Wenn Worte fehlen

Der Reporter-Film am Sonntagabend auf SRF hat mich, obwohl ich nicht das erste Mal gesehen habe, berührt. Der Film handelt von einem Mann und seiner an Alzheimer erkrankten Ehefrau.

Als Paulas Enkelin kann ich zwar mitfühlen, was es heisst, jemanden zu verlieren, den man lange kennt. Aber ich bemerke, dass die Dimension „demenzkranker Partner“ etwas ist, was ich so nicht kenne und nicht nachempfinden kann. Ich denke mir, es ist wirklich eine traurige Sache, den Menschen langsam loszulassen, in den man mal sehr verliebt war, mit dem man Haus und Kinder hatte.

Im Film schauen die beiden ein Fotoalbum an. Auf den Fotos sind die beiden noch jünger. Sie wirken glücklich. Irgendwie sind sie es auch jetzt noch. Aber etwas ist anders. Die Frau wirkt aufgestellt. Auf den Schultern des Mannes lastet nun die Verantwortung.

Gestört hat mich an dem eigentlich schönen Porträt die Art der Kommunikation. Ich fand es heftig, als der Ehemann vor der Kamera über seine Frau sprach, die daneben sass. Ich musste an seine Worte denken: er hat ja eigentlich kein Gegenüber mehr. Die Frau kann mit ihrem Mann keine tiefgründigen Gespräche mehr führen.

Ich bemerke es ja bei Gesprächen zwischen Paula und mir. Die Worte erreichen einander nicht mehr. Stattdessen machen sie der Nähe Platz. Ich hab ganz oft das Gefühl, dass, wenn die Worte fehlen werden, wir stattdessen einander berühren werden. Ich werde ihre Hand anfassen. Über ihren knochigen Rücken streichen. Paula mag es, wenn ich sie umarme.

Ich gebe mir Mühe, mit Paula zu sprechen und nicht über sie. Ich hoffe, es gelingt mir bis zum Schluss.

Smalltalk vs. wirkliche Nähe

Wenn ein Angehöriger im Sterben liegt, gibt es mehrere Möglichkeiten, wie man sich verhält:

Die einfache Variante ist die, in der man sich mit Arbeit zumüllt, sich abwendet und sich erst wieder meldet, wenn alles vorbei ist. In der heutigen Zeit ist die Beschäftigung mit dem Tod so eine Sache. Wir sind alle sehr viel lieber jung, smart und lebendig. Totsein ist eine belastende Sache fürs Umfeld. Besonders trauernde Männer bevorzugen diese Art der Trauer.

Die andere Variante, die ich persönlich bevorzuge, ist jene, wo ich mich zuwende. Sterben ist per se nichts Abnormales. Es ist sozusagen genauso normal, wie wenn jemand ein Kind zur Welt bringt, nur andersrum.

Die Beschäftigung mit dem Sterben hat allerdings Nebenwirkungen. Ich wage zu behaupten, dass ich mich verändere, wenn ich mich mit einem Sterbenden abgebe. Ich gewinne neue Einsichten über das Leben und mich selbst. Wie gehe ich mit dem Schmerz um? Was fühle ich? Wie viel Nähe lasse ich zu?

Als meine Mutter im Sterben lag, konnte ich fast nicht mehr reden, denn es gab fast niemanden, der mir hätte zuhören wollen. Man wiederholt sich. Smalltalk ist mit dem Angehörigen eines Sterbenden keine gute Sache.

Auf die Frage: „Wie geht es dir?“ zu antworten mit: „Es geht mir schlecht. Meine Mutter liegt im Sterben.“ ist natürlich kein Satz, den man auf einer lustigen Party sagt.

Wir haben den Tod aus unseren Leben ausquartiert. Man sterbe bitte in Sterbehäusern, in Altersheimen, im Spital, aber bitte nicht neben mir.

Aber ich habe auch noch was anderes beobachtet. Wenn ich mich öffne, gerade gegenüber Angehörigen, die jemanden verlieren, ist wirkliche Nähe möglich. Es braucht sehr viel Mut, über seine Gefühle zu sprechen. Schlussendlich erleben wir doch fast alle dasselbe: wir verlieren Menschen, die wir lieben, die unser Leben bereichert haben. Wir sind es uns doch schuldig, dass wir nicht nur über ihr Leben, sondern auch über ihr Gehen von dieser Welt sprechen, oder?

Vergangenheitsform

Paula und ich haben immer offen über den Tod gesprochen. Irgendwie waren wir in dem Punkt sehr ähnlich:
Ich verbrachte als Kind einige Zeit im Krankenhaus.

Paula ist im Alter von 8 oder 12 Jahren fast an einer Hirnhautentzündung gestorben. Ihre Erzählungen über diese Zeit hörten sich jeweils hochdramatisch und sehr traurig an. Sie erzählte oft, wie schlecht es ihr ging, sie nicht mehr sprechen konnte und sich in Tobsuchtsanfällen die Haare vom Kopf riss. Der Tod war ihr also nahe und ich denke, er muss damals seinen Schrecken für Paula verloren haben.

Wir sprachen oft über meinen Bruder. Paula konnte auf sehr anschauliche Art beschreiben, dass mein lieber Bruder jetzt im Himmel sei. Dies fand ich zwar etwas speziell fand, da er doch meinem Vater zufolge in jenem kleinen Kindersarg unter der Tanne begraben war. Aber ich wagte es nicht, Paula auf diese logische Diskrepanz aufmerksam zu machen.

Paula erlebte in ihrer Ehe oft Krisen und mehr als einmal hat sie ausgesprochen, was sie gefühlt hat: sie wäre am liebsten tot. Doch dann schreckte sie jeweils zusammen und meinte, das sei dumm, denn dann hätte ich ja keine Oma mehr. Damit hatte sie irgendwie recht.

Als Paula und ich älter wurden und mein Opa starb, kam der Tod wieder näher. Aber irgendwie spürte sie, dass es nicht Zeit war zu sterben. Paula war kreativ, baute ihr Haus mit Tante Hadi um. Erst als meine Mutter starb, wurde Paula nachdenklicher. Mehr als einmal meinte sie, es wäre furchtbar, sein Kind sterben zu sehen. Es war ihr immer wieder wichtig, dass ich Bescheid weiss, wenn es einmal so weit wäre. Was sie sich wünscht. Was nicht. Der Tod verlor einmal mehr seinen Schrecken.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mehrheitlich die Vergangenheitsform benütze. Seltsam. Paula lebt und erfreut sich angesichts ihres hohen Alters einer guten Gesundheit. Doch eines weiss ich ganz sicher. Solche Gespräche werde ich nie mehr mit ihr führen. Sie fehlen mir, denn ich erfuhr nie im Leben einen Menschen, der derart offen über sich selber und seine Gefühle sprechen konnte.