In Liebe, Papi.

Ich stecke mitten in den Vorbereitungen für die Jagdprüfung. Eigentlich hätte die Prüfung 2020 stattfinden sollen, aber wegen fucking Corona hat unser Kanton alles abgesagt. Das war wohl weise.

Im Herbst 2018 entschied ich mich, nach einem Gespräch mit meinem Vater, für die Anmeldung an diese eine Ausbildung. Mein Vater suchte an jenem Sonntag im September 2018 das Gespräch mit mir und meinte, wenn er mit 40 gewusst hätte, dass er mit 70 so krank würde, hätte er mehr gewagt, was er sich nicht zugetraut hätte. Das machte mich nachdenklich.

Ich ging in mich und machte eine Auflistung, was ich immer gerne machen wollte, aber mir bis dahin nicht zugetraut hatte. Mit einem Mal wusste ich, dass ich gerne lernen würde zu jagen. Es war mit einem Mal einfach da.

Mein Thurgauer Geschlecht „Debrunner“ bedeutet Hirschtränke.

Das bedeutete für mich zuerst einmal einen heftigen inneren Denkprozess. Ich überlegte mir lange, woher dieser Wunsch kam. Ich ging in mich, denn ich hatte natürlich Bilder von der Jagd, die nicht wirklich positiv waren und denen ich nicht folgen wollte. Aber da waren sehr viel mehr andere: Ich erinnerte mich an Begegnungen mit Jägern, nach Wildunfällen, an der Olma, Gespräche und Berichte, die ich gelesen hatte. Ich sehnte mich nach tieferem Wissen über die Zusammenhänge in der Natur. Ich wollte auf Forschungsreise gehen.

Schliesslich teilte ich meine Entscheidung meinem Freund und schliesslich meinem Vater mit. Mein Vater reagierte anfänglich negativ. „Spinnst du?“, fragte er mich und ich erinnere mich genau an den Moment, als wir damals telefoniert haben. „Dir ist bewusst, dass wenn du jagst, ein Tier töten musst?“. Er klang nicht wütend, sondern besorgt. Ich antwortete mit „Ja.“

Kurze Zeit später waren wir bei ihm zuhause. Er legte mir einige Ausschnitte aus dem „St. Galler Bauer“ zum Thema Wildbrethygiene hin. „Da“, sagte er, „das nimmst dir jetzt zu Herzen und lernst es, damit du es an der Prüfung kannst.“

In dem Moment wusste ich, dass er mich unterstützt. Es hat mich sehr gerührt und ich habe es ihm damals auch erklärt, dass er mich in dieser Hinsicht geprägt hat. Das fand er nicht nur gut. Manchmal denke ich, mein Sein war für ihn oftmals schwierig, weil er mich nur schwer verstanden hat.

Mein erster Impuls, Jägerin zu werden, entstand 2011, als wir, mein Vater, seine Frau, Sascha und ich, gemeinsam Fritzi, die Krähe, aufgezogen haben. Ich spürte, wie sehr ich Vögel, gleich ob Krähe oder Milane, liebe. Ich wollte mehr über sie wissen – und stiess dabei auf die Jagdausbildung. Nur habe ich mir dies damals nicht zugetraut. Ich stand mitten im Berufsleben und konnte mir gar nicht vorstellen, so viel in der Natur unterwegs zu sein.

Die vier Wochen mit Fritzi waren intensiv. Ich lernte meinen Vater in jenen Tagen nochmals von einer ganz anderen Seite kennen. Und ich liebte ihn noch mehr. Ich bemerkte, wie sehr wir uns ähnlich sind, in unserer Art der Wahrnehmung, der Liebe zu den Tieren und dem Tragen der Konsequenzen, was unsere Entscheidungen betraf. Als Fritzi schliesslich ausflog, weinte ich Rotz und Wasser. Noch heute denke ich bei jedem Anblick einer Krähe an Fritzi. Ich erinnere mich an viele schöne Momente.

Im Februar 2019 startete ich schliesslich mit der Schiessausbildung. Ich war anfänglich recht unsicher, lernte dann aber schnell. Ich bemerkte, wie wichtig Konzentration ist, die innere Ruhe. Das gefiel mir. Ich hatte sehr gute Lehrerinnen und Lehrer. Dafür war und bin ich sehr dankbar. Als ich im Mai 2019 schliesslich die Schiessprüfung schaffte, habe ich meinen Vater sofort per Whatsapp informiert. Er war sehr stolz.

Dann besuchte ich als nächstes die obligatorischen Kurse, schliesslich startete ich im Januar 2020 mit den freiwilligen, aber sehr wichtigen fachlichen Kursen. Ich war sehr glücklich. Ich lernte sehr viel und ganz ehrlich – habe ich noch nie eine Ausbildung erlebt, die so fundiert, so leidenschaftlich begleitet und einfach gut war.

Corona machte mir und all den anderen meines Jahrgangs schliesslich einen Strich durch die Rechnung. Alle Ausbildungstage und die Prüfung wurdem abgesagt und ich fiel für kurze Zeit in ein Loch. Doch dank der Möglichkeit, in den Wald zu gehen, mit den Jagdkollegen unterwegs zu sein, ging es mir rasch wieder besser. Ich fühlte mich trotz der starken psychischen Belastungen im Beruf und während des Shutdowns glücklich, vor allem, wenn ich im Wald war.

Die Gesundheit meines Vaters liess immer mehr nach. Wir besprachen uns, dass ich ihn und seine Frau nicht mehr besuchen komme, um das Risiko einer Erkrankung bzw. einer Isolation zu umgehen. Das war meines Erachtens ein guter Entscheid. Aber es fiel mir auch sehr schwer, ihn nicht mehr einfach zu besuchen.

Unsere Beziehung hatte viele Jahre darin bestanden, dass ich ihn abends, wenn er seine Kaninchen und Hühner füttert, besuche und wir dann reden. Er, ganz konzentriert, dem jeweiligen Tier die richtige Nahrung abzumessen und zu geben, hörte mir zu. Im Hintergrund lief das alte Radio. Wir redeten nicht wirklich viel. Aber wir waren einander immer sehr nahe.

Schliesslich ging mein Vater, mitten im Shutdown im Mai, für einen Monat in ein Pflegeheim. Während ich nun lernte, anzusitzen, Ruhe zu bewahren, hoch auf Hügeln sass und wartete, harrte mein Vater einen Monat lang in einem Zimmer in Frauenfeld aus. Er beobachtete Vögel, hielt die Wärme in seinem Zimmer aus und sehnte sich nach frischer Luft. Nie zuvor war mir das Gefühl von Leben so sehr bewusst wie in jenen Tagen.

Dann kam der Sommer und wir holten die Loungemöbel ab, weil er seine Kaninchenhausstallung auflöste und alles weitergab, was er weiter gegeben haben haben wollte. Ich verbrachte warme Nächte im Schlafsack auf der Lounge unter freiem Himmel mit Blick auf die Neu-Toggenburg. Ich dachte fest an ihn und sein Geschenk an mich. Ich war glücklich.

Dann kam der Herbst. Um uns herum wurden viele Leute krank. Ich durfte mit auf die Herbstjagd. Ich hielt engen Kontakt zu meinem Vater, schickte ihm Bilder von meinen Eindrücken, die er auch immer wieder kommentierte. Es schien mir, als wäre er immer bei mir. Ich wünschte es mir so sehr. Er wäre ein guter Treiber gewesen.

Schliesslich kam der November.

Alles lag nahe beieinander: Das Leben. Der Tod. Freude. Tiefe Trauer. Ich hätte nicht gedacht, ihn so zu verlieren, wie wir es getan haben. Ich habe nie darüber nachgedacht. Sein Tod war irgendwie nie ein Thema für mich. Er war für mich immer der Fels in der Brandung. Mein geliebter, starker, schöner Vater.

Nun ist Frühling und in 2 Monaten ist meine Prüfung. Er ist nicht da. Er fehlt mir. Ich vermisse seine kritischen Fragen. Sein Mitdenken. Seine freundliche Stimme. Seine Ermutigungen. Sein Mitfühlen. Seinen wunderbaren Sarkasmus.

Irgendwie denke ich, er wird an der Prüfung bestimmt an meiner Seite sein. Mich unterstützen, so wie er es immer getan hat. So wie damals, als wir damals, als ich so 14, 15 war, auf den Chasseral mit dem Velo gefahren sind und ich wegen meiner Hüftbehinderung einfach nicht mehr konnte und nur noch weinen konnte. Er hat es nicht akzeptiert. Er sagte: Du schaffst das. Er hatte Recht. Ich schaffte es.

Von der Liebe zum Wald

Ich wuchs in einer braven gemischt-konfessionellen Familie auf. Der allwöchentliche Sonntagsspaziergang gehörte zu meiner (protestantischen) Erziehung dazu.

Mein Vater liebte es, spazieren zu gehen und so liefen wir Kinder und die Mutter neben ihm her. Je steiler das Waldstück, desto besser gefiel es ihm. Er war, meiner Einschätzung nach, ein Waldliebender. Er pflanzte Tannen neben seinem Kaninchenstall, weil er diese Bäume so sehr liebte.

Als Kind hasste ich die Sonntagsspaziergänge. Sie waren mir viel zu hektisch. Ich liebte es, stehen zu bleiben, zu lauschen und dann weiter zu gehen. Leider gab es damals noch keine Digitalkameras, denn dann wäre ich noch langsamer gelaufen, weil ich noch sehr viel mehr durch die Linse gesehen und noch mehr Besonderheiten entdeckt hätte.

Heute ist alles anders. Ich liebe Spaziergänge, das Wandern frühmorgens bei leicht trübem Wetter. Die innere Ruhe, die einkehrt, sobald ich durch einen Wald laufe. Das Herzklopfen, wenn ich Geräusche höre, innehalte und warte, was um mich herum passiert. Die Ruhe, die über mich kommt, wenn ich mich konzentriere.

Es ist heute nicht viel anders, als ich noch ein kleines Kind war. Der Wald fasziniert mich. Ich muss und will leise durch ihn hindurch laufen, um all die anderen Bewohner nicht zu stören. Wenn ich einen von ihnen erblicke, halte ich inne, ganz gleich ob Amsel, Eichhörnchen oder Reh. Da fühle ich mich wieder wie ein kleines Kind. Glücklich. Ganz bei mir.

Aber etwas fehlt mir, trotz meiner 43 Jahre: die starke Hand meines Vaters. Seinen lieben Blick, derweil er mir zuschaut, wie ich irgendwelche Büsche von nahem anschauen muss. Oder Losung fotografiere. Oder mich frage, welcher Berg nun welcher ist.

Manchmal denke ich, dass die Beeinträchtigung seiner Bewegungskompetenz durch seine Krankheit einfach nur schlimm und ungerecht war. Er hat es so sehr geliebt, zu laufen!

Doch gleichzeitig tröstet es mich, dass er bis fast zum letzten Tag seines Lebens so oft als möglich draussen war. An der Murg, an der Thur. Dass er Tiere beobachten konnte. Welche Freude es ihm bereitet hat, sie zu erkennen. Oder mit seiner geliebten Frau darüber zu sprechen, was sie beobachtet hatten.

Dieses Glück, als Kind der Natur begegnen zu dürfen, werde ich nie vergessen. Mein Vater hat mir sehr viel geschenkt. Ohne seine Liebe zur Natur wären für mich die letzten Monate sehr viel schwerer gewesen.

Ich wünschte mir, er würde er noch leben, um die nächsten paar Monate an meiner Seite zu sein.

Vom Erwachsensein

Vor einigen Tagen hat mich jemand gefragt, ob ich nie Kinder haben wollte und ich antwortete: „Nein.“
Ich wollte wirklich nie Mutter werden. Ich konnte es mir ehrlich nicht vorstellen.

Natürlich habe ich darüber nachgedacht, warum das so ist. Ein Grund war sicherlich mitzuerleben, was mit meiner Mutter geschah, nachdem sie ihr zweites Kind, meinen jüngeren Bruder, verlor. Ich wollte nie in eine solche Situation geraten. Sie wurde von Pflegenden und Ärzten der Schuld am Tod meines Bruders bezichtigt, weil sie Raucherin war.

Ich denke tatsächlich, dass es etwas vom Schlimmsten ist, sein Kind zu verlieren. Da ist es wohl leichter, sich gar nicht erst darauf einzulassen. Vielleicht bin ich da zu wenig mutig gewesen oder zu sehr bei mir selber.

Wenn ich aber darüber nachdenke, hätte ich mit Kindern an meiner Seite wohl nie meine Mutter und meine Omi am Ende ihres Lebens begleiten können, nie in meinem Beruf aufgehen können. Mir wäre dabei sehr viel entgangen.
Die Liebe, die ich meinen nicht-existenten Kindern geschenkt hätte, lebte ich mit gutem Gewissen bei der Arbeit und beim Schreiben aus und – in meiner Familie.

Jetzt, mit 43, wo die meisten meiner nächsten Verwandten nicht mehr da sind, fühlen sich Feste seltsam an. Meine Familie fehlt mir. Da ist Opa, der sich einen Spass machte, Ostereier und Schoggihasen im Garten zu verstecken – und zu vergessen, wo er sie überall hingelegt hatte.

Omi liebte es Geschenke zu machen. Ihr Osterfestmahl war das gleiche wie an Weihnachten: Gulasch aka Voressen mit Müscheli. Ich habs so sehr geliebt. Vor allem die weich gekochten Rüebli. Ihre lieben Worte und ihre Freude am Frühling vermisse ich sehr.

Von meiner Mutter erhielt ich zu Ostern immer Schreibsachen, was wohl daran lag, dass in meiner Kindheit das neue Schuljahr jeweils nach Ostern anfing. Ich habe das sehr gemocht. Sie hatte ein Händchen dafür.

Mit meinem Vater und seiner Frau haben wir Ostern jeweils mit einem Essen gefeiert. Ich dachte jeweils mir einen Mehrgänger aus und stand stundenlang in der Küche meiner Grosseltern und Urgrosseltern. In Vaters letztem Lebensjahr feierten wir nicht mehr gemeinsam. Doch dieses Jahr feierten wir wieder. Es fühlte sich wie wirkliches Ostern an: Das Weiterleben nach der Begegnung mit dem Tod.

Dort, wo ich mit ihnen so viele Feste feierte, lebe ich heute. Es ist anders als früher, als sie noch gelebt haben. Sie fehlen. Sehr.

Die Pflanzen und Bäume knospen. Der Frühling ist da. Das Leben geht weiter, auch wenn mein Vater nicht mehr da ist. Er hat den Frühling geliebt, die Eisvögel in den Bäumen an der Murg und den Fluss. Ich vermisse seine atemlosen Beschreibungen der Natur, so wie er sie wahrgenommen hat. Sein Blick auf das Wesentliche. Seine Liebe zur Natur und zu allem Lebendigen.

Erwachsensein bedeutet wohl, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auszuhalten, bei aller Schönheit, diese zu geniessen, auch wenn man sie mit niemandem mehr teilen kann, der mit einem verwandt ist und mit einem aufgewachsen ist. Das Leben ist einsamer als früher. Erwachsensein ist die Auseinandersetzung mit sich selber. Das Aushalten von nicht selbst gewähltem Alleinesein.

Dieser Text erschien schon vor einigen Tagen, ich habe ihn nochmals überarbeitet und mit einem Bild verstehen. Danke für euer Verständnis.

Papi und ich am Bach

Remains of you, my dear father

Dein Gang, während du auf unser Haus zuläufst. Dein Blick auf die Linde, die du nie mochtest, weil sie zu viel Schatten auf das Haus wirft und du dir Sorgen darum gemacht hast.

Wenn ich an dich denke, sehe ich dich immer als jungen Mann, meinen Vater, der angstlos, aber ernst in die Kamera schaut. Du hast die Familie meiner Mutter erkannt und oftmals nicht gemocht. Es war mehr als schwierig für dich, den Naturburschen, mit diesen Textilarbeitern umzugehen. Die Welt, aus der du kamst, war eine vollkommen andere.

Am Ende sind nur noch wir beide übrig geblieben. Du hattest deine liebe Mühe mit dem Haus. Die wenigen Feste, die wir hier miteinander gefeiert haben, haben wir genossen. Du warst ein wichtiger Teil davon.

Seltsam, wie wichtig es mir war, dass du mit meinen liebsten Freunden in Kontakt kamst. Ich war immer sehr stolz auf dich.

Jetzt, nach deinem Tod, entdecke ich dich laufend neu. Du warst für mich immer ein Vorbild, in Sachen Sport und Tierhaltung und Umgang mit anderen Menschen.

Doch heute ist das alles in meiner Wahrnehmung nochmals anders: Du warst immer so offen für Menschen und ihre Fragen. Du warst ein zutiefst neugieriger Mensch. Deine Liebe zu den Singvögeln in deinen letzten Lebensjahren hat mich sehr berührt. Dass wir alle zusammen in die Vogelwarte gingen, war schön. Noch lieber hätte ich dich in der Falknerei erlebt. Denn das ist wohl unser beider Leidenschaft: Das Umgeben mit den wunderbarsten Vögeln.

Ich bin nicht besonders religiös, aber wenn ich an dich denke, so kommt mir sofort der Eisvogel als dein Lieblingstier in den Sinn. Er ist geschmeidig, wunderschön, ein magisches Tier. Er ist so wie du. Nicht greifbar, aber hinterlässt Spuren bei den Menschen, die mit ihm zu tun hatten.

An unserem letzten, gemeinsamen Osterfest haben wir uns nicht umarmt. Du standest auf eurem Balkon und wir haben uns von weitem zugewinkt. Danach habe ich geweint. Ich war müde vom Arbeiten und traurig, weil ich dich so sehr vermisste. Ostern war unser fröhliches Fest. All die Jahre.

Das erste Ostern ohne dich. Ich habe keine Idee, wie das vonstatten gehen soll. Du hast die letzten Monate und Wochen deines Lebens so sehr gelitten. Du fehlst.