Achtzehn Monate

Heute ist mein Vater 18 Monate tot.

Die letzten Tage war ich in Gedanken sehr oft bei ihm. Ich träumte von ihm, sah ihn gesund und voller Kraft vor mir. Das war sehr schön und gleichzeitig verstörend. „Du lebst!“ rief ich einmal im Traum und wurde sofort wach. Verena Kast beschreibt in ihrem kleinen, feinen Büchlein „Zeit der Trauer“ dies als Phase des Suchens und Sich-Trennens.
Mir tut es noch immer weh, wenn ich an Orten unterwegs bin, die ich mit ihm verbinde, sei es seine Strasse oder Orte, wo wir als Familie gewohnt hatten. Verena Kast schreibt, dass sie daran glaubt, dass das Suchen den Sinn haben kann, sich immer wieder mit dem Menschen auseinander zu setzen, den man verloren hat. Ich stimme ihr zu. Das Finden meines Vaters führt dazu, dass ich den Verlust neu erlebe, mir noch bewusster wird als vorher, wie viel ich verloren habe. Sie schreibt, dass dieses Suchverhalten den Menschen immer mehr darauf vorbereite, den Verlust zu akzeptieren, ein Leben ohne den Verstorbenen weiterzuleben.
Nun, ich weiss, dass ich auch ohne ihn weiterlebe. Aber an gewissen Tagen schmerzt es so sehr, ihn nicht mehr sprechen zu können. Ich vermisse es sehr, ihn nicht mehr um Rat fragen zu können und noch viel mehr, einfach von Tochter zu Vater zu reden und getröstet zu werden.
Vor einigen Wochen verspürte ich grosse Wut, weil ich daran denken musste, wie viel Wissen über Hühner- und Kaninchenzucht unwiederbringlich mit seinem Tod verschwunden ist. In solchen Momenten denke ich an unsere Gespräche im Stall, während er seine Tiere fütterte und wir einfach redeten.
Kast schreibt, dass diese Phase des Suchens und Sich-Trennens Wochen bis Jahre dauern kann, wobei ihrer Erfahrung nach die Intensität des Suchens immer mehr abnimmt, je mehr der trauernde Mensch seine chaotischen Emotionen äussern konnte.
Wenn mich jemand drängen würde, meinen Verlust „endlich“ zu akzeptieren, würde ich wohl ziemlich sauer. Im Gegensatz zu meiner Omi starb mein Vater für mich gefühlt „vor seiner Zeit“. Und von friedlichem Sterben war keine Rede. Er hat ziemlich viel gelitten. Aber 72 ist echt kein Alter zum Sterben.

Ich bedauere es sehr, dass er unser frisch renoviertes Haus nie sehen konnte. Ich hätte zu gerne gewusst, was er dazu meint. Noch lieber hätte ich mit ihm und seiner Frau einfach gerne draussen grilliert und gequatscht. Solche Abende wie damals vermisse ich.

Von Bäumen, der Trauer und meinem Vater

Vor einigen Tagen habe ich mich daran erinnert, wie wir alle vor 11 Jahren unsere Krähe Fritzi aufgezogen und ausgewildert haben. Das war eines der schönsten und intensivsten Erlebnisse meines bisherigen Lebens und überhaupt mit meiner Familie. Meinen Vater beim Füttern der Krähe zu sehen, war wunderschön. Ich habe ein paar Fotos davon und sie machen mich glücklich und wehmütig zugleich.

Mein Vater war immer sehr interessiert am Leben von Wildtieren.

Er war seit frühester Jugend Kleintierzüchter. Er arbeitete mit Kaninchen, vielen verschiedenen Rassen Hühnern, Tauben und Laufenten. Wir hielten zuhause Kanarienvögel, Wellensittiche. Er und seine Frau züchteten die verschiedensten Rassenhühner und er war ein Meister in der Zucht von Kaninchen. Wenn der Fuchs oder ein Marder Tiere von uns holte, war er zwar traurig, fand das aber weniger schlimm, als wenn beispielsweise ein Hund aus der Nachbarschaft auf unsere Tiere losging. Da hatte er null Verständnis.

Mein Vater hatte einen grünen Daumen.

Er hatte eine landwirtschaftliche Schule besucht, Landschaftsgärtner gelernt und hat später einige Jahre auf dem Bau gearbeitet. Unter seinen Händen gedieh alles. Ich hatte schon als Kind den Eindruck, dass es nur wenig gab, was mein Vater nicht konnte. So grub er mit eigenen Händen unseren Garten um. Mein Vater war ein Bauernsohn durch und durch. Er mähte seine Wiesen von Hand, mit der Sense. Das brachte er mir viele Jahre bei, nicht ohne einen gewissen Vorbehalt, ob ich es denn wirklich könnte.

Vielleicht tut es mir darum im Moment auch so weh, wenn ich jetzt Männer sehe, die ihre Wiesen mähen. Ich erinnere mich daran zurück, wie kraftvoll diese Arbeit ist und wie gut er sie beherrschte.

Er liebte Nadelbäume. Für ihn bedeuteten sie pures Leben. Er pflanzte sie rund um seine Kleintieranlage an. Er pflanzte auch ein Nadelgehölz auf dem Grab meines Bruders an. Nach der Aufhebung des Grabes wurde der Baum gefällt, was ich persönlich immer noch einfach furchtbar und respektlos finde.

In meiner Erinnerung ist mein Vater noch immer dieser starke Mann, der mit unbekleidetem Oberkörper mäht und herumläuft, der glücklich ist und sein Leben geniesst. Ich bin mir auch nicht sicher, welches Bild ich bewahren will und sollte: das von meinem (glücklichen) Vater zwischen 35 und Ende 60 oder jenes, wo er bereits stark erkrankt ist und sichtlich leidet.

Vielleicht sagt ja jeder, der einen Menschen verloren hat „Ich hätte die Zeit mehr geniessen sollen, die ich mit ihm/ihr hatte.“
Ich denke, das spielt gar keine Rolle. Ich hab den Eindruck, dass ich jede Minute mit ihm genossen habe. Er fehlt mir trotzdem sehr. Sein Verlust ist für mich nicht wieder gut zu machen. Es gibt seit Beginn seiner Krankheit, seit seinem Tod so viele Momente, wo ich ihm etwas zeigen oder sagen wollte.

Er hat all die Jahre Bedenken wegen unserer Linde neben dem Haus gehabt. „Die wirft zuviel Schatten. Tu sie um“, sagte er. Seit einigen Tagen ist sie geschnitten. Sie hat von ihrer Macht eingebüsst, kann nun aber gesünder weiter wachsen.

Vielleicht ist es mit der Trauer um einen Menschen gleich wie mit der Linde hinter unserem Haus. Sie wirft einen Schatten aufs Leben, das weiter geht. Es liegt an uns (Weiter-)Lebenden, mit der Trauer etwas zu machen. Weiterzuleben mit der Gewissheit, dass einer der wichtigsten Menschen im Leben nicht mehr da ist. Vor einigen Tagen habe ich zwei Abkömmlinge unserer Tanne eingepflanzt, in der Hoffnung, dass aus ihnen kräftige Tannen werden.

Vatertag

Offenbar ist heute in der Schweiz so eine Art Vatertag. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, ein paar Sätze über meinen Vater zu schreiben.

In meiner Erinnerung ist mein Vater ein viriler, offener, aber auch nachdenklicher und sehr sensibler Mensch. Er war ein Mann, der die Blicke auf sich zog, weil er auf faszinierende Art gut aussah. Er konnte mit (fast) jedem Menschen reden. Ein wenig erinnert er mich an Ed Harris im Film „Abyss“ und was sein Lächeln betrifft auch an Chris „The Rock“ Dwayne. Nur hatte er immer etwas mehr Haare und einen Bart und war bestimmt kein Muskelprotz.

Mein Vater war ein sehr fleissiger Mensch. Er hatte, was Farben und Malerei betrifft, ein Flair, das er aber seit seiner Kindheit nie gross genutzt hat. Die Zeichnungen, die er als Teenager angefertigt hat, sind grossartig. Er hatte ein Auge für Proportionen. Vermutlich hätte er richtig gut Appenzeller Malerei beherrscht. Sein Auge für Ästhetik hat er bei der Zucht von Kaninchen ausgelebt. Er hat sehr viel dazu beigetragen, dass verschiedenste Kaninchenrassen weiter entwickelt wurden. Er bekam sogar einen Nachruf in der „Tierwelt“. Anbetracht dessen, was er seit frühstester Jugend geleistet hatte, scheint mir das allerdings mager.

Mein Vater war kein religiöser Mensch. Der Katholizismus meiner Omi Paula hat ihn dann allerdings auf die Palme gebracht. Besonders als sie öffentlich mitteilte, sie wollte mit mir nach Lourdes reisen. Das war zuviel für ihn. Er hat nie viel von Kirchen gehalten. Als wir allerdings einmal mit Omi Einsiedeln besuchten – ich weiss noch immer nicht, warum wir das getan haben – war er leicht sprachlos. Er fand Einsiedeln schön, aber auch etwas prunkvoll. Zu viel für seinen thurgauisch-bescheidenen-prostestantischen Geschmack.

Als unsere Eltern sich trennten, setzte er sich dafür ein, dass wir bei ihm bleiben konnten. Unsere Mutter war nicht in der Lage für uns zu sorgen. Diese Entscheidung war wohl revolutionär im verstaubten, konservativen Thurgau von 1994. Ich erinnere mich dunkel daran, wie oft er beschimpft worden war. Einmal erhielt ich im Postauto nach Hause einen Fünfliber von einer älteren Dame, die sich nach meinem Namen erkundigte und dann sagte:. „Dein Vater ist ein Arschloch.“

Mein Vater war sehr dagegen, dass ich das Haus meiner Omi kaufe. Zu viele schlechte Erinnerungen waren für ihn wohl damit verbunden. Als es dann allerdings meines war, unterstützte er mich mit Rat und Tat. Und dafür bin ich ihm noch immer dankbar. Vielleicht waren diese Stunden, die wir gemeinsam alle hier verbracht hatten, die glücklichsten in meinem Erwachsenenleben. Ich freute mich immer sehr, wenn er und seine Frau bei uns waren, im Wissen, dass unser Garten nie an das heranreichen würde, was sie beide errreicht hatten.

Gestern abend traf ich im Hotel auf einen Mann, der mich sehr an meinen Vater erinnerte. Er war Mitte 70, im Rollstuhl, vielleicht von einem Schlaganfall halbseitig gelähmt. Er konnte kaum sprechen. Seine Frau oder Freundin, jedenfalls sein menschliches Gegenüber, leitete ihn an, bestellte für ihn, da er nicht wirklich klar artikulieren konnte, was er haben wollte. Er wünschte sich als Hauptgang zwei Kugeln Schoggiglace. Der Kellner nahm dies verständnislos an. Ich sass da und kämpfte gegen meine Tränen.

Ich erinnerte mich schlagartig an Situationen in Restaurants oder auf dem Parkplatz, wo er sich wegen seiner Beeinträchtigung schämte oder aber beschämt wurde. Ich wünschte mir so sehr, dass mein Vater nun da wäre und wir gemeinsam essen würden. Pasta. Dessert. Am Ende des Essens würden wir uns umarmen. Mein starker Vater verlor einfach so seine Lebenskraft. Sie zerfloss und wir konnten alle nichts dagegen tun. Auf Fotos, die zurückbleiben, wird es früh ersichtlich. Vermutlich hat er es schon Jahre vor Ausbruch seiner Krankheit gefühlt: Er sah zunehmend unglücklich aus. Er, der immer so sportlich und fit war, kämpfte plötzlich um jeden seiner Muskel. Scheiss auf die Krankheit!!

Heute morgen las ich einen sehr berührenden Text in der NZZaS von Sacha Batthyany . Für einen Moment kam vieles von dem in mir hoch, was ich bei Omis und Papis Tod verspürt hatte. Totale Verzweiflung, einen geliebten Menschen zu verlieren und gleichzeitig die Hoffnung, dass der geliebte, leidende Mensch endlich sterben kann. Ich weinte, weil ich mich schämte, glücklich und zugleich todunglücklich über Vaters Tod zu sein.

Kurz nach seinem Tod erhielt ich von Vaters geliebter Frau einige seiner Gegenstände, die ihm lieb waren und die er seit frühester Kindheit aufbewahrt hat. Darunter: ein Bierhumpen, das Elefantenkässeli, Hefte voller Collagen von Sportereignissen und Aufnäher von Orten, die er (vermutlich mit dem Velo) durchquert hat.

Vielleicht werde ich nun diese eine Tradition weiter führen. Einen Stoff-Aufnäher habe ich seit heute: einen vom Julierpass.

Vom Rosenstock und den Blütenblättern, die wie Tage verrinnen

Mein Vater ist bald 18 Monate tot. Das sind anderthalb Jahre. Zwei Geburtszyklen.

Es gibt Momente, da vermisse ich ihn unerwartet und sehr heftig. In jenen Sekunden schlägt mein Herz schnell und schmerzhaft und der Verlust wird für mich sehr spürbar.

Vielleicht ist es mit dem Trauern so, dass erst einige Winter, Frühlinge, Sommer und Herbste überstanden werden müssen, bis aus einem abgesägten Stamm wieder neue Zweige spriessen und Blüten blühen. Meine Omi pflegte zu sagen: „Da muess scho no chli Wasser Thur durab flüüse, bis es wieder guet chunnt.“

Kurz bevor wir 2015 in unser Haus einzogen, haben mein Vater und seine Frau an den Kellerfenstern kleine Gitter befestigt, damit wir nicht von Mäusen heimgesucht würden. Heute fiel mein Blick auf eines dieser Kellerfenster und mir stiegen mit einem Mal die Tränen in die Augen.

Einmal haben er und seine Frau ein Klafter Holz in den Keller gebracht, damit wir im Winter genügend Holz zum Heizen hatten. Mit Schleife drum. Einfach so.

Im Kellerflur stehen seine zwei hölzernen Waffenlauf-Uhren, die ich von ihm geerbt habe. Ich weiss nicht, wo ich sie aufhängen soll, weil die blosse Erinnerung an seine Kraft und seinen Willen zum Laufen weh tut.

Als ich noch ein kleines Mädchen war, fand ich im Estrich zuhause seine Tagebücher. Das waren so handliche Bücher, schwarzer Einband. Das Jahr vorne auf dem Leder eingeprägt. Ich erinnere mich daran, dass er ab ca 1968 bis ca 1982 solche Agenden geführt hatte. 1974 hat er geheiratet. An meinem Geburtstag 1977 stand: „Geburt meiner Tochter. Grosses Glück.“
Ich las weitere Einträge. Mein Vater hatte eine sehr einfach lesbare Schrift. Am Todestag meines Bruders stand: „Unser Sohn ist tot.“

Eines Tages waren seine Tagebücher verschwunden. Vermutlich hat er sie entsorgt. Für mich waren sie für eine kurze Zeit ein grosses Geschenk, auch wenn ich als Kind nicht verstand, welche Traurigkeit und welch Glück er in einfachen Sätzen beschrieb.

Vor einigen Jahren hat er beim Mähen einen Rosenstock abgemäht. Die Pflanze hat alles überstanden und blüht nun wieder. Derweil er nicht mehr da ist.

Es gibt kein Grab von ihm und irgendwie passt das. Es gibt nur noch die Idee von ihm, meine Trauer, mein Blick in den Spiegel. „Sie isch de abgschnitte Vater„, hatte mir mal ein Freund von ihm gesagt, als er mich gesehen hat. Er hatte Recht.

Bäume meiner Kindheit

Wenn ich an die Wohnorte meiner Kindheit und Jugend denke, kommen mir weniger Häuser und Wohnungen in den Sinn als die Bäume, denen ich mich verbunden fühlte.

Ich wuchs in Wängi auf. Neben unserer Wohnung stand eine grosse alte Weide. Ein wunderbarer Baum. Ich liebte es, seine Rinde und seine Blätter zu berühren. Als ich noch ein kleines Mädchen war, brach eines Tages ein grosser Ast ab. Ich erinnere mich noch genau an das Tosen und die Schreie meiner Mutter. Die alte Weide ist längst verschwunden.

Am gleichen Ort wuchs eine Buche. Auch sie war ein grosser, starker Baum. Ich habe ihr als Kind Geschichten vorgelesen. Warum ich das tat, weiss ich nicht mehr, aber meine Eltern haben Fotos gemacht, während ich mit einem Buch vor dem Baum stand.

Im Bachtobel gab es einen sehr seltsamen Baum, den wir Kinder den „Tintenfischbaum“ nannten. Er war riesig und seine Wurzeln schlängelten sich wie Tentakel durch das Tobel.

Nach dem Tod meines Bruders hat mein Vater an diesem und am nächsten Wohnort Tannen gepflanzt. Es freut mich sehr, wenn ich auf google streetview schaue, dass diese Bäume noch immer da sind, selbst wenn mein Bruder nun über 42 Jahre tot ist.

In Hüttwilen, wo wir einige Jahre lebten, spielte ich oft auf zwei Ahornbäumen. Ich kletterte auf ihren Ästen herum und versteckte mich dort, wenn meine Mutter mal wieder sauer auf mich war. Letzthin habe ich bemerkt, dass sie längst nicht mehr da sind.

Als ich in Wellhausen lebte, gab es in der Nachbarschaft eine riesige Birke. Ich liebte es, ihr zuzusehen, wenn der Wind in ihren Ästen spielte. Die Krähen hatten diesen Baum ebenfalls auserkoren. An einem Samstagmorgen wurde die Birke gefällt. Ich habe furchtbar geweint. Noch Monate später beobachtete ich die Krähen, wie sie an dem Ort, wo die Birke stand, ins Leere flogen.

Neben meinem Haus steht eine alte Linde. Sie ist wohl einige Jahre älter als ich und ich habe sie „die vier Schwestern“ getauft. Sie besteht aus vier Hauptästen, die mich an meine Mutter, meine Omi und ihre Schwestern Bibi und Hadi erinnern. Die Linde ist Brutplatz für Vögel und im Frühling nähren ihre Blüten Bienen.

unsere alte Linde

Als mein Bruder beerdigt wurde, pflanzte mein Vater ein Nadelgehölz auf seinem Grab. Ich war zwei, als mein Bruder starb. Wenn ich den wachsenden Baum sah, dachte ich immer daran, wie es wäre, wenn mein Bruder noch leben würde, wie gross er jetzt wäre. Jahre später, als erwachsene Frau, berührte ich die Nadeln des Baumes, weil ich dachte, dass ein Teil meines Bruders in diesem Baum weiter lebt.

Einige Monate vor dem Tod meines Vaters wurde das Grab meines Bruders aufgelöst. Der Baum abgeholzt. Am Beerdigungstag meines Vaters besuchte ich den Friedhof, wo mein Bruder gelegen hatte. Lediglich ein Baumstrunk erinnerte noch daran, dass hier einmal ein Grab gewesen war. Ich weinte sehr.

Mein Vater wollte kein Grab mit Stein und so. Er liess sich auf einem Stück Wiese in einem Gemeinschaftsgrab, unter einem Baum beerdigen. Ich habe sein Grab seit der Beerdigung nicht mehr besucht, weil ich spürte, dass ich an jedem Baum, den ich mag, um ihn trauern kann. Wenn ich an einer Tanne vorbeilaufe, berühre ich ihre Rinde, atme ihren Geruch ein. Dann fühlt es sich wieder an, wie damals, als ich ein Kind war.

Dach über dem Kopf.

Seit einigen Tagen ist unser Haus nun eingerüstet und – durch gute Handwerkskunst – ein neues Dach über unseren Köpfen entstanden. Es lebt sich mit einem Mal ganz anders.

Ich bin überglücklich über unser Dach. Das Haus kühlt bei tiefen Temperaturen weniger rasch aus. Kaum vorstellbar, wie meine Grosseltern in den 80ern und 90ern in diesen schlecht isolierten Räumen gelebt bzw. gefroren haben.

Noch dauert es einige Tage, bis auch die Fassade renoviert ist. Ich kanns mir noch gar nicht richtig vorstellen. Unser Paulahaus kriegt quasi ein Facelifting. Mir ist bewusst, wie sehr ich dieses Haus liebe.

Wie schon in den vergangenen Jahren hält unser Haus immer wieder Überraschungen für uns bereit. So fand unser Dachdecker im für uns schwer zugänglichen Estrich Pakete mit ungebrauchten roten, sechseckigen Plättli. Diese gehören in die Küche. Ebenfalls im Estrich fanden die Handwerker Zaunmaterial, teilweise verrostet, teilweise aber noch in sehr gutem Zustand.

Lustig fand ich die Tatsache, wie viele Menschen quasi Sightseeing betrieben und vom Parkplatz über unserem Haus die Renovationsarbeiten mitverfolgten. Für einen kurzen Moment war ich versucht, einen Bratwurststand und ein Kässeli aufzustellen.

Leider erlebt mein Vater all das nicht mehr mit. Ich wäre gespannt, was er darüber denkt. Ich bin aber sehr froh, dass das Haus so die nächsten Jahre erhalten bleibt. Schliesslich ist es der Sitz meiner Familie seit bald 70 Jahren.

Natürlich gibt es auch weiterhin Dinge im Haus zu erledigen: das Bad sieht immer noch aus wie in den 50ern, der Boden im Gang ist mit Teppich überklebt, darunter ist ein schöner alter Parkett.

Manchmal wünschte ich mir, das Haus könnte erzählen, was es in den letzten 180 oder mehr Jahren schon erlebt und gesehen hat. Ich wüsste zu gerne mehr über die Menschen, die vor mir hier lebten. Einiges ist erhalten geblieben, wie beispielsweise Gerichtsakten über einen Nachbarschaftsstreit, der vor bald 100 Jahren hier herrschte.

Das Haus zeugt vom vielfältigen Leben in diesem kleinen Städtchen. Ich bin sehr froh, kann ich es erhalten. Zumindest solange, wie ich selber lebe.

Spread your wings and fly away

Vor einigen Tagen las ich ein Zitat von Barbara Leciejewski aus „Für immer und ein bisschen länger“:

„Vielleicht klammert sich die Seele an dem Ort fest, wo sie am glücklichsten war. Vielleicht sitzen die Menschen, die wir geliebt und verloren haben, unsichtbar bei uns auf der Bettkante und sehen uns beim Schlafen zu,. Vielleicht sind sie immer bei uns. Was wissen wir schon?“

Nun, mein Vater ist jetzt seit Ende November 2020 tot. Dennoch fühle ich immer wieder seine Nähe, wenn ich im Wald bin, wenn ich in tiefster Konzentration ansitze und warte, das Grün auf mich wirken lasse und Tiere beobachte. Mein Vater ist bei mir, wenn ich die Schulbank drücke und mit anderen Interessierten zuhöre, welche Krankheiten den Greifvögeln zusetzen und was für ein Wunder der Natur diese Lebewesen sind. Er ist bei mir, wenn ich glücklich und wenn ich traurig bin. Sein Tod hat eine grosse Narbe hinterlassen, die nur langsam zuwächst.

Sein Erbe an mich besteht nicht aus Geld, sondern aus Mut und Vertrauen, dass alles gut kommt. Als Sportler ging er immer wieder an seine Grenzen. Er war ein guter Läufer. Doch am Ende seines Lebens, als er nicht mehr gehen konnte, wurde alles anders.

Sein ganzes Interesse galt nun den Vögeln. Sein Herz brannte für Eisvögel und Krähen und Hühner. Während sich sein Körper veränderte, blieb sein Geist wachsam und gleichsam verletzlich. Er wirkte auf mich wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln.
Menschen, die sich auf den Weg machen, gleichen oftmals den Vögeln.

Seine Freude an den fliegenden Lebewesen blieb bis zuletzt. Diese Liebe hat er mir weitergegeben. Wenn ich einen Vogel sehe, verspüre ich Freude, Neugier und Liebe. Weil ich weiss, dass in jedem dieser Lebewesen ein klein wenig von meinem Vater steckt. Weil ich mich an Momente erinnere, wo wir gemeinsam Vögel gepflegt haben, wo wir uns freuten, wenn sie ihre Flügel ausbreiteten und wegflogen. Einem neuen Leben entgegen.

Umbauen. Ja, ich will.

Vor zehn Jahren entschloss sich meine an Demenz erkrankte Omi dazu, dass nun Zeit wäre, ein Pflegeheim zu suchen. Es fiel ihr sehr schwer, sich von dem Haus, wo sie seit den 80er Jahren gelebt hatte, zu trennen. So viel hatte sie hier erlebt.

Opi war 1983 hierher gezogen, um seine hochbetagten Eltern zu pflegen. Omi arbeitete weiter in ihrem Kiosk, um Geld zu verdienen. Als meine Urgrosseltern um 1984 verstorben waren, lebten Omi und Opi gemeinsam hier. Sie pflegten einen grossen Garten, sorgten für Barri, den Berner Sennenhund der Urgrosseltern.

Doch das Schönste war, dass meine Schwester und ich von da an alle Ferien hier verbringen konnten. Das Haus wurde zu einem sicheren Hafen in einer Kindheit, die nicht einfach war. Wir liebten es, das Haus zu erkunden, uns in Seitenschränken oder im Keller zu verstecken und mit dem Hund zu spielen.

Mein Grossvater bläute mir und meiner Mutter ein, dass wir uns immer um das Haus kümmern sollten. Es war alles, was unserer Familie gehörte. Es war sozusagen der Fels in der familiären Brandung. Das Haus war ein fester Wert – und das über Generationen.

Opi starb 1997. Omi erbte das Haus und tätigte erste Renovationen. Sie liess die uralten Fenster und undichte Türen auswechseln. Der alte Hundezwinger wurde abgebrochen. Es gab Spannteppich in der Stube und das Parkett im Gang wurde kurzerhand überklebt. Omi und das Haus blühten auf.

Das Haus wirkte immer etwas verwunschen und geheimnisvoll. Ich war nicht erstaunt, als ich von Einheimischen hörte, dass sie es „Hexenhüsli“ nennen. Vielleicht ist es das wirklich.

2007 starb meine Mutter. Nun folgte eine sehr schwere Zeit für meine Omi. Immer mehr zog sie sich zurück, liess sogar den schönen Garten dem Erdboden gleich machen. Schritt für Schritt wurde das Haus mit seinen vier Wänden zum Kosmos meiner Omi. Am Schluss verbrachte sie ihr Leben in drei Zimmern: der Küche, der Stube und dem kleinen Schlafzimmer. Omi stellte sich den Geistern der Vergangenheit, kämpfte mit ihren Erinnerungen an ihre Schwiegermutter und all dem Plunder, von dem sie sich nie trennen konnte.

Omi zog im Herbst 2012 in ein kleines, wunderbares Toggenburger Pflegeheim. Vielleicht hat sie dieses Haus an ihr eigenes – und an ihre Kindheit – erinnert. Jedenfalls war sie dort bis zu ihrem Tod noch einmal glücklich.

2014 konnten wir Omi das Haus, das seit den 1950er Jahren in der Familie war, abkaufen. 2015 zogen wir hier ein.

Vor einigen Tagen nun konnten wir mit der Renovation des Daches beginnen.

Manchmal denke ich daran, wie gerne ich diesen Moment mit Omi (und mit meinem Papi) geteilt hätte. Ich würde gerne wissen, was sie darüber denken würden. „Dasch aber tüür“, würde Omi wohl sagen. „Oh ja, Omi, aber es lohnt sich“ wäre meine Antwort.

Ich freue mich darauf, dass unser Haus, das wir seit vielen Jahren „Paulahaus“ nennen, zu neuem Glanz erblüht. Es wird mich immer an jene Menschen erinnern, die hier gelebt haben. Von den einen weiss ich viel, von den anderen nur wenig oder gar nichts. Das Haus ist alt, älter als der Eintrag im Grundbuchamt von 1839.

Das Paulahaus gehörte verschiedenen Personen bzw. sogar Firmen. Es ist eng verbunden mit der Textilvergangenheit des Toggenburgs. Gleichzeitig finden sich im Haus Spuren aus England. Im einen Schrank ist eine Edinburgh press, die Laminate sind aus Lancaster.

Der Kellerboden ist felsig, leicht abschüssig. Das kommt daher, dass sich hier mal eine Wäscherei befand. Später war hier die Werkstatt meines Grossvaters.

Es ist ein seltsames Gefühl, im Schlafzimmer zu liegen und zu wissen, dass über einem kein Dach mehr ist. Ich bin sehr gespannt, wie das Haus nachher aussieht. Wie es sich anfühlt, wenn nachher alte Wunden geheilt und neu verputzt sind.

Ich glaube ganz fest daran, dass alte Häuser eine Seele haben. Mehr als einmal habe ich 2014 gehofft, dass wir „unser Haus“ kaufen können. 2022, alles ist nun anders, bin ich noch immer glücklich, dass wir hier leben, an diesem wunderbarsten Ort in meinem Leben. In dieser alten Stadt, an diesem Ort am Lederbach, in diesem einen Haus, das ich seit bald 40 Jahren liebe. Das mir Trost war, wenn das Leben schwierig war.

Ich bin glücklich über das neue Dach, das nun über uns entsteht. Die Fassade, die in einigen Tagen Stück für Stück renoviert wird. Ich denke dabei an all meine Altvorderen, die hier gelebt haben und das Haus mit Leben und Glück erfüllt haben. Ich bin dankbar, dass sie da waren, weil sie allesamt ein Teil meines bisherigen Lebens waren.

Aber ich denke auch an meinen Vater, der „das Haus“ immer sehr kritisch beäugt hat. „Willst du das wirklich? Bist du dir sicher?“, fragte er jeweils. Ich antwortete mit „Ja. ich will.“

Vereine dich

Dieser Tage fand die Rammlerschau in Thun statt und wenn mein Vater noch am Leben wäre, wäre er da zweifelsohne anzutreffen gewesen.

Die meisten Menschen wissen nicht, was eine Kaninchenausstellung ist.

Ihnen ist ein wichtiger Teil der Schweizerischen Tierhaltekultur entgangen. Kaninchenzüchter*innen sind so eine Art Subkultur. Sie lieben ihre Tiere heiss und innig. Sie orientieren sich an sogenannten Richtlinien, wie ihre Tiere auszusehen haben.

Mein Vater war Kaninchenzüchter. Und ich behaupte mal einfach: Er war einer der Besten. Er hatte ein Gefühl für Tiere. Egal, welche Tiere er bei sich aufnahm: sie gediehen wunderbar.

Dank ihm bin ich seit frühester Kindheit mit Kleinsilberkaninchen, Wyandotten, Bartzwergen, Ko Shamos, Englischen Kämpfern und Seidenhühnern aufgewachen. Er liebte Tiere, Vögel, über alles. Er war geduldig, liebevoll und still. Gleichzeitig hat er mir immer Mut gemacht, meine eigenen Flügel auszubreiten und das zu tun, woran ich selber nie geglaubt hätte.

Die Liebe zu Vögeln liegt uns beiden im Blut.
2011 haben wir alle gemeinsam, als Familie, eine Krähe ausgewildert. Das macht mich nach wie vor glücklich. Diese paar Wochen habe ich in bester Erinnerung. Ich werde das alles nie vergessen.

Dank Papis Liebe und Mut habe ich mich an die Jagdausbildung gewagt. Dass ich nun einen Schritt weiter gehe, ist unserem gemeinsamen Traum geschuldet: unserer Liebe zu den Greifvögeln.

Mein Vater ist nun bald anderthalb Jahre tot. Er begleitet mich nach wie vor. Ich denke oft an ihn. Wenn ich glücklich bin. Wenn ich Greifvögel am Himmel erblicke. Wenn ich im Wald bin. Wenn ich die Sonne untergehen sehe. Dann denke ich an ihn.

Vom im-materiellen Erbe

Vor über 10 Jahren habe ich damit angefangen, die Fotos und Negative meiner Familie zu digitalisieren. Das hat richtig Spass gemacht. Ich kam Stück für Stück meinen Familienangehörigen näher. Ich erinnerte mich an all die Geschichten, die die einen erzählt haben, während wir gemeinsam Fotos angeschaut haben, erinnerte mich an all die seltsamen Familienfreunde, Onkel und Tanten, die längst nicht mehr da sein.

Tut man das heute eigentlich noch? Ich meine, ganz ehrlich: Wer von euch schaut mit seinen Kindern/ Familienangehörigen noch Fotoalben durch? Wann hat das ipad gruselig verklebte und beschriftete Familienalben abgelöst? Wo teilt man Erinnerungen nur noch via Whatsapp oder Facebook?

Vor einigen Monaten stiess ich auf neue Fotos meiner Familie. Für mich war ganz klar, dass ich diese digitalisiere und in meine Cloud lade. Die Cloud ist sozusagen das stichwortbasierte Fotoalbum meines Lebens.

Doch wofür tue ich das eigentlich?
Vor einigen Wochen hat mir ein Mensch gesagt, dass Frauen, die keine Mütter sind überhaupt nicht bei den grossen Themen im Leben mitreden könnten. So ein Schlag in die Eierstöcke sitzt natürlich richtig. Das muss ich schon sagen.

Die Frage nach dem (im-)materiellen Erbe stellt sich natürlich schon. Für meine Nachkommenschaft digitalisiere ich definitiv keine Fotos. Ich tu’s für mich selber, weil ich daran Freude habe. Ich will dann, wenn ich Lust oder das Bedürfnis habe, auf meine Familienfotos zugreifen und mich zurückerinnern an jene, die ich verloren habe und die mir fehlen.

Ich mag übrigens die Vorstellung, dass nach meinem Ableben irgendwo in irgendwelchen Wolken Fotos von Onkel Sepp und Tante Hadj im Marienkäferkostüm kursieren.