14 Jahre

Vor 14 Jahren um diese Zeit wachte ich die Nacht durch an der Seite meiner Mutter, die im Sterben lag. Ich erinnere mich an ein holzgetäfertes Zimmer im Pflegeheim, wo sie einige Wochen im jugendlichen Alter von 56 Jahren verbrachte, an fröhlich bunte Bettwäsche und – ihr schweres Atmen.
Ich lag da, schlaflos, an ihrer Seite. Ich weinte.
Im Bett gegenüber lag eine sehr alte, demenzerkrankte Frau.
Meine Mutter hatte sehr viel Sekret in den Lungen, ihre Atemaussetzer waren furchtbar zu ertragen. Vielleicht behinderte ich durch mein bei ihr Bleiben ihr Sterben. Ich weiss es nicht. Ich konnte sie in jener Nacht noch nicht loslassen. Sie war mir noch zu nahe. Zu viel hatten wir zusammen erlebt.

Ich erfuhr in jener Nacht zum ersten Mal, was es mit einem macht, wenn man einfach nur hofft, dass ein Mensch gehen kann. Ich wünschte es mir zutiefst, dass meine Mutter sterben könnte. Ich hatte bis dahin noch nie ein solches Leiden miterlebt. Vielleicht litt sie nicht mal so sehr. Zumindest hatte mir das ein Pflegender gesagt. Aber in meiner Erinnerung sind das Keuchen, das Kocheln, die Geräusche ihrer Lunge noch immer da, als wäre es gestern gewesen.

Das Sterben der eigenen Eltern mitzuerleben rührt an die eigene Substanz. Es stellt vieles auf den Kopf und einiges richtig.

Panta rhei

Vor einigen Tagen träumte ich einen wunderschönen Traum. Ich wohnte in einem wunderbaren Haus – unserem Hexenhüsli in der schönsten Stadt des Toggenburgs – umgeben von Menschen und Tieren, die ich liebe. Alles fühlte sich wunderbar an.
Ich war total glücklich.

Dann sah ich meine Mutter. Sie öffnete die grosse schwere Haustüre, ging hindurch und schloss sie hinter sich zu. Ich rannte ihr nach, rüttelte an der Türe. Doch diese tat keinen Wank mehr.

Vor 14 Jahren begleitete ich meine Mutter während ihrer letzten Tage. Es war anstrengend, aufzehrend, gleichzeitig schön und kraftvoll.

Ich fühlte mich damals, mit 30, viel zu jung um meine Mutter zu verlieren. Es erschien mir ungerecht. Unfair. Sie fehlte mir danach viele Jahre. Ich trauerte um all jene Jahre, die ich mit 16 und später nicht hatte.

Meine Mutter machte mir jedoch ein grosses Geschenk. Ich durfte anwesend sein, als sie starb. Das ist ein Privileg, denn nach so einer Erfahrung ist alles anders. Ich verdanke ihr in zweifacher Form das Geschenk des Lebens: einerseits mit meiner Geburt, dann mit ihrem Sterben und dass ich erfahren durfte, wie friedlich man nach einem schwierigen Leben, das jedoch erfüllt war, gehen kann.

Vor einigen Tagen träumte ich von meiner Mutter. Sie war 40 Jahre alt, mit langem braunen Haar und einem sanften Lächeln im Gesicht. Sie öffnete die grosse schwere Haustüre, ging hindurch und schloss sie hinter sich zu. Ich rannte ihr nach, rüttelte an der Türe. Doch diese tat keinen Wank mehr.

Ich stand da, erst traurig und berührt, dann mit einem Mal glücklich.

„Diä Türe isch etz zuä“, höre ich ihre Stimme und ich weiss genau, was sie meint. Mein Leben geht weiter und ihres ist seit 14 Jahren vollendet. Panta rhei.

70.

Morgen, am 2. September ist der 70. Geburtstag meiner Mutter. Tot ist sie nun seit bald 14 Jahren. An ihren 40. Geburtstag kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war eine sehr seltsame Zeit. Ich war mitten in der Pubertät und kriegte mit, wie unglücklich meine Mutter war. Wie unglücklich mein Vater war. Was es bedeutet, wenn zwei Menschen miteinander verheiratet sind, die sich längst hätten trennen sollen, damit sie glücklich werden.

Mein Vater wurde es. Bei ihr bin ich mir unsicher.

Ihr Geburtstag war, solange ich mich erinnern konnte, der Startschuss für einen Monat voller Leiden. Am 17. September nämlich ist der Geburtstag meines Bruders, drei Tage später sein Todestag. Meine Mutter versuchte in jenen Tagen viele Jahre lang, auf irgendeine Art ihr Leben zu beenden. Es gelang ihr nicht.

Ich habe mein bisheriges Leben ganz anders als sie gelebt. Ich war nie Mutter eines Kindes, geschweige denn von drei Kindern, so wie sie. Ich war nie verheiratet. Nie geschieden. Vielleicht habe ich, im Gegensatz zu ihr, meine Träume verwirklichen können.

Manchmal wünsche ich mir, ihr Leben wäre anders weiter gegangen, hätte anders geendet. Aber dann denke ich, dass ihr früher Tod in meinem Leben vielleicht für etwas gut war. Dass ich dank dieser Erfahrung in der Lage war, mit Eltern und Trauernden zu arbeiten. Dass meine schwerste Zeit als Tochter für meine berufliche Tätigkeit ein wichtiger Wendepunkt war.

Unsere gemeinsame Zeit war schwierig. Die Wochen, in denen ich sie vor ihrem Tod begleitete, waren aber intensiv und wichtig. Ohne diese Zeit mit meiner sterbenden Mutter hätte ich wohl niemals Omi Paula begleiten können.

In meiner Erinnerung ist meine Mutter eine wunderschöne, dunkelhaarige grosse Frau. Ich liebte ihre braunen Augen und ihren schmalen dunkelroten Mund. Als junge Frau muss sie traumhaft schön ausgesehen haben.

Manchmal wünsche ich mir, ihr Leben wäre anders weiter gegangen. Dass wir morgen Abend miteinander das Leben feiern. Dass sie meine Freundinnen und Freunde kennengelernt hätte. Mit Rotwein auf ihren 70sten anstossen. Dass wir uns in die Arme nehmen und fest drücken und dabei Tränen der Rührung verdrücken, weil das Zusammensein so ein gutes Gefühl ist. Happy Birthday, liebes Mami, liebe Ursle, liebe Uschi. Du fehlst.

Der erste Mann.

Mein Vater war der erste Mann in meinem Leben.
Er bedeutete mir immer viel.

Als ich noch klein war, war er der Mensch, der mich auf Händen trug.
Er war immer stolz auf mich.
Es gibt Fotos, da schaut er mich einfach nur an.
Seine liebenden Augen vergess ich nie.
Wenn ich krank war und im Spital lag, dann litt er mit.
Doch er zweifelte nie daran, dass ich es schaffe, wieder laufen zu lernen.

Wir glichen uns immer sehr.
Er und ich waren Menschen, die die Natur liebten,
beobachteten und sich wohl fühlten im tiefsten Grün eines Waldes, einer Wiese oder hoch auf einem Berg.

Er war es, der mich auf den Kindersitz seines Militärvelos gesetzt hat und mit mir über Berge und durch Täler fuhr.
«Schneller, Papi, schneller!!» schrie ich wohl.

Mein erster Geburtstag ohne ihn. Es scheint mir so irreal, auch wenn er über ein halbes Jahr tot ist. Er war immer da und jetzt ist er es nicht mehr.
Sein Platz bleibt leer und gerade an diesem Tag tut es umso mehr weh, weil mir bewusst ist, was wir alles hatten.

Was bleibt ist jene Nähe zu ihm, wenn ich unter einem Baum sitze, wenn ich den Vögeln zusehe, die durch die Luft fliegen oder wenn ich zum Säntis schaue. Dann scheint es mir, als sitzt er schweigend neben mir und schaut mir lächelnd zu, wie ich mein Leben – ohne ihn – weiterlebe.

Schritt für Schritt

Ich habe das Gefühl, dass ich in den letzten Tagen meinen Vater weiter loslassen konnte. Er fehlt, aber das Gefühl, dass ein Teil von ihm weiterhin da ist, wenn ich ihn brauche, ist sehr präsent.

Ich denke, ich war reich beschenkt mit dieser engen Beziehung, dieser Vater-Tochter-Liebe. Es fällt mir nicht schwer, ihn loszulassen, denn ich weiss, dass der Tod für ihn eine einzige Erlösung war. Aber ich weiss auch, wie gerne er gelebt habt. Wie gerne er Tiere gehegt und gepflegt hat. Wie sehr er die Natur geliebt hat. Diese Präsenz von ihm, seine klugen Gedanken dazu fehlen mir. Ich hätte gerne noch länger zugehört und gerne mehr Fragen gestellt.

Vor einigen Tagen las ich (endlich) das Buch «H wie Habicht» von Helen Macdonald fertig. Ich hatte grossen Respekt davor, weil ich ahnte, wie sehr es mich emotional in Beschlag nehmen würde. Sie beschreibt in ihrem Roman die Begegnung zwischen ihr und ihrem Habicht Mabel und gleichzeitig das schmerzhafte Loslassen ihres Vaters. Sie findet Worte fürs Trauern und den abgrundtiefen Schmerz, den sie dabei erlitt.

Ich bin dankbar für dieses Buch und musste an einen Satz von C.S. Lewis denken: «Wer liest, ist nicht allein.» Denn das ist wohl der Weg, den alle Trauernden gehen (müssen). Das Loslassen kann einem keiner abnehmen.

Loslassen und träumen

Ein Freund hat mir vor einigen Tagen geraten, meinen Vater loszulassen. Ich war der Meinung, ich hätte längst losgelassen. Aber das ist, auch nach über einem halben Jahr nach seinem Tod, wohl erst langsam möglich.

Ich bin darüber nicht unglücklich, denn ich halte das erste Jahr nach dem Tod eines Menschen für meine Trauer und mein Abschied nehmen wichtig. Ich entdecke immer wieder aufs Neue, wie ich an meinen Vater denke und ihm den Platz in meinem Leben einräume, damit er danach wirklich gehen kann.

Ein Teil meiner Trauer besteht darin, dass ich meine eigenen Träume lebe. Dass ich das tue, was mich glücklich macht, gleichwohl, was andere denken. Das tut gut. Und ich denke, das ist auch dem langsamen Sterben meines Vaters zu verdanken. Ich will glücklich sein und ich bin es auch, am Ende jedes Tages. Seit vielen Monaten schreibe ich eine tägliche Dankbarkeitsliste, um mich an all das zu erinnern, was ich als schön erlebt habe.

Manchmal flammt Wut in mir auf, etwa wenn ich daran denke, dass Leute bei seiner Beerdigung so nebenbei gesagt haben, wir sollen froh sein, konnte er sterben. Ich sage nichts anderes: Ich bin froh, muss mein Vater nicht mehr leiden. Aber wenn mir das jemand anders sagt(e), dann trifft es mich. Und ich empfinde es als übergriffig. Viel schöner wäre das Leben, wäre er noch da.

In ungefähr einem Monat ist mein 44. Geburtstag. Ich hätte mir gewünscht, er wäre dabei. Seine Anwesenheit bei diesem Fest hat es immer besonders gemacht. Schliesslich ist er mein Vater und ich war ein Teil von ihm.

Manchmal wünschte ich, ich hätte ein Grab, das ich bepflanzen könnte. Aber dann denke ich: Es ist schon richtig so, wie es jetzt ist. Ein Stein auf deinen sterblichen Überresten hätte dich genervt. Du gehörst raus auf eine Blumenwiese, unter einen wunderschönen Baum, geliebter Vater.

Ich hätte mir für seine Beerdigung ein Fest gewünscht, wo die Menschen einander umarmen, gemeinsam weinen und lachen, essen und trinken. Ich war an dem Tag so verheult und damit beschäftigt, überhaupt jemanden hinter der Maske zu erkennen, dass es mich nur gestresst hat. Es macht mich traurig, konnte ich nicht gross mit seinen (mir nicht immer näher bekannten) Freunden sprechen. Das hätte mich getröstet.

Am Samstag habe ich ein Fotoalbum entdeckt, dass meine Mutter und er um 1974 angelegt haben. Damals waren sie frisch verheiratet und ich lerne meine jungen Eltern auf den Bildern nochmals ganz anders kennen. Sie sehen so glücklich und schön aus. Dennoch entdecke ich den ernsten Blick meines Vaters, wie er in die Kamera schaut, so als ob er spürt, was das Leben ihm alles anbieten wird. Er wird schöne und traurige Zeiten erleben. Und vor allem wird er viele Jahre später seine grosse Liebe treffen, die ihm bis zu seinem Tod zur Seite stehen wird. Das finde ich sehr tröstlich.

Was mich in den letzten Wochen erstaunt – und erfreut – hat, ist, dass ich von ihm träume. In meinen nächtlichen Spaziergängen ist er immer so um Mitte 40. Er wirkt kraftvoll und strahlt, weil er glücklich ist. Dieses Bild gefällt mir und so mag ich ihn gerne loslassen, weil ich weiss, dass ein Teil immer bei mir ist.

Processed With Darkroom

1 Jahr später

Vor einem Jahr um diese Zeit verbrachte mein Vater einen Monat im Pflegeheim. Der Aufenthalt war schon lange geplant und ohne Corona wäre es für ihn bestimmt eine tolle, runde Sache geworden.

Stattdessen wurden es für ihn harte vier Wochen, teilweise noch im Shutdown. Anfangs Juni durfte ich ihn dann besuchen. Er hatte darum gebeten, denn es war ihm langweilig im Heim. Wir drehten eine Runde im Park und er machte sich an den Fitnessgeräten zu schaffen. Ich staunte über seine noch immer vorhandene Kraft und seinen starken Willen. Und ich bemerkte auch, wie anspruchsvoll seine Pflege nun werden würde.

Wenn ich nun ein Jahr später meine gedrehten Filme anschaue, scheint mir alles längst verdrängt und verschwunden. Er wirkte damals leidend, ausgezerrt. Noch fünfeinhalb Monate würde er mit uns leben.

Ich bemerke, wie ich heute über diesen Anblick erschrecke. In meiner Erinnerung, nach bald einem halben Jahr ohne ihn, ist er sehr viel jünger. Dieses in „Erinnerung behalten“ ist doch eine seltsame Sache unseres Gehirns. In meinem bald 44jährigen Gehirn ist mein Vater plötzlich wieder 40, höchstens 50. Keine Spur mehr von Leiden und Tod.

Meiner Trauer um ihn hat eine Sehnsucht Platz gemacht. Zu gerne hätte ich ihn bei wichtigen Momenten dabei. Bis fast zuletzt konnten wir reden, durfte ich ihm sagen, was in meinem Leben passiert. Zwar fand er dazu nicht mehr allzu viele Worte. Doch im Herzen wusste ich genau, dass er in Gedanken bei mir ist.

Morgen findet meine wichtige Prüfung statt und da werde ich eine Kette mit Omis Ehering und einem Rabenanhänger tragen als Glücksbringer. Den Rabenanhänger kriegte ich kurz vor meinem 40. Geburtstag von meinem Vater. So sind meine beiden Lieben trotzdem bei mir.

Papi.

Wenn ich an meinen Vater denke, dann purzeln meine Gedanken wild durcheinander.
Ich muss dran denken, was er mir über meine Geburt und die meiner anderen Geschwister gesagt hat:
Er war immer dabei. Ganz nah.
Er hat sich vor der Geburt eines Menschen nicht gescheut.
Ich war die Älteste.
Vielleicht sind wir darum so eng verbunden.

Ich erinnere mich an jenen weissen Hocker mit dem Weltkugelkleber, den er vor sich auf den Velolenker geschraubt hat. Er fuhr mit mir auf seinem Militärvelo herum, natürlich ohne Helm. Ich habe es als Kind geliebt, mit ihm zu fliegen.

Ich erinnere mich an Wanderungen durch den Wald und einige Kaninchenausstellungen. Ich war immer gerne mit ihm zusammen, denn mit ihm lief immer was. Ich liebte es als Teenager, etwas zu leisten, sei es Lose oder Sandwiches zu verkaufen. Diese eine Ausstellung, ich war vielleicht 15, werde ich nie mehr vergessen. Es war einfach super. Ich lernte sehr viel über Führung von Menschen, Kollegialität und über meinen Vater.

Als Teenager begleitete ich ihn einige Male beim Frauenfelder Waffenlauf. Jedes Mal litt ich stark, weil ich fürchtete, er würde diesen Marathon nicht überstehen. So ein Marathon ist kein Sonntagsspaziergang. Das Glück, wenn ich meinen Vater jeweils an den abgemachten Stellen traf, ihm Getränke reichen konnte und ihn durch den Zieleinlauf begleitete, vergesse ich nie mehr.

Mein Vater war nie ein lauter Mann. Das habe ich immer an ihm geschätzt. Aber er war durchdringend. Stark. Er besass eine natürliche Autorität. Ein Blick von ihm reichte, dass Menschen verstanden, was er wollte.

Er trieb mich immer wieder an und ich denke, wenn er in früheren Jahren hätte wählen können, hätte er gerne eine super sportliche, ehrgeizige und was Sport angeht erfolgreiche Tochter gehabt.
Stattdessen hatte er mich: ein Mädchen mit diagnostizierter beidseitiger Hüftdysplasie, mit mehreren Operationen gesegnet um überhaupt laufen zu können. Jahrelange Therapien. Ich habe ihn nie gefragt, wie das für ihn war.

Er hat sich nie beklagt, ganz im Gegenteil. Als er selber älter wurde, hat er thematisiert, dass es ihm leid tut, so wütend geworden zu sein, wenn ich nicht mehr velofahren oder laufen konnte. Diese Gedanken kamen spät, aber nicht zu spät. Ich lernte zu vergeben.

Als ich älter wurde, veränderte sich vieles. Ich habe das schon damals, als meine Mutter 2007 pflegebedürftig wurde, später bei meiner Omi erlebt. Es wurden andere Dinge wichtig.

Ich erinnere mich an jene eine Autoausfahrt vor wenigen Jahren mit meinem Vater durchs Toggenburg. Er war der Regisseur, sagte genau, wohin er fahren wollte und welche Strasse ich wählen sollte. Mein Vater hatte ein sensationelles Gedächtnis. Vielleicht hat das alles so schwierig gemacht. Wir spürten, dass wir hier einen Menschen bei vollem Bewusstsein verlieren, der sehr viel spürt, aber nicht mehr in der Lage ist, sich klar auszudrücken.

Heute las ich bei einer Freundin ein Gedicht von Mascha Kaleko und musste fest an meinen Vater denken. Wieviele Tode er wohl in seinem Leben erlebt hat? Ich weiss, er verlor einige seiner guten, lieben Freunde, seinen Sohn, seine Eltern.

Dieses Gedicht lässt mich fragend zurück.

Memento
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Zehn Jahre sind nichts

Zehn Jahre sind nichts.
Ein bisschen mehr als ein Viertel meines Lebens.
Vor zehn Jahren war mein Leben anders als jetzt. Ich lebte im Thurgau in der Nähe meiner Eltern.

Um diese Zeit vor zehn Jahren beschloss mein Vater, einem Tier das Leben zu retten. Er entschied sich, nach langem Hin und Her, einer jungen Krähe das Leben zu retten. Ich war unglaublich glücklich, dies alles mit ihm zu erleben.

Mein Vater hatte diesen Schritt schon einmal gemacht, als er noch ein Teenager war und im thurgauischen Wetzikon lebte. Auch damals musste er sich entscheiden.

Die Krähe damals war, seiner Beschreibung nach, ein Albino. Ich habe leider keine Belege für diese Geschichte, aber ich glaube meinem Vater. Seine Kenntnisse in Ornithologie waren bis zum Ende seines Lebens fabelhaft.

Ich erinnere mich aus Kindertagen gut daran, wie mein Vater beschrieb, wie die Krähe ihn zur Schule begleitete, an die Scheibe klopfte, den Unterricht störte, bis sein Lehrer beschied, dass das Tier in den Plättlizoo gehen sollte.

Mein Vater hatte ein Händchen für Vögel. In seiner Nähe wurden sie zutraulich, so als würden sie spüren, dass er sie zutiefst liebte und verstand. Dass er schlussendlich einer von ihnen war.

Jetzt ist Frühling und ich freue mich über all die Vögel, die sich in meiner Nachbarschaft paaren und brüten.

Vor zehn Jahren war ich sehr glücklich. Die vier Wochen mit Fritzi (und meinem Vater) waren wunderschön. Ich habe damals sehr viel über die Beziehung zwischen Mensch und Tier gelernt. Ich lernte loslassen.

Man mag denken, dass Trauer eine menschliche Sache sei. Doch das stimmt nicht ganz. Wer zwei verpartnerte Krähen trennt, erlebt Schreckliches. Sie schreien und leiden. Ihre Herzen brechen.

Vom Erwachsensein

Vor einigen Tagen hat mich jemand gefragt, ob ich nie Kinder haben wollte und ich antwortete: „Nein.“
Ich wollte wirklich nie Mutter werden. Ich konnte es mir ehrlich nicht vorstellen.

Natürlich habe ich darüber nachgedacht, warum das so ist. Ein Grund war sicherlich mitzuerleben, was mit meiner Mutter geschah, nachdem sie ihr zweites Kind, meinen jüngeren Bruder, verlor. Ich wollte nie in eine solche Situation geraten. Sie wurde von Pflegenden und Ärzten der Schuld am Tod meines Bruders bezichtigt, weil sie Raucherin war.

Ich denke tatsächlich, dass es etwas vom Schlimmsten ist, sein Kind zu verlieren. Da ist es wohl leichter, sich gar nicht erst darauf einzulassen. Vielleicht bin ich da zu wenig mutig gewesen oder zu sehr bei mir selber.

Wenn ich aber darüber nachdenke, hätte ich mit Kindern an meiner Seite wohl nie meine Mutter und meine Omi am Ende ihres Lebens begleiten können, nie in meinem Beruf aufgehen können. Mir wäre dabei sehr viel entgangen.
Die Liebe, die ich meinen nicht-existenten Kindern geschenkt hätte, lebte ich mit gutem Gewissen bei der Arbeit und beim Schreiben aus und – in meiner Familie.

Jetzt, mit 43, wo die meisten meiner nächsten Verwandten nicht mehr da sind, fühlen sich Feste seltsam an. Meine Familie fehlt mir. Da ist Opa, der sich einen Spass machte, Ostereier und Schoggihasen im Garten zu verstecken – und zu vergessen, wo er sie überall hingelegt hatte.

Omi liebte es Geschenke zu machen. Ihr Osterfestmahl war das gleiche wie an Weihnachten: Gulasch aka Voressen mit Müscheli. Ich habs so sehr geliebt. Vor allem die weich gekochten Rüebli. Ihre lieben Worte und ihre Freude am Frühling vermisse ich sehr.

Von meiner Mutter erhielt ich zu Ostern immer Schreibsachen, was wohl daran lag, dass in meiner Kindheit das neue Schuljahr jeweils nach Ostern anfing. Ich habe das sehr gemocht. Sie hatte ein Händchen dafür.

Mit meinem Vater und seiner Frau haben wir Ostern jeweils mit einem Essen gefeiert. Ich dachte jeweils mir einen Mehrgänger aus und stand stundenlang in der Küche meiner Grosseltern und Urgrosseltern. In Vaters letztem Lebensjahr feierten wir nicht mehr gemeinsam. Doch dieses Jahr feierten wir wieder. Es fühlte sich wie wirkliches Ostern an: Das Weiterleben nach der Begegnung mit dem Tod.

Dort, wo ich mit ihnen so viele Feste feierte, lebe ich heute. Es ist anders als früher, als sie noch gelebt haben. Sie fehlen. Sehr.

Die Pflanzen und Bäume knospen. Der Frühling ist da. Das Leben geht weiter, auch wenn mein Vater nicht mehr da ist. Er hat den Frühling geliebt, die Eisvögel in den Bäumen an der Murg und den Fluss. Ich vermisse seine atemlosen Beschreibungen der Natur, so wie er sie wahrgenommen hat. Sein Blick auf das Wesentliche. Seine Liebe zur Natur und zu allem Lebendigen.

Erwachsensein bedeutet wohl, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auszuhalten, bei aller Schönheit, diese zu geniessen, auch wenn man sie mit niemandem mehr teilen kann, der mit einem verwandt ist und mit einem aufgewachsen ist. Das Leben ist einsamer als früher. Erwachsensein ist die Auseinandersetzung mit sich selber. Das Aushalten von nicht selbst gewähltem Alleinesein.

Dieser Text erschien schon vor einigen Tagen, ich habe ihn nochmals überarbeitet und mit einem Bild verstehen. Danke für euer Verständnis.

Papi und ich am Bach