Schritt für Schritt

Ich habe das Gefühl, dass ich in den letzten Tagen meinen Vater weiter loslassen konnte. Er fehlt, aber das Gefühl, dass ein Teil von ihm weiterhin da ist, wenn ich ihn brauche, ist sehr präsent.

Ich denke, ich war reich beschenkt mit dieser engen Beziehung, dieser Vater-Tochter-Liebe. Es fällt mir nicht schwer, ihn loszulassen, denn ich weiss, dass der Tod für ihn eine einzige Erlösung war. Aber ich weiss auch, wie gerne er gelebt habt. Wie gerne er Tiere gehegt und gepflegt hat. Wie sehr er die Natur geliebt hat. Diese Präsenz von ihm, seine klugen Gedanken dazu fehlen mir. Ich hätte gerne noch länger zugehört und gerne mehr Fragen gestellt.

Vor einigen Tagen las ich (endlich) das Buch «H wie Habicht» von Helen Macdonald fertig. Ich hatte grossen Respekt davor, weil ich ahnte, wie sehr es mich emotional in Beschlag nehmen würde. Sie beschreibt in ihrem Roman die Begegnung zwischen ihr und ihrem Habicht Mabel und gleichzeitig das schmerzhafte Loslassen ihres Vaters. Sie findet Worte fürs Trauern und den abgrundtiefen Schmerz, den sie dabei erlitt.

Ich bin dankbar für dieses Buch und musste an einen Satz von C.S. Lewis denken: «Wer liest, ist nicht allein.» Denn das ist wohl der Weg, den alle Trauernden gehen (müssen). Das Loslassen kann einem keiner abnehmen.

Loslassen und träumen

Ein Freund hat mir vor einigen Tagen geraten, meinen Vater loszulassen. Ich war der Meinung, ich hätte längst losgelassen. Aber das ist, auch nach über einem halben Jahr nach seinem Tod, wohl erst langsam möglich.

Ich bin darüber nicht unglücklich, denn ich halte das erste Jahr nach dem Tod eines Menschen für meine Trauer und mein Abschied nehmen wichtig. Ich entdecke immer wieder aufs Neue, wie ich an meinen Vater denke und ihm den Platz in meinem Leben einräume, damit er danach wirklich gehen kann.

Ein Teil meiner Trauer besteht darin, dass ich meine eigenen Träume lebe. Dass ich das tue, was mich glücklich macht, gleichwohl, was andere denken. Das tut gut. Und ich denke, das ist auch dem langsamen Sterben meines Vaters zu verdanken. Ich will glücklich sein und ich bin es auch, am Ende jedes Tages. Seit vielen Monaten schreibe ich eine tägliche Dankbarkeitsliste, um mich an all das zu erinnern, was ich als schön erlebt habe.

Manchmal flammt Wut in mir auf, etwa wenn ich daran denke, dass Leute bei seiner Beerdigung so nebenbei gesagt haben, wir sollen froh sein, konnte er sterben. Ich sage nichts anderes: Ich bin froh, muss mein Vater nicht mehr leiden. Aber wenn mir das jemand anders sagt(e), dann trifft es mich. Und ich empfinde es als übergriffig. Viel schöner wäre das Leben, wäre er noch da.

In ungefähr einem Monat ist mein 44. Geburtstag. Ich hätte mir gewünscht, er wäre dabei. Seine Anwesenheit bei diesem Fest hat es immer besonders gemacht. Schliesslich ist er mein Vater und ich war ein Teil von ihm.

Manchmal wünschte ich, ich hätte ein Grab, das ich bepflanzen könnte. Aber dann denke ich: Es ist schon richtig so, wie es jetzt ist. Ein Stein auf deinen sterblichen Überresten hätte dich genervt. Du gehörst raus auf eine Blumenwiese, unter einen wunderschönen Baum, geliebter Vater.

Ich hätte mir für seine Beerdigung ein Fest gewünscht, wo die Menschen einander umarmen, gemeinsam weinen und lachen, essen und trinken. Ich war an dem Tag so verheult und damit beschäftigt, überhaupt jemanden hinter der Maske zu erkennen, dass es mich nur gestresst hat. Es macht mich traurig, konnte ich nicht gross mit seinen (mir nicht immer näher bekannten) Freunden sprechen. Das hätte mich getröstet.

Am Samstag habe ich ein Fotoalbum entdeckt, dass meine Mutter und er um 1974 angelegt haben. Damals waren sie frisch verheiratet und ich lerne meine jungen Eltern auf den Bildern nochmals ganz anders kennen. Sie sehen so glücklich und schön aus. Dennoch entdecke ich den ernsten Blick meines Vaters, wie er in die Kamera schaut, so als ob er spürt, was das Leben ihm alles anbieten wird. Er wird schöne und traurige Zeiten erleben. Und vor allem wird er viele Jahre später seine grosse Liebe treffen, die ihm bis zu seinem Tod zur Seite stehen wird. Das finde ich sehr tröstlich.

Was mich in den letzten Wochen erstaunt – und erfreut – hat, ist, dass ich von ihm träume. In meinen nächtlichen Spaziergängen ist er immer so um Mitte 40. Er wirkt kraftvoll und strahlt, weil er glücklich ist. Dieses Bild gefällt mir und so mag ich ihn gerne loslassen, weil ich weiss, dass ein Teil immer bei mir ist.

Processed With Darkroom

Die Prüfung

Man weiss nie, welche Prüfungen einen im Leben erwarten und meist sind es die unerwarteten, die einen wirklich weiter bringen.

Im Spätsommer 2018 sagte mein Vater zu mir: Wenn ich gewusst hättte, wie es mir mit 70 geht, hätte ich mit 40 noch sehr viel mehr die Sau rausgelassen und all das getan, woran ich mich nie gewagt hätte.
Ich war damals 41 Jahre alt.

Er sagte noch ein paar andere Dinge. Es war ein gutes, liebevolles Gespräch zwischen Vater und Tochter. Ich fuhr nach Hause. Da fing ich an nieder zu schreiben, was mir in jenem Moment wichtig war und woran ich mich bis dahin nie getraut hatte.
Die Jagd war eines der ersten Wörter, die ich schrieb. Ich weiss bis heute nicht, woher dieses Wort kam. Es war einfach da, so wie immer, wenn ich beim Schreiben die Augen schliesse und einfach drauf los schreibe.

Und so meldete ich mich im Winter 2018 für die Jagdausbildung des Kantons St. Gallen an.

Im Februar 2019 startete ich mit dem ersten Teil der Ausbildung, der Schulung an der Waffe. Ich hatte bis dahin nie eine in der Hand gehalten.
Die Ausbildung (und vor allem die Ausbildner und Ausbildnerinnen) im Kanton St. Gallen sind wirklich gut. Hart, klar und sehr fair. Ich lernte schnell. Und ich bemerkte: Ich kann gut schiessen. Mein Vater pflegte nach der Schiessprüfung zu sagen: „Das hat sie nicht von mir.“

Das ist übrigens ein typischer Ostschweizer Spruch, der sehr trocken und recht nebenbei daher kommt, aber eigentlich sehr liebevoll gemeint ist.

Nun, die Schiessprüfung ist ein erster Meilenstein in der Jagdausbildung. Hier werden Hirn, Nerven und Charakter in Stresssituationen geprüft.

Ich war sehr glücklich (ich habe recht heftig geweint), als ich meinen Eltern mitteilen durfte, dass ich diese erste Prüfung bewältigt habe. Mein Vater war sichtlich stolz und es bereitete mir Freude, mit ihm darüber zu sprechen.

Im Sommer 2019 fanden die obligatorischen Tage statt, die man unbedingt besuchen muss, wenn man die theoretische Prüfung antreten will. Das sind sehr lehrreiche, wichtige und berührende Tage. Ich lernte sehr viel über den Wald, die Arbeit mit den Jagdhunden und noch sehr viel mehr über Leben und Tod.

Das letzte gemeinsame Jahr mit meinem Vater war geprägt von Begegnungen und Gesprächen. Wir schauten zusammen Zeitschriften an und ich bemerkte einmal mehr seine Verbundenheit zu den Vögeln und zur Natur. Zu gerne hätte ich mehr mit ihm mehr über die Hühnerzucht und seine Abenteuer mit der weissen Krähe gesprochen, die er als Jugendlicher aufgezogen hatte. Vögel waren immer seine Leidenschaft gewesen. Ich dachte damals, ich hätte noch sehr viel Zeit.

Weihnachten 2019 feierten wir in seinem Lieblingsrestaurant. Es war barrierefrei und die Bedienung war wirklich super. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch mehr als früher zu schätzen, dass ein Restaurant auf der Website angibt, ob es Menschen mit Behinderung beherbergen mag. Ich wusste nicht, dass es unser letztes gemeinsames Weihnachtsfest werden würde.

2020 startete wie erwartet. Ich besuchte am Montagabend jeweils die freiwilligen Kurse der Jagdausbildung und lernte sehr rasch sehr viel über die Wildtiere der Schweiz, deren Lebensraum, das Wildtiermanagement, das Schweizer Recht und überhaupt, was Jagd bedeutet. Ich sog das Wissen praktisch auf und es machte mir sehr viel Freude, da auch die AusbildnerInnen einfach toll waren. Ich hatte bis dahin noch nie eine Ausbildung erlebt, die von so motivierten und engagierten Menschen durchgeführt wurde.

Ich hatte mich sehr auf die Prüfung im Juni 2020 vorbereitet. Umso mehr war es für mich (und viele meiner Kollegen) ein Schock, dass von einem auf den anderen Tag im Kanton St. Gallen alles abgesagt wurde. Keine Ausbildung mehr und vor allem: keine Prüfung.

Für mich brach eine Welt zusammen. Insgeheim hatte ich gehofft, dass ich im Juni 2020 die Prüfung bestehen und mein Vater das alles miterleben würde.

Es kam alles anders. Der Shutdown kam und damit wenig Kontakt zwischen uns Menschen.

Das letzte Lebensjahr meines Vater verlief praktisch ohne mich. Wir telefonierten zwar regelmässig, aber wir sahen uns nicht mehr. Unsere Devise war: Bloss keine Isolation riskieren. Freiheit ist das Wichtigste. Das Eingesperrtsein in seine vier Wände schien ihm das Schlimmste und das respektierte ich.

Und so ging ich mit der Jagdgesellschaft in meinem Ort regelmässig auf Jagd. Es war wunderschön. Tröstend. Es heilte viele meiner Wunden. Ich war glücklich, denn ich war im Wald. Ich vergass meinen Vater nicht. Gefühlsmässig war er immer dabei. Ich erlebte viele Sonnenuntergänge, konnte Hasen, Rehe und Füchse beobachten. Ich war glücklich.

Im November 2020, 12 Tage vor seinem Tod, erlegte ich mein erstes Tier. Ich habe sehr geweint.
Weil ich spürte, dass es nicht mehr lange dauern würde, dass ich ihn, meinen geliebten Vater, verlieren würde. Weil Tod und Leben einfach nahe beisammen lagen. Dass ich mit seinem Tod eine andere werden würde.

Und dann starb mein Vater. Es ging plötzlich sehr schnell. Ich war und bin sehr traurig. Aber auch sehr erleichtert, weil sein Leiden so schwer erträglich war für uns alle, die ihn liebten und vor allem für ihn.

Der Winter wurde hart und kalt. Viel Schnee fiel. Er hätte ihn von Herzen gehasst. Im Januar starteten die freiwilligen Kurse erneut, allerdings nicht mehr im Real Life, sondern online.

Die Jagd ist eine Sache, die man nicht einfach nur lesen oder beschreiben kann. Die Jagd lebt. Man muss sie anfassen, riechen, streicheln und fühlen können. Sie berührt alle Sinne. Sie lässt einen nicht kalt. Sie trifft einen immer im Innersten. Ins Herz. Du kannst dich nicht verstecken. Du bist immer du selbst.

Und so lernte ich auf die theoretische Prüfung, derweil um mich Quarantänen und Isolationen ausgesprochen wurden, Menschen sehr krank wurden. Ich konzentrierte mich auf den Termin im Juni. Alles andere war mir mit einem Mal unwichtig.

Die Wochen und Tage vor der Prüfung waren für mich sehr emotional. Ich versuchte mich auf das zu konzentrieren, was ich wusste und konnte, schob alles andere zur Seite.

An der Prüfung trug ich die Krähenkette, die mir mein Vater zum 40sten Geburtstag geschenkt hatte und an den ich noch den Ehering meiner Omi gehängt hatte.

Meine Omi gestand mir vor einigen Jahren, dass sie anfangs der 50er Jahre versucht hatte, einen Fuchsbraten für meinen Opi zuzubereiten. Sie hatte ihn von einem Jäger, vermutlich eher einem Wilderer gekauft. Er geriet fürchterlich und führte dazu, dass mein Opi danach nur noch heissen Fleischkäse, Voressen oder verkochte Teigwaren essen wollte.

Und so ging ich am 9. Juni an die Jagdprüfung. Ich war gut vorbereitet, sehr aufgeregt und freute mich auf die Fragen. Die Experten und Expertinnen waren sehr freundlich und sehr kritisch. Ich hatte ein gutes Gefühl.

Als ich nach 17h vom Obmann zum Büro gerufen wurde, war ich dennoch zittrig. Umso glücklicher und erleichterter war ich schliesslich, als er mir mitteilte, dass ich die Prüfung bestanden und den Fähigkeitsausweis erlangt hatte. Die Tränen flossen und das war gut so.

Zu gerne hätte ich diesen Tag mit meinem Vater gefeiert. Ich kann mir auch genau vorstellen, was er dazu gesagt hätte. Es schmerzt mich sehr, dass er all das nicht mehr erleben kann. Ich hatte mir so sehr erhofft, dass er dabei gewesen wäre. Dass er kommentieren würde, was er sieht und fühlt. Wie immer wäre es sehr ehrlich herausgekommen.

Nun ist er nicht mehr da und trotzdem war er ein Teil von allem. Er war in meinem Herzen und in meinem Hosensack.

1 Jahr später

Vor einem Jahr um diese Zeit verbrachte mein Vater einen Monat im Pflegeheim. Der Aufenthalt war schon lange geplant und ohne Corona wäre es für ihn bestimmt eine tolle, runde Sache geworden.

Stattdessen wurden es für ihn harte vier Wochen, teilweise noch im Shutdown. Anfangs Juni durfte ich ihn dann besuchen. Er hatte darum gebeten, denn es war ihm langweilig im Heim. Wir drehten eine Runde im Park und er machte sich an den Fitnessgeräten zu schaffen. Ich staunte über seine noch immer vorhandene Kraft und seinen starken Willen. Und ich bemerkte auch, wie anspruchsvoll seine Pflege nun werden würde.

Wenn ich nun ein Jahr später meine gedrehten Filme anschaue, scheint mir alles längst verdrängt und verschwunden. Er wirkte damals leidend, ausgezerrt. Noch fünfeinhalb Monate würde er mit uns leben.

Ich bemerke, wie ich heute über diesen Anblick erschrecke. In meiner Erinnerung, nach bald einem halben Jahr ohne ihn, ist er sehr viel jünger. Dieses in „Erinnerung behalten“ ist doch eine seltsame Sache unseres Gehirns. In meinem bald 44jährigen Gehirn ist mein Vater plötzlich wieder 40, höchstens 50. Keine Spur mehr von Leiden und Tod.

Meiner Trauer um ihn hat eine Sehnsucht Platz gemacht. Zu gerne hätte ich ihn bei wichtigen Momenten dabei. Bis fast zuletzt konnten wir reden, durfte ich ihm sagen, was in meinem Leben passiert. Zwar fand er dazu nicht mehr allzu viele Worte. Doch im Herzen wusste ich genau, dass er in Gedanken bei mir ist.

Morgen findet meine wichtige Prüfung statt und da werde ich eine Kette mit Omis Ehering und einem Rabenanhänger tragen als Glücksbringer. Den Rabenanhänger kriegte ich kurz vor meinem 40. Geburtstag von meinem Vater. So sind meine beiden Lieben trotzdem bei mir.

Hühnerloses Leben

Seit ich mich erinnern kann, lebte ich mit Hühnern zusammen. Mein Vater züchtete sie während vielen Jahren: goldhalsige Antwerpener Bartzwerge, schwarze Wyandotten, Araucana, schwarze Seidenhühner, Ko Shamo und Moderne Englische Kämpfer.

Ich liebte es, mit ihnen zu zusammenzuleben und ihnen zuzusehen, wie sie sich bewegen und miteinander umgehen. Die Seidenhühner hatte ich sehr lieb und sie waren auch sehr zutraulich. Ich liebte es, sie in meinen Armen zu wiegen.

Vielleicht war ich ein seltsames Kind, aber mein grösster Traum damals so mit 11 oder 12 Jahren war, mit Hühnern, oder überhaupt Vögeln zu arbeiten. Sie erschienen mir immer als Wunderwesen. Ich gab ihnen Namen und weigerte mich als Kind standhaft, Hühnerfleisch zu essen.

Gerne hätte ich selber Hühner gehalten, doch bei meinen ersten Wohnorten und vor allem meinem Beruf, war das doch eher aufwändig. Umso mehr freute ich mich, wenn ich aushelfen konnte, wenn meine Eltern Ferien machten. Dann genoss ich die Hühner ganz für mich, überglücklich, dass ich für sie sorgen konnte.

Die Hühnerhaltung meiner Eltern ist längst Geschichte. Es scheint als mir, als wäre dieser Teil meines Lebens nun beendet. Ich bereue es, dass ich nicht mehr vom Wissen meines Vaters über Hühnerzucht mitnehmen konnte, dass so vieles mit ihm gestorben ist.

Papi.

Wenn ich an meinen Vater denke, dann purzeln meine Gedanken wild durcheinander.
Ich muss dran denken, was er mir über meine Geburt und die meiner anderen Geschwister gesagt hat:
Er war immer dabei. Ganz nah.
Er hat sich vor der Geburt eines Menschen nicht gescheut.
Ich war die Älteste.
Vielleicht sind wir darum so eng verbunden.

Ich erinnere mich an jenen weissen Hocker mit dem Weltkugelkleber, den er vor sich auf den Velolenker geschraubt hat. Er fuhr mit mir auf seinem Militärvelo herum, natürlich ohne Helm. Ich habe es als Kind geliebt, mit ihm zu fliegen.

Ich erinnere mich an Wanderungen durch den Wald und einige Kaninchenausstellungen. Ich war immer gerne mit ihm zusammen, denn mit ihm lief immer was. Ich liebte es als Teenager, etwas zu leisten, sei es Lose oder Sandwiches zu verkaufen. Diese eine Ausstellung, ich war vielleicht 15, werde ich nie mehr vergessen. Es war einfach super. Ich lernte sehr viel über Führung von Menschen, Kollegialität und über meinen Vater.

Als Teenager begleitete ich ihn einige Male beim Frauenfelder Waffenlauf. Jedes Mal litt ich stark, weil ich fürchtete, er würde diesen Marathon nicht überstehen. So ein Marathon ist kein Sonntagsspaziergang. Das Glück, wenn ich meinen Vater jeweils an den abgemachten Stellen traf, ihm Getränke reichen konnte und ihn durch den Zieleinlauf begleitete, vergesse ich nie mehr.

Mein Vater war nie ein lauter Mann. Das habe ich immer an ihm geschätzt. Aber er war durchdringend. Stark. Er besass eine natürliche Autorität. Ein Blick von ihm reichte, dass Menschen verstanden, was er wollte.

Er trieb mich immer wieder an und ich denke, wenn er in früheren Jahren hätte wählen können, hätte er gerne eine super sportliche, ehrgeizige und was Sport angeht erfolgreiche Tochter gehabt.
Stattdessen hatte er mich: ein Mädchen mit diagnostizierter beidseitiger Hüftdysplasie, mit mehreren Operationen gesegnet um überhaupt laufen zu können. Jahrelange Therapien. Ich habe ihn nie gefragt, wie das für ihn war.

Er hat sich nie beklagt, ganz im Gegenteil. Als er selber älter wurde, hat er thematisiert, dass es ihm leid tut, so wütend geworden zu sein, wenn ich nicht mehr velofahren oder laufen konnte. Diese Gedanken kamen spät, aber nicht zu spät. Ich lernte zu vergeben.

Als ich älter wurde, veränderte sich vieles. Ich habe das schon damals, als meine Mutter 2007 pflegebedürftig wurde, später bei meiner Omi erlebt. Es wurden andere Dinge wichtig.

Ich erinnere mich an jene eine Autoausfahrt vor wenigen Jahren mit meinem Vater durchs Toggenburg. Er war der Regisseur, sagte genau, wohin er fahren wollte und welche Strasse ich wählen sollte. Mein Vater hatte ein sensationelles Gedächtnis. Vielleicht hat das alles so schwierig gemacht. Wir spürten, dass wir hier einen Menschen bei vollem Bewusstsein verlieren, der sehr viel spürt, aber nicht mehr in der Lage ist, sich klar auszudrücken.

Heute las ich bei einer Freundin ein Gedicht von Mascha Kaleko und musste fest an meinen Vater denken. Wieviele Tode er wohl in seinem Leben erlebt hat? Ich weiss, er verlor einige seiner guten, lieben Freunde, seinen Sohn, seine Eltern.

Dieses Gedicht lässt mich fragend zurück.

Memento
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Sensenvater und Sensentochter

Vor einigen Jahren, ich glaube, es war so um 2013 herum, zeigte mir mein Vater nach langem Nachfragen meinerseits, wie ich mit einer Sense mähen kann. Nun könnte man meinen, dass diese Tätigkeit für ein ehemaliges Thurgauer Landmeiteli doch nichts besonderes bedeutet hätte. Viele Sommer lang half ich meinem Vater beim Heuen und Emden, aber die Sense hatte immer er fest in der Hand.

Er zeigte mir, wie ich die Sense halten und wie tängeln muss, verbunden mit mehrmaligen Hinweisen, mir nicht die Hände zu zerschneiden, bzw. in meinem Fall nur ja gute Handschuhe zu tragen. Auch sollte ich darauf achten, nicht in Steine und andere Hindernisse zu hauen, weil davon die Sense einen „Hick“ bekommen könnte. Wir mähten also gemeinsam ein Stück Wiese vor seinem Kaninchenstall, dann durfte ich seine Sense mitnehmen.

Ich hatte vor, die Wiese um Omis Haus zu mähen. Omi lebte zu dem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr im Pflegeheim und ich hatte mir auf die Fahne geschrieben, das Haus zu erhalten. Zu dem Zeitpunkt dachte ich höchstens entfernt daran, mal hier im Toggenburg zu wohnen. Zu weit war der Thurgau entfernt, zu wenig flach war es hier für meinen damaligen Geschmack.

An jenem Tag, wo ich die abschüssigen Wiesen ums Haus von Hand schnitt, kam eine tiefe Sehnsucht in mir auf. Hier in Lichtensteig war ich immer glücklich gewesen. Es bereitete mir grosse Freude, mir die Hände mit Erde dreckig zu machen. Ich schwitzte und keuchte zwar, weil ich die harte Mäharbeit nicht gewohnt war, doch ich war glücklich. Ich wusste plötzlich, hier will ich leben.

Vielleicht bin ich an jenem Abend als eine andere zu meinem Vater gekommen, als ich gegangen war. Ich überreichte ihm seine Sense, er kontrollierte, ob ich einen „Hick“ rein gemacht hatte. Ich war leicht betüpft, weil ich sein Werkzeug doch so sorgfältig behandelt hatte. Einige Tage später kaufte ich mir eine eigene Sense, was er auch nicht wirklich toll fand.

Ein Jahr später, mein Vater hatte mich mit Engelszungen überredet, dass ich mir eine Fadensense anschaffe, standen wir, also Papi, seine Frau, Sascha und ich wieder vor dem Haus, und mähten. Mein Vater liess es sich nicht nehmen, mich in die Kunst des Fadensensenmähens einzuweisen. Er hielt mir einen Vortrag über Arbeitssicherheit, Helm mit Schutzschild, Handschuhen, Bergschuhen und passenden Arbeitshosen inklusive. Dann durfte ich mähen. Für vielleicht fünf Minuten. Dann nahm er mir das Werkzeug wieder ab und mähte fröhlich selber weiter, derweil wir anderen das geschnittene Gras wegtragen durften.

Rückblickend war es ein grosser Liebesdienst meines Vaters an mich und wenn ich nun auf der Terrasse hocke und auf die Wiese schaue, höre ich seine kritische Stimme. Ein klein wenig wünschte ich mir, er wäre jetzt hier und würde zuschauen, wie ich mähe. Er würde vielleicht die alte Linde kritisieren „Die nimmt einfach zu viel Licht weg. Ich würde die als umtun.“ Ich wüsste und spürte aber haargenau, dass er insgeheim furchtbar stolz auf mich ist.

Die 73.

Der erste 19. Februar ohne dich.
Wie soll das nur gehen?
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen deiner Geburtstage ausgelassen zu haben. Ich kann mich an so viele erinnern.

Meist lag Schnee. Oder es regnete in Strömen.
Einmal gewann dein Kaninchen den Schweizer Titel.
Du warst sehr stolz. Und ich auf dich.

Immer waren Freunde von dir da und feierten mit dir.
Trotz deiner Krankheit waren es an deinem letztem Geburtstag nicht weniger.
Sie ertrugen deine starke Trauer und deine Tränen.
Es fielen viele liebe Worte an dich.
Voller Freundschaft und Liebe.

Aber beim letzten Kilometer sind all diese Freundschaften wohl nicht mehr so wichtig. Du hast dich nicht mehr an vieles erinnert.
Du hast viel mehr gefühlt.
Was dir wichtig war.

Ich erinnere mich an den letzten Kilometer.
Du hast so stark und schnell geatmet.
Du warst sehr konzentriert
und dennoch voll da.
Du hast meine Hand gedrückt,
als ich dir ein Märchen erzählte.
Es war, als würdest du mir einen letzten Hinweis geben.
Eine Korrektur. Einen Trost, bei alledem, was nun folgen würde.

In einigen Tagen ist dein 73. Geburtstag.
Ich weiss nicht, wie ich den feiern soll,
jetzt, wo du nicht mehr da bist.

Lass die Maske fallen

„Zieh die Maske ab, ich möchte dein Gesicht sehen“, sagte mein Vater, als ich ihn an Pfingsten 2020 im Pflegeheim besuchte. Das Sprechen fiel ihm damals noch nicht schwer, das Bewegen seiner Beine hingegen schon. Ich bin seinem Wunsch nicht nachgekommen, weil mir das schlimmstenfalls einen Rauswurf aus dem Heim eingebracht hätte.

Rückblickend bereue ich es, dass mein Vater mich nicht mehr ansehen konnte.
Mein Vater ist vor zwei Monaten nach langer, schwerer Krankheit zuhause verstorben. In all der Zeit hat er mich nie mehr ohne Gesichtsmaske gesehen, denn das war eine der Abmachungen, die wir als Familie getroffen haben: Lieber so, als dass die Eltern Gefahr laufen, krank zu werden.

Ich sah meinen Vater immer sehr gerne an. Er war ein gutaussehender Mann. Das war er nicht immer gewesen, hatte er mir vor Jahren verraten. Als Jugendlicher litt er unter einer schlimmen Akne, die ihm einige Narben im Gesicht einbrachten. Deswegen hat er sich dann später auch einen Bart wachsen lassen. Als kleines Kind habe ich seinen Bart geliebt. Und als er einmal erwog, diesen zu rasieren, habe ich ihm gedroht: „Dann bist du nicht mehr mein Papi.“

Unsere Vater-Tochter-Beziehung war immer sehr ehrlich gewesen. Ich konnte ihm als Teenager alle meine Sorgen erzählen. Er hatte immer ein offenes Ohr für mich und selten Ratschläge. Die meisten unserer Gespräche fanden statt, wenn er seine Kaninchen fütterte. Er hörte mir zu, runzelte die Stirn und am Schluss lud er mich jeweils zum Znacht oder einem Kaffee zuhause ein.

All das konnten wir die letzten Monate seines Lebens nicht mehr geniessen. Alles fiel ihm schwer. Er litt und ich stand daneben und konnte ihm nicht helfen. Wahrscheinlich ist all das auch nicht die Aufgabe einer Tochter. Für ihn war wichtig, dass ich mein eigenes Leben lebe, dass ich das tue, was mir wichtig ist. Er hat nie den Wunsch geäussert, dass ich ihn mit-pflegen sollte. Das war für uns beide wohl zu intim. Ich meine, den eigenen Vater derart verletzlich zu erleben, war für mich, trotz 20 Jahren Berufserfahrung in Pflege und Betreuung, ein Schock:

Einen Menschen zu pflegen verlangt von einem, dass man die Maske fallen lässt. Beim Pflegen ist man körperlich und seelisch nahe an seinem Mitmenschen. Anders könnte man ihm gar nicht begegnen und helfend tätig sein. Gleichzeitig trägt man die Maske der Professionalität, die es einem möglich macht, tagtäglich menschliches Leid zu ertragen. Wenn man nun seinen Angehörigen pflegt, umgibt man sich in grosser Nähe zu jenem Menschen, den man liebt, verliert jegliche Zeit und Sorge zu sich selber und muss sich gleichzeitig mit der Endlichkeit des Seins abfinden. All dies ist eine schwer erträgliche Sache.

Ich durfte in den letzten Stunden seines Lebens an meines Vaters Seite sitzen. Ich trug dabei eine Maske. Zwischendurch ging ich auf die Terrasse, um frei durchzuatmen, eine neue Maske anzuziehen, weil die alte von Tränen durchfeuchtet war. An jenem 19. November war ich tieftraurig, weil ich wusste, dass ich meinen Vater nun gehen lassen muss. Doch ich war gleichzeitig von einer grossen Erleichterung durchflutet: ich durfte meinen Vater besuchen. Er musste nicht alleine im Pflegeheim sterben. Ich hätte nie gedacht, dass mich diese Tatsache so glücklich machen würde. Was für ein verdammtes Scheissjahr.

Papi und ich

Ach, Papi

Mein Vater war definitiv der erste Mann in meinem Leben.
Mein Papi, ich liebte ihn von Anfang an.
Er trug mich auf seinen Schultern. Fuhr mich mit seinem Velo durch die Welt.
Er war meine Verbindung zur Natur. Er, der Bauernsohn.

Mein Vater war ein Feminist. Er dachte nie in Schubladen, sondern in Geleisen. Lerne einen Beruf. Mach dich unabhängig.
Heirate nicht, wenn du nicht unbedingt musst.
(Das Müssen wäre dagewesen, wenn es ein Kind gegeben hätte. Aber damit habe ich mein Umfeld nie beschenkt.)

Mein Vater ist ein wunderbarer Mensch.
Er ist sehr sensibel. Er ist präsent. Er weiss, was er will.

Vor zwei Jahren hat er zu mir gesagt:
Wenn ich gewusst hätte, wie mein Leben jetzt ist, hätte ich mit 40 noch
sehr viel mehr gelebt, was ich mich nie getraut hätte.
Ach Papi, du weisst gar nicht, was du mit diesen Sätzen bei mir ausgelöst hast.
Den Wunsch nach Freiheit. Den Wunsch, all das zu leben, was in mir steckt, an Potential, an Träumen.

Mir fällt ein Satz ein: Die Mütter schenken einem das Leben, die Väter verleihen einem die Flügel.

Mein Vater war in meiner Jugend einer der Menschen, der mir Flügel verlieh. Er akzeptierte nicht, dass ich meinen Beinen nicht mehr traute. Er hoffte auf mehr. Er trieb mich an. Ich lernte (wieder) zu laufen und zu velofahren, obwohl ich letzteres abgrundtief hasste. Aber trotz allem war es ein gutes Gefühl, zu spüren, was ich alles schaffte.

Nun gibt es so vieles in meinem Leben, was ich gerne mit meinem Vater erleben würde oder erlebt hätte. Er ist präsent in meinem Alltag, auch wenn er nicht immer mit dabei ist.

Ich denke zurück an jene Tage, wo wir gemeinsam unsere Krähe Fritzi aufzogen. Es waren glückliche Stunden, die ich nie vergessen werde. Wir waren als Familie aktiv und haben ein wunderbares Lebewesen am Leben gehalten.

Erinnerungen sind das, was einem bleibt. Erinnern ist eine intime Sache, weil es das Innen nach aussen kehrt. Das Aussen verursacht dann wohl auch all die Tränen, weil einem bewusst wird, wieviel man gerade verloren hat. Was einem fehlt.

Mein Papi ist nach wie vor der erste Mann in meinem Leben.
Ich habe ihn sehr gerne, weil ich mich in ihm wieder erkenne.
Er trägt mich nicht mehr auf seinen Schultern. Stattdessen streichle ich sein Gesicht. Sein weisses Haar.
Dank seinen Wünschen wage ich mich hinaus. In die Natur und stehe meinen Menschen.