Rot.

Meine Mutter hat am Ende nur etwas an mir gehasst: meine schwarzen Kleider.

Ich war gerade 30 Jahre alt geworden und trug mit Vorliebe schwarze, graue und dunkelbraune Kleidung. Ich fand damals, dass das genau meinem Typ entsprach. Ich fühlte mich sehr wohl, weil ich mich darin unauffällig fühlte.

„Ich bi im Fall no nöd tot“, sagte sie einige Wochen vor ihrem Tod mit missbilligendem Blick auf meine schwarze Jeans, die schwarze Bluse, meine braunen Ohrringe, die ich im Pflegeheim, ihrem Hospiz trug.

Fast 15 Jahre später ist alles anders. Ich mag zwar schwarz noch immer sehr, aber ich trage es selten. Meine Haare ergrauen nun langsam. Die Farbe Schwarz ist reserviert für die wirklich schwarzen Tage. Ich mag Grün. Petrol. Blau. Gelb. Rot.

Meine Mutter hat mir damals eine entscheidende Lebensweisheit weitergegeben: Du lebst jetzt. Trauern ist ok, aber es ist bloss ein Teil des Lebens. Leben ist wichtiger. Leben ist alles.

Sie liebte Rot.

Vater. Oh Vater.

In den letzten Tagen musste ich sehr viel an meinen Vater denken.
Vor zwei Jahren um diese Zeit haben wir oft telefoniert und geredet, so als hätten wir gespürt, dass danach eine Zeit der Entfernung, der Sehnsucht und der Trennung folgt.

Der 72. Geburtstag meines Vaters am 19. Februar 2020 war das letzte Familienfest, an das ich mich erinnern kann. Mehr als ein halbes Jahr später, auf den Tag genau, im November, verstarb er.

Ich habe die letzten Monate seiner Krankheit, seines Leidens, seiner Pflege, nur aus Entfernung miterlebt. Meine Lebensader zu ihm war wie abgeschnitten, und das aus gutem Grund. Freiheit war sein Lebensmotto. Er soll sich frei bewegen können, ohne Quarantänebescheinung, ohne Isolation. Frische Luft, rausgehen. Sein Leben leben. Mit Rollstuhl. Aber aus voller Kraft.

Seine Frau und ich sprechen immer wieder mal darüber. Es war gut so, zu entscheiden. Weg zu bleiben. Ich habe mir – und ihm – sehr viel erspart. Aber es rettet mich nicht vor der Trauer um ihn. Mein Verlust ist sehr gross. Er war mir der nächste, liebste Mensch. Mein Vater fehlt mir so sehr. Ich vermisse seine Umarmungen. Seinen Humor. Sein sanftes Lächeln.

Ich habe viele Momente seines Lebens, im Herbst 2020, verpasst. Es war mir nicht vergönnt, an seiner Seite zu sein. An seinem letzten Tag wachte ich an seinem Bett. Das hat mir sehr viel gegeben. Ich spürte, wie sehr er mir in diesem verrückten Jahr gefehlt hat. Wenige Minuten vor seinem Tod verliess ich ihn. Ich war müde und traurig und spürte, dass es nun Zeit war, zu gehen. Ich war an der Seite meiner Mutter, als sie 2007 starb, aber es war nicht meine Aufgabe, an der Seite meines Vaters zu sein.

Ich musste daran denken, dass er, am Anfang meines Lebens, sehr präsent da war. Bei meiner Geburt war er an der Seite meiner Mutter. Er hielt mich, wenige Momente später in den Händen, schnitt meine Nabelschnur durch. Er war da ganz furchtlos und neugierig. Das macht mich sehr stolz auf ihn. Und es verstärkt die Sehnsucht nach einem dieser wichtigsten Menschen in meinem Leben. Er war mir so oft Mutter und Vater gleichzeitig.

Mir fehlen sehr viele menschliche Kontakte. Mir fehlen meine Freunde, die ich jeweils am Freitag oder Samstag treffe. Mir fehlen aber auch meine nächsten Verwandten, meine Omi. Papi. Meine Mutter. Meine Grosstanten mütterlicherseits.

Corona hat mich sehr viel einsamer gemacht als zuvor. Ich lebe mein Leben und das gelingt mir ziemlich gut. Aber mir fehlen die Menschen. Die Begegnungen im Alltag, die ich zuvor so sehr in meiner Stadt geschätzt habe. Das ganze soziale Leben liegt brach.

Meine berufliche Welt ist eine komplett andere als die private. Ich bin mit sehr vielen Schicksalen konfrontiert und es fällt mir schwer, zu verallgemeinern. Manchmal bin ich sehr müde. Dann wieder voller Kraft. Ich funktioniere hinter meiner Maske. Mein Makeup ist noch immer nicht wasserfest.

Es wäre leichter, wenn ich meine Angehörigen noch hätte. Aber es ist auch gut, wenn ich meine Freunde an meiner Seite weiss. Ohne wenig Worte. Das Gefühl reicht aus, dass sie da sind.

5 Jahre

Heute vor fünf Jahren starb meine Omi Paula im Alter von 88 Jahren.
Gemessen an dem, was sie als Kind erlebte und überstand, wurde sie uralt. Sie selber hat sich immer wieder darüber gewundert, wie alt sie wurde. Während des Zweiten Weltkriegs ist sie an einer schweren Hirnhautentzündung erkrankt und keiner hat daran geglaubt, dass sie das alles überlebt, ausser ihrer Mutter.

Omi war für mich der wichtigste Mensch in meiner Kindheit, meiner Jugend und auch später. Sie war liebevoll, geduldig und fröhlich. Sie liess nie einen Zweifel daran, dass sie mich, ihre erste Enkelin, über alles liebte und daran glaubte, dass ich alles schaffe, was ich mir vornehme. „Es chunnt schon guet, wenn dä Herrgott will“, hat sie gesagt.

Wir erlebten sehr viel miteinander: sie begleitete mich an Kreisturntage, besuchte Theateraufführungen, in denen ich als Kind auftrat, wir reisten zusammen nach Berlin, Luzern, Stein am Rhein und Zürich. Wir trauerten gemeinsam um Opi, der fast auf den Tag genau 20 Jahre vor ihr starb. Wir begleiteten meine Mutter, ihre Tochter Uschi, gemeinsam in den Tod.
Omi und ich, da passte kein Blatt dazwischen.

Wenn sie heute noch leben würde, und wir beide jünger wären, hätten wir vielleicht einen tiktok-Account zusammen. Omi war einfach immer cool. Ich war immer unglaublich stolz auf sie, weil sie so ein offener, herzlicher Mensch war.

Weniger cool war ihre Demenzerkrankung. Sie forderte mich heraus und ich musste mit anfang 30 richtig viel lernen. Ich bin, trotz allem sehr dankbar. Es gibt Sätze aus Omis Mund, die vergess ich nie: „Werde so alt wie ich, dann schauen wir weiter.“ Sie hatte so sehr recht. Ich denke sehr oft an jene Tage zurück, als Omi noch im Pflegeheim lebte. Ihre Worte, ihre Liebe, ihr langsames Vergessen. Das alles ist da und verschwindet doch langsam.

Trotz aller Trauer um sie bin ich froh, dass sie in diesen Tagen nicht mehr lebt. Ich weiss nicht, wie ich das Abschiednehmen überstanden hätte, wenn ich sie nicht mehr einfach so hätte sehen können. Corona ist ein Arschloch.

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Fünf Jahre sind nichts.

25 Jahre.

Heute vor 25 Jahren starb mein Opi Walter. Er wurde 72 Jahre alt.
Opi war im Herbst 1996 Leberkrebs diagnostiziert worden. Er wusste, welches Ende ihn erwarten würde und entschied sich, zuhause zu sterben. Meine Omi hat ihn bis zu seinem Tod begleitet, ebenso eine Pflegende.

Omi berichtete, wie zerbrechlich Opi am Ende seines Lebens geworden war. Sie hielt seine Hand, als er am Morgen des 7. Januar 1997 um Punkt acht Uhr seinen letzten Atemzug tat. Omi war auch über 10 Jahre später an der Seite meiner Mutter, ihrer Tochter, als sie starb und hat auch damals ihre Hand gehalten.

Die Nachricht von Opis Tod erreichte mich am Arbeitsplatz. Ich arbeitete seit einigen Monaten in einem Ladengeschäft und war mehr oder weniger glücklich dabei. Meine Mutter hatte meine Chefin angerufen, die mich dann ins Büro zitierte. Meine Mutter weinte am Telefon und sagte, Opi wäre tot. Ich weinte kurz, ging dann wieder zur Arbeit.

Ich spürte damals, dass ich offenbar innerlich trauere. Ich muss weiter arbeiten können, in meinem gewohnten Umfeld funktionieren. Ich brauche keinen totalen Rückzug von allem.

Eine Woche später war Opis Beerdigung. Es war sehr kalt. In meiner Erinnerung liegt Schnee. Omi war sehr stark und tröstete uns alle. Meine Schwester und ich weinten.

Beim Trauermahl im Café Huber, wo Omis Geschwister, Mami, Opis Freunde aus der Aktivdienstzeit dabei waren, erzählten alle Erlebnisse mit Opi. Es schien mir, als würde er für einen Moment nochmals zwischen uns sitzen, ein dünner zierlicher Mann, mit stahlblauen Augen, die Zigarette zwischen den Fingern.

Erst nach seinem Tod, als ich mit Omi das Haus aufräumte, Fotos und Zeitungsberichte fand, lernte ich meinen Opi ganz anders kennen.

Er war sehr intelligent, an Politik, Physik und Chemie interessiert, gleichzeitig ein begabter Musiker, Jazz- und Swingliebhaber. Er interessierte sich für Geschichte, das Toggenburg und hatte den Zweiten Weltkrieg als Militärmusiker am eigenen Leib erlebt.

Er war das zweite Kind von Anna und Henri Mettler. Seine ältere Schwester Nelly war einige Jahre vor seinem Tod als Kleinkind verstorben. Henri war Veteran des Ersten Weltkriegs und wie er Fabrikarbeiter im Toggenburg.

Opi war während meiner Kindheit und Jugend mein freundlicher Begleiter. Er motivierte mich zu lernen, an mich zu glauben und das zu tun, was ich mir erträume.

Sein langsames Sterben war eine sehr traurige und zugleich schöne Erfahrung. Ich lernte von ihm, wie es ist, anderen zu vergeben und offen zu sein für den Übergang in den Tod. Opi war ein sehr besonderer Mensch und er fehlt mir, auch 25 Jahre später noch immer. Ich denke gerne an ihn zurück. Ich bin dankbar, dass ich seine Enkelin bin.

Mein Rückblick auf das Jahr 2021

Die letzten zwölf Monate in meinem Leben waren geprägt von der Trauer um meinen Vater und dem Lernen von neuen Dingen. Nachdem im November 2020 mein Vater verstarb, hatte ich mit der Verarbeitung dieses Verlusts hart zu kämpfen. Doch mit jedem Monat wurde es leichter. Es gab sehr viele Momente, wo ich an ihn gedacht habe und aus denen ich Kraft schöpfen konnte.

Im Januar startete ich mit dem letzten Teil meiner Jagdausbildung im Kanton St. Gallen. Über drei Monate lang besuchte ich jeden Montagabend – Corona geschuldet im online Unterricht – die theoretische Ausbildung. Die Auseinandersetzung mit den Gesetzen der Natur tröstete mich, gab mir Kraft. Im Frühling verbrachte ich viel Zeit im Wald, erkundete Pflanzen, bestimmte Blumen. Und als ich schliesslich im Juni an die Prüfung ging, spürte ich meinen Vater noch einmal sehr nahe. Ich bestand die Prüfung ohne Probleme. Das machte mich sehr glücklich.

Im Frühjahr begann ich mit meiner Fortbildung an der Berner Fachhochschule. Bis Juli besuchte ich die Module online – irgendwie fand ein Teil dieses Jahres vor dem Bildschirm statt – ab August dann in Bern selber. Als ich dann meine MitstudentInnen im real life kennenlernte, war das eine richtig schöne Sache. Berner und Bernerinnen sind einfach tolle, liebe Menschen! Dass ich in Bern alte Freundinnen und Freunde traf, tat mir sehr gut.

Literarisch wurden dieses Jahr zwei Texte von mir veröffentlicht. Der erste im Kulturblatt „Obacht“ des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Ich durfte über die Jagd und meine Liebe zum Wald schreiben.

Im Sommer 2021 erschien schliesslich das Buch „Bleib doch – komm wieder“ im Saatgut Verlag. Das Buch handelt vom Aufbrechen und Ankommen, vom Bleiben und Weiterziehen. Mein Textbeitrag handelt vom legendären „tapferen Thurgauer Meitli“, einem Mädchen, das in den Wirren des Schwabenkriegs schreckliche Dinge erlebt und überlebt.

Ich las in diesem Jahr zwar viele Bücher, allerdings nur wenige Romane. Ich befasste mich mit positiver Psychologie, Führungsthemen und Resilienz, schrieb weiterhin tapfer Tagebuch und gestaltete mein Bulletjournal. Etwas machte mich sehr glücklich: Ich fand in einer Kiste Omis handgeschriebene Rezepte, die ich verloren glaubte. Ich bin so auf ihr legendäres Gulasch-Rezept gestossen.

Ich fing wieder an mit Langlaufen und überhaupt liebe ich frühmorgendliche Spaziergänge und Wanderungen. Je früher desto besser. Hügel und Berge ziehen mich an.

Ich erhielt von der Frau meines Vaters viele Erinnerungsstücke an meinen Papi, unter anderem seinen legendären Humpen, der nie brechen durfte, seine Waffenlauf-Uhren und seine Sport-Collagen-Hefte aus den 60ern. In diesen Momenten ist er mir sehr nahe. Wir sind uns ähnlich, beide offenbar visuell geprägt, In diesem Jahr arbeitete ich an vielen Collagen, schrieb dafür weniger in meinen Blogs als in früheren Jahren.

Die gemeinsamen Essen mit der Frau meines Vaters machten mich glücklich. Ich verspüre ein tiefes Gefühl von Familie, von Zugehörigsein, gerade in Zeiten von Corona.

Für 2022 hege ich viele Wünsche: ab April werde ich mich an der Berner Fachhochschule weiterbilden. Ich möchte die Falkner-Ausbildung besuchen. Im Frühling 2022 wird das Dach unseres Hauses gedeckt.

Was von 2021 bleibt, sind viele Er-Innerungen, Trauer, ein Gefühl der Dankbarkeit und der Lebensfreude, Neugier und den Willen, die Natur zu erkunden. Meine Liebe gehört weiterhin den Geschöpfen des Waldes und den Vögeln. Darin bin und bleibe ich ganz die Tochter meines Vaters.

Nicht jeder Todesfall sei eine Tragödie

Heute abend las ich ein Zitat einer Schweizer Politikerin. „Nicht jeder Todesfall ist eine Tragödie“. Ich fühlte mich von diesem Satz betroffen.

Es ist tatsächlich so, dass ich seit dem Tod meines Vater vor einem Jahr erleichtert bin, dass er gehen konnte. Es ist für mich nur schwer vorstellbar, wie er mit seiner Beeinträchtigung, der ständigen Bedrohung durch Erkrankung und Pflegeheim, seinem engagierten Streben nach Mitsprache und Teilhabe, nach Dabeisein so hätte friedlich weiterleben können. In dem Sinne ist für ihn sein Sterben wohl eine Erlösung.

Für uns als Hinterbliebene ist sein Tod hingegen eine Tragödie.

Er fehlt uns so sehr mit seiner leisen feinen Stimme. Er fehlt mit seiner Sanftheit und seinen klugen Bemerkungen.

Ich erinnere mich an so vieles.

Ich erinnere mich an die Kaninchenausstellungen, wo er aktiv mit dabei war und wir Mädchen Lose verkauften, sein Lob erhielten, weil wir wirklich gut waren. Er war ein grosser Tierfreund, ein Mann, der sich über so viele Jahre Wissen angeeignet hatte, das er auch weitergeben konnte.

Ich erinnere mich an jenen einen Volkslauf, wo er mich anfeuerte, dass ich schnell rannte, zwei Jahre nach meinen Hüft-OPs, nachdem ich wieder gelernt hatte zu laufen. Er liebte den Sport, selbst als er selber nicht mehr gehen konnte, hat er es geliebt, zuzusehen wie andere Höchstleistungen vollbrachten.

Ich erinnere mich daran, wie er mir geduldig zugehört hatte, wenn ich Sorgen hatte. Meist stand er dabei in seinem Kaninchenstall, fütterte die Tiere. Er nickte. Stellte Fragen. Er gab nie Ratschläge. Er ist für mich ein role model, was Vater und Mann sein angeht. Er war fair und liebevoll. Ich rechne es ihm hoch an, dass er bis zu seinem Tod dafür gesorgt hat, dass es seiner Frau gut geht.

Nun, er fehlt. Für uns Hinterbliebene ist sein Tod eine grosse Tragödie. Es hätte noch so viel mit ihm zu erleben gegeben. So vieles bleibt ungesagt und un-erlebt. Für ihn ist sein Tod bestimmt eine Erlösung gewesen. Er litt unsagbar. Für uns ist sein Tod ein Verlust.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen liebevollen, wunderbaren Menschen. Einen engagierten, liebenden Vater. Einen Geniesser. Einen Tierfreund, einen Naturliebenden. Er fehlt.

Ein Jahr ohne ihn

Die letzten zwölf Monate vergingen wie im Flug. Seit einem Jahr bin ich nun gefühlt eine Waise.

Mein Vater fehlt mir noch immer sehr, aber nicht mehr so stark wie noch vor einem Jahr. Es scheint, als könnte ich ihn nun langsam loslassen.

Mir war bewusst, ich bin eine Vatertochter, und das durch und durch. Ich weiss natürlich, wie negativ dieser Begriff besetzt ist. Doch ist er für mich passend.

Mein Vater hat mich zu vielen Anlässen seiner Vereine mitgenommen und es war nie ein Thema für ihn, dass ich ein Mädchen war. Er hat da nicht gross in Schubladen gedacht.

Er war beschützend und gleichzeitig fordernd, was meine körperlichen Grenzen anging. Er hat nie still akzeptiert, dass ich als Kind drei Hüft-OPs hinter mich brachte und wieder lernen musste zu laufen. Er wollte, dass ich rennen kann.

Erst viele Jahre später erfuhr ich, wie viele Sorgen er sich gemacht hat, dass ich nie wieder laufen lernen würde. In der Sache hat er sich geirrt und wenn er wüsste, wie ich jetzt durch steiles Gelände latsche und mich unter vom Sturm gefällten Bäumen durchquetsche, würde er es wohl nicht glauben.

Mein Vater hat immer – selbst als er schwer erkrankt war – an meinem Leben teilgenommen. Unser letztes gemeinsames Jahr wurde uns genommen und ich bereue, dass ich nicht mehr an seiner Seite sein konnte.

Die ersten Monate nach seinem Tod waren sehr schwer für mich. Ich fiel in ein Loch und trauerte stark. Er fehlt mir sehr. Er fehlt mir, wenn ich den Säntis und die Churfirsten sehe und daran denke, wie wir gemeinsam wandern waren. Er fehlt mir jedes Mal, wenn ich an Orten vorbei fahre, die uns beiden etwas bedeuten.

Zu gerne würde ich ihn einfach anrufen und ihn fragen, wie es ihm geht. Kurz darüber reden, was ich gerade mache und wie es mir geht. Seiner schönen, lieben Stimme zuhören, einer Anekdote lauschen, die ich bis anhin nicht kannte.

Ich habe viele schöne Erinnerungen an ihn. Die meisten stammen aus meiner Kindheit, dann aus späteren Jahren.

Mein Vater war für mich immer ein Vorbild an Stärke und Empathie, an Liebe und Klugheit.

Die letzten Jahre seines Lebens widmete er, neben der Auseinandersetzung mit seiner Krankheit, der Ornithologie. Er erkannte viele Vogelarten, beobachtete sie gerne und hielt sich gerne draussen auf. Mit ihm erblickte ich zum ersten Mal Eisvögel und seine Liebe zu Greif- und Rabenvögeln hat mich ebenfalls sehr geprägt.

Ohne ihn ist vieles anders. Doch seine Liebe bleibt.

Liebe

Ich denke oft an meinen Vater. Sein erster Todestag naht.

Manchmal kommt er mir in den Sinn, wenn ich auf dem Arbeitsweg in den Sonnenaufgang fahre. Ich denke dabei an die Sonnenaufgänge in meiner Kindheit. Jene Nacht, wo er und Mutter meine Schwester in den Notfall nach St, Gallen brachten, weil sie einen Fieberkrampf erlitt und zwischen Leben und Tod schwebte. Sie hatten zwei Jahre zuvor bereits meinen Bruder verloren. Die Angst, nun auch meine Schwester zu verlieren, war spürbar.

Wenn ich an Züberwangen vorbei fahre, kommt mir jene legendäre Kleintierausstellung in den 2010ern in den Sinn, die er mitverantwortete, kurz vor seiner Krebserkrankung. Er war immer ein Macher, einer der andere mitriss und begeistern konnte. Eine Führungspersönlichkeit.

Er feuerte mich an, mit dem Velo auf den Chasseral zu fahren, das trotz der kurz zurückliegenden Hüft-OP. Er gab mich nicht auf. „Du schaffst das!“ rief er.

Ich muss dran denken, wie er während seiner Krebserkrankung alle Karten auf den Tisch legte und mir alles, was er wusste, über den Tod meines Bruders erzählte. Wie wir danach gemeinsam weinten und uns umarmten.

Dann sehe ich ihn vor mir, wie er vor zwei Jahren, bereits schwer erkrankt und beeinträchtigt in seinem Entspannungsstuhl liegt. Er wirkt dabei wie der Christus in Michelangelos Pietà. Von nun an würde ich jedes Mal, wenn ich ihn sehe, daran denke müssen, wie sehr er an diesem Leben, das er doch so sehr liebte, litt. Zum ersten Mal im Leben würde ich erleichtert sein, dass ein geliebter Mensch stirbt. Manchmal ist das Leiden des geliebten Menschen so schwer erträglich, dass der Tod eine Befreiung ist.

Vor einem Jahr trete ich eine neue Stelle an. Mein Vater liegt im Sterben. Ich bin hin und her gerissen, arbeite viel. Ich sehe ihn im November 2020 noch zwei Mal. Am 19. November stirbt er. Bis zehn Minuten vor seinem Tod sitze ich bei ihm. Dann werde ich müde und verlasse ihn, weil ich spüre, dass ich nicht mehr weiter kann.

Nach seinem Tod denke ich oft an ihn, mit einem Mal erscheint er mir vor meinen Augen wieder jünger, stärker. Nicht leidend. Ich muss an vieles denken, was ich mit ihm erleben durfte. Er war so ein starker, sensibler und empathischer, lieber Mann.

Was von ihm bleibt? Meine wohl genetisch veranlagte Liebe zu Hühnern, Rabenvögeln, Greifvögeln, zu Bäumen. Die Liebe zur Natur, zu frischer Luft. Seine Holzuhren. Seine Collagen. Seine Liebe zu all jenen Menschen, die ihm nahe waren, bis zuletzt. Seine tiefe Verbundenheit und Liebe zu seiner Frau. Meine Erinnerungen an ihn, diesen lieben Menschen, meinen geliebten Vater.

Remember November

Nun naht der November. In 3 Wochen ist mein Vater 1 Jahr tot.

12 Monate ohne seine Stimme. Ohne Umarmung. Ohne Abschiedskuss. Ohne Worte. Ohne ihn.

Wenn ich es mir recht überlege, habe ich natürlich sehr viel länger ohne all das gelebt, was mir als Tochter wichtig war. Wir haben uns seit seinem Geburtstag im Februar 2020 nicht mehr oft gesehen bis kurz vor seinem Tod.

Vor einigen Tagen haben seine Frau und ich darüber gesprochen. Ich war sehr traurig, weil ich den Kontakt zu den zwei Menschen, die mir sehr nahe waren und sind, nicht mehr pflegen konnte. Doch sie tröstete mich. Sie sagte, wir haben es so abgemacht und das war gut so. Alles andere wäre schwierig gewesen. Sie hat Recht. Dennoch empfinde ich nach wie vor eine grosse Trauer.

Trauern sei im Grunde ein verblendeter Geisteszustand, der von Anhaftung und die wiederum von Unwissenheit rühre, schrieb mir heute ein Mensch.

Nun naht der November. Nach all den Sterbemonaten in meiner Familie ist er der letzte. Vielleicht stecke ich wirklich zu sehr im Er-Innern und zu wenig im Er-Aussen. Gleichzeitig spüre ich aber das Bedürfnis nach Weinen und Loslassen, nach Er-Innern und dem Hervorholen von Begegnungen und Emotionen.

Wenn ich an meinen Vater denke, ist er immer so um die 40, sieht glücklich und wohlauf aus. Ich erinnere mich gerne an die 90er, an seine sportlichen Zeiten, seine Lust am Leben und seine Motivationsversuche, mich wieder zum Gehen zu bewegen.

Tatsächlich war es mein Vater, der mich 1988 nach meiner Hüft-OP pushte und ermutigte, laufen zu lernen. Er war noch viele Jahre später erstaunt, dass mein Rücken und meine Beine gesund waren. Wenn ich nun im Herbst durch dichtes Gehölz bergauf laufe, denke ich an ihn. Ich hätte ihn zu gerne an meiner Seite, stolz, fröhlich und glücklich. Denn genauso wäre es, wenn er jetzt noch leben würde.

Verlernt zu sterben.

Vor einer Woche habe ich meinen Freund ins Spital gebracht. Ich war guter Dinge.
Einige wenige Stunden später schien alles anders. Er wurde nicht einfach entlassen, sondern musste bleiben. Ich verbrachte einen ersten Freitag alleine. Ich war irritiert, weil ich den Tag anders geplant hatte. Mit ihm. Nicht ohne ihn.
Dann wurde es Samstag. Er wurde von einem Spital ins nächste verlegt, schliesslich landete er in St. Gallen.

Ich fuhr mit einer Tasche gefüllt mit Kleidern und seinem iPad ins Spital.
Das Spitalgelände, die einzelnen Häuser, wurden von Securitas-Leuten bewacht. Ich wunderte mich über die vielen Menschen auf dem Platz beim Spital. Es war schönes Wetter.

Im Haus, wo er lag, verwies mich die freundliche Security-Frau an den Empfang, einige Häuser weiter. Ich sollte mir eine Besucherkarte beschaffen, sonst würde ich das Haus nicht betreten dürfen. Das Zertifikat und die Tatsache, dass er keine Kleider mehr hatte, spielten keine Rolle.
Ich ging also zum Empfang, äusserte mein Anliegen und kriegte zu hören, dass ich ihn nicht sehen würde. Besuchsverbot. Schliesslich war mein Freund nicht in palliativer Pflege. Und seine Sachen würde ich jemandem übergeben können.

Mir sackten die Beine weg. Ich hatte ihn seit einem Tag nicht mehr gesehen, wusste nicht, wie es ihm ging. Ich wusste nur, es ging ihm schlecht.
Die Frau vom Empfang schrie mich an. Ich wankte davon.

Vor bald anderthalb Jahren hatte ich das Gleiche erlebt. Mein Vater verbrachte einen Monat im Pflegeheim. Er nannte es „Isolationshaft“. Wir durften ihn nicht besuchen, nicht sehen, wie es ihm ging.

Das Gefühl von damals kehrte zurück. Ich verstand zwar „Besuchsverbot“, aber mir wollte nicht in den Kopf, dass mir jemals jemand verbieten könnte, meinen Freund zu sehen.
Ich ging zurück in das Haus, wo mein Freund als Patient aufgenommen worden war. Eine Pflegende sprach mich an. Ihr würde ich seine Sachen übergeben können. Und nein, ich durfte ihn nicht besuchen, da er nicht so krank war. Nicht palliativ versorgt. Ich kriegte mit einem Mal keine Luft mehr durch die Maske. Ich weinte.

Schliesslich stand er plötzlich neben mir. Er war bloss rauchen gegangen. Ich weinte weiter. Ich weinte, weil ich unglaublich traurig war. Weil ich nun verstand, warum an diesem schönen Tag so unglaublich viele Leute auf dem Platz vor dem Spital standen und sassen. Das waren alles Menschen, die sich einfach nur sehen wollten, aber nicht sehen durften. In diesem Spital, in diesem Kanton, wo ein Regierungsrat sagte, wir hätten verlernt zu sterben.

Eine halbe Stunde später fuhr ich nach Hause zurück, vorbei an grünen Wiesen, Hügeln und Waldstücken. Immer weiter. Nach Hause. Vor einer Woche hatte ich meinen Freund ins Spital gebracht. Ich war guter Dinge.

Nachtrag 22. Oktober 2021: Sascha ist inzwischen aus dem Spital entlassen worden, ist wieder zuhause und fühlt sich den Umständen entsprechend gut. Ich hoffe auf einen Blogbeitrag aus seiner Feder. Was er in den letzten Tagen in den drei St. Galler Spitälern Wattwil, Wil und St. Gallen erlebt hat, ist bestimmt sehr interessant und vielsagend.