Meine Welt, deine Welt

Gespräche mit Omi sind selten linear. Heute war ein Tag, an dem sie sehr viel sprach, mitten im Satz abbrach und eine neue Geschichte zu erzählen begann.

Sie schaut fern. Eine Tiersendung läuft. Sie liebt Tiere und redet mit ihnen. Bären in Alaska, die Zebrafinken im Käfig oder die Heimkatze, für alle hat sie ein liebes Wort. Büsibüsi, miezmiez, Biepsli und brummbrumm. Sie lächelt.

Ein Gespräch ist schwierig. Es geht ihr gut, soweit ist es klar. Sie isst kleine Fruchtstücke aus einem Tellerchen, der auf ihrem Rollator steht. Ihr Blick geht an uns vorbei auf den Fernseher.

Wir reden über Ostern.
„Ostern?“, fragt sie, „ist das auch schon wieder?“.
Ich nickte.
Sie redet über einen Chef, einen Menschen, der längst tot ist. Dann spricht sie von kleinen Kindern, wohl weil im Fernseher gerade ein kleines Kind zu sehen ist.

Nach einer Viertelstunde verabschieden wir uns. Omi ist mit sich selbst beschäftigt. Wir stehen auf und versorgen unsere Stühle wieder. Eine Mitarbeiterin des Pflegeheims sieht uns und meint: „Sie können sich im Fall schon hinsetzen.“
Ich winke ab.
„Schon gut. Heute ist kein Tag für Besuch.“
Omi zuckt die Schultern.
Die Pflegende findet es schade.
„Jetzt haben Sie extra Besuch gekriegt, Frau X.“
„Wir kommen wieder“, sage ich zu beiden, „wir wohnen ja jetzt im Nachbardorf.“
„Das ist schön, dann mussten Sie jetzt nicht extra lange fahren.“
Ich schüttle den Kopf.
„Kein Problem.“

Das erste Osterfest im Haus

Beim Durchlesen wie ich die letzten Ostern verbracht habe, verkneife ich eine Träne. 2013, ich erinnere mich gut, stand das Haus ein halbes Jahr leer und ich war sehr traurig. Ich wusste nicht, wie es weiter gehen würde.

2014 sah ich etwas klarer. Ich wusste, wir würden versuchen, das Haus zu kaufen. Ich freute mich darauf, hier einzuziehen, den Garten zu gestalten und neben E., unserer Nachbarin zu leben.

Und nun ist es da: unser erstes Osterfest im eigenen Haus. Ich habe es dekoriert, Primeln in alte Blumenkästen gepflanzt und Bäume geschnitten.
Noch ist es kalt. Der Schnee ist weg. Die Tulpen blühen noch nicht. Ich bin gespannt darauf, ob auch die Johannisbeersträucher ein weiteres Jahr überleben werden. Ich habe Schokoladenosterhasen und Ostereier gekauft und hoffe, das Wetter wird so gut, dass ich sie verstecken kann. So wie früher, so wie Omi immer getan hat.

Wir werden Omi besuchen. Ich bin wie immer gespannt, wie es ihr geht und was sie mir zu erzählen hat. Bald hat sie nämlich Geburtstag. Dann wird sie 87 Jahre alt. Wir werden von meinen Eltern Besuch erhalten. Ich koche für sie. Ich freue mich. Alles ist gut.

Osterstimmung

Nach bald einmal zwei Monaten sind wir wirklich angekommen. Wir haben die erste Hochwassernacht hinter uns (der Kanal schluckt wirklich viel!) und den ersten Sturm. Die Tanne, die mein Vater unbedingt fällen will, hat dem Wind stand gehalten. Die Katze hat sich ebenfalls an die vielen Zimmer und die Treppen gewöhnt. Sie kommt wieder, wie früher zu ihren festen Zeit in unser Bett und ist immer noch grummelig, wenn ich frühmorgens arbeiten gehe.

Wir haben uns auf den Frühling gefreut, vor allem auf E., unsere Nachbarin. Sie war, solange Omi noch hier lebte, eine wunderbare Ansprechpartnerin. Wir freuten uns darauf, mit ihr und ihren Kindern im Sommer auf unserer Terrasse zu grillieren. Nachbarschaft halt.

Sie hat, als Omi ins Pflegeheim zog, gefragt, ob wir nun ins Haus ziehen würden. Das lag damals, 2012, für uns in weiter Ferne. E. sagte: „Es wäre bestimmt schön, wenn wir Nachbarn würen. Die Kinder würden sich freuen, wenn einmal junge Menschen in dem Quartier lebten.“

Doch heute haben wir erfahren, dass E. tot ist. Wir wussten, dass sie sehr krank ist. Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht. Aber da sie nur ein paar Jahre älter ist als wir, haben wir nicht daran gedacht, dass sie sterben könnte. Wir haben uns nicht einmal von ihr (und den Kindern) verabschieden können.

Und nun sitzen wir da. Sascha und ich sind sehr traurig. E. war ein herzensguter, liebevoller Mensch. Ich werde sie furchtbar vermissen. Es wäre so schön gewesen, zumindest einen Sommer gemeinsam zu verbringen. Ihr Schlagzeugspiel wird uns fehlen.