Letzte Momente

Einen Menschen beim Sterben begleiten zu dürfen, sei eine grosse Gnade, las ich mal. Ich weiss nicht genau, worin genau diese Gnade besteht, denn einen lieben Menschen zu verlieren ist einfach nur hart.

An jenem Wochenende, bevor meine Mutter starb, wurde ich vom Pflegeheim angerufen. Es ging ihr schlecht und ich hatte darum gebeten, dass man mich informiert. So fuhr ich für zwei Stunden von der Arbeit weg zu ihr, durch den dicken Nebel. Ich erinnere mich noch genau, dass ich die Fenster meines Wagen runtergelassen habe, damit die Kälte mich umgibt. Ich weinte.

Meine Mutter sass auf ihrem Bett und freute sich, dass ich vorbei kam. Sie fand es allerdings fragwürdig, dass ich dunkle Kleider trug. „Ich bin im Fall noch nicht tot, Mädchen!“ sagte sie. Sie liebte Farben über alles. Ich hingegen liebte Schwarz, Braun und Grau.

Ich wollte sie eigentlich fragen, wie es ihr geht. Ich hätte wissen wollen, ob sie Angst hat vor dem grossen Nichts. Doch sie verbat sich jegliches Fragen nach dem Tod. Ich akzeptierte es. So sass ich neben ihr auf dem Bett und schaute mit ihr Strickhefte an. Sie erklärte mir, was ihr gefiel, welche Wolle sie bevorzugte und welches Muster etwas schwierig war.

Ich hatte den Geruch von Leber in der Nase. Sie litt an einer Leberzirrhose, die ihren Körper langsam vergiftete.

Wir sassen da und sie hielt meine Hand.
Dann ging ich wieder fort durch den Nebel.

Am nächsten Abend, es war Montag, rief sie mich auf mein Handy an. Sie klang aufgestellt.
„Wie gehts dir so?“ wollte sie wissen.
Ich erzählte ihr, dass ich gerade auf dem Heimweg war.
„Pass auf durch den Nebel. Das ist gefährlich.“
Ich fragte sie, wie es ihr ging.
„Ach, heute war so ein richtig lustiger Tag. Meine Freundin R. kam vorbei. Ich ass eine Portion Spaghetti und jetzt bin ich sehr müde.“
„Dann schlaf“, sagte ich.
„Das werde ich, meine Liebe. Ich wollte dich nur noch anrufen, um dir danke zu sagen, dass du immer für mich da warst.“

In dem Moment wusste ich es.
Wir verabschiedeten uns.

Am nächsten Morgen war sie nicht mehr ansprechbar. Sie schlief sehr langsam ein. Der Nebel lichtete erst einen Tag später. Die Sonne schien.