omis Grab entfernt.

Vor 25 Jahren um diese Zeit lag mein Opi im Sterben. Er war seit Herbst 1996 an Leberkrebs erkrankt, bzw. diagnostiziert. Meine Omi erzählte mir, dass er genau gewusst hat, wie er sterben würde.
Er würde langsam innerlich ertrinken, sagte sie. Seine Pflegende hiess Schwester Paula, genau wie meine Omi.
Omi erzählte, dass sie sich am Ende ihres Lebens wieder geliebt hätten. Sie sagte: „Es war eine grosse Nähe zwischen uns.“

Nun sitze ich heute abend, an Opis 97. Geburtstag in der Stube, wo er gestorben ist. Und wo 1984 auch mein Urgrossvater verstarb. Alles sieht hier etwas anders aus als damals. Die klobigen Möbel sind fort. Wir fläzen uns auf den Möbeln aus den 70ern. Wir sitzen in einem Zimmer, das schon sehr alt ist und uns sehr viel erzählen könnte.

Heute abend erinnere ich mich an Walter, dessen junges Erwachsenenalter durch einen Krieg unterbrochen wurde, der mit 19 eingezogen wurde, unterernährt und krank.

Ich erinnere mich an einen Mann mit leuchtend blauen Augen, blondem Haar und dem Schalk im Gesicht. Einen Mann, der Spässe mochte und auch seine Enkelinnen liebte. Ich erinnere mich an einen mutigen Menschen, voller Liebe für seine Verwandten, seine Tochter.

Nicht jeder Todesfall sei eine Tragödie

Heute abend las ich ein Zitat einer Schweizer Politikerin. „Nicht jeder Todesfall ist eine Tragödie“. Ich fühlte mich von diesem Satz betroffen.

Es ist tatsächlich so, dass ich seit dem Tod meines Vater vor einem Jahr erleichtert bin, dass er gehen konnte. Es ist für mich nur schwer vorstellbar, wie er mit seiner Beeinträchtigung, der ständigen Bedrohung durch Erkrankung und Pflegeheim, seinem engagierten Streben nach Mitsprache und Teilhabe, nach Dabeisein so hätte friedlich weiterleben können. In dem Sinne ist für ihn sein Sterben wohl eine Erlösung.

Für uns als Hinterbliebene ist sein Tod hingegen eine Tragödie.

Er fehlt uns so sehr mit seiner leisen feinen Stimme. Er fehlt mit seiner Sanftheit und seinen klugen Bemerkungen.

Ich erinnere mich an so vieles.

Ich erinnere mich an die Kaninchenausstellungen, wo er aktiv mit dabei war und wir Mädchen Lose verkauften, sein Lob erhielten, weil wir wirklich gut waren. Er war ein grosser Tierfreund, ein Mann, der sich über so viele Jahre Wissen angeeignet hatte, das er auch weitergeben konnte.

Ich erinnere mich an jenen einen Volkslauf, wo er mich anfeuerte, dass ich schnell rannte, zwei Jahre nach meinen Hüft-OPs, nachdem ich wieder gelernt hatte zu laufen. Er liebte den Sport, selbst als er selber nicht mehr gehen konnte, hat er es geliebt, zuzusehen wie andere Höchstleistungen vollbrachten.

Ich erinnere mich daran, wie er mir geduldig zugehört hatte, wenn ich Sorgen hatte. Meist stand er dabei in seinem Kaninchenstall, fütterte die Tiere. Er nickte. Stellte Fragen. Er gab nie Ratschläge. Er ist für mich ein role model, was Vater und Mann sein angeht. Er war fair und liebevoll. Ich rechne es ihm hoch an, dass er bis zu seinem Tod dafür gesorgt hat, dass es seiner Frau gut geht.

Nun, er fehlt. Für uns Hinterbliebene ist sein Tod eine grosse Tragödie. Es hätte noch so viel mit ihm zu erleben gegeben. So vieles bleibt ungesagt und un-erlebt. Für ihn ist sein Tod bestimmt eine Erlösung gewesen. Er litt unsagbar. Für uns ist sein Tod ein Verlust.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen liebevollen, wunderbaren Menschen. Einen engagierten, liebenden Vater. Einen Geniesser. Einen Tierfreund, einen Naturliebenden. Er fehlt.

Das Märchen vom schlaflosen König

Ich liebe den Film „Big Fish“, weil er mich so sehr an meinen geliebten Vater erinnert.
„Erzähl mir, wie es sich abspielt. Wie ich gehe.“ sagt der Vater.
„Ohne dich kann ich das nicht. Hilf mir“, antwortet der Sohn,
„die Geschichte eines Lebens kann ich nicht ohne dich erzählen.“

Bis heute weiss ich nicht, warum ich vor über 6 Jahren dieses eine Märchen schrieb. Es fiel mir quasi in den Schoss: „Das Märchen vom schlaflosen König“. Ich erzählte es meinem Vater auf dem Sterbebett.

„Es war einmal ein König, der hatte mehr als sein halbes Leben Krieg geführt. Sein Körper war voller Narben, die er sich in vielen Kämpfen zugezogen hatte. Doch noch viel schlimmer als die sichtbaren Narben auf der Haut waren jene Verwundungen seiner Seele. Die konnte niemand sehen, denn er war ein sehr starker Mann.

Doch nachts konnte er nicht mehr schlafen. Er litt unter Albträumen. Jede Nacht von neuem ging sein Kampf weiter. Der König war tagsüber grantig, die Königin längst ihres Weges gezogen. Doch der König hatte noch eine Tochter. Sie war sein einziges Kind. Jahrelang hatte er sich gegrämt, dass er keinen Sohn hatte aufwachsen sehen. Das hatte er seine Tochter spüren lassen.

Seine Tochter war ein tapferes Mädchen. Sie, die Prinzessin, machte sich Sorgen um ihren Vater. Sie hatte sehr wohl bemerkt, wie sehr ihr Vater litt. Niemand am Hofe wusste Rat und konnte ihm helfen. Eines Morgen erwachte sie. Ein Vogel, es war eine Bachstelze, klopfte mit dem Schnabel an ihr Fenster. Die Prinzessin stand auf und öffnete das Fenster.

„Zi-lipp! Zi-lipp! Wenn du dem König helfen willst, verlass das Schloss und mach dich auf die Suche nach dem gelben Haus im grossen Wald! Zi-lipp! Zi-lipp!“
Die Prinzessin blickte den kleinen, grau-schwarzen Vogel überrascht an.
„Danke für deine Hilfe, kleiner Freund!“
Die Bachstelze jedoch fing mit dem Schnabel einen Käfer auf dem Fensterbrett und flog davon.

Die Prinzessin schlich sich leise weg aus dem Haus ihres Vaters. Sie entkam aus dem Schloss, ohne dass die Wachen ihres Vaters sie entdeckten. Der grosse Wald lag dunkel vor ihr. Doch sie hatte keine Angst. Sie war beseelt von dem Wunsch, ihrem Vater, dem König zu helfen.

Nach vielen Stunden des Wanderns durch die Dunkelheit erblickte sie ein gelbes Haus. Es stand mitten im Wald und leuchtete dennoch. Eine alte Frau trat aus der Türe. Sie hiess das Mädchen willkommen. Die Prinzessin, die noch immer ihr edles Kleid trug, das jedoch mittlerweile staubig geworden war, betrat das Haus. In der Küche bot ihr die Frau eine Tasse Tee an.

„Nimm ruhig, Kind. Die Blüten dieses Tees haben mir meine Freunde, die Vögel geschenkt.“

Die Prinzessin nahm einen Schluck. Der Tee schmeckte aussergewöhnlich gut. Er liess ihre Tränen und ihre Angst versiegen.
„Was willst du hier, Kind?“, fragte die Frau.
„Ich suche Heilung für meinen Vater. Er kann nicht mehr schlafen.“
Die alte Frau blickte sie wissend an. Sie schloss die Augen und flüsterte:
„Dein Vater ist ein starker Mann. Doch im Schlaf ist auch er ein Mensch wie jeder andere auch.“
Die Prinzessin nickte.
„Du kannst ihm aber helfen. Geh in den Wald und warte. Das erste Tier, das deinen Weg kreuzt, wird dich bei deinem Plan unterstützen.“
Die alte Frau gab der Prinzessin ein neues Kleid. Es war sehr einfach, aber sauber.

So ging die Prinzessin in den Wald zurück. Langsam wurde es dunkel. Mit einem Mal hörte sie ein sanftes Gurren. Sie folgte dem Geräusch und stiess auf eine kleine Krähe. Diese schien verlassen. Die Prinzessin ging auf die Knie und nahm den Vogel in ihre Hände. Die kleine Krähe schien keine Angst zu haben. Gemeinsam kehrten sie zurück zum Haus der alten Frau.

Diese schien nicht erstaunt, dass die Prinzessin eine Krähe gefunden hatte. Sie fütterte den kleinen Vogel mit einigen Würmern.
„Nun, mein Kind, kannst du dich aufmachen zu deinem Vater. Aber ich bitte dich, kehr hierher zurück. Ich versichere dir, dass dein Vater dann wieder vollends gesundet.“
Die Prinzessin versprach ihr das und kehrte mit der Krähe zurück ins Schloss ihres Vaters.

Ihr Vater war erzürnt, dass seine Tochter sein Schloss verlassen hatte. Die Prinzessin jedoch zeigte der Krähe das Gemach des Vaters. Das Tier suchte sich rasch einen Platz im Verborgenen. Die Prinzessin verabschiedete sich unter Tränen von der Krähe und verliess das Schloss wieder.

Sie kehrte zurück in das gelbe Haus im dunklen Wald. Dort übernahm sie den Platz der alten Frau, die in Wirklichkeit eine verzauberte Hexe war. Durch das Befolgen des Rats der Alten hatte die Prinzessin den Zauber gebrochen und wurde nun zur Herrin des Hauses und des Waldes. Die alte Hexe ging ihres Weges und ward nie mehr gesehen.

Der König aber konnte in jener Nacht endlich schlafen, denn wie jeder weiss, vertreibt die Krähe jegliche Dämonen, Albträume und schlechte Gedanken. In jener Nacht flog aus dem Fenster des Königs ein wunderbarer, kleiner Eisvogel. Der König ward nie mehr gesehen.

Die Krähe jedoch fand ihren Weg zur Tochter des Königs und ward von jenem Tag an eine treue Begleitung in guten und schweren Tagen.“

Den Schalk in den Augen

Am nächsten Freitag ist mein Vater ein Jahr tot.
Ich kann es nur sehr schwer glauben, dass ich vor bald einem Jahr zum letzten Mal seine Hand hielt.

Meine Beziehung zu ihm war immer tiefer als zu meiner Mutter. Ich hatte das Gefühl, dass er mich wirklich versteht, auch wenn er nicht immer nachvollziehen konnte, was mich antrieb.

Er war für mich immer sehr wichtig. Ich liebte es, seine Stimme zu hören, seine Briefe zu lesen. Ich liebte sein Lachen.

Wir liebten Filme. Bud Spencer, John Wayne, Terence Hill und Robert Mitchum waren unsere Helden. Mein Vater hatte den Schalk in den Augen.

Mein Vater nahm in meinem Leben eine Vorbildrolle ein. Er war sehr aktiv in jenen Vereinen, die ihm wichtig waren. Er war einer, der Verantwortung übernahm. Er züchtete Kaninchen, Hühner, später im Leben setzte er sich für Vögel ein.

Vögel waren unsere gemeinsame Leidenschaft. Wir zogen gemeinsam eine Krähe auf. Das schweisste unsere Familie sehr zusammen.

Gleichzeitig war er aber auch ein sehr engagierter Vater. Er nahm mich mit, wenn er an Ausflüge und Tagungen ging. Er gab mir das Gefühl, wichtig zu sein. Ich liebte es, in seiner Nähe zu sein.

Im Gegensatz zu meiner Mutter hat er mir nie vorgehalten, dass ich keine Kinder hatte. Die Rolle als Grossvater hat er wohl nur sehr ambivalent gelebt. Vielleicht fühlte er sich für all das zu jugendlich.

Eine Freundin unserer Familie hat mir an seinem 60sten Geburtstag gesagt, wie sehr er um meinen Bruder getrauert hat. Sie sagte, dass sie nie einen Mann so sehr trauern sah.

Mein Vater wirkte nach aussen immer stark und hart. Doch ich wusste und spürte, wie verletzlich er war und es machte mir nichts aus. Er hat mein Männerbild geprägt.

Am nächsten Freitag ist er ein Jahr tot. Ich kann nur sehr schwer glauben, dass es nun ein Jahr her ist, dass er nicht mehr lebt. Er fehlt mir ungemein. Ich vermisse seine Stimme, seine Umarmungen, seine Ermutigungen und seine Liebe.

Gestern war ich im Wald und ich musste an ihn denken, inmitten der Bäume. In diesem Leben habe ich ihn verloren, doch ich finde ihn wieder, wenn ich in den Wald gehe.

Ein Jahr ohne ihn

Die letzten zwölf Monate vergingen wie im Flug. Seit einem Jahr bin ich nun gefühlt eine Waise.

Mein Vater fehlt mir noch immer sehr, aber nicht mehr so stark wie noch vor einem Jahr. Es scheint, als könnte ich ihn nun langsam loslassen.

Mir war bewusst, ich bin eine Vatertochter, und das durch und durch. Ich weiss natürlich, wie negativ dieser Begriff besetzt ist. Doch ist er für mich passend.

Mein Vater hat mich zu vielen Anlässen seiner Vereine mitgenommen und es war nie ein Thema für ihn, dass ich ein Mädchen war. Er hat da nicht gross in Schubladen gedacht.

Er war beschützend und gleichzeitig fordernd, was meine körperlichen Grenzen anging. Er hat nie still akzeptiert, dass ich als Kind drei Hüft-OPs hinter mich brachte und wieder lernen musste zu laufen. Er wollte, dass ich rennen kann.

Erst viele Jahre später erfuhr ich, wie viele Sorgen er sich gemacht hat, dass ich nie wieder laufen lernen würde. In der Sache hat er sich geirrt und wenn er wüsste, wie ich jetzt durch steiles Gelände latsche und mich unter vom Sturm gefällten Bäumen durchquetsche, würde er es wohl nicht glauben.

Mein Vater hat immer – selbst als er schwer erkrankt war – an meinem Leben teilgenommen. Unser letztes gemeinsames Jahr wurde uns genommen und ich bereue, dass ich nicht mehr an seiner Seite sein konnte.

Die ersten Monate nach seinem Tod waren sehr schwer für mich. Ich fiel in ein Loch und trauerte stark. Er fehlt mir sehr. Er fehlt mir, wenn ich den Säntis und die Churfirsten sehe und daran denke, wie wir gemeinsam wandern waren. Er fehlt mir jedes Mal, wenn ich an Orten vorbei fahre, die uns beiden etwas bedeuten.

Zu gerne würde ich ihn einfach anrufen und ihn fragen, wie es ihm geht. Kurz darüber reden, was ich gerade mache und wie es mir geht. Seiner schönen, lieben Stimme zuhören, einer Anekdote lauschen, die ich bis anhin nicht kannte.

Ich habe viele schöne Erinnerungen an ihn. Die meisten stammen aus meiner Kindheit, dann aus späteren Jahren.

Mein Vater war für mich immer ein Vorbild an Stärke und Empathie, an Liebe und Klugheit.

Die letzten Jahre seines Lebens widmete er, neben der Auseinandersetzung mit seiner Krankheit, der Ornithologie. Er erkannte viele Vogelarten, beobachtete sie gerne und hielt sich gerne draussen auf. Mit ihm erblickte ich zum ersten Mal Eisvögel und seine Liebe zu Greif- und Rabenvögeln hat mich ebenfalls sehr geprägt.

Ohne ihn ist vieles anders. Doch seine Liebe bleibt.

Liebe

Ich denke oft an meinen Vater. Sein erster Todestag naht.

Manchmal kommt er mir in den Sinn, wenn ich auf dem Arbeitsweg in den Sonnenaufgang fahre. Ich denke dabei an die Sonnenaufgänge in meiner Kindheit. Jene Nacht, wo er und Mutter meine Schwester in den Notfall nach St, Gallen brachten, weil sie einen Fieberkrampf erlitt und zwischen Leben und Tod schwebte. Sie hatten zwei Jahre zuvor bereits meinen Bruder verloren. Die Angst, nun auch meine Schwester zu verlieren, war spürbar.

Wenn ich an Züberwangen vorbei fahre, kommt mir jene legendäre Kleintierausstellung in den 2010ern in den Sinn, die er mitverantwortete, kurz vor seiner Krebserkrankung. Er war immer ein Macher, einer der andere mitriss und begeistern konnte. Eine Führungspersönlichkeit.

Er feuerte mich an, mit dem Velo auf den Chasseral zu fahren, das trotz der kurz zurückliegenden Hüft-OP. Er gab mich nicht auf. „Du schaffst das!“ rief er.

Ich muss dran denken, wie er während seiner Krebserkrankung alle Karten auf den Tisch legte und mir alles, was er wusste, über den Tod meines Bruders erzählte. Wie wir danach gemeinsam weinten und uns umarmten.

Dann sehe ich ihn vor mir, wie er vor zwei Jahren, bereits schwer erkrankt und beeinträchtigt in seinem Entspannungsstuhl liegt. Er wirkt dabei wie der Christus in Michelangelos Pietà. Von nun an würde ich jedes Mal, wenn ich ihn sehe, daran denke müssen, wie sehr er an diesem Leben, das er doch so sehr liebte, litt. Zum ersten Mal im Leben würde ich erleichtert sein, dass ein geliebter Mensch stirbt. Manchmal ist das Leiden des geliebten Menschen so schwer erträglich, dass der Tod eine Befreiung ist.

Vor einem Jahr trete ich eine neue Stelle an. Mein Vater liegt im Sterben. Ich bin hin und her gerissen, arbeite viel. Ich sehe ihn im November 2020 noch zwei Mal. Am 19. November stirbt er. Bis zehn Minuten vor seinem Tod sitze ich bei ihm. Dann werde ich müde und verlasse ihn, weil ich spüre, dass ich nicht mehr weiter kann.

Nach seinem Tod denke ich oft an ihn, mit einem Mal erscheint er mir vor meinen Augen wieder jünger, stärker. Nicht leidend. Ich muss an vieles denken, was ich mit ihm erleben durfte. Er war so ein starker, sensibler und empathischer, lieber Mann.

Was von ihm bleibt? Meine wohl genetisch veranlagte Liebe zu Hühnern, Rabenvögeln, Greifvögeln, zu Bäumen. Die Liebe zur Natur, zu frischer Luft. Seine Holzuhren. Seine Collagen. Seine Liebe zu all jenen Menschen, die ihm nahe waren, bis zuletzt. Seine tiefe Verbundenheit und Liebe zu seiner Frau. Meine Erinnerungen an ihn, diesen lieben Menschen, meinen geliebten Vater.