Weihnachtsgefühle

Seit frühester Kindheit kaufte ich immer mit Paula ein.
Wir liebten es besonders durch Haushaltsabteilungen grosser Kaufhäuser zu laufen.
Paula und ich marschierten ernsten Blickes durch Ausstellungen jeglicher Geschirrsorten, Teppiche, Mercerie und Gebrauchsgegenstände.
Paula trug meistens ihren dunkelblauen Blazer und musterte alles, was ihr unter die Finger kam. Mit ihr war Einkaufen wirklich ein Erlebnis.

Als ich noch in der Lehre und später im Praktikum war und kaum Geld hatte, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, griff sie mir oft unter die Arme. Sie schenkte mir Lebensmittel, die ich mir damals unmöglich hätte leisten können.
Immer hat sie für mich gesorgt. Nie hat sie irgendwas bemängelt, was ich tat.

Ich vermisse die Weihnachtseinkäufe mit ihr. Ich vermisse ihre Pakete, die Krippe, die Weihnachtsbeleuchtung, Weihnachtsfilme schauen mit ihr, ihre Umarmungen, ihre Stimme, wenn sie Weihnachtslieder sang.

An Weihnachten 93 kehrte ich vom Welschlandjahr nach Hause zurück und merkte, dass die Ehe meiner Eltern am Ende war. Scheidung. Was für ein schlimmes Wort als Ausdruck erloschener Liebe.

Ich muss an das letzte Weihnachten mit Paula und Walter denken. 1996. Er lag im Bett. Wir wussten, er stirbt bald. Es würde noch genau 13 Tage bis zu seinem Tod dauern. Alles ging so furchtbar schnell und doch sehr langsam.
Das Haus war mit einem Male ruhig.

Ich war noch nicht mal 20 Jahre alt, als mein Opa starb. Jetzt bin ich 36. Alles liegt offen vor mir. Was wird werden in einem halben Jahr? In einem Jahr? Werde ich bald alleine sein, ohne meine Familie, die ich über alles liebe? Wo werde ich in 20 Jahren sein?

was man alles verliert

als angehöriger eines demenzkranken menschen verliert man vieles.
man muss den einst geliebten menschen loslassen, mit dem man wunderbare gespräche führte und der immer für einen da war.
man verliert den menschen, der einen ein leben lang beschützt hat.
irgendwie verliert man einen teil seiner eigenen geschichte. der mensch, der sie mit dir hätte erzählen können, erinnert sich nicht mehr daran.

so mit acht begriff ich, wie wichtig meine grosseltern für mich waren. omi und opi waren die absolut lebensnotwendigsten menschen für mich. omi war kioskverkäuferin und kannte jede süssigkeit und jede kinderzeitschrift. trotz allem sprach sie meine sprache und akzeptierte mich wie ich war. von ihr kam niemals: „sei anders!“ mir scheint heute, als hätte sie schon früh mein wesen begriffen. meine gespräche mit ihr waren immer sehr viel ehrlicher als mit allen anderen menschen in meinem umfeld. mit ihr konnte ich über mein leben, meine freundschaften, meine sehnsüchte und meine wünsche sprechen. omi verstand mich immer.

vielleicht ist es das, was mich jetzt fast verzweifeln lässt. ich verliere diesen wunderbaren menschen, meine omi. alles, was wir einst gemeinsam hatten, zerstreut sich. die worte verschwimmen langsam. es bleiben umarmungen, berührungen und tränen.

paula ist wütend, weil ihr gedächtnis immer schlechter wird. sie hasst sich, weil sie ihre schlüssel, ihr portemonnaie und ihre notizzettel nicht mehr findet.
ich bin verzweifelt und wütend, weil ich es fast nicht ertrage, paulas zerfall mitanzusehen, ohne etwas verrichten zu können. ich stehe da und bin hilflos. so habe ich mir das nicht vorgestellt.