Ein (letzter) Liebesdienst

Als meine Mutter starb, waren sie und mein Vater schon viele Jahre geschieden und das war gut so. So hatten sie beide, aus meiner jugendlichen Sicht, eine Chance, ihr Lebensglück zu finden und zu leben.
Meine Mutter war allerdings kein einfacher Mensch. Sie hat ihren ganzen Zorn auf meinen Vater projiziert und das war richtig übel. Er entschied sich 1994 während der Scheidung das Sorgerecht für mich und meine Schwester zu erkämpfen. Dafür werde ich ihm immer sehr dankbar sein.
Nun, als meine Mutter 2007 starb, hatte mein Vater allen Grund, sich nicht für ihr Sterben zu interessieren. Doch er unterstützte mich bei der Begleitung meiner Mutter so gut er (und seine Frau) es konnten.

In ihren letzten Stunden war ich an ihrer Seite. Ich habe alle Formalitäten erledigt, die so ein Todesfall mit sich bringt. Und weil meine Omi im Toggenburg gewünscht hat, dass meine Mutter auf dem Friedhof beerdigt wird, wo mein Opi begraben liegt, habe ich mich natürlich sehr dafür eingesetzt.
Doch weil die bürokratischen Mühlen langsam mahlen, war es nun mal so, dass ich Mamis Urne beim Friedhof Oberkirch in Frauenfeld abholen und selber ins Toggenburg fahren musste. Mein Vater bekam dies mit und verbot es mir mit aller Vehemenz, die ich von ihm bis dahin nicht kannte.
„Was soll ich denn machen? Sie muss doch auf den Friedhof, weil am nächsten Tag die Beerdigung ist.“, entgegnete ich ihm am Telefon.

Und so holte mein Vater mich zuhause im Thurgau ab, fuhr mich zum Friedhof Oberkirch und holte mit mir die Urne meiner Mutter ab. Dann fuhren wir ins Toggenburg und lieferten ihre sterblichen Überreste auf dem Friedhof ab.
Auf der Fahrt erzählte mir mein Vater, wie er die Beerdigung meines Bruders, 28 Jahre zuvor, erlebt hatte. Ich begriff mit einem Mal, vor welchem Schmerz, welcher Überforderung, er mich nun beschützen wollte. Dass er mit seinem Einsatz weit über seine eigenen Grenzen ging, begriff ich erst später.

Kurze Zeit später sassen wir bei Omi in der Küche. Wir weinten alle drei, umarmten uns. Wir weinten um Bruder, Mutter, Sohn, Tochter, Enkel und wahrscheinlich noch sehr viel mehr um uns. Die Trauer und das Bedauern bekamen mit einem Mal eine Form. Es war ein sehr liebevoller, ehrlicher und trauriger Moment, den ich nie mehr vergessen werde.

Kurze Zeit später machte sich Omis Demenz bemerkbar. Ich hatte das Gefühl, dass sie nun, mit dem Tod ihrer Tochter ihre Aufgaben erledigt hatte, und sein und fühlen konnte, was sie brauchte.
13 Jahre nach meiner Mutter starb im November 2020 nun mein Vater und ich empfand es als Ironie des Schicksals, dass wir unter Corona-Massnahmen auf dem Friedhof Oberkirch von ihm Abschied nahmen. Am gleichen Ort, wo er fast 13 Jahre zuvor an meiner Seite war, als es galt, meine Mutter zu beerdigen. Panta rhei.

(k)ein Mittwoch

Die Tränen sitzen nicht mehr so locker wie letzte Woche.
Fast dachte ich, Normalität kehrt ein, auch wenn ich das nicht will.
Das Essen und der Urnenkranz sind bestellt.
An alles ist gedacht. Alles ist erledigt.
Der Freitag kann kommen.

Sascha gibt mir das Foto, das wir an der Beisetzung aufstellen werden.
Paula sitzt da und schaut direkt in die Kamera. Sie strahlt.
Sie wirkt total gelassen. Sie ist 88 Jahre alt und hat so vieles gesehen und erlebt.
Aber das Leben hat sie nicht zerstört. Es hat ihrem Wesen nichts anhaben können.
„Würde des Alters“ spukt mir durch den Kopf.

Ich sehe ihr Gesicht und streichle über ihre Wange.
Nur die Scheibe dazwischen.
Für einen Moment spüre ich ihre Haut.
Sie ist warm und rosig.
Ihre leuchtenden Augen.

Nie mehr deine Stimme.
Nie mehr deine Augen.
Denke ich.
Nur Schmerz.
Die Tränen wischen alles weg.
Ich atme tief ein und aus.
Alles wird gut.

paula und uschis beerdigung

vor fünf jahren starb meine mutter. eine woche nach ihrem tod war die beerdigung in paulas wohnort. uschi wollte zwar, dass ihre asche in alle winde verstreut wird, aber paula wünschte sich einen ort zum hingehen. diesen wunsch wollte ich ihr erfüllen

das war etwas schwierig. uschi lebte im thurgau und starb in einem st. galler pflegeheim. paula lebt in einer gemeinde im toggenburg, die keine fremden begräbnisse zulässt. irgendwie habe ich es aber geschafft, einen tag nach uschis tod, wenig schlaf und vielen tränen, den gemeinderat umzustimmen. vielleicht haben die auch nachgegeben, weil ich geschildert habe, wie lange meine familie schon in dem städtchen ansässig ist und dass tote verwandte nun einmal auf einen friedhof gehören.

das vorgespräch mit dem katholischen priester war friedlich und schön. zwar sah ich wohl etwas puzzled aus, als er unbedingt mit mir und paula beten wollte, aber nun denn.

einen tag vor der beerdigung musste ich den transport von uschis urne aus dem thurgau organisieren. mein vater, längst von meiner mutter geschieden, bekam mit, dass mein damaliger freund keine zeit/lust hatte, mir dabei zu helfen. mein vater verbot mir, die urne alleine irgendwo hin zu fahren.
die erinnerung an das begräbnis meines bruders war ihm wohl sehr präsent. so fuhren denn mein vater, auf dem rücksitz in einer urne verpackt und angeschnallt: die asche meiner mutter, und ich ins toggenburg.

wir übergaben den tontopf dem friedhofmitarbeiter, der ihre sterblichen überreste übernahm. als ich einen blick auf die plakette nahm, musste ich unweigerlich lachen. uschi d., 1051 – 2007. das hätte ihr gefallen.

am nächsten tag war es dann soweit: paula, mein damaliger freund, meine tante berty, uschis freund, unser srilankischer mitarbeiter und einige freunde sassen in der kirche. uschis lebenslauf, den ich schreiben musste, wurde verlesen. der priester erzählte von uschis hobbies und ich hatte den eindruck, als wäre sie hier. paula war standhaft und im gegensatz zu mir weinte sie nicht. sie wirkte gefasst und irgendwie erleichtert, dass sie ihre tochter an einem sicheren ort wusste. mehr als einmal umarmten wir uns.

der priester übergab mir schliesslich eine kerze der hoffnung mit einem baum drauf als erinnerung an meine wurzeln und meine mutter.

nach dem gottesdienst trafen wir uns, noch ca. 6 leute, zum leichenmahl. ich hätte mir gewünscht, uschis rockerfreunde, die alten männer aus dem männerheim und ihre freundinnen wären da gewesen. stattdessen sassen wir im kleinen kreis da und redeten.

paula erzählte eine geschichte aus ihrer kindheit über ihren vater. berty, ihre drei jahre ältere schwester, auch schon über 80, fällt ihr ins wort:

„woher willst du denn wissen, wie das wirklich war. dafür bist doch noch viel zu jung.“

wir haben gelacht, bis wir geweint haben.