Gesellschaftlich anerkannte Todesursache

Als meine Mutter vor bald sieben Jahren im Sterben lag und ich deswegen total von der Rolle war, wurde ich natürlich von meinem Umfeld gefragt, was sie denn habe.

Für Kinder und Angehörige von Alkoholkranken ist diese Frage die ultimative Nervenprobe. Denn in diesem Moment kommt es schlussendlich aus, aus welcher familiären Situation man entstammt. Man könnte natürlich sagen: meine Mutter hat Krebs. Dann kann man sich des Mitgefühls sicher sein. Man kriegt einige nette Worte zu hören und das unbeschwerte Leben dreht sich wieder weiter um sich selbst.

In meinem Fall war es etwas anders. Ich war es müde, zu lügen. Mir stand in jener Situation, an jenem Wendepunkt meines Lebens der Sinn nach Ehrlichkeit.

Ich trug schwarz, weil ich mich schwarz vor Trauer fühlte. Ich schminkte mich nicht mehr. Ich färbte meine Haare nicht mehr. Die weisse Strähne war nicht zu übertünchen. Nicht mehr.

So begann ich auf Fragen meines Umfelds nach meinem Befinden mit „es geht mir nicht gut“, zu antworten. Natürlich nicht. Schliesslich lag meine Mutter im Sterben. Diese Antwort impliziert aber offenbar eine Respektlosigkeit gegenüber dem Umfeld. Überraschte, um nicht zu sagen, schockierte Blicke fing ich mir zuhauf ein.

Nein, über den Tod spricht man nicht, habe ich mir sagen lassen. Erst recht nicht, wenn der Sterbende sich den Tod selber beifügt. Oder so.

Ich weiss nicht mehr, wie oft mir Ärzte damals gesagt hatten, dass meiner Mutter dieses Sterben selbst zuzuschreiben war. Das machte mich wütend, denn es widersprach dem, was ich unter professioneller Pflege und Medizin verstand.

Ja,, meine liebe Mutter hat sich auf gut Deutsch gesagt die Birne weg gesoffen. Die Gründe dafür aber waren vielfältig. Schlussendlich war es ihre Entscheidung. Aber Schuld hat sie nicht.

Offen zu sagen, dass die eigene Mutter getrunken hat und nun an diesem übermässigen Alkoholkonsum langsam aber sicher und wie ein Tier eingehen würde, war und ist eine Provokation sondergleichen.

Darüber spricht man nicht. Man darf leiden. Ja. Aber nicht zu sehr, denn schliesslich ist die Sterbende selber schuld. Hätte sie mal etwas weniger gesoffen…

Die Pflege im Spital war schlecht. Schliesslich war meine Mutter ein Sozialfall und galt als sozialer Müll. Keiner wollte wissen, wie gut sie stricken und häkeln konnte, was für ein fantastisches Namensgedächtnis sie hatte, wie sehr sie Filme liebte.

Am Schluss konnte sie es nämlich nicht mehr. Die Giftstoffe, welche ihre Leber nicht mehr filtern konnte, stiegen ihr zu Kopf und töteten sie langsam. Manchmal lallte sie. Ihr Aszites schränkte sie bei der Bewegung ein und ermüdeten sie. Die Pflegenden im Spital bezeichneten sie deshalb als „nicht kooperativ“. Klar, wer stirbt, und erst recht am Alk, hat gefälligst bis zur letzten Sekunde das zu tun, was eine Pflegende erwartet. Wie pervers ist das denn?

Ihre Lungen funktionierten wunderbar, trotz des jahrelangen Rauchens. Ihr einst wunderschönes, dunkles Gesicht wurde senfgelb. Ihre Augäpfel färbten sich ebenfalls und liessen sie noch verletzlicher, noch verhärmter, aussehen. Sie roch nach frischer Leber. Den Geruch werde ich nie mehr vergessen.

Was bleibt, ist der letzte Blick auf sie. Ich hatte gedacht, ich könnte ihr Gesicht fotographieren, um mich für immer daran zu erinnern. Doch ich tat es nicht, weil es falsch war. Ihr friedliches, totes Gesicht würde ich nie vergessen. Nie.

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3 Gedanken zu “Gesellschaftlich anerkannte Todesursache

  1. Liebe Zora,
    ich weiss genau, was alkoholkrank bedeutet: Ich habe Erfahrungen mit der Selbsthilfegruppe Emotions Anonymous (EA). Habe dort 1988 eine (damals noch verheiratete) Frau kennengelernt, Helga, deren Mann Alkoholiker war. Als ich sie kennen lernte, lebte sie schon vom Mann getrennt. Später hat sie sich scheiden lassen. Wir gingen zusammen regelmässig zu EA. Aber: sie nahm mich auch mit zu AL-A-NON = der Selbsthilfegruppe für die Familienangehörigen der Alkoholiker. Ja, sind ging mit mir sogar – zum besseren Verstehen – zu den Anonymen Alkoholikern (AA), wenn diese, einmal im Monat, ein sogenanntes offenes Meeting hatten. Ich habe nichts Beeindruckenderes im Leben kennen gelernt, als die Offenheit in der aktuellen AA-Runde, wenn dort einer sagte: „Ich bin Walter, ich BIN Alkoholiker, aber ich bin seit zwanzig Jahren trocken“. DAS sind Helden. Und Heldinnen gab es dort auch. NAch einem Jahr mochten mich diese gestandenen Alkoholiker(Innen) so sehr, dass ich in ihrer Runde das „Alkoholiker-Gebet! (Jargon in der Gruppe) aus dem AA-Buch vorlesen durfte. Ich hatte beim Lesen jedesmal eine Gändehaut.

    Helga, (sie hatte eine hübsche 21jährige Tochter, die bei mir Auto fahren lernte, und die nach bestandener Prüfung auch meinen damaligen Capri II fahren durfte), Helga, ihre Mutter also, hat mich im Sommer 1990 mit Bedauern verlassen, weil ich damals tief in Depressionen steckte und sie – trotz EA – damit nicht zurande kam.

    Ich bewundere die Härte, die Du Dir zur Bewältigung der Härte des Lebens anerzogen hast. Bei all Deinem Schreiben merkt mensch das.

    Rudi Karl Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders

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