über die wut

manchmal werde ich wütend.

als angehörige einer demenzkranken frau leiste ich die organisation der pflege in meiner freizeit. immer. auch wenn oma krank ist. ich habe arbeitsrechtlich keine chance auf bezahlte freitage, um die pflege zu organisieren.

natürlich könnte ich jetzt mein pensum senken und 50km von meinem arbeitsort entfernt oma pflegen und pendeln. doch leisten kann ich mir das nicht. bezahlen würde mir diesen lohnausfall niemand. und mit meiner stelle kann ich nicht mit tieferen prozenten arbeiten.

die pflege und begleitung von menschen mit einer demenzerkrankung ist zeitintensiv. bisher schaffen wir es noch telefonisch. doch ich habe angst vor dem moment, wo sie zahlen nicht mehr lesen kann und meine stimme nicht mehr erkennt. ohne die pflege der spitex-frauen wäre dies das wohnen zu hause schon länger nicht mehr möglich gewesen.

ich hab seit monaten mit meinem vorgesetzten klartext gesprochen. ich denke, das ist nicht mehr als fair: die demenz ist an- und ausgesprochen. ich habe rückhalt. vielen anderen geht es jedoch nicht so gut. sie sprechen nicht darüber und arbeiten sich fast zu tode.

mein grossvater wurde in der 80er jahren des letzten jahrhunderts im zuge der textilindustriekrise arbeitslos und hat mehrere jahre seine stiefmutter und seinen vater gepflegt. ich weiss nicht, wie viele männer diesen dienst einfach so getan hätten. deshalb ist er für mich ein grosses vorbild. ich frage mich, wie er das geschafft hat.

über paula

wenn ich mich zurückerinnere, war paula, meine oma, schon immer sehr aussergewöhnlich. sie war nie ein braves hausmütterchen, sondern hat immer gearbeitet. sie ging schon als junge frau in eine fabrik, wo sie strümpfe verarbeitete und verpackte. später hat sie sich dann ihren grossen traum erfüllt: sie wurde verkäuferin. für mich die beste, die ich je erlebt habe. jahrzehntelang war sie als kioskfrau tätig, oft nahm sie mich mit.

paula hat nie eine lehre gemacht. paula kann nicht auto fahren. paula war nie an der urne. das frauenstimmrecht zog einfach an ihr vorüber. sie hat mir in früheren jahren oft erzählt, wie hart ihr leben war. sie wurde als drittes von fünf kindern geboren. ihre eltern waren sehr arm. anfangs des zweiten weltkriegs erlitt paula eine hirnhautentzündung. sie konnte während wochen nicht mehr sprechen, nicht mehr laufen, hat sich alle haare ausgerissen.

irgendwie hat sie’s aber geschafft. sie hat nämlich einen unbändigen lebenswillen. wenn paula was im kopf hat, treibt ihr das keiner aus.

paula hat ihre eltern, ihre schwiegereltern und meine mutter überlebt. immer war sie eine starke frau. ich weiss nicht, ob das gute an der demenz ist, dass sie sich nicht mehr an vieles erinnern kann. um ehemann und tochter trauert sie jedenfalls nicht mehr. sie reagiert erstaunt, wenn ich ihr sage, dass sie verheiratet war.

vielleicht ist es einfach schicksal, dass am ende ihres lebens nur noch sie und ich da sind. ich war immer ihre lieblingsenkelin. ich war ihr augenstern. ihr goldschatz. jeden meiner misserfolge hat sie mit mir durchgestanden und mich auf erfolge vertröstet. wenn was gut ging, haben wir gemeinsam gefeiert. wir sind gemeinsam durch die welt gereist (bis nach berlin!!) und schrieben einander briefe und karten. das verpflichtet mich, jetzt da zu sein für sie. anders kann ich mir das gar nicht vorstellen.

oma, paula und ich.

oma sucht mal wieder ihr portemonnaie. und ihre schlüssel. oma sucht eigentlich immer irgendwas. wenn sie was nicht mehr findet, ruft sie mich, ihre enkelin an. sie ruft mich an, weil sie sich noch an mein sein, allerdings nicht mehr an meinen namen erinnern kann. früher betete sie zum heiligen christopherus. aber auch den hat sie längst vergessen.

sie ruft mich zu jeder tages- und manchmal auch nachtzeit an. meistens weint sie.
ich beruhige sie. versuche zu helfen. tröste sie. hänge auf. weine selber.
so geht das nun schon seit mehreren jahren.

noch im letzten herbst konnte sie selber einkaufen gehen. heute weiss sie nicht mehr, wo der laden ist. beruhigend ist lediglich, dass sie nicht so gut zu fuss ist. denn sonst würde sie noch mehr herum marschieren, sich verirren und man würde sie irgendwann tot auffinden. da bin ich mir sicher. gepflegt wird paula von frauen der spitex. die schauen, dass sie ihre medis nimmt, ihren müll nicht in den dorfbach schmeisst, sich regelmässig wäscht.

einmal die woche, an meinem freien tag, besuche ich paula. denn meine geliebte oma, die frau, die mich als kind vor allem bösen beschützt hat, hat längst paula platz gemacht. paula ist jetzt 84, verwitwet und lebt immer mal wieder in der zeit des zweiten weltkriegs. ich bin froh, dass ich mich in diesem thema auskenne, dank dem kann ich einschätzen, wenn paula angst hat zu verhungern oder dass irgendwas schlimmes passiert. ich trauere mit ihr um meine urgrosseltern, ihre eltern, die schon lange nicht mehr leben und die ich nie getroffen habe. für paula allerdings scheint es gestern passiert.

mein wissen über geschichte und demenz hilft mir, dass ich nicht jedes mal schreiend aus dem haus renne, mir die haare raufe und mich nicht noch schlechter fühle, als ich es jetzt schon tue. aber es schützt mich nicht vor der einsamkeit. darum schreibe ich diesen blog.