Die Männer und das Kind

Der zweite Weltkrieg war in meiner Kindheit, die Ende der 70er bis Ende der 80er Jahre stattfand, allgegenwärtig.

Walter, mein Grossvater, war blutjung und unterernährt eingezogen worden. Er hatte wohl Glück und wurde Militärmusiker. Die Bilder von ihm auf dem Pferd, die Trompete in der Hand, haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt.

Walter war in Sachen Krieg unbarmherzig und klar. Nie wieder Krieg. Das war sein Credo. Meine Mutter erzählte, dass er ihr den Hintern versohlte, nachdem sie seine Sammelbuchreihe über den Krieg angeschaut hatte. Er wollte nicht, dass sie tote Menschen sieht.

Opa Walter und ich diskutierten sehr viel. Paula meinte mehr als einmal: „Seid ihr schon wieder am Politisieren?“
Ich erinnere mich nicht mehr daran. Opa und ich stritten leidenschaftlich, obwohl wir mehr als einmal der selben Meinung waren.

Opa und ich schauten fürs Leben gerne den Ziischtigsclub und Arena. Opa stand meistens da, mit Pfeife im Mund, mit blitzenden knallblauen Augen, im Blaumann an den grünen Kachelofen gelehnt und brummelte. Seine Stimme, seine lakonischen Kommentare habe ich heute noch in den Ohren.

Der Höhepunkt der politischen Streitereien war jeweils an Weihnachten erreicht. Paula und meine Mutter protestierten lauthals beim Vorbereiten des Weihnachtsessens und bestanden darauf, dass „die Männer und das Kind“ in die Stube „zum Politisieren“ gehen. Dies taten wir auch. Ich habe das so sehr genossen.

Vielleicht reagiere darum heute manchmal genervt, wenn ich mitbekomme, dass gewisse Männer einer Frau (mir!) nicht zutrauen, eine eigene Meinung zu haben. In meiner Familie habe ich das nie erlebt. Dafür bin ich sehr sehr dankbar.

Ein Vormittag mit Paula

Unsere Fahrten zu Paula dauern je nach Verkehrlage 40 bis 60 Minuten, vorbei an Frauenfeld, Wil bis ins Toggenburg. Wenn ein Traktor, oder so wie heute vier Traktoren als Grüppchen, unterwegs ist, geht die Fahrt noch länger. Die schöne Landschaft allerdings entschädigt einen für manchen Ärger. Wir fahren durchs Grüne, sehen auf die Thur. Melancholisch denke ich dran, wie wir letzten Frühling um diese Zeit längstens wandern gegangen sind. Heute regnet es. Schon wieder Schnee? Ich könnt kotzen.

Als wir im Pflegeheim ankommen, ist Paula nicht in ihrem Zimmer, auch nicht in den Aufenthaltsräumen. Ich kriege Panik. Dann denke ich: Paula kann ja nicht weit laufen. Keine Sorge. Weit kann sie nicht sein.

Sascha schaut zum Fenster raus und sieht sie auf dem Hof stehen. Sie schaut dem Treiben zu. Bauernhof. Tiere. Landwirtschaft. Paula sieht aus, als ob sie auf den Bus wartet. Ich bin erleichtert. Ich bin sogar glücklich, weil sie endlich wieder nach draussen geht, ihre Umwelt erkundet. Früher war sie so neugierig. So naturverbunden. Ich denke daran, dass die Natur, die Luft, der Geruch von frischer Erde ihr ein Gefühl von Gegenwart und Leben gibt.

Sascha geht zu ihr hin. Sie reden. Sie erkennt ihn.
Ich warte oben. Wie immer, wenn sie mich sieht, sagt sie: „Du hast abgenommen, nicht wahr?“
Wir gehen in ihr Zimmer. Sie freut sich über die Rosen, die wir ihr mitgebracht haben. Sascha geht mit ihr in den Keller, eine Vase suchen. Ich warte und schaue mich um. Paulas Zimmer sieht aus wie ihre Wohnung. Aufgeräumt. Ordentlich. Über den Fernseher hat sie ein Tuch gehängt, weil sie sich sorgt, dass die Sonne den Bildschirm bleichen könnte.

Paula erzählt uns von ihren Geschwistern und dem schweren Unfall ihres geliebten Vaters. Dieser hatte einen Arbeitsunfall und wurde von einer Rampe erdrückt. Paula erzählt uns die Geschichte, als wäre es gestern gewesen und ich kriege einen kleinen Einblick in ihr Leben. Ihr Vater, so schwer verletzt, mit einem abgerissenen Arm, mit einer Hirnverletzung, die zu Epilepsie führte, wie heftig muss dies für die fünf Geschwister gewesen sein?

Wir sprechen über ihre Zimmerpflanzen, die sie damals, vor über einem halben Jahr erst nicht mitnehmen, sondern „sterben“ lassen wollte. Jetzt gedeihen sie schöner denn je. Sie erzählt stolz, dass sie jetzt im 86sten Lebensjahr ist. Ich lächle. Ich möchte sie umarmen, doch sie ist so zerbrechlich, so klein. Dann sagt sie, sie mag nicht mehr essen. Ihr kleines Bäuchlein spricht eine andere Sprache. Paula erzählt, wie liebevoll man sie behandelt, wie die Pflegenden sich um sie kümmern, auch wenn sie einfach mal nur müde im Bett liegen will.

Ich bin so unsagbar froh, dass Paula so gehegt und gepflegt wird. Ich verspüre tiefe Dankbarkeit, dass sie nicht in ihrem Haus ist, sondern im Pflegeheim. Als wir aus dem Haus treten, regnet es stärker. Auf dem Korbsessel im Eingang sitzt eine Katze. Ich gehe zu ihr hin. Sie ist so weich und zutraulich. Als wir wegfahren, steht Paula am Eingang, wie früher vor ihrem Haus und winkt. Wir schauen zurück im Rückspiegel, bis wir sie nicht mehr sehen.

die guten seelen

es gibt zeiten, da ist einfach alles nur noch dunkel.
für paula ist das jetzt bestimmt so. sie ist sehr traurig, weil sie in ein paar tagen ins heim zieht. sie trauert stark und ist zerstreuter denn je. sie lässt gerade los und das ist eine sehr schwierige sache.
auch für mich ist es herausfordernd, stark zu sein. denn eigentlich überkommt mich immer wieder eine welle der trauer und ich möchte nur noch weinen.

als paulas enkelin begleite ich jetzt wahrscheinlich einen ihrer letzten wege. mir wäre lieber gewesen, sie hätte die entscheidung ins pflegeheim zu gehen, früher getroffen. die ablösung von ihrem haus ist schwierig und ich leide mit, denn es ist das haus meiner kindheit, das einzige, was jemals diesem zweig der familie gehörte.

normalerweise begleitet mich immer mein freund, wenn ich zu paula fahre. heute jedoch waren mein vater rolf und seine frau helene mit dabei. dies hängt vor allem mit meinem zusammenbruch von vor ein paar tagen zusammen. eigentlich haben die beiden keine verantwortung, denn paula ist rolfs ex-schwiegermutter. trotzdem helfen sie mir und ich bin sehr, sehr froh darüber.

das muss umso schwerer sein, weil die zeit der scheidung nicht spurlos an allen beteiligten vorüber gegangen ist. ich habe grossen respekt und tiefe liebe für diese beiden menschen, die für mich wirkliche eltern sind. besonders helene ist mir eine grosse stütze, denn mit ihrer ruhigen, pragmatischen art, nimmt sie mir die schwere. sie hat immer ein beruhigendes, liebevolles wort für mich, wenn ich nicht mehr weiter weiss.

so möchte ich mich daran motivieren, dass wir alle diese situation gemeinsam meistern und paula in ihr neues heim begleiten. vielleicht ist das für mich die bedeutung von wirklicher familie.