Träume vom Haus

Im Moment ist es zu kalt, um sich länger im Haus aufzuhalten. Ich träume fast jede Nacht vom Haus, von der Wiese und den Räumen, die ich renovieren will.

Früher liebte ich den Winter sehr. Ich mag den Schnee. Ich liebe Langlaufen. Doch momentan halte ich es fast nicht aus. Ich wünsche mir den Frühling herbei. Ich will im Garten arbeiten. Ich möchte mir endlich einen Rasenmäher kaufen.

Ich denke daran, wie ich als Kind ums Haus getollt bin. Damals stand noch der grosse Hundezwinger aus rostigem Metall da. Ich mochte das Gefühl des Zerfalls. Mein Grossvater legte grossen Wert darauf, dass nichts am Haus verändert oder gar repariert wurde. Manchmal denke ich: es ist ein Wunder, dass nie etwas passiert ist.

Paula hat immer geschuftet. Nur ihr ist es zu verdanken, dass das Haus nicht zerfallen ist. Sie hat es geputzt, heimlich Reparaturarbeiten vorgenommen und nach Walters Tod einige Zimmer sanieren lassen.

Das Bad sieht noch immer gleich aus wie damals, als meine Urgrosseltern hier lebten. Die Küche hat nach wie vor nur fliessend kaltes Wasser. Paula hat den Kachelofen sanieren lassen. Leider konnte sie ihn die letzten Monate, als sie noch im Haus lebte, praktisch nicht mehr selbst befeuern.

Als ich im November räumte, fielen mir die grossen, dicken Balken auf. Sie müssen über 100 Jahre alt sein. Das Haus ist stark. Ich hoffe so sehr, dass unsere Geschichte einen gemeinsamen Verlauf nimmt.

Neujahr mit Paula und Walter

Manchmal durften wir Kinder am 25. Dezember bei den Grosseltern bleiben. Die Tage bis Neujahr verbrachten wir mit Spielen (mit den Puppen, der Märklin-Eisenbahn unter strenger Aufsicht Walters, Briefmarken einordnen, Vogelfutter sortieren, Malen, schreiben, lesen) und Fernseh schauen. Da das Haus bis heute keine moderne Heizung hat, sondern via Holzofen in der Küche geheizt wird, war es sehr kalt. Wir trugen mehrere Pullover, warme Socken und froren aber trotzdem immer. Ich werde den Geruch von brennendem Holz und Tomaten-Spaghetti nie mehr vergessen. Paula kochte wahre Festmähler für uns: ihr legendäres Voressen, dessen Rezept ich leider nicht kenne, Rösti mit Spiegelei und Kuhfladenspinat und Buchstabensuppe.

An Silvester schauten wir alte Filme und hörten zu, wenn die Grosseltern über längst vergangene Zeiten sprachen. Während der Neujahrsböller kümmerten wir uns alle um Barri, den Hund, der furchtbare Angst hatte. Opa fürchtete immer, das Haus könnte anfangen zu brennen.

Am Neujahrsmorgen standen wir rechtzeitig auf, um in der engen, getäferten Stube das Neujahrskonzert zu hören. Ich erinnere mich an das Konzert von 1993, das wir zusammen erlebt haben. Mein Grossvater, ganz der Musiker von früher, obwohl er mangels Zähnen längst kein Blasinstrument mehr spielen konnte, war in seinem Element. Er dirigierte, kommentierte und summte mit, tanzte sogar kurz ein wenig mit Paula. Diese beschwerte sich jeweils, wenn er zu viel redete, während sie doch die Musik geniessen wollte.

Seither schaue ich das Konzert und schwelge für kurze Momente in meiner Kindheit, denke an meine Grosseltern und vermisse sie. Ich bin dankbar für all die Liebe, die sie mir entgegen gebracht und für alles, was sie mir fürs Leben mit gegeben haben.