Verlernt zu sterben.

Vor einer Woche habe ich meinen Freund ins Spital gebracht. Ich war guter Dinge.
Einige wenige Stunden später schien alles anders. Er wurde nicht einfach entlassen, sondern musste bleiben. Ich verbrachte einen ersten Freitag alleine. Ich war irritiert, weil ich den Tag anders geplant hatte. Mit ihm. Nicht ohne ihn.
Dann wurde es Samstag. Er wurde von einem Spital ins nächste verlegt, schliesslich landete er in St. Gallen.

Ich fuhr mit einer Tasche gefüllt mit Kleidern und seinem iPad ins Spital.
Das Spitalgelände, die einzelnen Häuser, wurden von Securitas-Leuten bewacht. Ich wunderte mich über die vielen Menschen auf dem Platz beim Spital. Es war schönes Wetter.

Im Haus, wo er lag, verwies mich die freundliche Security-Frau an den Empfang, einige Häuser weiter. Ich sollte mir eine Besucherkarte beschaffen, sonst würde ich das Haus nicht betreten dürfen. Das Zertifikat und die Tatsache, dass er keine Kleider mehr hatte, spielten keine Rolle.
Ich ging also zum Empfang, äusserte mein Anliegen und kriegte zu hören, dass ich ihn nicht sehen würde. Besuchsverbot. Schliesslich war mein Freund nicht in palliativer Pflege. Und seine Sachen würde ich jemandem übergeben können.

Mir sackten die Beine weg. Ich hatte ihn seit einem Tag nicht mehr gesehen, wusste nicht, wie es ihm ging. Ich wusste nur, es ging ihm schlecht.
Die Frau vom Empfang schrie mich an. Ich wankte davon.

Vor bald anderthalb Jahren hatte ich das Gleiche erlebt. Mein Vater verbrachte einen Monat im Pflegeheim. Er nannte es „Isolationshaft“. Wir durften ihn nicht besuchen, nicht sehen, wie es ihm ging.

Das Gefühl von damals kehrte zurück. Ich verstand zwar „Besuchsverbot“, aber mir wollte nicht in den Kopf, dass mir jemals jemand verbieten könnte, meinen Freund zu sehen.
Ich ging zurück in das Haus, wo mein Freund als Patient aufgenommen worden war. Eine Pflegende sprach mich an. Ihr würde ich seine Sachen übergeben können. Und nein, ich durfte ihn nicht besuchen, da er nicht so krank war. Nicht palliativ versorgt. Ich kriegte mit einem Mal keine Luft mehr durch die Maske. Ich weinte.

Schliesslich stand er plötzlich neben mir. Er war bloss rauchen gegangen. Ich weinte weiter. Ich weinte, weil ich unglaublich traurig war. Weil ich nun verstand, warum an diesem schönen Tag so unglaublich viele Leute auf dem Platz vor dem Spital standen und sassen. Das waren alles Menschen, die sich einfach nur sehen wollten, aber nicht sehen durften. In diesem Spital, in diesem Kanton, wo ein Regierungsrat sagte, wir hätten verlernt zu sterben.

Eine halbe Stunde später fuhr ich nach Hause zurück, vorbei an grünen Wiesen, Hügeln und Waldstücken. Immer weiter. Nach Hause. Vor einer Woche hatte ich meinen Freund ins Spital gebracht. Ich war guter Dinge.

Nachtrag 22. Oktober 2021: Sascha ist inzwischen aus dem Spital entlassen worden, ist wieder zuhause und fühlt sich den Umständen entsprechend gut. Ich hoffe auf einen Blogbeitrag aus seiner Feder. Was er in den letzten Tagen in den drei St. Galler Spitälern Wattwil, Wil und St. Gallen erlebt hat, ist bestimmt sehr interessant und vielsagend.

14 Jahre

Vor 14 Jahren um diese Zeit wachte ich die Nacht durch an der Seite meiner Mutter, die im Sterben lag. Ich erinnere mich an ein holzgetäfertes Zimmer im Pflegeheim, wo sie einige Wochen im jugendlichen Alter von 56 Jahren verbrachte, an fröhlich bunte Bettwäsche und – ihr schweres Atmen.
Ich lag da, schlaflos, an ihrer Seite. Ich weinte.
Im Bett gegenüber lag eine sehr alte, demenzerkrankte Frau.
Meine Mutter hatte sehr viel Sekret in den Lungen, ihre Atemaussetzer waren furchtbar zu ertragen. Vielleicht behinderte ich durch mein bei ihr Bleiben ihr Sterben. Ich weiss es nicht. Ich konnte sie in jener Nacht noch nicht loslassen. Sie war mir noch zu nahe. Zu viel hatten wir zusammen erlebt.

Ich erfuhr in jener Nacht zum ersten Mal, was es mit einem macht, wenn man einfach nur hofft, dass ein Mensch gehen kann. Ich wünschte es mir zutiefst, dass meine Mutter sterben könnte. Ich hatte bis dahin noch nie ein solches Leiden miterlebt. Vielleicht litt sie nicht mal so sehr. Zumindest hatte mir das ein Pflegender gesagt. Aber in meiner Erinnerung sind das Keuchen, das Kocheln, die Geräusche ihrer Lunge noch immer da, als wäre es gestern gewesen.

Das Sterben der eigenen Eltern mitzuerleben rührt an die eigene Substanz. Es stellt vieles auf den Kopf und einiges richtig.

Unterwegs im Herbstnebel

Als ich vielleicht 13 oder 14 Jahre alt war, begleitete ich meinen Vater jeweils mit dem Velo, wenn er für seine Läufe trainieren ging. Wir wohnten am Hüttwilersee und ich denke, die Seenplatte war auch sein liebster Trainingsort.

Wenige Jahre zuvor war ich an beiden Hüftgelenken operiert worden. Sport und vor allem Laufen war für mich damals keine Option mehr, da ich wenig Kraft und Angst vor Stürzen hatte.

Mein Vater und ich waren uns immer sehr nahe. Nachdem er seinen Job gewechselt hatte – er hatte viele Jahre auf dem Bau gearbeitet, schliesslich hatte er eine Stelle als Schulhauswart angenommen – war er uns Kindern noch näher als vorher. Wir konnten mit allen Sorgen jederzeit zu ihm gehen, ein Luxus, den viele Kinder nicht haben, deren Väter abwesend berufstätig sind.

Er motivierte mich, nach meinen drei langwierigen OPs, ihn bei seinen Trainings zu begleiten. Das tat ich schliesslich. Er instruierte mich genau, wo ich auf ihn warten sollte, beschrieb die Kreuzungen und Wege. So lief er los und ich fuhr mit dem Velo, leicht zittrig zu jenen Orten.

Ich erinnere mich an jenen einen Abend, ich weiss nicht, war es Frühling oder Herbst, als die Sonne leicht durch den Nebel auf den Hüttwilersee schien. Die Felder leuchteten. Ich war sehr bewegt und glücklich.

Noch glücklicher war ich jeweils, wenn mein Vater zur abgemachten Zeit an meinem Warteort vorbei lief, ich ihm sein isotonisches Getränk reichen und hinterher fahren konnte.

Ich erinnere mich an seine Stimme, die Instruktion, wo ich wann als nächstes warten sollte. Ich fuhr los.

Später, so mit 16 oder 17 hatte ich dann ein Töffli, eine Chopper, die gnadenlos klang und die ich von Herzen liebte. Bis ich schliesslich die Autofahrprüfung machte, begleitete ich ihn mit diesem Höllengefährt bei Trainings, kurzzeitig am Frauenfelder. Ich war furchtbar stolz, auch wenn mir manchmal fast die Finger abgefroren sind.

Es ist schon seltsam, woran man sich erinnert, wenn man sich drauf einlässt. Auch wenn es weh tut.
Mein Vater fehlt mir sehr. Aber ich bin auch dankbar für all jene schönen Erfahrungen, wo er mir Mut gemacht hat, mit meiner Beeinträchtigung klar zu kommen und einen Scheiss drauf zu geben, was andere von mir denken. Ich denke, das ist es, was die Aufgabe von Vätern und anderen liebenden Menschen ist: Ermutigen. Lieben. Stärken.

Panta rhei

Vor einigen Tagen träumte ich einen wunderschönen Traum. Ich wohnte in einem wunderbaren Haus – unserem Hexenhüsli in der schönsten Stadt des Toggenburgs – umgeben von Menschen und Tieren, die ich liebe. Alles fühlte sich wunderbar an.
Ich war total glücklich.

Dann sah ich meine Mutter. Sie öffnete die grosse schwere Haustüre, ging hindurch und schloss sie hinter sich zu. Ich rannte ihr nach, rüttelte an der Türe. Doch diese tat keinen Wank mehr.

Vor 14 Jahren begleitete ich meine Mutter während ihrer letzten Tage. Es war anstrengend, aufzehrend, gleichzeitig schön und kraftvoll.

Ich fühlte mich damals, mit 30, viel zu jung um meine Mutter zu verlieren. Es erschien mir ungerecht. Unfair. Sie fehlte mir danach viele Jahre. Ich trauerte um all jene Jahre, die ich mit 16 und später nicht hatte.

Meine Mutter machte mir jedoch ein grosses Geschenk. Ich durfte anwesend sein, als sie starb. Das ist ein Privileg, denn nach so einer Erfahrung ist alles anders. Ich verdanke ihr in zweifacher Form das Geschenk des Lebens: einerseits mit meiner Geburt, dann mit ihrem Sterben und dass ich erfahren durfte, wie friedlich man nach einem schwierigen Leben, das jedoch erfüllt war, gehen kann.

Vor einigen Tagen träumte ich von meiner Mutter. Sie war 40 Jahre alt, mit langem braunen Haar und einem sanften Lächeln im Gesicht. Sie öffnete die grosse schwere Haustüre, ging hindurch und schloss sie hinter sich zu. Ich rannte ihr nach, rüttelte an der Türe. Doch diese tat keinen Wank mehr.

Ich stand da, erst traurig und berührt, dann mit einem Mal glücklich.

„Diä Türe isch etz zuä“, höre ich ihre Stimme und ich weiss genau, was sie meint. Mein Leben geht weiter und ihres ist seit 14 Jahren vollendet. Panta rhei.

Meine magische Begegnung mit Doldola

Mein Vater war seit frühen Jahren begeisterter und begabter Kaninchenzüchter. Er konnte einfach mit Tieren. Seine stille, ruhige Art wirkte, wann immer er mit Kaninchen, Hühnern, Tauben oder Krähen zusammentraf.

Am Freitag war ich an der OLMA. Das ist eine Messe in der Ostschweiz für Landwirtschaft und Milchwirtschaft, sprich für Bauern und Bäuerinnen. Da gibt es verschiedene Messehallen. Meine liebste Halle ist jene, wo die Kühe, Geissen und Hühner sind.

Nach über zwei Jahren waren wir also wieder da. Ein Jahr Pause wegen Corona. Viele Erinnerungen. Jedenfalls lief ich durch den Stock, wo die ganzen „kleinen“ Tiere, wie Kaninchen, Hühner und eben die Geissen sind. Ich sah ein Plakat für einen Geissenmarkt im Toggenburg im Frühling 2022 und war mit einem Mal nahe an den Tränen.

Ich erinnerte mich plötzlich an ein Telefonat so um 2010 mit meinem Vater. Er hatte mich aus Versehen angerufen, weil er sein Smartphone in der Hosentasche herumtrug und das zwischendurch mal einfach blind Anrufe auslöste.

Ich rief ihn also zurück. Ich hörte seine Stimme, inmitten von Gejodel, Glockenklängen und – Geissengemecker. Er war auf einem Markt im Toggenburg mit einem Freund, auf der Suche nach Zuchtziegen. Ich hängte lachend auf. Ich freute mich für ihn, denn er klang sehr glücklich.

Kurze Zeit später fand er auf einer weiteren Geissentour die Krähe Fritzi, die wir später gemeinsam aufzogen und auswilderten, auch das ein wichtiger Teil meines Lebens und meiner Beziehung zu ihm.

So stand ich also an dieser Olma am Geissengehege, nahe an den Tränen. Ich hatte mit einem Mal so grosse Sehnsucht nach meinem Vater, dass ich am liebsten laut heraus geweint hätte.

In dem Moment blickte mich Doldola, eine Pfauenziege, an. Sie kam einfach auf mich zugetrottet und ich kraulte ihren Kopf. Nach ein paar Minuten dachte ich, dass sie wohl genug hätte. Doch sie berührte mit ihrer Schnauze meine Hand, und ich streichelte sie weiter. Ich war in Gedanken verloren und doch bei ihr. Es war einfach nur schön, dieses wunderbare, liebe Tier zu streicheln und mit ihr in Kontakt zu sein.
Zwischendurch versuchte ein Kind, sie anzufassen. Für einen Moment fürchtete ich, dass sie schrecken und weggehen würde. Doch sie drehte sich einfach weg, dann wieder zu mir hin, damit ich sie weiter streichelte.

Die Begegnung mit Doldola war richtig schön. Sie tat meinem Herzen gut.

Photo by Sascha Erni

Über die Trauer. Und die Wut.

Vor einigen Tagen las ich einen Text von Regula Staempfli über das Buch „Notes on Grief“ von Chimanda Ngozi Adichie. Ihr Text hat mich sehr berührt.

Ich fühlte mich erinnert und zurückgestossen in die Zeit vor einem Jahr, als mein Vater sich bereit machte, dieses Leben hinter sich zu lassen. „Das körperliche Verschwinden eines geliebten Menschen fühlt sich an, als wäre man amputiert worden“, schreibt Regula Staempfli.

Das Gefühl des Unvollständigseins, des starken Schmerzes ist nach wie vor in meinem Leben vorhanden. Mal werde ich mehr, mal weniger davon beeinträchtigt. Ihre Worte treffen den Kern meiner Trauer. Mir fehlt die Nähe meines Vaters. Unsere Telefonate. Unsere gemeinsamen Leidenschaften. Wir liebten den Wald und alte Filme. Es fehlt mir, dass wir nie mehr gemeinsam durch den Wald laufen. Dass ich mit ihm nicht mehr über meine Beobachtungen und Eindrücke sprechen kann.

„Die Fassunglosigkeit, die einen erfasst, wenn ein Mensch aus dem eigenen Leben tritt. Dieses Unglück, geliebte Eltern zu verlieren, die einem doch das ganze Leben begleitet haben – wer ist dann noch da?“
Ich hatte das offenbar seltene Glück, einen wunderbaren, liebenden und liebevollen Vater zu haben. Er war während meiner Kindheit, meiner Pubertät und auch später – einfach da. Er hörte mir zu. Bewertete wenig. Er hielt mich für kompetent und zweifelte nicht daran, dass ich meinen Weg machen würde. Er bestärkte mich in meinem Willen und meiner Kraft.

Er war stolz auf mich, auch wenn er es mir nicht oft zeigte, dafür seinen Freunden umso mehr. Wir waren einander herzensnah und vor allem sehr ähnlich.

Dann schreibt Regula Staempfli: „Die Sitte der Spitalkultur verbat es mir, zu schreien, zu toben, mir die Kleider vom Leib zu reissen, die Haare zu raufen und allen ins Gesicht zu klagen: Stop the clock! She! Is! Dead!“

Auch hier spricht, nein, schreit sie mir aus dem Herzen. Ich war nach dem Tod meiner Mutter nahe dran, mir die Haare vom Kopf zu rasieren. Als Ausdruck meiner Trauer und Fassungslosigkeit. Stattdessen wächst mein Haar weiter, ergraut langsam, mit weissen Strähnen, dort wo das Leben mir Schläge verpasst hat.

Chimanda Ngozi Adichie schreibt schliesslich: „An all meine Feinde, aufgepasst! Das Schlimmste ist passiert. Mein Vater ist weg. Meine Wut, mein Wahnsinn werden sich jetzt erst recht manifestieren.“

Aus Wut wird Mut. So will ich es handhaben. Ich will schreiben, was ich fühle. Zu meinen Gefühlen stehen. Mich nicht verbiegen. Nicht schweigen.

Über Trauer und Schmerz zu schreiben, scheint mir lebenswichtig. Trauer und Schmerz sind Zeichen, dass man – bei all dem Leid – noch lebt. Und wenn ich dann so einen leidenschaftlichen, schönen Text wie jenen von Regula Staempfli lese, fühle ich mich etwas weniger alleine.

Röteli

Meine Omi liebte Katzen nicht. Ich erinnere mich dunkel an jene eine Katze, die meine Uromi Rosa 1983 hinterliess. Sie war getigert, mit weisser Brust. Omi befürchtete, dass ihr ein solches Viech die Strümpfe und Beine zerkratzen würde.

Als ich 2002 auf mein Dreizehntel traf und diese auch zu Omi mitnahm, wurde vieles etwas anders. Omi entdeckte, dass sie Katzen sehr wohl mochte.

Einige Jahre später brach Omis Demenz vollends aus. Alles veränderte sich, vor allem ihre Beziehung zu Tieren. Nach Opis Tod 1997 war Omi einsam.

Meine Mutter starb 2007. Danach war meine Omi nicht mehr der gleiche Mensch. Zwar war sie noch immer zärtlich und liebevoll, doch sie veränderte sich. Omi entdeckte ihre Liebe zu Katzen.

Ich erinnere mich noch an jenes eine Mal, wo ich eine rote Katze in ihrer Stube antraf, umhüllt von Küchentüchern, damit sie es weich und warm hätte. Omi nannte sie „Röteli“.

Es gab verschiedene „Röteli“, eine davon war Janice.

Ich lernte Janice so um 2009 kennen, als ich Omi intensiver begleitete. Sie war eine stattliche, schöne Katze, die laut miaute und etwas scheu war. Oftmals lag sie dösend in der Stube, zärtlich behütet von meiner demenzkranken Omi, die ihr liebe Koseworte flüsterte.
„Das ist der Röteli“, sagte Omi.
„Aber das ist doch nicht deine Katze!“, antwortete ich ihr.
„Sie ist einfach da“, entgegnete meine Omi.
„Aber du kannst sie doch nicht einfach füttern. Sie gehört doch jemandem!“
Omi zuckte mit den Schultern, streichelte den Röteli und ging in die Küche.
Röteli aber rannte sofort weg, sobald jemand anders, als Omi in der Nähe war.

Natürlich hat es mich beschäftigt, wessen Katze Röteli war. Ich sollte es erst einige Jahre später erfahren, als ich nach Lichtensteig gezügelt war. Röteli gehörte meiner Freundin Angela. Und: Röteli hiess eigentlich Janice, war ein Weibchen und kein Männchen, so wie meine Omi es jahrelang gedacht hatte.

Röteli begleitete meine Omi einige Jahre lang, so bis ca 2012, als Omi im Oktober ins Pflegeheim zog. Sie fütterte die Katze täglich, erzählte ihr alle Sorgen. Doch als Omi aus dem Haus auszog, vergass sie die Katze, wie so vieles andere.

Nachdem Omi aus dem Haus ausgezogen war, sahen wir Röteli nur noch aus der Ferne. Röteli betrat das Haus nie mehr. Mir schien, als sei mit Omis Weggehen auch alles verschwunden, was Röteli noch an dem Haus angezogen hatte.

Als wir im Februar 2015 ins Haus zogen, war Röteli da. Allerdings nur aus der Ferne. Röteli sass auf der Mauer und schaute uns zu. Drehte ihre Runden ums Haus. Vertrieb andere Katzen. Röteli war die Königin des Quartiers.

Die letzten Jahre trafen wir uns sporadisch. Röteli lief über unser Grundstück, fing Mäuse, miaute laut. Wir begruben unsere Katze Dreizehntel. Kurz danach sass Röteli laut miauend auf der Mauer neben ihrem Grab. Einige Wochen später, wir lebten nun mit Aelfric und Fauci, unseren Katzenkindern zusammen, miauten diese laut durchs Fenster, als sie Rötelis abendliches Gemiaue hörten. Röteli rannte rasch davon.

Nun ist Röteli – Janice tot. Sie wurde überfahren. Vermutlich war sie aufgrund ihres hohen Alters gehörlos und konnte deshalb nicht mehr wegrennen.
Janice war eine wunderbare, schöne und starke Katze. Wir werden uns immer an sie und ihren Liebesdienst an unserer Omi erinnern.

Fast ein Jahr.

Heute in 2 Monaten ist mein Vater ein Jahr tot und es scheint mir, als wäre es ewig und gestern her. Auf meiner Fernsehkommode steht ein Foto in schwarzweiss von ihm. Er blickt interessiert sein Gegenüber an. Er strahlt wie immer von ihnen. Er ist ein schöner, alternder Mann.

Morgen ist es 42 Jahre her, dass mein Bruder Sven starb. Ich bin die letzte meiner Familie, die noch weiss, dass es ihn, wenn auch nur sehr kurz, gegeben hat.

Als mein Vater vor einigen Jahren an Krebs erkrankte, sprachen wir über Sven Geburt und seinen Tod. Zum ersten Mal überhaupt. Es war mir, als würden alle Wunden aufbrechen. Es schien mir, als müsste er reinen Tisch mit seinen Gefühlen und seiner Trauer um ihn machen. Ich konnte meinen Vater alles fragen, und ich bekam auf alles, was er wusste, eine Antwort. Es war für mich heilsam.

Meine Mutter war einige Jahre zuvor gestorben und mit ihr war ein tieferes Gespräch über den Tod meines Bruders nicht möglich. Über die Geburt schon. Doch sein Tod, damit verbunden ihre tiefen Verletzungen, blieb für den Rest ihres Lebens ein Tabu.

Für all diese Gespräche mit meinen Eltern bin ich dankbar. Doch ich bleibe zurück mit vielen Fragen, die wohl nie beantwortet werden. Die Frage nach dem Warum, dem Sinn des Lebens und dem Tod eines Säuglings. Ich habe darauf keine Antwort. Aber ich werde geduldig warten.

Nachtrag vom 20. September 2021: Schaue heute abend „Beginners“. Ein berührender Film übers Trauern und den Tod. Über unbändige Lebensfreude. Die Liebe zwischen Sohn und Vater. Erinnerungen.

Es gibt also keinen Moment meines Lebens, an den ich mich bewusst erinnere, wo meine Eltern nicht getrauert hätten. Die Trauer um meinen Bruder hat vieles erstickt. Es gibt ein Leben vor und nach dem Tod meines Bruders. Das zu anerkennen ist wichtig. Aber es hat nichts mit mir als Individuum zu tun.

Ich stelle mir vor, wie grauenvoll es ist, mit Ende 20 den Sohn zu verlieren. Ein Baby, einen Säugling, den man nicht beschützen konnte. Nicht vor dem Tod. Es ist die grösste Ohnmacht, die Eltern erfahren können. Dennoch haben sie es irgendwie geschafft, weiter zu leben. Auch wenn es nicht leicht für beide war.

Ich bin dankbar für meine Eltern. Und traurig, dass sie beide nicht mehr da sind

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Vom Sinn des Lebens

Als ich 30 Jahre alt wurde, lag meine Mutter im Sterben. Sie wurde gerade mal 56 Jahre alt. Ich begleitete sie die letzten Wochen ihres Lebens. Ich hatte damals einen neuen Job mit Leitungsfunktion angetreten und wusste nicht, wie ich diese Doppelbelastung unter einen Hut bringen sollte. Ich arbeitete sehr viel und versuchte – wann immer möglich – meine Mutter im Spital und danach im Pflegeheim zu besuchen.


Es riss mich fast entzwei. Ihr Sterben machte mich sehr betroffen und ich begriff, dass ich nun nur noch wenig Zeit hatte, mich mit ihr auszusprechen und mit mir selber, was sie betraf, ins Reine zu kommen.
Ich hatte einige Jahre in Wut auf sie verbracht, sie wegen ihres Alkoholproblems gehasst und verachtet. Die letzten drei Monate ihres Lebens waren für mich wohl dazu da, alles aufzuarbeiten.
Das tat ich. Und es tat furchtbar weh.
Doch am Ende konnte ich sie loslassen und durfte dabei anwesend sein, als sie starb.

Kurze Zeit später machten sich bei meiner Omi die ersten Anzeichen einer dementiellen Erkrankung bemerkbar. Ich wollte es erst nicht wahrhaben. Omi war immer an meiner Seite gewesen, hatte mit mir am Bett ihrer sterbenden Tochter gewacht. Irgendwie hatte ich den Gedanken gehabt, nun wenigstens noch einige Jahre mit Omi zu haben.

Ich hatte Übung, einen Menschen in seinen letzten Jahren und Monaten zu begleiten. Doch auch hier überwog der Schmerz. Ich verlor meine Omi Stück für Stück. Sie, die mich immer so geliebt und als Kind verwöhnt hatte, vergass mich nun langsam. Den Schmerz konnte ich nur angehen, indem ich über ihn schrieb und all das Unfassbare in Worte presste.

Der letzte Weg mit Omi war meine Auseinandersetzung mit einem guten, gelebten Leben. Ich war traurig, dass sie starb. Doch ich spürte auch, es ist gut so wie es ist.

An Omis Beerdigung weinte mein Vater. Er war lange Zeit ihr Schwiegersohn gewesen, nach der Scheidung von meiner Mutter aber war er für sie der Vater von Omis Enkeln. Wir ahnten damals nicht, dass nun Papis Sterben einen Anfang nehmen würden. Ich denke, er wusste da mehr.

Mein Vater litt plötzlich unter Gleichgewichtsstörungen, konnte kaum noch gehen. Von einem Tag auf den anderen gab er seinen Führerschein ab. Für ihn, den Bewegungsmenschen, war das ein grosser Einschnitt in seine Lebensqualität. Er verlor sehr viel Lebensmut, gleichzeitig wollte er alles tun, was in seiner Macht stand, um nicht an Kraft zu verlieren und weiter zu leben.

Sein Leiden berührte mich sehr. Ich konnte nur schwer zusehen und wusste nicht, wie ich noch Trost oder Mut spenden konnte. Ein Satz von ihm änderte schliesslich mein Leben. Er hatte gesagt: „Wenn ich mit Anfang 40 gewusst hätte, wie sich mein Leben mit 70 verändert, so hätte ich noch sehr viel mehr all das getan, was ich mich bis dahin nie getraut hätte.“

Ich dachte darüber nach, woran ich mich nie heran gewagt hätte, wären nicht diese Worte meines Vater gewesen. Mit einem Mal sah ich klar: Ich wollte mich mit der Natur, dem Leben und dem Tod auseinandersetzen. Ich wollte lernen.
So entschied ich mich, mich an die Jagdprüfung anzumelden.

Mein Vater reagierte erst verwundert, dann entschied er sich, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen. Er motivierte mich, freute sich über Erfolge und sprach mir Mut zu. Mit einem Mal sprachen wir wieder über andere Themen.

Dann kam Corona und unsere Verbindung wurde erneut auf die Probe gestellt. Ich besuchte ihn nicht mehr oft, aus Sorge, ihn oder seine Frau ungewollt mit Covid anzustecken.

Die letzten Monate seines Lebens telefonierten wir, sahen uns nicht mehr. Es war aber nicht so, dass wir uns von einander entfernten. Viel mehr spürte ich jedes Mal, wenn ich in den Wald ging und jagte, wie nahe er mir hier ist. Es fühlte sich an, als ob er immerzu an meiner Seite wäre. Ich fühlte mich gestärkt.

Im letzten November starb mein Vater. Ich war erleichtert, dass er loslassen konnte und dass sein Leiden ein Ende hatte. Die Trauer begleitet mich trotzdem. Er ist viel zu früh gegangen. Ich hätte ihn gerne noch länger an meiner Seite gehabt.

Doch da ist noch mehr: Ich trete sein Erbe an, widme mich der Natur. Tue Dinge, an die ich mich nie gewagt hätte. Ich gehe mutig in die Zukunft mit gefülltem Rucksack.

42.

Am Freitag würde mein Bruder Sven 42 Jahre alt.
42 ist ein wichtiges Alter. Er wäre nun kein junger Mann mehr.
Vielleicht hätte er Kinder. Vielleicht hätte er einen Partner.
Ich stelle mir meinen Bruder immer als rothaarigen, bärtigen Mann vor.

Manchmal scheint es mir so, als würde mein Herz ausserhalb meines Körpers schlagen. Ich vermisse diesen Bruder sehr. Es bringt mich auch 42 Jahre nach seinem Tod zum Weinen.

Das Leben ist vielleicht einfacher, wenn man Geschwister hat. Man trägt viele Lasten gemeinsam, streitet sich.

Ohne Svens Tod wäre das Leben wohl anders verlaufen.
Ich kann mir meine Eltern gar nicht glücklich vorstellen.
Sein Tod hat alles verändert.

Alles, was in meinem Leben von ihm existiert, ist ein Fussabdruck auf blauem Papier und ein Polaroid meiner Eltern, kurz nach seiner Geburt. Sie sehen glücklich, erschöpft und müde aus. Ich glaube, mein Vater hat sich sehr über die Geburt seines Sohnes gefreut. Meine Mutter sieht müde aus. Und glücklich.

Mit Svens Tod brach so vieles zusammen.

Ich hätte sehr gerne einen Bruder im Leben gehabt. Einen Menschen, der den gleichen Namen wie ich trägt. Das wäre unsere eine Gemeinsamkeit gewesen.

Vielleicht hätte er das Lesen und Schreiben auch geliebt. Vielleicht wäre er aber auch ein Mann der Pflanzen und Bäume geworden. Ein Gärtner. Ein Förster.

42 Jahre ist er tot. Ich hätte ihn so gerne gekannt und erfahren, was für ein Mensch aus ihm werden wird. Ich hätte gerne mit ihm gestritten, mich an ihm gerieben und wäre furchtbar gerne seine grosse Schwester gewesen. Dass ich es nicht sein konnte, macht mich traurig.