Ein Tag im Toggenburg

Tage wie dieser sind nicht mein Ding. Heute ist es besser als früher. In Sommerlagern wurde mir früh morgens in den Schlafsack gesungen. Aufgedreht und mit schlechtem Atem. Heute morgen wurde ich von der Katze geweckt. Der ist es nämlich scheissegal.

So fahre ich ins Toggenburg zu meiner Oma.
Seit einigen Tagen lebt sie mit einer anderen Frau in einem anderen Zimmer. Ich muss mich kurz umgewöhnen. Es ist enger geworden. Nur noch wenige Möbel haben Platz. Omi stört sich nicht daran. Sie liegt auf dem Bett und döst.

Wir reden miteinander. Sie freut sich über mein Kommen. Es ist ein guter Tag. Wir lachen viel. Schliesslich frage ich sie:
„Weisst du, was heute für ein Tag ist?“
„Freitag! Das weiss ich seit heute mittag.“
„Omi, es ist viertel vor elf.“
„Siehst du, werde bloss nie so alt wie ich.“

Dann singt sie mit einem Mal den Refrain eines Songs aus einem meiner Lieblingsfilme. Ich bin versöhnt mit dem Tag.

Als Omi von der Pflegenden in den Essraum begleitet wird, holen Sascha und ich Möbel aus dem Estrich. Ich hatte Angst vor diesem Moment. Doch irgendwie erheitert es mich. Lieber hole ich Möbel, die nicht mehr gebraucht werden, so lange Omi noch lebt.

Wir wollen zum Haus fahren, doch die Zufahrt ist mal wieder zuparkiert. Wir tragen Stühle und Taschen zum Haus. In der Küche packt mich der Ordnungswahn. Ich räume endlich den Gang. Fülle wieder drei Müllsäcke mit Plastik und altem Zeugs. Ich entdecke einige Elektrogeräte, die so alt sind, dass man sie besser nicht in die Nähe einer Steckdose stellt. Ich räume auf. Es tut gut. Im Bad gibt es mehrere Einbauschränke. Sie sind voll abgelaufener Medis, Pflegelotions und Verbände. Die Verpackungen stammen teilweise aus den 60er Jahren. Wieder füllt sich ein Sack. Ich entsorge alte Kleider, von denen ich nicht mal weiss, wer sie einst getragen hat.

Dann, nach zwei Stunden, ist es gut. Ich bin müde. Ich friere. Ich habe Hunger.
Aber irgendwie ist es ein gutes Gefühl, das Haus zu leeren, mich von uralten Dingen zu trennen und dann, irgendwann, bald, hier einzuziehen.

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