Das Zürcher Sechselüüte

Wenn ich bei meinen Grosseltern war, in den Frühlingsferien, war das „Sechselüüte“ einfach Pflicht. Mein Grossvater Walter stand dann breitbeinig da, die Hände auf den Hüften und erklärte mir die jüngere und ältere Schweizer Geschichte. Dies tat er leidenschaftlich und mit grosser Sachkenntnis. Paula erfreute sich an den Kostümen und den vielen Blumen.

Aber der Höhepunkt war das Verbrennen des Bööggs. Mein Opa Walter konnte den Sechselüüte-Marsch sowohl mitsummen als auch auf Trompete oder Saxophon mitspielen. Wie habe ich diese Einlagen geliebt. Zwar traf mein Opa mangels vorhandender Zähne nicht mehr jeden Ton, doch seine Leidenschaft für die Musik war spürbar! An solchen Abenden nahm ich meinen Opa als den Musiker wahr, der er war. Für wenige Momente konnte ich den jungen, ungestümen Swing-Musiker vor meinem geistigen Auge sehen.

Heute abend habe ich das Sechselüüte gesehen. Ich musste an 1988 denken. Ich war 11. Alles stimmte. Alle lebten noch. Alles war in meiner kindlichen Welt in Ordnung.

Paula und Barri

Barri war ein Schäferhund-Appenzeller-Sennenhund-Mischling. Er war der Hund meiner Urgrosseltern. In jungen Jahren büchste er aus dem Garten aus und wurde im Altstädtchen von einem Auto angefahren. Er hinkte seither.

Barri war mir der liebste Hund und Paulas bester Freund. Sie hat ihn sehr geliebt. Barri war auch der schlecht erzogendste Hund ever. Er konnte zwar Pfötchen geben und Stöckchen holen, aber das war’s dann auch schon.

Dieser Hund war wirklich aussergewöhnlich. Er liebte es, in den Bach zu springen, der aus einem kleinen Tunnelkanal am Haus meiner Grosseltern vorbei floss. Sein grosses Geschäft verrrichtete er meistens im Tunnel. Wir Kinder machten uns einen Spass daraus zu warten, bis es an uns vorbei floss.

Ich liebte es, mit Barri an der Sonne zu liegen und zu träumen. Ich bin mir ganz sicher, dass auch er oft geträumt hat.

Als ich schon in der Lehre war, wurde Barri krank. Er muss bestimmt 15, 16 Jahre alt gewesen sein. Er konnte immer schlechter laufen. Irgendwann brach er zusammen. Es regnete. Paula und ihr Mann mussten den Tierarzt holen.

Ich weiss nicht genau, was damals passiert ist, aber es hat Paula sehr lange beschäftigt. Immer wieder machte sie sich Vorwürfe.

Der Tierarzt hatte Barri eine Spritze gegeben. Paula wartete im Regen, bis er tot war. Sie sagte später, der Tierarzt habe Barri wie ein Stück totes Fleisch abtransportieren lassen. Sie war sich lange nicht sicher, ob er wirklich tot war. Oft litt sie unter Albträumen, Barri würde noch leben und gequält werden. Wie oft haben wir darüber gesprochen und geweint. Noch Jahre später, sogar nach Opas Tod, unterschrieb sie alle Briefe mit „Paula, Opi und Barri“.

Das hat vor ein paar Jahren aufgehört. Vielleicht ist das etwas der wenigen Dinge, die gut sind an einer Demenz. Man erinnert sich nicht mehr an alle Scheusslichkeiten des Lebens. Man vergisst seine lieben Toten und ist für sich selber existent und irgendwann nicht einmal mehr das.

Der Osterbesuch

Der Besuch bei Paula ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung.
Ich fahre jeweils fast eine Stunde, bis ich bei ihr im Toggenburg bin. Der heutige Verkehr hat an meinen Nerven gezehrt. Das Wetter war gelinde gesagt scheisse. Ich konnte nicht einmal die schöne Gegend geniessen.

Dann sind wir da. Wie immer haben wir Paulas Lieblingslebensmittel eingekauft: Schoggi, Äpfel und Bananen. Sie freut sich. Ich überreiche ihr einen kleinen Osterhasen, den Paula sofort in die Arme nimmt und an sich drückt.

Sie sieht nicht gut aus. Sie hat dunkle Augenringe.
Paula springt in ihrem Zimmer herum und verräumt Gegenstände, holt neue hervor, verräumt anderes wieder von neuem. Sie schildert uns Fetzen von Erlebnissen. Dann will sie uns unbedingt etwas Wichtiges zeigen. Sie denkt laut nach, was es ist. Sie erzählt etwas von einer warmen Lampe und dem Esstisch. Bibeli?

Sie will uns „ihre“ Bibeli zeigen. Wir verlassen das Zimmer. Die Türe lässt sie offen.
„Das kann man hier einfach so. Und das Licht lasse ich auch an!“

Wir gehen mit ihr in den ersten Stock. Überall sucht sie ihre Hühnerküken. Sie frägt eine andere Heimbewohnerin, wo sie wohl sein könnten. Diese zuckt ratlos die Schultern. Dann will Paula wieder ins Zimmer. Sie kann sich in dem Haus nicht mehr orientieren.

Ich schlage ihr vor, dass wir in den Essraum gehen. Dort sind sie dann auch, die Bibeli. Paula hat riesige Freude und erklärt uns sofort, dass die Bibeli dann aber nicht immer hier bleiben könnten. Sie tut dies in einer Art und Weise, wie sie mir schon als Kind die Tatsachen des Lebens erklärt hat.

Wir gehen zurück in ihr Zimmer. Sie steht erstarrt vor ihrem Zimmer.
„Wer war in meinem Zimmer? Und wer hat das Licht angemacht?“
Ich werfe Sascha einen vielsagenden Blick zu.

Wir bleiben eine Stunde. Dann ist meine Energie am Ende. Wir umarmen uns ganz fest und ich muss Paula zehn Mal versprechen, dass wir auch wieder kommen. Sie drückt mich an sich und kitzelt mich am Rücken. Auch das hat sie vor über 30 Jahren das letzte Mal getan, wenn sie mich jeweils nach dem Baden mit dem Frottiertuch abrubbelte. Wir lachen.
Sie sagt: „In meinem Monat werde ich 85. Du hast eine sehr alte Mutter, weisst du das?“
Ich nicke.

Auf dem Heimweg spreche ich nicht. Ich muss daran denken, dass auch ich vielleicht einmal dement werde. Ich hasse diese verfluchte Demenz, die mir den Menschen nimmt, den ich so sehr all die Jahre geliebt habe und mir unerbittlich aufzeigt, wo meine eigenen Grenzen sind.

Die konstante Begegnung mit dem Tod

Vor einem halben Jahr habe ich mit Bloggen über die Demenz meiner Oma Paula angefangen. Ich war an einem Punkt, wo ich nicht mehr über meine Gefühle reden konnte. Ich war nur noch müde, gefangen im Hamsterrad des Helfens, des Funktionierenmüssens und der Überforderung.

Das Schreiben hat mir gut getan.
Im Laufe der letzten Wochen konnte ich so auch immer wieder nachdenken.
Als wir Paula beim Umzug geholfen haben, mein Vater und seine Frau unterstützten mich dabei, fiel mir auf, wie sehr mein Vater litt. Er und Paula sind zwar Ex-Schwiegersohn und Ex-Schwiegermutter, doch irgendwie hat ihn ihre Demenz sehr betroffen.

Mein Vater fragt oft nach Paula.
Er stellt sich Fragen übers Leben und den Tod.
Ihr langsames von dieser Welt gehen, berührt ihn, denn auch er ist sich seiner Sterblichkeit mehr als bewusst. Er leidet seit zwei Jahren an Prostatakrebs.
Wie ich ist auch er kein Mann der grossen (gesprochenen) Worte.
Er lebt sein Leben und behält seine Gefühle für sich.

Umso heftiger ist es nun für mich, ihn heute im Spital zu besuchen. Ich bin mir mit einem Mal seiner Zerbrechlichkeit bewusst. Er wirkt zart. Dabei war er während vieler Jahre ein Ausdauersportler. Muskulös. Gross. Und nun liegt mein Vater, mein Held, in diesem riesigen weissen Bett inmitten von Apparaten. Er lächelt, als er mich sieht. Ich tue es auch, denn ich möchte ihm ja Mut schenken. Dennoch bin ich schockiert.

Wir reden über vieles. Er redet sehr viel. Er wählt seine Worte geschickt. So kenne ich ihn gar nicht. Das Morphium lockert seine Zunge. Er wiederholt sich. Ich höre zu. Halte seine Hand, die mir mit einem Mal so bleich erscheint.

Er erzählt von seinen Ängsten, die er vor der Operation von heute ausgestanden hat. Er hat mit seinem Leben abgeschlossen, sagt er. Er war bereit zu gehen. Jetzt ist er aber wach. Und lebt. Er schaut raus und freut sich auf den Frühling. Der Scheiss-Schnee soll endlich weg.

Ich sage ihm, dass er heute neu beginnt. Der Krebs ist rausgeschnitten. Fang bei Null an!
Er blickt mich überrascht an.
„Bei Null?“
Sascha und ich nicken.
Sascha sagt: „Vielleicht nicht ganz bei Null. Eher so nach Pubertät. Ist doch praktischer.“
Mein Vater grinst breit.
„Dann fange ich bei 20 an.“
„Vielleicht ohne die Rekrutensschule, grad nachher?“
Er grinst breiter.
„Ich habe meinen 20sten in der Rekrutenschule gefeiert. Oder eher nicht. Ich bekam nicht mal Ausgang. Das waren noch andere Zeiten.“
Ich nicke.
„Du hast sie gut gemeistert.“
Dann grinst er noch breiter.
„Also meinen 65sten Geburtstag morgen werde ich wohl auch nicht grossartig feiern. Ist wirklich fast wie als ich 20 war.“

Mein liebes Kind

Mein liebes Kind

ich schreibe dir diesen Brief, weil Du vielleicht hättest meines sein können.
Sei Dir sicher, ich hätte Dich neun Monate in mir getragen und
Dich geboren.
Du wärst als mein Kind aufgewachsen und ich hätte Dich über alles
geliebt. Ich hätte jeden Tag ein Bild von Dir gemacht und mich über jeden
Deiner Entwicklungsschritte gefreut. Ich hätte Dich kriechen und laufen gesehen.
Du wärst mit Tieren aufgewachsen und mit einem Vater, der Dich ebenfalls über alles
geliebt hätte. Und ich hätte deinen Vater über alles geliebt.
Gleich, was auch immer passiert wäre, wir hätten dich geliebt.

Du wärst in unseren Familien aufgewachsen und auch dort geliebt worden.
Mein Vater wäre Dir ein wunderbarer Grossvater gewesen. Ihr hättet zusammen Hühner
und Kaninchen gefüttert. Deine Urgrossmutter würde Dich wie einen Goldschatz behütet und verwöhnt haben.

Ich hätte mit Dir Lego gespielt und Dir Kleider geschneidert.
Tagsüber wäre ich für Dich da gewesen und in den frühen Morgenstunden hätte ich
Gedichte geschrieben, die Du einmal hättest lesen können.
Bei den Aufgaben hätte ich Dir geholfen und Dich in Deinen Träumen bestärkt.

Ich hätte Dich beschützt.
Ich hätte Dich zu einem anständigen Menschen erzogen.
Ich hätte auch Deine Wut in der Pubertät ertragen.

Was auch immer Du hättest werden wollen, ich hätte Dir dabei geholfen. Ich wäre immer stolz
auf Dich gewesen und hätte Dir das gezeigt.

Ich hätte mich darauf gefreut, dass Du Dich auch verliebst und auch Kinder hast.
Dann wäre ich Grossmutter geworden und hätte es geliebt.

Wenn ich dann sterben müsste, fiele mir der Abschied von Dir am schwersten.

Doch stattdessen schreibe ich Dir jetzt diesen Brief, mein ungelebtes, geliebtes Kind in der Hoffnung, dass Du das Kind einer anderen Frau wirst, die Dich genauso liebt, wie ich es getan hätte.

lächeln.

ich arbeite dieses jahr über weihnachten durch. zum ersten mal seit langem habe ich keinen der feiertage frei. die kolleginnen mit kindern haben sich frei gewünscht. ich habe keine, da fällt die wahl leicht.

ich war recht erledigt, als ich heute mittag mit sascha ins auto stieg und ins toggenburg fuhr. eigentlich wollte ich mich vor einem besuch drücken, einfach mal ausruhen. ich dachte mir, dass paula ja gar nicht so genau weiss, ob weihnachten ist oder nicht.

die fahrt ins toggenburg zieht sich in die länge. wir fahren hinter sonntagsfahrern her. zwischendurch machen wir einen halt. ich besuche das grab meines kleinen bruders sven und sage ihm, wie sehr er mir an weihnachten fehlt. ich denke, die schulter meines bruders zum anlehnen wäre jetzt gerade praktisch. doch an seiner statt bleibt nur der baum, den mein vater vor 33 jahren angepflanzt hat.

wir fahren weiter, ins altersheim. als wir in den eingang kommen, steht ein kleiner tisch mit dem bild eines alten mannes drauf. paulas flurnachbar ist tot. ich schlucke schwer. wir gehen in den zweiten stock und finden paula in ihrem bett vor.
sie trägt keine brille, ihr nase ist ganz spitz und sie sieht sehr alt aus.

ich spüre es. sie bittet mich platz zu nehmen. hält mich mit ihrer hand fest. tätschelt meine schenkel. redet mit mir. sie sagt, es gehe ihr gar nicht gut. unkraut vergehe nicht. blutentnahme. keine entzündung. immer wieder: unkraut vergeht nicht.

verschiedene bilder tauchen vor meinem auge auf. ich sehe meine mutter vor mir, wie sie hechelt und kaum mehr atmen kann. ich denke: bitte nicht. nicht jetzt.

ich sitze an ihrem bett und möchte weinen. aber das geht natürlich nicht.
ich schlucke die tränen, den dicken kloss, runter. lächle.

paula und uschis beerdigung

vor fünf jahren starb meine mutter. eine woche nach ihrem tod war die beerdigung in paulas wohnort. uschi wollte zwar, dass ihre asche in alle winde verstreut wird, aber paula wünschte sich einen ort zum hingehen. diesen wunsch wollte ich ihr erfüllen

das war etwas schwierig. uschi lebte im thurgau und starb in einem st. galler pflegeheim. paula lebt in einer gemeinde im toggenburg, die keine fremden begräbnisse zulässt. irgendwie habe ich es aber geschafft, einen tag nach uschis tod, wenig schlaf und vielen tränen, den gemeinderat umzustimmen. vielleicht haben die auch nachgegeben, weil ich geschildert habe, wie lange meine familie schon in dem städtchen ansässig ist und dass tote verwandte nun einmal auf einen friedhof gehören.

das vorgespräch mit dem katholischen priester war friedlich und schön. zwar sah ich wohl etwas puzzled aus, als er unbedingt mit mir und paula beten wollte, aber nun denn.

einen tag vor der beerdigung musste ich den transport von uschis urne aus dem thurgau organisieren. mein vater, längst von meiner mutter geschieden, bekam mit, dass mein damaliger freund keine zeit/lust hatte, mir dabei zu helfen. mein vater verbot mir, die urne alleine irgendwo hin zu fahren.
die erinnerung an das begräbnis meines bruders war ihm wohl sehr präsent. so fuhren denn mein vater, auf dem rücksitz in einer urne verpackt und angeschnallt: die asche meiner mutter, und ich ins toggenburg.

wir übergaben den tontopf dem friedhofmitarbeiter, der ihre sterblichen überreste übernahm. als ich einen blick auf die plakette nahm, musste ich unweigerlich lachen. uschi d., 1051 – 2007. das hätte ihr gefallen.

am nächsten tag war es dann soweit: paula, mein damaliger freund, meine tante berty, uschis freund, unser srilankischer mitarbeiter und einige freunde sassen in der kirche. uschis lebenslauf, den ich schreiben musste, wurde verlesen. der priester erzählte von uschis hobbies und ich hatte den eindruck, als wäre sie hier. paula war standhaft und im gegensatz zu mir weinte sie nicht. sie wirkte gefasst und irgendwie erleichtert, dass sie ihre tochter an einem sicheren ort wusste. mehr als einmal umarmten wir uns.

der priester übergab mir schliesslich eine kerze der hoffnung mit einem baum drauf als erinnerung an meine wurzeln und meine mutter.

nach dem gottesdienst trafen wir uns, noch ca. 6 leute, zum leichenmahl. ich hätte mir gewünscht, uschis rockerfreunde, die alten männer aus dem männerheim und ihre freundinnen wären da gewesen. stattdessen sassen wir im kleinen kreis da und redeten.

paula erzählte eine geschichte aus ihrer kindheit über ihren vater. berty, ihre drei jahre ältere schwester, auch schon über 80, fällt ihr ins wort:

„woher willst du denn wissen, wie das wirklich war. dafür bist doch noch viel zu jung.“

wir haben gelacht, bis wir geweint haben.

paula und der bruder tod

paula ist dem tod schon einige male begegnet. als kind erlitt sie eine schwere meningitis. niemand hatte geglaubt, dass sie überleben würde. aber irgendwie ist sie dem bruder tod von der schippe gesprungen.

mehr als einmal hat paula als kioskfrau miterlebt, wie sich menschen vor den zug warfen. sie hat nie gross darüber gesprochen, doch am bahnhof wollte sie immer, dass ich ganz fest ihre hand halte.

den tod meines bruders hat sie mir mehr als einmal erklärt. als kind war mir dank ihr klar, dass er jetzt einfach an einem anderen ort als ich ist. und dass ich ihn nicht besuchen kann. noch nicht.

die leberkrebserkrankung meines grossvaters hat sie gar nicht als solche begriffen. opa wurde halt immer kränker. sie sprachen viel miteinander, wahrscheinlich mehr als das ganze leben hindurch. doch am ende, also ganz am ende, da war sie an seiner seite und hielt seine hände, tröstete ihn, als er fast nicht mehr atmen konnte. ich weiss bis heute nicht, wie sie das geschafft und ertragen hat.

das sterben meiner mutter hat sie getragen wie eine wahre matriarchin. sie hat selten geweint, immer nur getröstet. mir schien damals, als würde alles schlimme dieser welt an ihr vorüber ziehen.
wir haben so viel übers sterben gesprochen, dass ich nie angst davor hatte. gemeinsam waren wir bei meiner mutter bis zum ende. das verbindet.

mir ist vor dem tag bange, wo es bei ihr soweit ist. werde ich an ihrer seite wachen können? oder wird sie alleine gehen? fest steht, dass ich sehr alleine sein werde, wenn sie nicht mehr lebt.

paula zieht aus teil2

nachdem ich mich noch telephonisch im heim angemeldet habe, sitzen wir schliesslich endlich im auto. paula wirkt zufrieden, fast wie bei einer ferienreise. wir fahren ins übernächste dorf. dort, in der nähe der thur, liegt das altersheim.
wir steigen aus. paula hat etwas mühe und verheddert sich im gurt. schliesslich stehen wir vor der türe. wieder spüre ich einen tiefen schmerz im gesicht. ich schlucke meine tränen herunter.

ich gehe mit paula am arm ins haus. frau g., die pflegefachfrau, erwartet uns. doch sie ist nicht die einzige. neben ihr steht eine fröhliche, weisshaarige frau. sie geht sofort auf paula zu. die beiden geben sich die hände und begrüssen sich. ich kenne solche situationen. paula kennt von ihrer tätigkeit als kioskfrau sehr viele menschen. wenn sie auf jemanden zugeht und diesen begrüsst, reagieren die wenigsten so aufgestellt. deren gedächtnis scheint nicht so gut sein wie das von paula. wir lassen die frauen allein und räumen das zimmer ein.

rolf und helene transportieren die ganzen möbel. liebevoll dekoriert helene das zimmer. nach einer viertelstunde sind wir mit dieser ladung fertig.die nächste wartet auf uns. ich gehe nach unten ins fernsehzimmer. paula sitzt breit grinsend da und stellt mir die weisshaarige frau vor. es ist eine kollegin, mit der sie vor über 50 jahren gearbeitet hat. ich bin stark gerührt und habe wiederum tränen in den augen. wie schön, denke ich. sie wird ihren weg schon machen, meine omi paula.

dann sagt paula zu den anderen alten frauen, die strickend im raum sitzen: „und das ist meine enkelin zora.“

paula zieht aus teil 1

heute morgen war es soweit. wir machten uns auf den weg zu paula für den umzug ins altersheim. als wir ankommen, finden wir paula in tränen aufgelöst. sie weint und wirft uns vor, wir hätten sie vergessen. ein blick auf die uhr klärt die situation. paula hat die uhr nicht zurückgestellt und wartet seit stunden.

das packen und ausräumen ihrer gewünschten möbel verläuft schwierig. paula steht verloren da. mehr als einmal fürchte ich, sie fällt gleich die treppe herab. in der küche herrscht ein grosses durcheinander: müll, katzenfutter und küchentücher stapeln sich auf der essbank. wenigstens hat paula die heizung eingeschaltet. so ist es wenigstens nicht allzu kalt.

beim einpacken ihrer sachen ist geduld meinerseits gefordert. dass wir zwei taschen mit plastiksäcken mitnehmen müssen, passt mir nicht. aber ich packe sie ein. schliesslich ist es ihr wichtig. als die nette spitexfrau kommt, um mir den übergaberapport von paula zu übergeben und mich fragt, was sie noch für mich tun könne, überkommt es mich. auch paula weint. sascha schafft es schliesslich, paula etwas abzulenken. die pflegefachfrau gibt mir den tipp, paula gleich bei der ersten fahrt mitzunehmen und sie dem pflegeteam anzuvertrauen. das packen und die noch schlimmere unordnung bringen paula durcheinander. ich bedanke mich für die ratschläge und die gute arbeit, schniefe weiter.

als wir die beiden autos geladen haben, folgt der wirklich schwierige teil. paula sollte sich umziehen. mit sehr, sehr viel überredungskunst schaffe ich es, dass sie ihre rote trainerhose auszieht und eine frische anzieht. den pullover und die wolljacke lässt sie an. ich gebe auf.

dann packen wir ihre handtasche. auch hier drängt sie darauf, einige plastiksäcke mitzunehmen. was mir anschliessend fast das herz zerreisst, ist paulas verabschiedung vom haus. sie geht in jedes zimmer und sagt ein paar worte. mir scheint, als hätte sie sich von allen geistern des hauses verabschiedet. sascha schafft es schliesslich, mit ihr heraus zu gehen. ich schliesse die tür hinter ihr ab.