Ach, Papi

Mein Vater war definitiv der erste Mann in meinem Leben.
Mein Papi, ich liebte ihn von Anfang an.
Er trug mich auf seinen Schultern. Fuhr mich mit seinem Velo durch die Welt.
Er war meine Verbindung zur Natur. Er, der Bauernsohn.

Mein Vater war ein Feminist. Er dachte nie in Schubladen, sondern in Geleisen. Lerne einen Beruf. Mach dich unabhängig.
Heirate nicht, wenn du nicht unbedingt musst.
(Das Müssen wäre dagewesen, wenn es ein Kind gegeben hätte. Aber damit habe ich mein Umfeld nie beschenkt.)

Mein Vater ist ein wunderbarer Mensch.
Er ist sehr sensibel. Er ist präsent. Er weiss, was er will.

Vor zwei Jahren hat er zu mir gesagt:
Wenn ich gewusst hätte, wie mein Leben jetzt ist, hätte ich mit 40 noch
sehr viel mehr gelebt, was ich mich nie getraut hätte.
Ach Papi, du weisst gar nicht, was du mit diesen Sätzen bei mir ausgelöst hast.
Den Wunsch nach Freiheit. Den Wunsch, all das zu leben, was in mir steckt, an Potential, an Träumen.

Mir fällt ein Satz ein: Die Mütter schenken einem das Leben, die Väter verleihen einem die Flügel.

Mein Vater war in meiner Jugend einer der Menschen, der mir Flügel verlieh. Er akzeptierte nicht, dass ich meinen Beinen nicht mehr traute. Er hoffte auf mehr. Er trieb mich an. Ich lernte (wieder) zu laufen und zu velofahren, obwohl ich letzteres abgrundtief hasste. Aber trotz allem war es ein gutes Gefühl, zu spüren, was ich alles schaffte.

Nun gibt es so vieles in meinem Leben, was ich gerne mit meinem Vater erleben würde oder erlebt hätte. Er ist präsent in meinem Alltag, auch wenn er nicht immer mit dabei ist.

Ich denke zurück an jene Tage, wo wir gemeinsam unsere Krähe Fritzi aufzogen. Es waren glückliche Stunden, die ich nie vergessen werde. Wir waren als Familie aktiv und haben ein wunderbares Lebewesen am Leben gehalten.

Erinnerungen sind das, was einem bleibt. Erinnern ist eine intime Sache, weil es das Innen nach aussen kehrt. Das Aussen verursacht dann wohl auch all die Tränen, weil einem bewusst wird, wieviel man gerade verloren hat. Was einem fehlt.

Mein Papi ist nach wie vor der erste Mann in meinem Leben.
Ich habe ihn sehr gerne, weil ich mich in ihm wieder erkenne.
Er trägt mich nicht mehr auf seinen Schultern. Stattdessen streichle ich sein Gesicht. Sein weisses Haar.
Dank seinen Wünschen wage ich mich hinaus. In die Natur und stehe meinen Menschen.

Die wilden Tiere

Die Liebe zu den wilden Tieren ist meiner Familie weit verbreitet.

Mein Urgrossvater Heinrich züchtete Waschbären. Er hielt diese in einem Stall im Toggenburg Mitte des letzten Jahrhunderts. Ich weiss nicht genau, warum er das tat. In meiner Familie war nur die Rede davon, dass er diese „lustig“ fand. Legendär und mit vielen Ausschmückungen hat mir mein Grossvater davon berichtet, dass die Waschbären ausgebrochen sind. Ich bin überzeugt, dass auch heute noch Urururururur-Enkel der Waschbären meines Urgrossvaters im Toggenburg ihr Unwesen treiben.

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Mein Grossvater Walter war ein hervorragender Beobachter. Er konnte regungslos dasitzen und den Eidechsen, die sich sonnten, zuschauen. Auch die Forellen im Bach konnte er stundenlang beobachten. Wenn er den Tieren zuschaute und ich daher kam, brauchte er nur eine einzige Geste, ein kleines Geräusch zu machen und ich verstand. Die Momente, in denen ich mit Walter die Zeit vergass, waren die friedvollsten meiner Kindheit.

Mein Vater ist ein Tierfreund. Seit früher Kindheit züchtet er Kaninchen, Hühner, hielt Tauben, Enten und Wachteln. Als kleiner Junge fand er eine weisse Krähe, wie er immer wieder erzählte. Er und seine Freunde zogen sie auf. Als sie allerdings anhänglich wurde, sorgte der Lehrer dafür, dass die Krähe in den Zoo kam.

Meine Mutter zog während mehreren Wochen eine verwaiste Ente auf. Das Patschen der kleinen Füsse auf den Holzstiegen unseres Hauses werde ich nie mehr vergessen.

2011 fand mein Vater erneut eine verwaiste Krähe. Er nahm sie mit und rettete ihr damit ihr Leben. Gemeinsam mit Heidi und Sascha haben wir sie aufgezogen.

Ich wollte keine Krähe haben. Eine Krähe ist ein wildes Tier. Kein Papagei. Keine Katze. Sie ist ein komplexes Lebewesen mit einem Sozialverhalten, das seinesgleichen sucht. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit der kleinen Krähe verbringen wurde, denn für mich war es eine Art Mutterschaft auf Zeit.

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