Fast ein Jahr.

Heute in 2 Monaten ist mein Vater ein Jahr tot und es scheint mir, als wäre es ewig und gestern her. Auf meiner Fernsehkommode steht ein Foto in schwarzweiss von ihm. Er blickt interessiert sein Gegenüber an. Er strahlt wie immer von ihnen. Er ist ein schöner, alternder Mann.

Morgen ist es 42 Jahre her, dass mein Bruder Sven starb. Ich bin die letzte meiner Familie, die noch weiss, dass es ihn, wenn auch nur sehr kurz, gegeben hat.

Als mein Vater vor einigen Jahren an Krebs erkrankte, sprachen wir über Sven Geburt und seinen Tod. Zum ersten Mal überhaupt. Es war mir, als würden alle Wunden aufbrechen. Es schien mir, als müsste er reinen Tisch mit seinen Gefühlen und seiner Trauer um ihn machen. Ich konnte meinen Vater alles fragen, und ich bekam auf alles, was er wusste, eine Antwort. Es war für mich heilsam.

Meine Mutter war einige Jahre zuvor gestorben und mit ihr war ein tieferes Gespräch über den Tod meines Bruders nicht möglich. Über die Geburt schon. Doch sein Tod, damit verbunden ihre tiefen Verletzungen, blieb für den Rest ihres Lebens ein Tabu.

Für all diese Gespräche mit meinen Eltern bin ich dankbar. Doch ich bleibe zurück mit vielen Fragen, die wohl nie beantwortet werden. Die Frage nach dem Warum, dem Sinn des Lebens und dem Tod eines Säuglings. Ich habe darauf keine Antwort. Aber ich werde geduldig warten.

Nachtrag vom 20. September 2021: Schaue heute abend „Beginners“. Ein berührender Film übers Trauern und den Tod. Über unbändige Lebensfreude. Die Liebe zwischen Sohn und Vater. Erinnerungen.

Es gibt also keinen Moment meines Lebens, an den ich mich bewusst erinnere, wo meine Eltern nicht getrauert hätten. Die Trauer um meinen Bruder hat vieles erstickt. Es gibt ein Leben vor und nach dem Tod meines Bruders. Das zu anerkennen ist wichtig. Aber es hat nichts mit mir als Individuum zu tun.

Ich stelle mir vor, wie grauenvoll es ist, mit Ende 20 den Sohn zu verlieren. Ein Baby, einen Säugling, den man nicht beschützen konnte. Nicht vor dem Tod. Es ist die grösste Ohnmacht, die Eltern erfahren können. Dennoch haben sie es irgendwie geschafft, weiter zu leben. Auch wenn es nicht leicht für beide war.

Ich bin dankbar für meine Eltern. Und traurig, dass sie beide nicht mehr da sind

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Vom Sinn des Lebens

Als ich 30 Jahre alt wurde, lag meine Mutter im Sterben. Sie wurde gerade mal 56 Jahre alt. Ich begleitete sie die letzten Wochen ihres Lebens. Ich hatte damals einen neuen Job mit Leitungsfunktion angetreten und wusste nicht, wie ich diese Doppelbelastung unter einen Hut bringen sollte. Ich arbeitete sehr viel und versuchte – wann immer möglich – meine Mutter im Spital und danach im Pflegeheim zu besuchen.


Es riss mich fast entzwei. Ihr Sterben machte mich sehr betroffen und ich begriff, dass ich nun nur noch wenig Zeit hatte, mich mit ihr auszusprechen und mit mir selber, was sie betraf, ins Reine zu kommen.
Ich hatte einige Jahre in Wut auf sie verbracht, sie wegen ihres Alkoholproblems gehasst und verachtet. Die letzten drei Monate ihres Lebens waren für mich wohl dazu da, alles aufzuarbeiten.
Das tat ich. Und es tat furchtbar weh.
Doch am Ende konnte ich sie loslassen und durfte dabei anwesend sein, als sie starb.

Kurze Zeit später machten sich bei meiner Omi die ersten Anzeichen einer dementiellen Erkrankung bemerkbar. Ich wollte es erst nicht wahrhaben. Omi war immer an meiner Seite gewesen, hatte mit mir am Bett ihrer sterbenden Tochter gewacht. Irgendwie hatte ich den Gedanken gehabt, nun wenigstens noch einige Jahre mit Omi zu haben.

Ich hatte Übung, einen Menschen in seinen letzten Jahren und Monaten zu begleiten. Doch auch hier überwog der Schmerz. Ich verlor meine Omi Stück für Stück. Sie, die mich immer so geliebt und als Kind verwöhnt hatte, vergass mich nun langsam. Den Schmerz konnte ich nur angehen, indem ich über ihn schrieb und all das Unfassbare in Worte presste.

Der letzte Weg mit Omi war meine Auseinandersetzung mit einem guten, gelebten Leben. Ich war traurig, dass sie starb. Doch ich spürte auch, es ist gut so wie es ist.

An Omis Beerdigung weinte mein Vater. Er war lange Zeit ihr Schwiegersohn gewesen, nach der Scheidung von meiner Mutter aber war er für sie der Vater von Omis Enkeln. Wir ahnten damals nicht, dass nun Papis Sterben einen Anfang nehmen würden. Ich denke, er wusste da mehr.

Mein Vater litt plötzlich unter Gleichgewichtsstörungen, konnte kaum noch gehen. Von einem Tag auf den anderen gab er seinen Führerschein ab. Für ihn, den Bewegungsmenschen, war das ein grosser Einschnitt in seine Lebensqualität. Er verlor sehr viel Lebensmut, gleichzeitig wollte er alles tun, was in seiner Macht stand, um nicht an Kraft zu verlieren und weiter zu leben.

Sein Leiden berührte mich sehr. Ich konnte nur schwer zusehen und wusste nicht, wie ich noch Trost oder Mut spenden konnte. Ein Satz von ihm änderte schliesslich mein Leben. Er hatte gesagt: „Wenn ich mit Anfang 40 gewusst hätte, wie sich mein Leben mit 70 verändert, so hätte ich noch sehr viel mehr all das getan, was ich mich bis dahin nie getraut hätte.“

Ich dachte darüber nach, woran ich mich nie heran gewagt hätte, wären nicht diese Worte meines Vater gewesen. Mit einem Mal sah ich klar: Ich wollte mich mit der Natur, dem Leben und dem Tod auseinandersetzen. Ich wollte lernen.
So entschied ich mich, mich an die Jagdprüfung anzumelden.

Mein Vater reagierte erst verwundert, dann entschied er sich, mich bei meinem Vorhaben zu unterstützen. Er motivierte mich, freute sich über Erfolge und sprach mir Mut zu. Mit einem Mal sprachen wir wieder über andere Themen.

Dann kam Corona und unsere Verbindung wurde erneut auf die Probe gestellt. Ich besuchte ihn nicht mehr oft, aus Sorge, ihn oder seine Frau ungewollt mit Covid anzustecken.

Die letzten Monate seines Lebens telefonierten wir, sahen uns nicht mehr. Es war aber nicht so, dass wir uns von einander entfernten. Viel mehr spürte ich jedes Mal, wenn ich in den Wald ging und jagte, wie nahe er mir hier ist. Es fühlte sich an, als ob er immerzu an meiner Seite wäre. Ich fühlte mich gestärkt.

Im letzten November starb mein Vater. Ich war erleichtert, dass er loslassen konnte und dass sein Leiden ein Ende hatte. Die Trauer begleitet mich trotzdem. Er ist viel zu früh gegangen. Ich hätte ihn gerne noch länger an meiner Seite gehabt.

Doch da ist noch mehr: Ich trete sein Erbe an, widme mich der Natur. Tue Dinge, an die ich mich nie gewagt hätte. Ich gehe mutig in die Zukunft mit gefülltem Rucksack.

42.

Am Freitag würde mein Bruder Sven 42 Jahre alt.
42 ist ein wichtiges Alter. Er wäre nun kein junger Mann mehr.
Vielleicht hätte er Kinder. Vielleicht hätte er einen Partner.
Ich stelle mir meinen Bruder immer als rothaarigen, bärtigen Mann vor.

Manchmal scheint es mir so, als würde mein Herz ausserhalb meines Körpers schlagen. Ich vermisse diesen Bruder sehr. Es bringt mich auch 42 Jahre nach seinem Tod zum Weinen.

Das Leben ist vielleicht einfacher, wenn man Geschwister hat. Man trägt viele Lasten gemeinsam, streitet sich.

Ohne Svens Tod wäre das Leben wohl anders verlaufen.
Ich kann mir meine Eltern gar nicht glücklich vorstellen.
Sein Tod hat alles verändert.

Alles, was in meinem Leben von ihm existiert, ist ein Fussabdruck auf blauem Papier und ein Polaroid meiner Eltern, kurz nach seiner Geburt. Sie sehen glücklich, erschöpft und müde aus. Ich glaube, mein Vater hat sich sehr über die Geburt seines Sohnes gefreut. Meine Mutter sieht müde aus. Und glücklich.

Mit Svens Tod brach so vieles zusammen.

Ich hätte sehr gerne einen Bruder im Leben gehabt. Einen Menschen, der den gleichen Namen wie ich trägt. Das wäre unsere eine Gemeinsamkeit gewesen.

Vielleicht hätte er das Lesen und Schreiben auch geliebt. Vielleicht wäre er aber auch ein Mann der Pflanzen und Bäume geworden. Ein Gärtner. Ein Förster.

42 Jahre ist er tot. Ich hätte ihn so gerne gekannt und erfahren, was für ein Mensch aus ihm werden wird. Ich hätte gerne mit ihm gestritten, mich an ihm gerieben und wäre furchtbar gerne seine grosse Schwester gewesen. Dass ich es nicht sein konnte, macht mich traurig.

The other side

Vor über 22 Jahren veränderte ich meinen beruflichen Schwerpunkt. Nach einer Lehre im Lebensmittelhandel, ich lernte Confiserie-Verkäuferin und nein, die Spitzenschürzen hab ich nicht mehr, wechselte ich in die Begleitung von Menschen mit einer Beeinträchtigung.

Für mich, als Seebachtalerin, als Mensch, der nie gross zuvor mit Menschen mit Beeinträchtigung zu tun hatte, war das ein grosser Schritt. Zu verdanken hatte ich einen ersten Einblick meiner Freundin Franziska, die vielleicht als erste mein Talent bzw. mein Potenzial in dieser Berufssparte erkannt hatte.

Im Alter von knapp 22 Jahren schnupperte ich in einem Betrieb in Weinfelden. Ich sagte niemandem, ausser meinen engsten Freunden, etwas davon. Ich hatte Angst, dass ich scheitern würde. Doch schon nach den ersten fünf Minuten auf jener einen Wohngruppe, wo ich reinschauen durfte, schlug mein Herz schneller. Ich spürte, ich hatte meine Bestimmung gefunden.

Ich bin mir bis heute unsicher, warum es mich in diese Berufsrichtung gezogen hat. Vor einigen Jahren, als ich 2015 das Haus meiner Omi bezog, wurde mir einiges klarer. Ich stiess auf Bücher meiner Urgrossmutter Anna, sie war die Mutter meines Opas. In ihrem Nachlass fand ich mehrere Bücher über Menschen mit Beeinträchtigung aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Ich vermute, dass sie in den 20er Jahren eine Tochter namens Nelly verlor. Ich weiss nicht, ob sie eine Beeinträchtigung hatte oder aber an der Grippe starb.
Jedenfalls verstarb sie vor der Geburt meines Opis. Nur ein kleiner Schnipsel einer Todesanzeige, die ich im Haus fand, erinnert sie. Ich habe weder ein Foto, noch sonst was. Nelly ist und bleibt ein Mysterium in meinem Leben. Ein Name.

Mein Vater hatte zeitlebens Mühe mit Menschen mit Beeinträchtigung. Er unterstützte mich zwar sehr in meinem beruflichen Werdegang mit Rat und Tat. Doch er konnte nicht verstehen, warum ich diesen Weg eingeschlagen hatte. Für ihn war eine körperliche Beeinträchtigung bei einem Kind etwas vom Schlimmsten, was er sich vorstellen konnte.

Mein Vater lebt nun bald ein Jahr nicht mehr. Ich hätte zu gerne mit ihm über die sportlichen Erfolge der Schweizer AthletInnen an den Paralympics gesprochen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich darüber NICHT gefreut hätte.

70.

Morgen, am 2. September ist der 70. Geburtstag meiner Mutter. Tot ist sie nun seit bald 14 Jahren. An ihren 40. Geburtstag kann ich mich noch sehr gut erinnern. Es war eine sehr seltsame Zeit. Ich war mitten in der Pubertät und kriegte mit, wie unglücklich meine Mutter war. Wie unglücklich mein Vater war. Was es bedeutet, wenn zwei Menschen miteinander verheiratet sind, die sich längst hätten trennen sollen, damit sie glücklich werden.

Mein Vater wurde es. Bei ihr bin ich mir unsicher.

Ihr Geburtstag war, solange ich mich erinnern konnte, der Startschuss für einen Monat voller Leiden. Am 17. September nämlich ist der Geburtstag meines Bruders, drei Tage später sein Todestag. Meine Mutter versuchte in jenen Tagen viele Jahre lang, auf irgendeine Art ihr Leben zu beenden. Es gelang ihr nicht.

Ich habe mein bisheriges Leben ganz anders als sie gelebt. Ich war nie Mutter eines Kindes, geschweige denn von drei Kindern, so wie sie. Ich war nie verheiratet. Nie geschieden. Vielleicht habe ich, im Gegensatz zu ihr, meine Träume verwirklichen können.

Manchmal wünsche ich mir, ihr Leben wäre anders weiter gegangen, hätte anders geendet. Aber dann denke ich, dass ihr früher Tod in meinem Leben vielleicht für etwas gut war. Dass ich dank dieser Erfahrung in der Lage war, mit Eltern und Trauernden zu arbeiten. Dass meine schwerste Zeit als Tochter für meine berufliche Tätigkeit ein wichtiger Wendepunkt war.

Unsere gemeinsame Zeit war schwierig. Die Wochen, in denen ich sie vor ihrem Tod begleitete, waren aber intensiv und wichtig. Ohne diese Zeit mit meiner sterbenden Mutter hätte ich wohl niemals Omi Paula begleiten können.

In meiner Erinnerung ist meine Mutter eine wunderschöne, dunkelhaarige grosse Frau. Ich liebte ihre braunen Augen und ihren schmalen dunkelroten Mund. Als junge Frau muss sie traumhaft schön ausgesehen haben.

Manchmal wünsche ich mir, ihr Leben wäre anders weiter gegangen. Dass wir morgen Abend miteinander das Leben feiern. Dass sie meine Freundinnen und Freunde kennengelernt hätte. Mit Rotwein auf ihren 70sten anstossen. Dass wir uns in die Arme nehmen und fest drücken und dabei Tränen der Rührung verdrücken, weil das Zusammensein so ein gutes Gefühl ist. Happy Birthday, liebes Mami, liebe Ursle, liebe Uschi. Du fehlst.

Feste feiern.

Am 2. September ist der 70ste Geburtstag meiner Mutter. Sie ist seit 14 Jahren tot. Wenn sie jetzt noch leben würde, würden wir nächste Woche ein richtig tolles Fest feiern. Da bin ich mir sehr sicher.

Wenn ich mich zurückerinnere, waren alle tollen Feste jene, die wir zusammen als Familie gefeiert haben. Ganz gleich, wer damals dazu gehörte. Das war richtig schön.

Ich fand es als Kind immer schön, die Freunde meiner Eltern um mich zu haben. Das hat den Geburtstagsfeiern immer etwas Schönes, Feierliches und Ausgelassenes gegeben. Ich erinnere mich an gute Freunde meines Vaters, die ich richtig gut mochte. An die Freundinnen meiner Mutter, von denen eine besonders von Anfang an in meinem Herzen war. Sie hat mich in meiner Kindheit wie eine gute Fee begleitet und war mir in der Pubertät eine grosse Hilfe.

Vielleicht waren Freunde immer so wichtig, weil mein Vater „nur“ einen Bruder und meine Mutter überhaupt keine Geschwister hatte.

Vielleicht hat mir darum Papis Beerdigung so reingehauen, weil ich wusste, dass letzten November sehr viel mehr Menschen hätten anwesend sein sollen. Seine Beerdigung hätte noch sehr viel mehr ein Fest seines reichen Lebens sein sollen. Er ist in seinem Leben so vielen Menschen beigestanden, war ein guter Freund. Ich habe mir eine lange Tafel von lieben Menschen mit vollen Tellern und Gläsern gewünscht. Keine Masken. Keinen Abstand. Dafür viele Tränen und Gelächter. Umarmungen. Gemeinsames Zurückerinnern.

Diese eine Leere seit seinem Tod macht mir zu schaffen. Wo mein Vater war, war auch Leben. Selbst als er krank war. Er fand immer etwas, was er schön fand und für das es sich zu leben lohnte, selbst wenn er oft mit seinem Dasein in den letzten Jahren haderte.

Ich hab mir vorgenommen, dass ich nächste Woche den 70sten Geburtstag meiner Mutter feiere. Dass ich ihr Dasein würdige und noch viel mehr die Tatsache, dass sie und mein Vater sich in einander verliebt hatten. Sie hatten den Mut, eine Familie zu gründen. Dafür bin ich ihnen beiden zutiefst dankbar.

Das Band, das uns verbindet.

Vor 12 Jahren wurde ich zur Fahnenpatin. Das scheint alles sehr weit zurück.
Es kam so:

Den Sommer 2009 verlebte ich als Single und das war gut so. Ich reiste mit meinem alten Mercedes durch die Schweiz und erlebte richtig schöne Ferien. Ich war glücklich. An einem der letzten Ferientage traf ich in einer Stadt auf Kinder, die eine verletzte Taube mit Füssen traten und auch noch Freude daran hatten. Ich war total entsetzt und nahm das Tier an mich. Ich erinnere mich, dass ich einen Polizist, der in der Nähe stand und dem Treiben zuschaute, fragte, warum er die Kinder nicht davon abhielt, das Tier weiter zu verletzen. Er zuckte die Schultern und meinte, ich soll doch die Taube auf die Strasse, vor ein Auto, werfen.

Das tat ich natürlich nicht.

Nun, es war Wochenende und ich wusste nicht was tun. Also rief ich meinen Vater an und fuhr mit der verletzten Taube zu ihm. Mein Vater nahm das Tier an sich und erlöste es von seinen Schmerzen.

Aber etwas war danach anders zwischen uns. Mein Vater meinte, wir seien uns ähnlich. Das wusste ich ja, aber für ihn schien es eine ganz neue Erkenntnis zu sein.

Einige Tage später rief er mich an und fragte mich, ob ich Fahnenpatin bei der Einweihung seiner Fahnenstange und einer neuen Fahne auf seinem Kleintiergelände sein wollte. Ich wollte!

Es war ein ganz reizender Abend und all seine tierliebenden Freunde und Freundinnen waren anwesend. Es waren die gleichen Menschen, die auch im November 2020 an seiner Beerdigung sein würden. Wir assen gut, tranken Bier. Es war warm. Dann hielt mein Vater eine kleine Rede. Sie hat mich sehr gerührt, auch wenn ich mich nicht mehr an die einzelnen Worte erinnern kann.

Doch auch hier erwähnte er, dass ich seine Fahnenpatin sei, weil ich – wie er auch – diesen Draht, die Liebe zu Tieren hatte. Das schweisste uns zusammen.

Vor einigen Tagen erinnerte ich mich an diesen Abend. Es tat weh, ihn auf Fotos und in Filmen zu sehen, die ich an jenem Tag gemacht hatte. Ich war damals auf so kindliche Art glücklich. Es war eine besondere Ehre, die er mir als Tochter zuteil werden liess. Es war ein Band, das uns beide noch enger verband als zuvor. Vor einigen Wochen erhielt ich von seiner geliebten Frau eines seiner Bücher. Es ist eines über Greifvögel und Eulen.

Er fehlt.

Ist Liebesglück Glückssache?

Das klingt alles so nach Lotterie. Nach Risiko. Aber ist Liebesglück wirklich Glückssache?

Wenn ich einen Blick zurück auf meine Eltern und Grosseltern werfe, so komme ich nicht umhin zu sagen: Liebe ist Glückssache. Aber nicht nur.

Meine Eltern haben sich Mitte der 70er Jahre während eines WKs meines Vaters in einem Restaurant kennengelernt, wo meine Mutter als Serviertochter gearbeitet hat. Hätte sie dies nicht getan, hätte sie zu der Zeit studiert oder wäre er nicht im WK oder ein „Dienstverweigerer“ gewesen, so hätte es mich und meine Geschwister vermutlich nie gegeben.

Meine Grosseltern haben sich während eines Auftritts meines Opas kennengelernt. Er hat Saxophon gespielt, meine Omi sass im Publikum. Danach haben sie lange geredet und sich gut verstanden, und das obwohl Omi und Opi eher schüchterne Menschen waren. Weil um die späte Zeit kein Zug mehr fuhr, man stelle sich vor, wie spät das 1951 hätte sein können, lieh er sich das Velo meiner Omi aus, um nach Hause zu radeln.

Auch hier sprechen wir wieder von vielen kleinen Zufällen: beide haben den Krieg und schwere Krankheiten überlebt. Er war musikalisch. Sie haben sich im richtigen Moment getraut, einander anzusprechen. Sie hatte ein Velo, die SBB keine Nachtzüge. Und weil Opi ein grundsätzlich ehrlicher Mensch war, hat er das Velo natürlich meiner Omi zurückgebracht.

Liebesglück ist tatsächlich Glückssache. Oftmals spielen kleine Zufälle, passende Momente eine grosse Rolle und bestimmen unser Leben, lenken unser Schicksal in eine Richtung, die wir nie für möglich gehalten hätten.

Rien ne va plus.

Ein erster August ohne ihn.

Drei Wochen nach meinem Geburtstag ist der erste August. Das war für mich immer ein wichtiger Feiertag. Ich erinnere mich an sehr viele Sonne- und Mond-Lampions, Kerzen und Vulkane, die meine Grosseltern gezündet haben. Das vergess ich nie.

So mit acht oder neun hatte ich eine Magendarmgrippe an diesem Tag und musste das Bett hüten. Ich hab vor Wut geheult.

Der 1. August ist aber vor allem auch ein wichtiger Familienfeiertag. Viele Jahre lang habe ich ihn mit meinem Vater und seiner Frau gefeiert, die Jahre zuvor mit meiner Omi, noch früher mit Opi.

Opi nahm den 1. August und das Feuerwerk sehr persönlich. Die Angst vor dem Feuerwerk und dem Feuer schien gewisse Wunden bei ihm aufzureissen, so dass er jeweils mit seinem Bajonett vor dem Haus stand, um irgendwelche Zündli-Chinde zu vertreiben.

Der 1. August war für meinen Opi, Jahrgang 1924, ein emotionaler Tag. Sein Vater, mein Urgrossvater Henri, war viele Jahre im Aktivdienst gewesen. Grosse Armut hatte die Familie, eine richtige Textiler-Familie, heimgesucht. Opi verband den 1. August mit seinen Erlebnissen ab 1944. Er sprach nie gross darüber. Nur soviel sagte er: Nie wieder Krieg. Unsere gemeinsame Liebe galt den Nachkriegsfilmen wie „Füsilier Wipf“ oder „Es geschah am hellichten Tage“. Aber darüber schreibe ich ein ander Mal gerne mehr.

Zuhause, also bei meinen Eltern, war der 1. August kein grosses Thema. Wir schauten zwar pflichtbewusst den „Füsilier Wipf“ und andere Schweizer Filme, aber Feuerwerk gab es nicht. Da war mein Vater, der Tierfreund, sehr klar. Erstens schadete der Krach den Tieren und den Nachbarn, zweitens war das alles für so ein bisschen Bumm zu teuer.

Heute sitze ich da mit 44 Jahren, trauere um meinen Vater und lächle. Was hat er da nur hinterlassen in mir? Das Tierwohl zuerst. Die Vernunft vor dem baren Vergnügen. Dafür liebe ich ihn.

Für mich bedeutete in den letzten Jahren, vor Corona, das Zusammensein mit Menschen, die ich sehr gerne habe: Freunden. Familie. Menschen, die mir am Herzen liegen. Ich mag das gemeinsame Zusammensein, das Essen, auch das Trinken, die Musik, die Reden, das Gelächter und die wilden Gedanken.

Vater, du fehlst mir heute sehr.

Ein paar Tränen

Heute morgen packte ich die Tüten aus, die ich von der Frau meines Vaters erhalten hatte. Sie beinhalteten unter anderem seine Schulzeugnisse.
Die Einträge haben mich sehr berührt, denn ich hatte bisher nicht gewusst, wie gut oder schlecht er in der Schule gewesen war.

Mein Vater war kein hervorragender Schüler. Aber er war fleissig und wissbegierig. Er machte immer wieder grosse Fortschritte, litt aber unter einer Lese- und Schreibschwäche. Ich kann mir das heute fast nicht vorstellen, denn er war der erste zeitungslesende Mensch in meinem Leben. Er las in guten leidenschaftlich alles, was ihm unter die Hände geriet. Und er konnte richtig gute Ansprachen halten.

In den naturwissenschaftlichen Fächern war er, natürlich, gut. Alles, was mit der Natur zu tun hatte, schien ihm leicht zu fallen. In dem Punkt waren wir uns, zumindest in der Schulzeit, nicht ähnlich. Ich hatte Mühe mit Physik und Chemie, weil mich das mit 13 oder 14 einfach nicht interessiert hat. Wenn es damals ein Fach „Hollywood in den 50ern“ gegeben hätte, wäre ich auf jeden Fall Klassenbeste gewesen.

Mein Vater besuchte nach der Primarschule die landwirtschaftliche Schule. Er wäre Bauer geworden und hätte den Hof des Vaters übernommen. Aus irgendeinem Grund, den ich bis heute nicht genau weiss, kam alles anders. Er wurde Landschaftsgärtner, ging sogar bis nach Australien, traf meine Mutter und arbeitete später auf dem Bau. Als ich acht Jahre alt war, wurde er Hauswart einer grossen Schule im Thurgau.

Privat, in seinen Vereinen, konnte mein Vater super mit Menschen. Beruflich war es eher schwierig für ihn. Als Kinder bekamen meine Schwester oftmals die Verachtung und den Hass auf ihn zu spüren. Es ist wohl keine Überraschung, dass ich nach meiner Schulzeit den Ort meiner Kindheit so rasch als möglich verliess. Dort hielten mich keine zehn Pferde und ich verspüre bis heute keine Heimatgefühle für jenen Ort.

Wir waren beide immer unangepasst. Die Natur, die Tiere waren (und sind) uns näher, als die Menschen. Wenn ich jetzt an ihn denke, kommt mir immer die schöne Stimme von Joe Dassin in den Sinn. Laut meiner Mutter konnte mein Vater nicht singen. Offenbar hat er nach meiner Geburt nach einem Fest mit seinen Freunden an meiner Wiege laut gesungen, so dass ich wach wurde und weinte. Nachher soll er nicht mehr gesungen haben. Aber das kann ich mir nicht vorstellen.

Vor einigen Tagen stiess ich beim Aufräumen meines Bilderarchivs auf ein Video von ihm. Ich hatte ihn vor über 10 Jahren gefilmt, wie er seine Hühner in Händen hielt. Ich sass da wie gelähmt. Ihn so – lebend – zu sehen, hatte ich nicht erwartet. Es tat weh.

Er kniet da, streichelt seine Tiere und beim Anschauen wird mir klar, dass er einfach bei sich ist, völlig im Moment. Die Tiere haben keine Angst vor ihm und geht mit ihnen ganz natürlich um. Dieser einminütige Film rührt mich sehr. Er macht mir bewusst, wie glücklich ich war und bin, seine Tochter zu sein, und wie sehr er mir fehlt. Gerade jetzt. Und wahrscheinlich immer.