Rot.

Meine Mutter hat am Ende nur etwas an mir gehasst: meine schwarzen Kleider.

Ich war gerade 30 Jahre alt geworden und trug mit Vorliebe schwarze, graue und dunkelbraune Kleidung. Ich fand damals, dass das genau meinem Typ entsprach. Ich fühlte mich sehr wohl, weil ich mich darin unauffällig fühlte.

„Ich bi im Fall no nöd tot“, sagte sie einige Wochen vor ihrem Tod mit missbilligendem Blick auf meine schwarze Jeans, die schwarze Bluse, meine braunen Ohrringe, die ich im Pflegeheim, ihrem Hospitz trug.

Fast 15 Jahre später ist alles anders. Ich mag zwar schwarz noch immer sehr, aber ich trage es selten. Meine Haare ergrauen nun langsam. Die Farbe Schwarz ist reserviert für die wirklich schwarzen Tage. Ich mag Grün. Petrol. Blau. Gelb. Rot.

Meine Mutter hat mir damals eine entscheidende Lebensweisheit weitergegeben: Du lebst jetzt. Trauern ist ok, aber es ist bloss ein Teil des Lebens. Leben ist wichtiger. Leben ist alles.

Sie liebte Rot.

Vater. Oh Vater.

In den letzten Tagen musste ich sehr viel an meinen Vater denken.
Vor zwei Jahren um diese Zeit haben wir oft telefoniert und geredet, so als hätten wir gespürt, dass danach eine Zeit der Entfernung, der Sehnsucht und der Trennung folgt.

Der 72. Geburtstag meines Vaters am 19. Februar 2020 war das letzte Familienfest, an das ich mich erinnern kann. Mehr als ein halbes Jahr später, auf den Tag genau, im November, verstarb er.

Ich habe die letzten Monate seiner Krankheit, seines Leidens, seiner Pflege, nur aus Entfernung miterlebt. Meine Lebensader zu ihm war wie abgeschnitten, und das aus gutem Grund. Freiheit war sein Lebensmotto. Er soll sich frei bewegen können, ohne Quarantänebescheinung, ohne Isolation. Frische Luft, rausgehen. Sein Leben leben. Mit Rollstuhl. Aber aus voller Kraft.

Seine Frau und ich sprechen immer wieder mal darüber. Es war gut so, zu entscheiden. Weg zu bleiben. Ich habe mir – und ihm – sehr viel erspart. Aber es rettet mich nicht vor der Trauer um ihn. Mein Verlust ist sehr gross. Er war mir der nächste, liebste Mensch. Mein Vater fehlt mir so sehr. Ich vermisse seine Umarmungen. Seinen Humor. Sein sanftes Lächeln.

Ich habe viele Momente seines Lebens, im Herbst 2020, verpasst. Es war mir nicht vergönnt, an seiner Seite zu sein. An seinem letzten Tag wachte ich an seinem Bett. Das hat mir sehr viel gegeben. Ich spürte, wie sehr er mir in diesem verrückten Jahr gefehlt hat. Wenige Minuten vor seinem Tod verliess ich ihn. Ich war müde und traurig und spürte, dass es nun Zeit war, zu gehen. Ich war an der Seite meiner Mutter, als sie 2007 starb, aber es war nicht meine Aufgabe, an der Seite meines Vaters zu sein.

Ich musste daran denken, dass er, am Anfang meines Lebens, sehr präsent da war. Bei meiner Geburt war er an der Seite meiner Mutter. Er hielt mich, wenige Momente später in den Händen, schnitt meine Nabelschnur durch. Er war da ganz furchtlos und neugierig. Das macht mich sehr stolz auf ihn. Und es verstärkt die Sehnsucht nach einem dieser wichtigsten Menschen in meinem Leben. Er war mir so oft Mutter und Vater gleichzeitig.

Mir fehlen sehr viele menschliche Kontakte. Mir fehlen meine Freunde, die ich jeweils am Freitag oder Samstag treffe. Mir fehlen aber auch meine nächsten Verwandten, meine Omi. Papi. Meine Mutter. Meine Grosstanten mütterlicherseits.

Corona hat mich sehr viel einsamer gemacht als zuvor. Ich lebe mein Leben und das gelingt mir ziemlich gut. Aber mir fehlen die Menschen. Die Begegnungen im Alltag, die ich zuvor so sehr in meiner Stadt geschätzt habe. Das ganze soziale Leben liegt brach.

Meine berufliche Welt ist eine komplett andere als die private. Ich bin mit sehr vielen Schicksalen konfrontiert und es fällt mir schwer, zu verallgemeinern. Manchmal bin ich sehr müde. Dann wieder voller Kraft. Ich funktioniere hinter meiner Maske. Mein Makeup ist noch immer nicht wasserfest.

Es wäre leichter, wenn ich meine Angehörigen noch hätte. Aber es ist auch gut, wenn ich meine Freunde an meiner Seite weiss. Ohne wenig Worte. Das Gefühl reicht aus, dass sie da sind.

5 Jahre

Heute vor fünf Jahren starb meine Omi Paula im Alter von 88 Jahren.
Gemessen an dem, was sie als Kind erlebte und überstand, wurde sie uralt. Sie selber hat sich immer wieder darüber gewundert, wie alt sie wurde. Während des Zweiten Weltkriegs ist sie an einer schweren Hirnhautentzündung erkrankt und keiner hat daran geglaubt, dass sie das alles überlebt, ausser ihrer Mutter.

Omi war für mich der wichtigste Mensch in meiner Kindheit, meiner Jugend und auch später. Sie war liebevoll, geduldig und fröhlich. Sie liess nie einen Zweifel daran, dass sie mich, ihre erste Enkelin, über alles liebte und daran glaubte, dass ich alles schaffe, was ich mir vornehme. „Es chunnt schon guet, wenn dä Herrgott will“, hat sie gesagt.

Wir erlebten sehr viel miteinander: sie begleitete mich an Kreisturntage, besuchte Theateraufführungen, in denen ich als Kind auftrat, wir reisten zusammen nach Berlin, Luzern, Stein am Rhein und Zürich. Wir trauerten gemeinsam um Opi, der fast auf den Tag genau 20 Jahre vor ihr starb. Wir begleiteten meine Mutter, ihre Tochter Uschi, gemeinsam in den Tod.
Omi und ich, da passte kein Blatt dazwischen.

Wenn sie heute noch leben würde, und wir beide jünger wären, hätten wir vielleicht einen tiktok-Account zusammen. Omi war einfach immer cool. Ich war immer unglaublich stolz auf sie, weil sie so ein offener, herzlicher Mensch war.

Weniger cool war ihre Demenzerkrankung. Sie forderte mich heraus und ich musste mit anfang 30 richtig viel lernen. Ich bin, trotz allem sehr dankbar. Es gibt Sätze aus Omis Mund, die vergess ich nie: „Werde so alt wie ich, dann schauen wir weiter.“ Sie hatte so sehr recht. Ich denke sehr oft an jene Tage zurück, als Omi noch im Pflegeheim lebte. Ihre Worte, ihre Liebe, ihr langsames Vergessen. Das alles ist da und verschwindet doch langsam.

Trotz aller Trauer um sie bin ich froh, dass sie in diesen Tagen nicht mehr lebt. Ich weiss nicht, wie ich das Abschiednehmen überstanden hätte, wenn ich sie nicht mehr einfach so hätte sehen können. Corona ist ein Arschloch.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Fünf Jahre sind nichts.

25 Jahre.

Heute vor 25 Jahren starb mein Opi Walter. Er wurde 72 Jahre alt.
Opi war im Herbst 1996 Leberkrebs diagnostiziert worden. Er wusste, welches Ende ihn erwarten würde und entschied sich, zuhause zu sterben. Meine Omi hat ihn bis zu seinem Tod begleitet, ebenso eine Pflegende.

Omi berichtete, wie zerbrechlich Opi am Ende seines Lebens geworden war. Sie hielt seine Hand, als er am Morgen des 7. Januar 1997 um Punkt acht Uhr seinen letzten Atemzug tat. Omi war auch über 10 Jahre später an der Seite meiner Mutter, ihrer Tochter, als sie starb und hat auch damals ihre Hand gehalten.

Die Nachricht von Opis Tod erreichte mich am Arbeitsplatz. Ich arbeitete seit einigen Monaten in einem Ladengeschäft und war mehr oder weniger glücklich dabei. Meine Mutter hatte meine Chefin angerufen, die mich dann ins Büro zitierte. Meine Mutter weinte am Telefon und sagte, Opi wäre tot. Ich weinte kurz, ging dann wieder zur Arbeit.

Ich spürte damals, dass ich offenbar innerlich trauere. Ich muss weiter arbeiten können, in meinem gewohnten Umfeld funktionieren. Ich brauche keinen totalen Rückzug von allem.

Eine Woche später war Opis Beerdigung. Es war sehr kalt. In meiner Erinnerung liegt Schnee. Omi war sehr stark und tröstete uns alle. Meine Schwester und ich weinten.

Beim Trauermahl im Café Huber, wo Omis Geschwister, Mami, Opis Freunde aus der Aktivdienstzeit dabei waren, erzählten alle Erlebnisse mit Opi. Es schien mir, als würde er für einen Moment nochmals zwischen uns sitzen, ein dünner zierlicher Mann, mit stahlblauen Augen, die Zigarette zwischen den Fingern.

Erst nach seinem Tod, als ich mit Omi das Haus aufräumte, Fotos und Zeitungsberichte fand, lernte ich meinen Opi ganz anders kennen.

Er war sehr intelligent, an Politik, Physik und Chemie interessiert, gleichzeitig ein begabter Musiker, Jazz- und Swingliebhaber. Er interessierte sich für Geschichte, das Toggenburg und hatte den Zweiten Weltkrieg als Militärmusiker am eigenen Leib erlebt.

Er war das zweite Kind von Anna und Henri Mettler. Seine ältere Schwester Nelly war einige Jahre vor seinem Tod als Kleinkind verstorben. Henri war Veteran des Ersten Weltkriegs und wie er Fabrikarbeiter im Toggenburg.

Opi war während meiner Kindheit und Jugend mein freundlicher Begleiter. Er motivierte mich zu lernen, an mich zu glauben und das zu tun, was ich mir erträume.

Sein langsames Sterben war eine sehr traurige und zugleich schöne Erfahrung. Ich lernte von ihm, wie es ist, anderen zu vergeben und offen zu sein für den Übergang in den Tod. Opi war ein sehr besonderer Mensch und er fehlt mir, auch 25 Jahre später noch immer. Ich denke gerne an ihn zurück. Ich bin dankbar, dass ich seine Enkelin bin.