Angst

Eine jener Ängste, die mich die letzten Jahre, bevor Paula ins Pflegeheim eintrat, umgab, war jene, dass sie überfallen oder ausgeraubt werden könnte. Sie lebte all die Jahre in ihrem Haus, das ihr so ans Herz gewachsen war und welches sie am Schluss so sehr gehasst hat.

Paula hatte während Jahrzehnten gerne telephoniert und es machte mich mehr als einmal misstrauisch, wenn sie mir erzählte, sie hätte mit netten Menschen geredet. Die Krankenkasse, die sie zu einer höheren Franchise überreden wollte, ist hier nur ein Beispiel. Zum Glück hatte sie einen guten Betreuer, der ihr in Vertragssachen half.

Besonders wütend machten mich die sogenannten „Stündeler“, wie Paula sie nannte. Das waren Sektierer, die ihr Bücher und Prospekte andrehten. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich bei all jenen unehrlichen Menschen vorbeigegangen und hätte sie verflucht.

Ich wusste, dass Paula bald nicht mehr selber würde entscheiden können. Doch ich hatte keine Ahnung, wie man ein solches Gesuch stellt. Ich hatte das Gefühl, dass Paulas grösstes Gut die Autonomie war und als Enkelin lag es mir fern, einfach so über meine Oma zu bestimmen.

Mit 30 stellt man sich keine Fragen übers Altwerden. Ich hätte es vielleicht tun sollen.

die liebe verwandtschaft

es ist schon seltsam. wenn ein familienmitglied dement wird, spaltet sich die liebe verwandtschaft auf: die sonst immer so netten haben plötzlich immer was sehr dringendes zu tun, wenns ums ablösen oder einen besuch geht. die überkritischen fordern sofortige entmündigung und am liebsten einweisung die geschlossene psychiatrie, zuvor jedoch noch die verteilung der güter. und dann sind da noch die ewigen ignorierer, die selbst wenn oma nicht mal mehr selber aufs klo gehen kann, dran glauben, dass „das alles schon wieder wird“. übrig bleiben dann nur noch die sozialkompetenten, die ewig netten. an denen bleibt dann der ganze papierkrieg, das räumen der (vermüllten) wohnung, der umzug ins altersheim, hängen.

ich habe insofern glück, dass ich einen partner habe, der mich unterstützt und mich aushält, wenn ich mal wieder am ende meiner kräfte bin, weil ich alle meine freien tage bei paula verbringe. nicht zur ruhe komme.

ich habe glück, dass ich meinen vater und seine frau habe, die mir helfen wollen, wenns hart auf hart kommt.

vor allem aber habe ich glück, dass ich freunde habe, die sich bei all meinem gelaber über paula nicht von mir abgewendet haben. dafür bin ich sehr dankbar. dieses glück hat nicht jeder und ich bin mir dessen bewusst.

schön wäre, wenn die leser dieses blogs wahrnehmen, wenn in ihrem näheren umfeld not am mann oder an der frau ist. meistens ist zuhören die halbe miete.