Smalltalk vs. wirkliche Nähe

Wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, gibt es mehrere Möglichkeiten, wie man sich verhält:

Die einfache Variante ist die, in der man sich mit Arbeit zumüllt, sich abwendet und sich erst wieder meldet, wenn alles vorbei ist. In der heutigen Zeit ist die Beschäftigung mit dem Tod so eine Sache. Wir sind alle sehr viel lieber jung, smart und lebendig. Totsein ist eine belastende Sache fürs Umfeld. Besonders trauernde Männer bevorzugen diese Art der Trauer.

Die andere Variante, die ich persönlich bevorzuge, ist jene, wo ich mich zuwende. Sterben ist per se nichts Abnormales. Es ist sozusagen genauso normal, wie wenn jemand ein Kind zur Welt bringt, nur andersrum.

Die Beschäftigung mit dem Sterben hat allerdings Nebenwirkungen. Ich wage zu behaupten, dass ich mich verändere, wenn ich mich mit einem Sterbenden abgebe. Ich gewinne neue Einsichten über das Leben und mich selbst. Wie gehe ich mit dem Schmerz um? Was fühle ich? Wie viel Nähe lasse ich zu?

Als meine Mutter im Sterben lag, konnte ich fast nicht mehr reden, denn es gab fast niemanden, der mir hätte zuhören wollen. Man wiederholt sich. Smalltalk ist mit dem Angehörigen eines Sterbenden keine gute Sache.

Auf die Frage: „Wie geht es dir?“ zu antworten mit: „Es geht mir schlecht. Meine Mutter liegt im Sterben.“ ist natürlich kein Satz, den man auf einer lustigen Party sagt.

Wir haben den Tod aus unseren Leben ausquartiert. Man sterbe bitte in Sterbehäusern, in Altersheimen, im Spital, aber bitte nicht neben mir.

Aber ich habe auch noch was anderes beobachtet. Wenn ich mich öffne, gerade gegenüber Angehörigen, die jemanden verlieren, ist wirkliche Nähe möglich. Es braucht sehr viel Mut, über seine Gefühle zu sprechen. Schlussendlich erleben wir doch fast alle dasselbe: wir verlieren Menschen, die wir lieben, die unser Leben bereichert haben. Wir sind es uns doch schuldig, dass wir nicht nur über ihr Leben, sondern auch über ihr Gehen von dieser Welt sprechen, oder?

2 Gedanken zu “Smalltalk vs. wirkliche Nähe

  1. Der Verzweiflung Ausdruck geben (können) ist nicht einfach.

    Mal geht es mit vollkommen Fremden, mal mit guten Freunden, mal mit der Familie.

    Dafür bedarf es aber des Bewusstsein, was Leben in Gänze bedeutet.

    So, wie eine Geburt die Eltern zu Eltern macht, sie also konsequent verändert; so verändert eben auch die Krankheit, das Alter und der Tod die Menschen.

    Das Leben ist ein Kontinuum.

    Wann und warum ist eigentlich dieser Bruch entstanden, dass man dies nicht mehr (er)leben darf?

    Meine Oma starb bei uns zu Hause. Meine Eltern hatten sie Anfang der 80ziger zu uns geholt. Damit es nicht noch zu weiteren medizinischen „Experimenten“ kommen konnte und sie Frieden finden durfte.

    In der Vergangenheit gab es Stimmen, die meinten, es hätte mich traumatisiert.

    Ich bin da vollkommen gegenteiliger Meinung.

    Es hat bereits mit 11 Jahren meine Sinne geschärft.

    Es hat mich in die Lage versetzt, Krankheit, Unglück, Behinderung und Tod aushalten zu können. Nicht immer so „einfach“. Aber zumindest verstecke ich mich nicht davor.

    Gehe hin, wenn jemand krank ist, nehme meine Kinder mit. Zeige ihnen, dass das Leben mehr ist, als das „Junkfood“, das die Medien präsentieren. Und so gehört auch das Sterben, der Tod, die Begleitung und die Beerdigung zu unserem Leben. Auch für die Kinder.

    Ich weiß, wie schwer es meinem Mann fällt, der dies in der Kindheit so nicht erlebt hat, dies alles zu ertragen.

    Nähe kann auch nur durch Gemeinsamkeit ohne Gespräch entstehen. Einfach nur zusammen bei jemandem sein, der sich vielleicht auch nur stumm verabschiedet.

    Dazu fällt mir die Sterbebegleitung der Urgroßtante meiner Kinder ein. Es sammelten sich nach und nach Leute an ihrem Bett. Sie wurde ruhiger, je mehr leise Stimmen sie hörte. Und mich beruhigten sogar die gemurmelten Gebete und die Kerze, die ich in Achtung ihres Glauben dort entzündete. Mein damals einjähriger „turnte“ durch das Zimmer, leiser als sonst, aber immer noch Kind. Und es gehörte einfach dazu.

    Es war gut so.

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  2. Ich bin in einem Bergdorf aufgewachsen. Da hat man die Verstorbenen bei sich zu Hause im Wohnzimmer aufgebahrt und die ganze Nacht durch war immer jemand da am Beten. Ich habe das bei meiner Grossmutter miterlebt als ich etwa 10jährig war.
    Wir versuchen unseren Kinder die Nähe zu unseren Eltern mitzugeben, auch wenn das Alter ihnen langsam gewisse Möglichkeiten nimmt. Aber die sanften Gesten und Hilfestellungen unserer Kinder zu den Grosseltern und umgekehrt berühren mich und machen die Beziehung so wertvoll.

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