Die Autofahrt.

Vor zwei Jahren, zur Zeit der Apfelblüte, machte ich mit meinem Vater eine Fahrt mit dem Auto. Er hatte damals bereits grosse Mühe zu gehen.

Einige Wochen zuvor, ich durfte ihn einige Stunden „hüten“, machte ich ihm den Vorschlag, dass wir nicht einfach direkt von Frauenfeld nach Weinfelden auf den Stelzenhof fahren, sondern so, dass er wünschen kann, welche Wege ich benutzen soll.

Und so fuhren wir bei leicht trübem Thurgauer Frühlingswetter los. Einen Tag zuvor hatte ich den ersten Teil meiner Jagdausbildung bestanden. Ich war müde und glücklich. Ich fuhr von Frauenfeld aus in Richtung Stettfurt, dann hoch nach Wetzikon TG. Wetzikon ist der Ort, wo mein Vater aufwuchs. Auf mich hatte dieser Flecken seit früher Kindheit eine grosse Anziehung. Schliesslich stand dieser Name lange Zeit als mein Heimatort in meiner ID. Wezzinchova bzw. Wezinchova wurde bereits 827 erwähnt. Der Name ist vom althochdeutschen Personennamen Wazo/Wezo abgeleitet.

Wir fuhren die steile Strasse nach Wetzikon hoch und mein Vater sagte: „Erinnerst du dich noch an die Lichtung?“ Dunkel kamen mir Bilder vor Augen.
Dann fuhren wir an blühenden Birnbäumen auf einer Waldlichtung vorbei. Dieses Bild werde ich nie mehr vergessen, denn ich weinte fast vor Glück und Rührung.

Mein Vater führte mich weiter, er schien genau zu wissen, welche Wege ich fahren sollte. Und er hatte recht. Wir landeten am Schluss auf unscheinbaren Wegen auf dem Stelzenhof.

Ihm gefiel die Fahrt offenbar so gut, dass er sich eine weitere wünschte. Das erstaunte mich. Irgendwie. ich erinnerte mich an unsere Lernfahrten, so um 2000, wo er nicht wirklich nett meine Fahrkünste, sich mit weissen Knöcheln an der Handbremse haltend, kommentierte.

Wir fuhren also los in Richtung Wil, Rickenbach, schliesslich Bazenheid, Flawil und wieder zurück. Er redete sehr viel und ich erkannte vieles, was ich zuletzt in meiner Kindheit gehört hatte. Mit einem Mal verstand ich, was er mir sagen wollte. Ich liess das Fenster rauf und runter, die Heizung an und wieder ab. Sein Gefühl für Wärme und Kälte war stark gestört. Er litt darunter. Er der immer so sehr den Sommer liebte, konnte ihn nun fast nicht mehr ertragen. Er fror. Er schwitzte. Sein Gehirn sendete Signale, die für ihn nur schwer zu verarbeiten waren.

Wir fuhren weiter, nach Unterrindal und schliesslich wieder zurück nach Bazenheid. In der Nähe der Kläranlage bat er um eine Pause. Er musste austreten. Und so hielt ich an, ging mit ihm an den Strassenrand, weit unter uns die tosende Thur, und stützte ihn, damit er, der sein Gleichgewichtsgefühl verloren hatte, pissen konnte. Dann gingen wir zurück zum Auto und fuhren zurück nach Hause.

Ein Teil in mir, zugegebenermassen ein sehr kindlicher, glaubte daran, dass wir nun immer mal wieder ausfahren würden. Doch es kam nicht mehr dazu.

Rückblickend scheint es mir, als hätte er mir damals alles gesagt, was ich für mein weiteres Leben wissen muss. Ohne zu wissen, was uns 2020 erwartet, hat er wohl an jenem Tag vor zwei Jahren von mir, der ältesten Tochter, Abschied genommen.

Das letzte Stündchen

Vor einigen Wochen durfte ich Elena Ibello auf meiner Terrasse „Acapulco“ willkommen heissen. Sie ist Journalistin und Buchautorin und produziert seit einigen Monaten den wunderbaren Podcast „Das letzte Stündchen„. Sie führte mit mir ein sehr einfühlsames Gespräch übers Trauern und den Tod. Wir sprachen dabei über die Toten in meiner Familie und meinen persönlichen Umgang mit Trauer.

Ich empfehle euch von Herzen Elenas Podcast.

In Liebe, Papi.

Vor drei Jahren entschied ich mich nach einem Gespräch mit meinem Vater für die Anmeldung an die Jagdausbildung. Mein Vater ging es an jenem Sonntag im September 2018 schlecht. Er sagte, wenn er mit 40 gewusst hätte, dass er mit 70 so krank sein würde, hätte er in seinem Leben mehr gewagt. Das machte mich nachdenklich.

Zuhause zog ich mich zurück. Ich machte eine Auflistung, was ich schon immer gerne machen und lernen wollte, aber mich bis dahin nicht getraut hatte. 

Mein Thurgauer Geschlecht „Debrunner“ bedeutet Hirschtränke.

Ich überlegte mir lange, woher dieser Wunsch kam. Ich ging in mich, denn ich verstand erst nicht, warum ich jagen lernen wollte. Ich hatte natürlich jene Bilder der Jagd vor Augen, die nicht wirklich positiv waren und denen ich nicht entsprechen wollte. Aber da waren sehr viel mehr andere: Ich erinnerte mich an Begegnungen mit Jägern nach Wildunfällen, an der Olma, Gespräche und Berichte, die ich gelesen hatte. Ich sehnte mich nach tieferem Wissen über die Zusammenhänge in der Natur. Ich wollte auf Forschungsreise gehen.

Nach einigen Wochen teilte ich meine Entscheidung meinem Freund und schliesslich meinem Vater mit. Mein Vater reagierte sehr direkt. „Spinnst du?“, fragte er mich und ich erinnere mich genau an den Moment, als wir damals telefoniert haben. „Dir ist bewusst, was das bedeutet, zu jagen? Dass du auch bereit sein musst, ein Tier zu töten?“. Er klang nicht wütend, sondern besorgt. Ich antwortete mit „Ja.“

Kurze Zeit später waren wir bei ihm zuhause zu Gast. Er legte mir einige Ausschnitte aus dem „St. Galler Bauer“ zum Thema Wildbrethygiene hin, die er für mich zur Seite gelegt hatte. 

„Da“, sagte er, „das nimmst du dir jetzt zu Herzen und lernst es, damit du es an der Prüfung kannst.“

Von dem Moment an wusste ich, dass er mich unterstützt. Es hat mich sehr gerührt und ich habe es ihm damals auch erklärt, dass er mich in meiner Entscheidung vor drei Jahren geprägt hat. 

Ein erster Impuls, Jägerin zu werden, entstand wohl 2011, als wir, mein Vater, seine Frau, Sascha und ich, gemeinsam Fritzi, die Krähe, aufgezogen haben. Ich spürte, wie sehr ich Vögel, gleich ob Krähe oder Milane, liebe. Ich wollte mehr über sie wissen – und stiess dabei auf die Jagd- beziehungsweise die Falknerausbildung. Nur habe ich mir diesen Weg damals nicht zugetraut. Ich stand mitten im Berufsleben und konnte mir gar nicht vorstellen, so viel Zeit in der Natur unterwegs zu sein.

Die vier Wochen mit Fritzi waren intensiv. Ich lernte meinen Vater in jenen Tagen erneut von einer ganz anderen Seite kennen. Wir wuchsen noch mehr zusammen. Ich bemerkte, wie sehr wir uns ähnlich sind, in unserer Art der Wahrnehmung, der Liebe zu den Tieren und dem Tragen der Konsequenzen, was Entscheidungen in unserer beider Leben betraf. Als Fritzi ausflog, weinte ich Rotz und Wasser. Noch heute denke ich bei jedem Anblick einer Krähe an Fritzi – und an jenen besonderen Frühling mit meinem geliebten Vater.

Im Februar 2019 startete ich mit der Ausbildung. Ich war anfänglich recht unsicher, lernte dann aber schnell. Ich bemerkte, wie wichtig Konzentration und innere Ruhe sind. Das gefiel mir. Ich wusste sehr gute Lehrerinnen und Lehrer an meiner Seite. Dafür war und bin ich sehr dankbar. Als ich im Mai 2019 schliesslich die erste Prüfung schaffte, habe ich meinen Vater sofort informiert. 

Er war sehr stolz auf mich und sagte mir und seinen Freunden: “Von mir hat sie das nicht.”

Dann besuchte ich als nächstes die obligatorischen Kurse, schliesslich startete ich im Januar 2020 mit den freiwilligen, aber sehr wichtigen fachlichen Kursen. Ich war sehr glücklich. Ich lernte sehr viel und ganz ehrlich – habe ich noch nie eine Ausbildung erlebt, die so fundiert, so leidenschaftlich von den Ausbildnerinnen und Ausbildnern unterrichtet – und einfach toll ist.

Corona machte mir und all den anderen meines Jahrgangs schliesslich einen Strich durch die Rechnung. Alle Ausbildungstage und die Prüfung wurden abgesagt und ich fiel für kurze Zeit in ein Loch. Ich hatte so viel Zeit und Energie ins Lernen investiert. Dank der Möglichkeit, in den Wald zu gehen, mit den Jagdkollegen unterwegs zu sein, ging es mir rasch wieder besser. Ich fühlte mich trotz der starken psychischen Belastungen im Pflege-Beruf und während des Shutdowns glücklich, vor allem, wenn ich im Wald war. Ich entdeckte, wie tröstlich es ist, wenn man sich unter Bäumen bewegt und ein Teil der Natur ist, fernab von allem, was sonst wichtig scheint.

Die Gesundheit meines Vaters liess immer mehr nach. Wir besprachen uns, dass ich ihn und seine Frau aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr besuchen komme, um das Risiko einer Erkrankung bzw. einer Isolation für sie zu minimieren. Das war meines Erachtens ein guter Entscheid. Aber es fiel mir auch sehr schwer, ihn nicht mehr einfach zu besuchen. 

Wir haben zwar oft telefoniert, aber mir fehlten seine Umarmungen sehr.

Unsere Beziehung hatte viele Jahre darin bestanden, dass ich ihn alle par Wochen abends, während er seine Kaninchen und Hühner füttert, besuchte. Er, ganz konzentriert, dem jeweiligen Tier die richtige Nahrung abzumessen und zu geben, hörte mir zu. Im Hintergrund lief das alte Radio. Wir redeten nicht wirklich viel. Aber wir waren einander immer sehr nahe.

Mitten im Shutdown im Mai ging mein Vater, für einen Monat in ein Pflegeheim, damit sich seine ihn aufopferungsvoll pflegende Frau etwas erholen konnte. Während ich nun lernte, anzusitzen, Ruhe zu bewahren, hoch auf Hügeln sass und auf den Anblick der Wildtiere wartete, harrte mein Vater einen Monat lang in seinem Pflegeheim-Zimmer in Frauenfeld aus. Er beobachtete die Vögel vor seinem Zimmer, ertrug die stickige Wärme, sehnte sich nach frischer Luft und seiner geliebten Frau. Nie zuvor war mir das Gefühl von Leben, Lieben und Leiden so sehr bewusst wie in jenen Tagen.

Dann kam der Sommer und wir holten die Loungemöbel und das Bild von General Guisan ab, weil seine Frau die gemeinsame Kleintierstallung auflösen musste und alles weitergab, was mein Vater weiter gegeben haben wollte. Es war mir mit einem Mal klar, dass mein Vater nie mehr seine geliebten Kaninchen wieder hegen und pflegen würde. Ich verbrachte warme Nächte im Schlafsack auf der Lounge unter freiem Himmel mit Blick auf die Neu-Toggenburg und den Wald. Ich dachte fest an ihn und sein Geschenk an mich. Ich war glücklich.

Dann kam der Herbst. Um uns herum wurden viele Leute krank. Ich durfte mit auf die Herbstjagd. Ich hielt engen Kontakt zu meinem Vater, schickte ihm immer wieder Bilder von meinen Eindrücken, die er auch kommentierte. Es schien mir, als wäre er an meiner Seite. Ich wünschte es mir so sehr. 

Schliesslich kam der November.

Alles lag nahe beieinander: Das Leben. Der Tod. Freude. Tiefe Trauer. Ich hätte nicht gedacht, ihn so zu verlieren. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass er plötzlich tot sein könnte. Er war für mich immer der Fels in der Brandung. Mein geliebter, starker, schöner Vater.

Nun ist Frühling und in 2 Monaten ist meine Prüfung. Er ist nicht da. Er fehlt mir. Ich vermisse seine kritischen Fragen. Sein Mitdenken. Seinen wunderbaren Sarkasmus. Seine freundliche Stimme. Seine Ermutigungen. Sein Mitfühlen.

Irgendwie glaube ich ganz fest, er wird an der Prüfung bestimmt an meiner Seite sein. Mich unterstützen, so wie er es immer getan hat. So wie damals, als wir damals – als ich so 14, 15 Jahre alt war – mit dem Velo auf den Chasseral gefahren sind. Aufgrund meiner Hüftbehinderung konnte ich einfach nicht mehr weiter und weinte nur noch. Er hat es nicht akzeptiert. Er sagte: “Du schaffst das.”

Er hatte Recht. Ich schaffte es.

Ostergruss

Geliebter Vater

Es ist Frühling und du bist nicht mehr da.
Deine Beobachtungen der Natur fehlen mir. Kein Telefonat mehr darüber, dass du Eisvögel an der Murg oder Wildschweinrotten an der Thur beobachten konntest.
Mir scheint, als versiege mit deinem Tod meine Wurzel zur Natur. Ich habe noch so viele Fragen, so viele Beobachtungen, die ich mit dir klären wollte.


Mir fehlen deine Wortmeldungen, deine feinen Wahrnehmungen, sei es über die Natur oder über Westernfilme.
Mit einem Mal ist alles weg, was dich ausgemacht hat. Mir fehlt deine Stimme, dein liebes Lächeln, deine zärtliche Ruhe. Dein Platz bleibt einfach leer und es ist für mich nur schwer zu ertragen.


Ich weiss, dass viele andere mit ihrem Vätern hadern. Aber du fehlst mir. Zwischen uns war alles geklärt. Ich liebte dich, weil du mir in vielen stürmischen Zeiten ein guter Vater warst. Das Leben fühlt sich abgerissen ohne dich.
An Ostern haben wir jeweils miteinander gegessen. Die letzten Jahren haben wir uns nicht mehr besucht, weil du nicht mehr in mein Haus gehen konntest und ich euch nicht mehr besuchen konnte.
Mein erstes Ostern ohne dich fühlt sich falsch an. Du fehlst an allen Ecken und Enden. Deine Zuversicht, dein Humor, dein Sarkasmus.


Ich erinnere mich an Sonntagsspaziergänge anfangs der 80er Jahre, wo du den Sennenhund Barri an der Leine hieltest und wir eine steile Strasse raufliefen. Wir blickten auf die Stadt hinab. Es fühlt sich an wie ein Film in schwarzweiss. Weit weg von allem, was jetzt ist.


Ich erinnere mich daran, wie meine Mutter Shakshuka zubereitet hat und ich dieses Gericht geliebt habe, weil es so anders war, als alles andere, was ich bis dahin gegessen hatte.


Dein Leiden, am Ende deines Lebens, erinnert mich sehr an die Osterzeit, so sehr an dein Konfirmationsbild eines bärtigen, leidenden Jesus. Du hast es dir nicht ausgesucht, so zu sterben. Ich hätte es verstanden, wenn du einen anderen Weg gefunden hättest. Es mit dir zu tragen war schwer. Aber auch gut, weil es einen bescheiden macht, für alles, was kommen mag. Leben ist eine Sache, Sterben eine andere.

Frühling auf geplatzter Haut

Ich bin froh, kommt nun der Frühling. Er ist meine liebste Jahreszeit. Ich plange drauf, dass die Bäume und Blumen wieder blühen. Das erste Viertel des Jahres ohne meinen Vater ist um. Weihnachten und sein Geburtstag liegen hinter mir.

Vor einem Jahr, als die Pandemie anrollte, haben wir kurz übers Kranksein gesprochen. Vielmehr aber noch über die Freiheit. Rausgehen. Die Natur erleben. Das war sein grösster Wunsch. Und auch meiner.

Wenn ich im Garten arbeite, bin ich meinem Vater nahe. Das fühlt sich an wie eine sanfte Umarmung. Ich vermisse unsere Umarmungen. Seine Stimme. Mein Blick auf die Linde in meinem Garten, die er hasste: „Der Baum gibt zu viel Schatten. Der macht dir das Haus kaputt.“

Da ist die Erinnerung daran, wie wir vor 10 Jahren unsere Krähe Fritzi aufgezogen haben. Papi hat sie gerettet, im Wissen, dass man sie auf jener Weide vermäht hätte. Er rief mich an und sagte: „Komm vorbei. Ich habe eine Krähe gefunden und ziehe sie auf.“ Ich kam so schnell ich konnte, denn ich erinnerte mich daran, dass mein Vater das schon einmal getan hatte. Als Bub hatte er eine weisse Krähe. Die war zahm und folgte ihm auf Schritt und Tritt, sogar bis in die Schule. Auf Geheiss des Lehrers, ein Grund, warum mir Lehrer wohl immer unsympathisch bleiben werden, musste er sie abgeben. Mein Vater erzählte mir, sie sei dann in den Plättlizoo nach Frauenfeld gekommen. Belegen kann ich das leider nicht. Aber wenn mein Vater das sagt, dann muss das wohl gestimmt haben.

Ich frag mich, ob nun meine Trauerzeit bereits beendet ist. Was da noch kommt. Ich weiss: Da ist Ostern, wo wir immer fein essen gingen. Mein Geburtstag im Juli. Da haben wir ebenfalls gemeinsam gefeiert. Der 1. August. Den feierten wir nicht mehr so sehr, seit wir nicht mehr bei Frauenfeld wohnten. In meiner Erinnerung waren das immer schöne Feste. Gute, liebevolle und kritische Gespräche. Feines Essen. Zusammengehörigkeitsgefühl. So, wie sich in meinem Gefühl nach „Familie“ anfühlt.

Ich möchte nicht einfach übergehen zur Normalität. Denn die gibts wohl nicht mehr. Wenn die Eltern tot sind, ist wohl auch die gefühlte Kindheit zu Ende.
Willkommen im Leben.

Kein guter Tag.

Heute ist kein guter Tag.
Heute ist der 73. Geburtstag meines Vaters und er fehlt mir so sehr.
Normalerweise würden wir ab dem späten Nachmittag bei ihm und seiner Frau in der Stube sitzen und feiern.
Der 72. Geburtstag war das letzte Fest des Jahres 2020, an das ich mich noch erinnern kann.

Seit einem Jahr erinnere ich mich an nichts mehr, was mir vorher wichtig war. Ich arbeite viel, ich sitze im Haus oder auf der Terrasse. Ich treffe keine Menschen mehr, so wie früher.

Und nun ist sein Geburtstag. Ohne ihn. Mein Leben ist nicht unbedingt ärmer geworden. Lesen hilft. Und ich bin genügsam.

Aber ich bemerke eine gewisse Müdigkeit im Umgang mit anderen Menschen. Mir fehlt die Übung. Er hatte das nie. Er konnte mit praktisch jedem Menschen reden. Er hat die Menschen einfach angestrahlt.

Heute dann der Gedanke an meinen Vater.
Viele Tränen der Trauer.
Ich vermisse sein Lachen.
Sein liebes, schönes Gesicht.

Vor einigen Jahren hab ich ihm zum Geburtstag eine Jura-Fahne geschenkt.
Er hatte so grosse Freude daran.
Wenn ich an ihn denke, will ich dieses eine Bild vor Augen haben.
„Rassemblement jurassien“ war einer der wenigen Ausdrücke, den er auf französisch beherrschte. Beim Recherchieren bemerkte ich, dass diese Bewegung fast gleich alt ist wie er.
Aus irgendeinem Grund war ihm der Kanton Jura immer sehr wichtig.

Papi, du fehlst.

Das letzte Fest.

Dein 72. Geburtstag am 19. Februar 2020 war das letzte Fest, an das ich mich erinnern kann. Die Zahl 72 mochte ich immer sehr. Sie ist so harmonisch.
Deine Geburtstage in den letzten 25 Jahren waren immer sehr gesellig. All deine Freunde und Freundinnen trafen sich in eurer Stube. Es wurde gelacht, getrunken und fein gegessen. Deine Frau war immer eine wunderbare Gastgeberin.
Ich erinnere mich an so viele gute, tiefgründige Gespräche. An liebevolle, kritische und freundliche Menschen.

Die letzten paar Jahre hast du an deinem Geburtstag mit deinen Gefühlen nicht zurückgehalten. Du hast deine Mitmenschen fadegrad damit konfrontiert, wie es ist, seine Gesundheit und seine Selbständigkeit zu verlieren. Deine Ehrlichkeit hat mir imponiert. Die Zuneigung und Zärtlichkeit deiner Freunde und Freundinnen auch. Sie waren, mehrheitlich, bis zum Ende deines Lebens für dich da.

Natürlich gab es da auch die anderen, und unter denen hast du anfangs gelitten. Die Menschen, die einfach nur nehmen, andere ausnutzen und keine Empathie für andere aufbringen. Doch du hast das alles einfach stehen lassen. Du warst nämlich anders. Ich erinnere mich daran, wie du in den 90ern und 2000ern jeweils betagte Freunde mit Tierfutter beliefert hast. Es war dir wichtig und darum hast du es getan. Du hast keine grosse Sache draus gemacht, nur gemeint, es sei eben wichtig, dass die weiterhin ihre Tiere füttern und züchten können. Das fand ich immer lieb von dir.

Nun ist bald dein 73. Geburtstag. Das ist dein erster Geburtstag, der ohne dich stattfindet. Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Du warst schliesslich immer da in meinem Leben. Du warst so ein liebenswerter, guter Mensch. Ich vermisse so sehr die Gespräche über die Natur und Tiere mit dir. Deine Sicht auf die Welt. Deine Sprüche. Ich wäre so gerne mit dir an eine Greifvogelschau, zu einem Falkner gefahren. Ich hätte so gerne gewusst, was du davon hältst.

Vor einigen Tagen sah ich einen Western mit Tom Hanks. Um zehn Uhr nachts griff ich zum Telefonhörer, um dich anzurufen und dir davon zu erzählen. Mit einem Mal war mir klar, dass ich dir nie mehr davon erzählen würde.
Ach, lieber Papi, ich hätte zu gerne noch mindestens ein Jahr mehr mit dir gehabt.

Scheiss Trauer-Arbeit

Meine Trauer verläuft, im Vergleich dazu, als meine Mutter und meine Omi starben, nun beim Tod meines Vaters ganz anders.

Als meine Mutter starb, war das für mich absolut zehrend. Ihr Verlust, das Mitleiden während mehrerer Monate, ihre Odyssee vom Spital, in die Psychiatrie, zurück ins Spital und schliesslich ins Pflegeheim, verbrauchten meine Kraft. Nach ihrem Tod fühlte ich mich ausgequetscht und tieftraurig. Als schönen Moment werte ich noch heute, dass ich mit meiner Omi in den letzten Minuten meiner Mutter dabei sein konnte. Das ist ein Geschenk vom Leben an mich, damit ich mit all den Erlebnissen weiter leben konnte. Meine Trauer zog sich allerdings über mehrere Jahre hin. Ich hatte schwer dran zu beissen.

Das Sterben meiner Omi zog sich über viele Jahre hin. Allerdings spürte ich, wie sie trotz ihrer Demenz viel Lebensqualität hatte und auch sehr lange selber entscheiden konnte, wie es mit ihr weiter gehen würde. Selbst als sie im Pflegeheim war, hatte ich das Gefühl, dass es ihr gut geht und sie liebevoll gepflegt wird. Ich konnte sie so langsam loslassen, im Wissen, sie würde nicht alleine gehen müssen, wenn sie das nicht wollte. Meine Omi blühte im Pflegeheim nochmals so richtig auf: Sie genoss Besuche, sie liebte ihre Pflegenden und nahm jeden Tag aufs Neue an. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es für sie gewesen wäre, während der Corona-Massnahmen in einem (abgeschotteten) Heim zu leben. Ich bin froh und dankbar, dass sie vor vier Jahren gehen konnte. Ich spürte, dass sie jetzt genug hatte und bereit war, loszulassen. Die Trauer um meine Omi verlief, trotz oder wegen unserer engen Beziehung, sehr leicht. Ihr letzter Satz an mich, kurz bevor sie starb, lautete: „Warum bist du denn traurig?“. Das half mir, sie gehen zu lassen. Sie hatte ihr Leben gelebt. Es war ok, wenn sie nun starb.

Ganz anders verhält es sich bei der Trauer um meinen Vater. Er war für mich immer ein Quell von Leben und Energie gewesen. Er war sportlich, fit, unternehmungslustig. Seine Diagnose Kleinhirnatrophie bedeutete für ihn, dass er innerhalb weniger Jahre zu einem Pflegefall wurde. Mitanzusehen, wie aus meinem Vater, der Sport über alles liebte, plötzlich ein pflegebedürftiger, hoch verletzlicher Mann wurde, hat auch mich verändert. Zwei Herzen schlugen in meiner Brust: Vielleicht würde sich alles wieder zum Besseren kehren, er plötzlich wieder gesunden und gleichzeitig die Gewissheit, dass er in den sicheren Tod geht. Die Pandemie mit den verschiedenen Massnahmen und meine berufliche Situation führten dazu, dass wir uns nicht mehr oft sahen. Denn ich wusste eines: Er will nicht ins Pflegeheim. Eine Ansteckung hätte für ihn und seine Frau bedeutet, dass er ganz sicher ins Pflegeheim muss.
Mein helfendes Ich war angeknackst: Ich konnte ihm nur helfen, indem ich nichts tat, ausser die beiden anzurufen, an sie zu denken und selber gesund zu bleiben.
Ehrlich gesagt bemerkte ich in dieser Zeit, dass ich vorher nie gross überlegt hatte, dass mein Vater einmal sterben könnte. Das hat mich recht beschäftigt.

Ich hatte bei seinem Sterben erneut ein Geschenk erhalten: Ich durfte bis kurz vor seinem Tod bei ihm sein. Seine Hand halten. Ein letztes Mal die Tochter meines Vaters sein, im Wissen, dass nachher keiner mehr da sein würde, der mich seit meiner Geburt gekannt hat.

Die Trauer um meinen Vater gestaltet sich kompliziert. Sie kommt in Schüben. Nebst der Erleichterung, dass sein Leiden beendet ist, kommen Momente der Erinnerung, des Verarbeitens gelebter gemeinsamer Momente. Nun weiss ich glücklicherweise, dass mein Vater nie gewollt hat, dass man (ich?) lange um ihn trauert. Das Leben ist jetzt. Wenn er jetzt noch leben würde, könnte ich ihm entgegnen, dass Trauer Leben in reinster Form ist. Aber wie ich ihn kenne, würde er dann wohl sagen: *“Da muesch du sälber wüsse, wa’d du machsch.“ Da hat er wohl recht.

*Du musst selber wissen, was du machst.

Schockstarre

Es ist schon sehr spannend für mich zu beobachten, wie es mir seit Papis Tod vor acht Wochen ergangen ist. Die ersten Tage und Wochen verbrachte ich in einer Art Schockstarre, wirklich Zeit zum Trauern nahm ich mir erst um den 21.12. herum. Ich war bereit für die Raunächte.

Hilfreich war mir als Begleitlektüre nebst „Aufbruch in den Raunächten“ auch „Zeit der Trauer“ von Verena Kast. Ein Satz hat mich sehr beschäftigt:

„…Hier wird sichtbar, wie sehr die Beziehung zwischen zwei Menschen eine gemeinsame Welt schafft, sodass das Erlebnis des Todes es mit sich bringt, dass auch dieses gemeinsame Erleben der Welt nicht mehr vorhanden ist. Ein Aspekt der Trauerarbeit wird also sein müssen, dass ein neues Verhältnis zur Welt geschaffen wird…“

Nun, meine Welt ist seit dem Tod meines Vaters eine andere. Ich bin mir bewusst, was ich verloren habe: meinen mir nächsten Menschen, einen guten Freund, einen liebenswerten und klugen Zeitgenossen, einen Menschen, der die Natur über alles geliebt und diese mir seit frühester Kindheit nahe gebracht hat.

Ich fahre schmunzelnd durch die Winterlandschaft, weil ich weiss, wie sehr er den Schnee gehasst hat. Papi und Schnee – das war keine Liebesgeschichte. Aber ich mag den Schnee, weil er so still und schön ist. Weil ich den blauen Toggenburger Himmel liebe.

Ich bin froh, haben wir die Urne meines Vaters und nicht seinen toten Körper in der Erde vergraben. Der Gedanke, dass er so in der Kälte in der Tiefe vergraben liegt, wäre für mich schwer auszuhalten. Er mochte die Wärme, die sommerliche Hitze sein ganzes, sportliches Leben lang. Nur am Ende, da mochte er sie nicht mehr.

Wenn ich morgens zur Arbeit fahre, denke ich oft an ihn. Nie hat er die Umfahrung Bütschwil erlebt. Er hätte sie bestimmt gemocht. Die Umfahrung Wattwil wird er nie sehen. Wie oft bin ich als Kind und Jugendliche mit ihm ins obere Toggenburg gefahren? Wie oft haben wir uns über den langen Fahrweg beklagt? (Ehrlich gesagt nie, denn wir hatten immer ein Gesprächsthema, worüber wir quatschen konnten).

Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir vor einigen Jahren über den Tod meines Bruders sprechen konnten. Mein Vater war damals schwer an Prostatakrebs erkrankt und fürchtete, dass er nicht mehr lange leben würde. Die Offenheit am Ende eines Lebens erachte ich als Weiterlebende als sehr heilsam. Sie ist mir aber auch immer ein Zeichen dafür, dass die Schranken fallen. Am Ende eines Lebens hat man nicht mehr viel zu verlieren. Man ist offen für Wahrheiten und das Niederreissen von Mauern und Tabus.

Ich hatte mich noch auf so viele Begegnungen gefreut. Ich wollte mit meinem Vater in den Wildpark Buchs fahren. Greifvögel aus nächster Nähe sehen. Mich mit ihm zusammen über die Schönheit der Natur freuen. Dass es nicht dazu kommt, macht mich sehr traurig, aber auch energisch. Ich will noch so vieles sehen und erleben und ihn in meinem Herzen mittragen.

Lass die Maske fallen

„Zieh die Maske ab, ich möchte dein Gesicht sehen“, sagte mein Vater, als ich ihn an Pfingsten 2020 im Pflegeheim besuchte. Das Sprechen fiel ihm damals noch nicht schwer, das Bewegen seiner Beine hingegen schon. Ich bin seinem Wunsch nicht nachgekommen, weil mir das schlimmstenfalls einen Rauswurf aus dem Heim eingebracht hätte.

Rückblickend bereue ich es, dass mein Vater mich nicht mehr ansehen konnte.
Mein Vater ist vor zwei Monaten nach langer, schwerer Krankheit zuhause verstorben. In all der Zeit hat er mich nie mehr ohne Gesichtsmaske gesehen, denn das war eine der Abmachungen, die wir als Familie getroffen haben: Lieber so, als dass die Eltern Gefahr laufen, krank zu werden.

Ich sah meinen Vater immer sehr gerne an. Er war ein gutaussehender Mann. Das war er nicht immer gewesen, hatte er mir vor Jahren verraten. Als Jugendlicher litt er unter einer schlimmen Akne, die ihm einige Narben im Gesicht einbrachten. Deswegen hat er sich dann später auch einen Bart wachsen lassen. Als kleines Kind habe ich seinen Bart geliebt. Und als er einmal erwog, diesen zu rasieren, habe ich ihm gedroht: „Dann bist du nicht mehr mein Papi.“

Unsere Vater-Tochter-Beziehung war immer sehr ehrlich gewesen. Ich konnte ihm als Teenager alle meine Sorgen erzählen. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich und selten Ratschläge. Die meisten unserer Gespräche fanden statt, wenn er seine Kaninchen fütterte. Er hörte mir zu, runzelte die Stirn und am Schluss lud er mich jeweils zum Znacht oder einem Kaffee zuhause ein.

All das konnten wir die letzten Monate seines Lebens nicht mehr geniessen. Alles fiel ihm schwer. Er litt und ich stand daneben und konnte ihm nicht helfen. Wahrscheinlich ist all das auch nicht die Aufgabe einer Tochter. Für ihn war wichtig, dass ich mein eigenes Leben lebe, dass ich das tue, was mir wichtig ist. Er hat nie den Wunsch geäussert, dass ich ihn mit-pflegen sollte. Das war für uns beide wohl zu intim. Ich meine, den eigenen Vater derart verletzlich zu erleben, war für mich, trotz 20 Jahren Berufserfahrung in Pflege und Betreuung, ein Schock:

Einen Menschen zu pflegen verlangt von einem, dass man die Maske fallen lässt. Beim Pflegen ist man körperlich und seelisch nahe an seinem Mitmenschen. Anders könnte man ihm gar nicht begegnen und helfend tätig sein. Gleichzeitig trägt man die Maske der Professionalität, die es einem möglich macht, tagtäglich menschliches Leid zu ertragen. Wenn man nun seinen Angehörigen pflegt, umgibt man sich in grosser Nähe zu jenem Menschen, den man liebt, verliert jegliche Zeit und Sorge zu sich selber und muss sich gleichzeitig mit der Endlichkeit des Seins abfinden. All dies ist eine schwer erträgliche Sache.

Ich durfte in den letzten Stunden seines Lebens an meines Vaters Seite sitzen. Ich trug dabei eine Maske. Zwischendurch ging ich auf die Terrasse, um frei durchzuatmen, eine neue Maske anzuziehen, weil die alte von Tränen durchfeuchtet war. An jenem 19. November war ich tieftraurig, weil ich wusste, dass ich meinen Vater nun gehen lassen muss. Doch ich war gleichzeitig von einer grossen Erleichterung durchflutet: ich durfte meinen Vater besuchen. Er musste nicht alleine im Pflegeheim sterben. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Tatsache so glücklich machen würde. Was für ein verdammtes Scheissjahr.

Papi und ich