oma und ich

das war schon ein ding. soweit ich mich zurück erinnern kann, waren oma und ich das dreamteam. es gab nichts, was wir einander nicht erzählten. sie war für mich immer der fels in der brandung.

es gibt da so eine geschichte. als mein bruder starb, rief mein vater zuerst oma an, damit sie zu mir kommt und auf mich aufpasst. ich war zwar erst zwei, aber ich erinnere mich, dass sie plötzlich da war und mich umarmte und mir alles erklärte. auch später war das thema tod nie ein tabu zwischen uns.

oma war immer da. als ich mich das erste mal unglücklich verliebte, das zweite und dritte mal, immer hatte sie einen rat für mich. von ihr kamen niemals abwertende worte. ich habe nie jemanden kennen gelernt, der derart gut motivieren konnte.

ein highlight waren die ferien bei oma. meine schwester und ich lagen in omas grossem bett, sie in einem kleinen bett, bekleidet mit einem barchetnachthemd, daneben. opa schlief im unteren stock neben dem kachelofen. oma erzählte uns spätnachts immer sehr tolle geschichten. sie erzählte mit leib und seele. da war alles möglich. einmal segelten wir auf einem bett die thur hinunter bis zum rheinfall, weiter bis zum meer. ein andermal flogen wir auf einem teppich über die sahara. im winter froren wir uns fast die füsse ab, weil es keine heizung hatte.

meine schwester und ich wurden zu heldinnen im wilden westen, zu unerschrockenen frauen in jeder lebenslage. für oma war es nie ein thema, dass wir einen beruf lernten. jahre später sind wir gemeinsam nach berlin gefahren. einfach so. da war sie bestimmt schon über 70. wir sind stundenlang durch die stadt gelaufen und haben geredet.

sie stellte nie in frage, dass ich keine kinder wollte. nur in der letzten zeit äusserte sie einmal den wunsch, sie hätte noch gerne einen urenkel. diesen gefallen kann ich ihr nicht tun, bei aller liebe.

paulas haus

morgen also zieht paula aus ihrem haus aus.
für mich war und ist es das haus meiner kindheit, mein sicherer hafen. mein pippi-langstrumpf-schloss. der schönste ort, den ich mir vorstellen kann.

als ich noch ein kind war, habe ich alle meine ferien bei oma und opa verbracht. meine schwester und ich spielten verstecken, bauten uns hütten aus leintüchern, spielten mit dem hund, ärgerten opa. wir waren total frei.
mein grossvater war anfangs der 80er jahre bei seinen eltern eingezogen, um sie zu pflegen. oma behielt vorerst ihre wohnung. nach dem tod ihrer schwiegermutter zog sie dann ebenfalls ein. die jahre mit meinem betagten urgrossvater müssen die hölle gewesen sein.

doch nach dem tod meines urgrossvaters erging es ihr nicht besser. mein grossvater, durch die weberei-krise immer wieder arbeits- und mutlos, war alkoholkrank. am haus durfte sie nichts verändern, das verbot er ihr.

nachdem mein opa nach kurzer schwerer krankheit in den 90ern starb, erblühten oma und das haus in neuem glanz. sie baute um und liess sich alles so einrichten, wie sie es wollte. nach dem tod meiner mutter wurde sie jedoch immer seltsamer. ihr rheuma nahm zu und ich bemerkte erste anzeichen ihrer demenz.

das haus ist über 100 jahre alt und mehr als 50 jahre im besitze meiner familie mütterlicherseits. es liegt neben einem bach und sollte anfangs der 80er abgerissen werden. ich liebe dieses haus so sehr.

ich habe angst vor morgen. paula muss nicht alles räumen. wir zügeln das, was sie braucht. der rest bleibt drin. wie wird es sein, wenn sie nicht mehr da lebt? ich habe angst, dass ich morgen nur noch weinen kann. dabei muss ich morgen stark für paula sein, damit sie den übergang gut schafft.