Bleiben Sie zuhause!

Nein, das habe ich definitiv nicht gemacht. Ich war, wie alle meine Berufskolleg*innen in der stationären Pflege, fleissig am Arbeiten. Hab mich zurückgezogen. Vor allem aus meinem Freundeskreis und meiner Familie. Dass ich das getan habe, war nur richtig.
Im Nachhinein, bzw. jetzt gerade, ist es ein Fehler. Ich bin keine Einsiedlerin. Ich kann zwar super gut mit mir alleine sein, besonders wenn ich draussen in der Natur bin, aber ich brauche menschlichen Kontakt.

Ich vermisse meine Familie sehr. Ich vermisse meinen Vater. Meine Stiefmutter. Wenn ich das so sagen darf: Ich leide wie ein Hund.
Ich bin einfach nicht dafür gemacht, nur für mich selber zu sein.
Das merke ich jetzt.

Mein Vater ist schwerkrank. Wie lange er lebt, weiss ich nicht. Aber mein Gefühl sagt mir, dass sein Leben wohl nicht mehr lange dauert. Er ist schwerst beeinträchtigt. Er kann sich nicht mehr alleine bewegen, nur noch schwer sprechen, ist auf Hilfe angewiesen. Meine Stiefmutter pflegt ihn zuhause. Sie macht das alles hochprofessionell. Ich bewundere sie für ihre Ruhe und ihre Bedachtheit. Sie ist sein Fels und für mich die Mutter, die ich als Kind nicht hatte.

Ich habe mich abgegrenzt von ihnen, aber nicht, weil ich sie nicht mehr sehen wollte. Unser gemeinsamer, unausgesprochener, Grundsatz war, dass sie nicht meinetwegen plötzlich in ihrer Freiheit eingeschränkt sein sollten. Ich hatte Angst, weil ich sehr viel mehr (berufliche) soziale Kontakte habe als sie und sie nicht anstecken bzw. riskieren wollte, dass sie in Quarantäne gehen sollten.

Nun sah ich heute, nach vielen Wochen, endlich wieder meinen Vater. Ich trug eine Maske und ich weiss nicht mal, ob er mich erkannt hat. Doch fielen mir Steine vom Herzen. Ich erkannte, wie sehr es mir geschadet hat, sie nicht mehr zu sehen. Sie nicht mehr zu berühren. Zu umarmen.

Es geht ihm nicht wirklich gut. Er kann fast nicht mehr sprechen, schläft viel, hat Mühe mit Essen, verschluckt sich leicht. Ich muss ihn loslassen. Mein Herz tut sehr weh. Aber ich bemerke auch seine Ruhe. Seine Gelassenheit, nach so vielen Monaten des Leidens.

Ich bin meinem Vater so dankbar. Mütter nähren einen, aber Väter verleihen einem Kind Flügel. Mein Vater hat das von Anfang an getan. Er hat mich, trotz meiner früh erworbenen Gehbehinderung ermutigt und gedrängt, wieder laufen zu lernen. 2018 ging es ihm sehr schlecht. Er erzählte mir, dass er mit Anfang 40, also in meinem Alter, nie gedacht hätte, dass er mit 70 so schlecht zwäg sei. Er meinte damals zu mir, wenn er das gewusst hätte, hätte er noch sehr viel mehr seine Träume verwirklicht. Er hätte all das getan, was er sich nie gewagt hätte.

Das machte mich nachdenklich. Ich überlegte mir, welche unausgesprochenen Träume ich hegte. Damals wurde mir klar, dass ich Jagen lernen will. Ich weiss bis heute nicht, woher dieser Wunsch kam. Aber er war mit einem Mal so klar, so unausweichlich da, dass ich ihn leben wollte und musste. Ich meldete mich kurz darauf für die Jagdausbildung an und fing an zu lernen.

Die Jagd hat mein komplettes Leben verändert. Ich bin heute ein anderer Mensch. Gelassener. Lebensfroher. Ehrfürchtig gegenüber der Natur, ihren Schätzen, ihren Regeln. Ich habe eine komplett andere Welt kennen und schätzen gelernt. Ich bin, trotz Corona und all dem Scheiss, der um mich herum abgeht, glücklicher als je zuvor. Ich laufe mit Ausdauer steile Hügel hoch, was ich mir vor 30 Jahren nie hätte vorstellen können. Damals drohte mir der Rollstuhl.

Ich bin traurig, weil ich all dieses Glück, diese neue Chance im Leben, gerne mit meinem Vater teilen würde. Ich wünsche mir manchmal jene Sonntage im Wald zurück. Die Familienspaziergänge. Wie wir gemeinsam durch den Wald liefen, uns über Bäume und Vögel wunderten, uns wünschten, dass wir junge Füchse sehen würden.

Wir sahen uns heute. Mein Vater war sehr müde. Sein Zimmer ist voller Bilder von Füchsen. Ich erzählte ihm, dass ich morgen in den Wald gehen will. Er lächelte mich an. Seine Augen strahlten. In Gedanken ist er mit dabei, ganz gleich, wo er dann sein wird.

Das Haus meiner Grosseltern

Das Haus meiner Grosseltern ist ein altes Haus. Es birgt Geschichte und das nicht zu knapp. Das Haus meiner Grosseltern ist auch das Haus meiner Urgrosseltern. Es hat mich immer wieder fasziniert, auf ihre Spuren, die Erinnerung an ihr Leben zu stossen.

Mein Opa war der Sohn und Erbe meines Urgrossvaters Henri, ein echter Toggenburger. Mein Opa war im Alter von 21 Jahren bereits Weltkriegsveteran, und Textilarbeiter. Aufgrund des Krieges konnte er nie eine richtige Berufsausbildung absolvieren. Er arbeitete in der Textilindustrie im Toggenburg der 60er und 70er Jahre. Er wurde mit 27 Jahren Vater. Meine Mutter war Omis und Opas einziges Kind.

Als ich hier im Haus einzog, war es tiefster Winter. Es lag sehr viel Schnee und wir heizten zum ersten Mal mit Holz ein. Nach Opas Tod lebte Omi fast 15 Jahre alleine in diesem Haus. Ich wunderte mich, wie sie so viele Winter in diesem Haus überstanden hatte, bevor sie ins Altersheim zog.

Sie brachte nach Opas Tod vieles im und ums Haus wieder auf Vordermann. Gemeinsam mit meiner Grosstante machte sie sich daran, das Haus zu entrümpeln, Teppiche zu legen und Wände zu streichen.

Das Haus übte seit meiner Kindheit eine besondere Anziehung auf mich aus. Ich liebte es, weil ich rund ums Haus spielen konnte, weil keiner sagte, ich soll mal still sein. Omi und Opi genossen es, wenn wir Kinder wild herumtollten und lachten. Hier war ich glücklich. Ich liebte es, der Geschichte unseres Hauses auf den Grund zu gehen. Ich durchforschte Keller, Geheimtüren und kletterte auf Bäume und Mauern.

Seit ich hier lebe, entdecke ich das Haus ganz neu. Im Winter, wenn die Sonne drauf scheint, knarrt es laut. Für einen Moment lang kriege ich das Gefühl, das Haus bricht gleich zusammen. Doch das Holz der Balken reagiert nur auf die Wärme der Sonne. Ich bemerkte, wie klug die Bauweise war und ist und wie sie sich am Sonnenstand orientiert. Wenn ich in meinem wilden Garten bin, bemerke ich, was da alles wächst. Ich freue mich über brütende Vögel, blühende Bäume und Rosen. Ich freue mich auch über all jene Pflanzen, die meine Omi und meine Urgrossmutter angepflanzt haben und die noch immer da sind.

Gerade in den letzten Wochen und Monaten bin ich oft im Garten gestanden und habe an meine Grosseltern gedacht. Sie fehlen. Aber sie sind auch irgendwie noch da, wenn auch nur in meinen Erinnerungen.

41

Wenn du noch am Leben wärst, wäre heute dein 41. Geburtstag. Du wärst vielleicht verheiratet und hättest Kinder, eine Ehefrau oder einen Ehemann, einen Labrador Retriever und würdest in einem Riegelhaus im Zürcher Unterland wohnen. Auf dem einzigen Foto, das ich von dir besitze, hast du rotes Haar.

Unsere Eltern sehen darauf glücklich aus. Aber auch sehr müde. Früher hat mich der Blick auf dieses Polaroid, aufgeklebt auf blaues Papier, neben deinem Fussabdruck, erschüttert, weil ich erkannte, wie schwer sie dein Tod treffen würde nach jenem Moment der erschöpften Freude über die Geburt des ersten Sohnes.

Dein Tod war eine Katastrophe für diese Familie. Es hat das Oben nach unten gekehrt und umgekehrt. Dein Leben dauerte drei Tage und dein Tod hat viele Jahre danach noch deine Angehörigen verfolgt.

Dein Tod hat mein Leben all die Jahre geprägt, denn es ist eine seltsame Sache, einen Bruder zu haben, den man nie gesehen und mit dem man nie gespielt hat und der dennoch so wichtig war.

Ich bin dankbar, dass du da warst, wenn auch nur kurz. Lieber hätte ich dich länger an meiner Seite gehabt, lieber Bruder. Das wäre bestimmt ziemlich gut geworden. Du fehlst.

Zwei Monate ohne Dreizehntel

Am 16. Juli, vor zwei Monaten, verstarb Dreizehntel, unsere wunderbare, alte Katze. Sie fehlt. Unser Leben ist ohne sie ein ganz anderes.

Wir entschieden uns in der Woche als sie starb, zwei Katzenkinder bei uns aufzunehmen. Unsere Freundinnen Stella und Vreni haben uns bei der Entscheidung unterstützt. Ein Leben ohne Katzen? Für uns unvorstellbar. Gerade während des Shutdowns war unser Dreizehntel für uns Trost und Freude.

Nun leben Fauci („Fautschi“ – ja, wie der amerikanische Epidemiologe) und Aelfric (den Namen hat Sascha ausgesucht) seit bald zwei Monaten bei uns. Sie haben uns in vielen Momenten der Trauer mit ihrer verrückten, wilden Art getröstet.

Fauci war anfangs sehr scheu. Wir wissen nicht genau, was sie alles erlebt hat. Sie hat grossen Respekt vor Händen und es ist jedes Mal ein besonderes Gefühl, wenn man sie streicheln kann. Aelfric hingegen ist ein wilder, verschmuster, lustiger Kater. Er liebt Wasser, Milchschaum, Fressen, Streicheleinheiten und – Fressen. Fauci liebt unsere Schmutzwäsche, vor allem die 40°C Zaine hat es ihr angetan. Sie wird täglich mutiger und wir bemerken, wie klug sie ist. Sie ist eine wunderschöne, kleine Katze.

Immer wieder gibt es Momente, wo wir an unser liebes Dreizehntel denken, wo mich die Tränen übermannen, weil ihre herzige Art, das Streicheln ihres wunderbaren Fells, ihr Gurren, fehlen. Aber irgendwie ist sie trotzdem immer bei uns. Vor allem, wenn die „Kleinen“ Blödsinn machen, die Möbel zerkratzen, Geschirr zerdeppern, aus Gläsern und Tellern fressen, an meinen Haaren chaffeln, in Saschas Zehen beissen, in die Wanne fallen, während ich drin sitze.

Die wilde 69

Es gibt Tage, da denke ich sehr oft an dich. Je älter ich werde, desto jünger sehe ich dich vor mir.
Du bist schön, gross, hast lange dunkle Haare und leuchtende braune Augen.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, warst du die schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Du warst ein wenig wie Ava Gardner, ein wenig Jane Russell und sehr viel Ali MacGraw.

Ich weiss bis heute nicht genau, wieviel wir gemeinsam haben. Du hast mit mir alle Klassiker (und auch ganz viele Schundfilme) geschaut. Das Kino war eine gemeinsame Leidenschaft und ich bin dir auch heute noch dankbar dafür, dass du mir so viel erklärt und gezeigt hast.

Die Lebenszeit verkürzt sich sehr rasch und ich liebe das Leben genauso wie du. Dass du so jung verstorben ist, ist für mich auch heute noch ein Verlust. Ich hätte dich gerne besser kennengelernt.

Eine Sache habe ich dank dir schon früh gelernt: Das Leben ist ein Wunder und ein Geschenk. Viel zu schnell zerrinnt es einem zwischen den Fingern und man trauert dem ungelebten Leben nach. Du warst da anders: Du hast aus ganzem Herzen gelebt bist zu deinem letzten Tag. Ich bin sehr dankbar, dass ich bis zum Schluss dabei sein durfte.

Feriengefühle

Das letzte Mal, dass ich Ferien hatte, war im Oktober des letzten Jahres. Ich machte Wanderungen, Ausflüge und besuchte die OLMA. Jetzt ist bald Juni und ich weiss gar nicht, ob es dieses Jahr eine solche Messe noch geben wird.

Ferien habe ich jetzt eigentlich nur, weil ich dachte, dass ich nächste Woche an die Jagdprüfung gehen würde. Ich habe viel gelernt und mich darauf gefreut, auf die Fragen der Experten gute Antworten zu geben.

Doch auch daraus ist nichts geworden. Die Prüfungen sind für dieses Jahr abgesagt. Das hat mich im März schon recht aus der Bahn geworfen, wohl weil ich so viel Energie ins Lernen und in die Besuche der Kurse gelegt habe. Es fiel mir leicht, denn ich lernte mit grosser Freude und Neugier. Dass ich mit einem Mal mit nichts mehr dastand, war für mich schwierig.

Die Natur war denn auch während des Shutdowns mein Trost: Ich nahm wahr, wie sich alles nach dem Winter wieder aufrappelt, wie die Bäume spriessen, die ersten Blumen erblühen. Dann die Apfelblüte, der Bluescht im Thurgau, die noch schöner erschien als all die Jahre zuvor, wie ich zum ersten Mal auf freier Wildbahn Hasen erblickte, wie ich Rehe nachts beobachtete und die verliebten Elstern in unserer Tanne. Ich habe unzählige wunderschöne Sonnenuntergänge fotografiert und mich an den blühenden Rosen und den zum ersten Mal erblühenden Iris in unserem Garten erfreut.

Ich ging arbeiten wie immer, darüber war ich dankbar. Die Sorge um die Menschen, die wir als Team begleiten, war gross. Es ist eben nicht einfach so, dass man in unserem Beruf nur für sich selber Verantwortung trägt. Das wurde mir sehr klar in den letzten Wochen.

Ich sorgte mich um meine Eltern. Das Gefühl, dass es ihnen nicht gut geht, dass sie auf sich alleine gestellt sind, beschäftigte mich stark. Mir fehlen unsere Umarmungen, unsere Gespräche am Küchentisch und ich fühle mich traurig, weil ich ihnen nicht so zur Seite stehen konnte, wie ich es wollte. Ich erinnerte mich daran, wie mein Vater und ich im Mai vor neun Jahren gemeinsam eine Krähe aufgezogen und auswildert haben. Wie mein Vater mir vor sechs Jahren gezeigt hat, wie ich eine Wiese von Hand und mit der Fadensense mähen kann. So viel ist passiert in kurzer Zeit.

Glücklich machen mich die Treffen mit den Menschen, die ich sehr schätze und während der letzten Wochen vermisst habe. Ich bin über mich selber erschrocken, wie sehr ich mich zurückgezogen habe. Bin das wirklich noch ich?

Die nächsten Tage werde ich viel schlafen und im Garten arbeiten, Sport treiben und einfach draussen sein. Ich freue mich.

Macht uns Corona zu besseren Menschen?

Die letzten paar Wochen waren für uns alle hart. Viele von uns haben menschliche Kontakte gemieden – und darunter gelitten. Ich bemerke beim Schreiben gerade, dass ich „uns“ und „wir“ sehr viel mehr gebrauche. Es scheint mir, dass zumindest beim Reflektieren jeglicher Egoismus für den Moment abgelegt ist. Schliesslich geht es jedem „in dieser schwierigen Situation“ gleich. Und doch nicht.

Wenn ich Menschen treffe, ich gebe zu, das fehlt mir nach wie vor schwer, fühle ich mich unbeholfen. Es scheint, als wäre ich aus der Übung, guten Freunden, meinen Eltern gegenüber zu sitzen. Darf ich jetzt die Hand geben? Oder doch lieber nicht? Was soll ich im Kontakt mit einem anderen Menschen tun, wenn ich diesen doch immer zur Begrüssung herzlich umarmt habe? Worüber sprechen?

Die letzten Wochen haben jeden von uns – schon wieder! – geformt. Die einen hatten wenig Arbeit, Angst um ihren Job, wiederum andere sind vor lauter Arbeit fast ersoffen. Andere wiederum haben x Wochen ihre Kinder zuhause gehabt, von zuhause gearbeitet. Erholung wie früher ist mit einem Mal ein Fremdwort.

Beeindruckt haben mich aber Aussagen wie „die Verlangsamung hat mir gut getan“ und „weniger Sitzungen – auch nicht verkehrt“. Zeigen sie nicht auf, dass zumindest das etwas Gutes an der ganzen schwierigen Phase in unser aller Leben war und ist? Wir Menschen sind offenbar nicht nur für Schnelligkeit und Stress gemacht. Es kann uns auch wirklich gut gehen, wenn es etwas entschleunigt zu und her geht.

Mühe macht mir nach wie vor die Tatsache, dass ältere Menschen in Pflegeheimen, Menschen mit Beeinträchtigung in Wohnheimen, Sterbende nur beschränkt Kontakt zu ihren Angehörigen haben können. Das ist in meinen Augen eine menschliche Katastrophe und es macht die ganze Chose nicht besser, wenn gewisse Menschen diese Personengruppen per se mit „die wären ja eh gestorben“ betiteln.

Ich vermisse den Kontakt zu meinen Eltern. ich möchte mit ihnen zusammensitzen, Kaffee trinken, zuhören, reden und ihnen einfach nahe sein. Gerade für Menschen mit einer Demenzerkrankung ist doch der menschliche Kontakt, die Nähe, die sinnliche Erfahrung des Gegenübers so wichtig.

Etwas anderes habe ich aber in den letzten Tagen auch noch erfahren: Die Corona-Situation macht viele von uns sensitiver. Noch selten zuvor habe ich mit Männern und Frauen so tiefe, persönliche und offene Gespräche geführt wie jetzt.

Jeden bewegt etwas: die Sorge um die eigenen, alten Eltern, das Bemerken des sich Fremdfühlens, das Wahrnehmen von Verunsicherung, Angst um den Arbeitsplatz, das Fehlen der Freunde.

Ich hoffe ganz fest, dass diese Kompetenz des Redens, ja des Aussprechenmüssens weiter anhält, denn sie macht uns Menschen zu wirklich echten, guten, feinfühligen Menschen.

(m)eine Ode an @dreizehntel

Liebste Katze, mein liebes Dreizehntel

morgen ist also dein 18. Geburtstag. Meine Güte. Für eine Katzendame bist du genau im richtigen Alter. Nichts kann dich aus der Ruhe bringen, ausser vielleicht die freche Amsel, die dich manchmal vor dem Stubenfenster ärgert. Aber sonst bist du die Ruhe selbst.

Im Oktober 2002 warst du eine kleine, finöggelige Katze, ohne Schnurrbarthaare, mit einem Pilz im Gesicht, Flöhen und riesigen gelben Augen. Ich habe mich, ganz ehrlich, sofort mit Haut und Haar in dich verliebt. Ich habe mir immer eine schwarze Katze gewünscht, und indem ich dich traf, wurde dieser Wunsch erfüllt.

Ich war gerade mal 25 Jahre alt, mitten in der Ausbildung zur Agogin. Wir hatten einige Tage Seminar im Künstlerhaus Boswil im Kanton Aargau. Und plötzlich warst du da. Die erste Begegnung werde ich nie vergessen: Du warst pflutschnass vom Regen, hattest ein wunderbares Fell und vor nichts Angst. Am nächsten Morgen erfuhr ich, dass der Wirt dich totschlagen sollte. Auch er hatte wenig Freude daran. Aber offenbar hielt man dich für ein räudiges kleines Kerlchen, das jegliches Recht auf Leben verwirkt hatte.

Ich nahm dich also mit, um dich zu retten. Eine Nacht schliefst du in meinem Bett im Herberge-Zimmer. Du hast viel gefressen, viel geschlafen. In einem Karton bist du in meinem ersten Auto gereist. Natürlich hast du ihn in wenigen Momenten mit deinen scharfen Krallen zerrissen.

Autos sind deine geheime Leidenschaft. Du bist oft mit mir über Autobahnen gependelt. Wo ich war, warst du nie fern. Dein erster Tierarzt prophezeite mir: „An dieser Katze haben Sie genug für ein Leben.“
Er hat Recht.

Du warst an meiner Seite, als ich meine Mutter im Pflegeheim besuchte. Sie hatte sich so sehr eine kätzische Begegnung gewünscht. Negi, ihr geliebter Büsi war einige Jahre zuvor gestorben. Du warst da und bist ohne Scheu auf sie zugegangen. Du hast sie getröstet und mich auch. Selbst in den schlimmsten Stunden.

Ehrlich gesagt lebe ich mit dir am längsten zusammen. Nie war ich so lange bei meinen Eltern, nie mit einem Mann. Aber du warst immer da.

Als ich sehr krank wurde, warst du da. Du hast auf meiner Brust, meinem Bauch geschlafen. Du hast Trost gespendet, beharrlich deine Noms verlangt. Du bist meine treueste und liebste Freundin. Du hast den Umzug ins Toggenburg problemlos überstanden und dir das Haus erobert.

Ach, liebe Dreizehntel. Jetzt bist du 18 Jahre alt und wunderschön. Ich liebe dein morgendliches Gegurre, dein Einfordern von Milchschaum, Toni-Joghurt mit Schoggi-Aroma, deinen Blick, wenn es im Haus warm und sonnig wird.

Ich erachte es noch immer als grosses Privileg, dass wir beide uns getroffen haben. Dass du gerne auf mir schläfst, mich morgens freundlich angurrst und du uns nachts weckst, wenn grad irgend ein wildes Tier durch den Garten streicht.


Liebe Dreizehntel, du bist meine absolute Lieblingskatze! ❤

Geh deinen eigenen Weg!

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so ein Ostern wie dieses Jahr erlebe.
Eigentlich – das Wort passt irgendwie in diese Zeit – hätte ich ein paar Tage frei gehabt. Aber weil alles nun anders ist, habe ich heute gearbeitet. Ich hatte vorgehabt, mit meinen Eltern und Sascha fein essen zu gehen.

Ostern war immer eines jener Feste, die wir hier im Toggenburg gemeinsam gefeiert haben, zuerst mit den Urgrosseltern, später mit Omi und Opi, dann nur noch mit Omi und den Eltern, schliesslich mit den Eltern und Sascha. Ich dekorierte den Garten, hängte Deko-Eier an den Rosenbüschen auf, holte alle Porzellanhasen und -enten hervor und drapierte sie in den Gartenbeeten. Gutes Essen war auch immer wichtig, sei es in den eigenen vier Wänden oder aber in einem feinen Restaurant.

Heute aber habe ich meinen Frühdienst geleistet und mir gedacht, wie wichtig diese unsere Arbeit ist. Wir betreuen Menschen und sorgen dafür, dass sie ein gutes Leben haben. Das gelingt tagtäglich und es ist wichtig, darauf stolz zu sein, auch wenn alles andere drumherum grad recht schwierig ist.

Doch mir war auch klar, dass ich so oder so meinen Eltern ihren Osterhasen und ihre Geschenke vorbei bringe. Anders konnte ich es mir nicht vorstellen. Die Situation war jedoch sehr ungewohnt: Wir sprachen uns telefonisch ab. Ich klingle und meine Stiefmutter fährt meinen Vater ans Fenster, damit wir in Abstand miteinander reden können.

Ich hatte Angst vor diesem Moment, dass ich zu emotional sein könnte und dass mein Vater anfängt zu weinen, wenn er mich so sieht. Ich habe keine Angst vor der Emotion als solches, aber ich weiss, dass meine Stiefmutter das nachher aushalten muss. Das ist hart und das will ich nicht.

Aber ich hatte mir zuviel Gedanken gemacht: Mein Papi strahlte wie ein Honigkuchenpferd und ich tat es auch. Wir sprachen über die Idioten, die nun auf Rorschachs Strassen rasen wollen und von der Kantonspolizei verzeigt werden, darüber dass meine Eltern nun seit bald fünf Wochen zurückgezogen leben und sich den Einkauf vor die Türe bringen lassen. Wie toll es ist, dass so viele Geschäfte Frauenfelds überhaupt nach Hause liefern. Dass es keine Physiotherapie, kein Tagesstättenangebot mehr für meinen Vater gibt und er das ziemlich sch* findet.

Derweil haben auf der Terrasse gegenüber die Nachbarn gefeiert. Mindestens 10 Leute, lauthals. Von „Mindestabstand“ keine Spur. Es ist eine verdammte Farce, denke ich. Ich hätte so viel dafür gegeben, meinen Vater heute mit gutem Gefühl umarmen zu können und tue es nicht, um ihn nicht zu gefährden.

Als Jugendliche habe manchmal, nicht sehr nett, ich zu meinen Eltern gesagt: „Warum darf ich das nicht? Alle anderen machen das auch!“ Meine Mutter antwortete darauf: „Wenn alle anderen zum Fenster rausspringen und sich so verletzen, tust du das dann auch?“
Meine Mutter hatte Recht.

Zum Abschied meines Fenster-Besuchs wünschte ich mir, dass wir bald wieder einmal gemeinsam einen Spaziergang machen können. Aber mein Vater hat einen viel besseren Wunsch: Bald wieder gemeinsam fein essen gehen. Zusammensein. Ich weine nicht, als ich weg gehe. Erst zuhause. Aber vielleicht liegt das auch an den Pollen.

übergeordnete Ereignisse

Die letzten Monate habe ich nur für meine Prüfung im Juni gelernt. Dank #fuckyoucorona fällt die für dieses Jahr total flach. Das hat mir den Boden unter den Füssen weggerissen, weil ich offenbar nur dafür gelebt habe. Jede freie MInute habe ich mich darin vertieft und dafür gelernt. Jetzt stehe ich einfach vor einem tiefem Loch.

Ich hab die letzten Tage nicht wenige Tränen darüber vergossen. Wenn man anderthalb Jahre auf ein Ziel draufarbeitet, und das wegen einem „übergeordneten Ereignis“ einfach wegfällt, ist das wie ein Schlag in die Magengrube. Ich brauche da einfach ein wenig Zeit, bis ich mental wieder auf den Beinen bin.

Natürlich habe ich jede Menge Bücher zur Seite, die ich noch lesen und rezensieren will. Es gibt so viel, was es zu entdecken gilt. Ich will weiter an kalligraphischen Übungen arbeiten, will weiterhin Vögel und Bäume bestimmen, mich draussen bewegen und Bulletjournal-Beiträge schrieben.

Mein Herz hingegen schlägt an einem anderen Ort. Ich würde gerne meinen Eltern unter die Arme greifen, damit sie in dieser Krise nicht alleine sind, im Wissen, dass sie alles eh alleine schaffen. Ich will, dass es ihnen gut geht, dass sie sich nicht zu sorgen brauchen. dass sie wissen, dass ich für sie da sein will. Dass sie nicht alleine alleine sind.

Die physische Entfernung zu meinen Freundinnen und Freunden macht mir zu schaffen. Ich lege im Berufsalltag wenig Wert auf Nähe. Im Privaten fehlt sie mir nun. Keine Gespräche mehr bei Rotwein und Kerzenlicht, keine Sitzungen mehr, wo wir uns austauschen. Die menschliche Nähe ist mit einem Mal weg.