Samichlaus-Freuden

Mit dem Auto voller Bücher und meiner Stoffsammlung fuhren wir heute ins Toggenburg. Die Temperaturen sind weiter gefallen. Der erste Schnee liegt in der Luft. Mir ist kalt. Das Haus ist seltsam warm. Es ist heimelig. Die bereits entsorgten Möbel schaffen Platz.

Wir räumen die Bücher ins Gästezimmer. Die Möbel für den Sperrmüll kommen in den Keller. Opas alter Schreibtisch muss dran glauben. Ich zersäge ihn. Das alte Kinderbett bleibt stehen. Vielleicht kann ich es verschenken. Der riesige Schrank muss ebenfalls warten. Der Platz im Keller ist ausgegangen. Bald ist wieder eine Ladung Sperrmüll fällig.

In meinem zukünftigen Büro, Opas und Uropas alter Werkstatt erwartet uns ein Bild des Schreckens. Der beseitigt geglaubte Schimmel beim alten Fenster ist zurück. Es ist zum K*****.

Doch dann fahren wir ins Pflegeheim. Jetzt, wo ich weniger huste, kann ich mich hinwagen, ohne Omi Paula zu verstören.

Wir kommen gerade richtig. Omi wartet mit den anderen Bewohnern des Heims auf den Samichlaus. Wir trinken Kaffee miteinander. Omi Paula stellt mich der Pflegenden als ihre Mamme vor.

Als ich frage: „Gell, ich gleiche deiner Mamme?“, entgegnet Paula strahlend: „Ja. Das tust du. Schön, dass du wieder zugenommen hast. Das steht dir gut.“

Der nächsten Pflegenden stellt sie mich als ihre Schwester vor, der übernächsten als ihre Tochter. Es verletzt mich nicht mehr. Unsere Nähe scheint keine Bezeichnung zu brauchen. Ich sitze da und höre ihr zu. Sie sucht immer wieder nach den richtigen Worten. Ich gebe mir Mühe, ihre Sätze nicht zu vollenden.

Ich erzähle ihr, dass ich ins Haus ziehe. Sie freut sich. Riesig. Sie äussert ihre Sorge, dass ich mich überanstrengen könnte. Der Winter ist so hart. Der Stich ins Haus so steil. Nach einigen Minuten wird mir klar, dass wir nicht vom selben Haus sprechen. Sie denkt, ich ziehe in ihr Elternhaus, der alten Mühle in Wil. Wir belassen es dabei. Sie freut sich aber, wenn ich öfters zu Besuch komme.

Sie isst Kuchen von Hand. Genüsslich. Sie lebt völlig im Moment und geniesst jeden Bissen. Es ist ihr egal, dass ihr Krumen auf den Pullover fallen. Sie pickt sie elegant mit ihren Fingern wieder weg.

Als wir schliesslich wieder gehen müssen, ich will ja schliesslich die alten Menschen nicht in ihrer Samichlaus-Freude stören, lässt mich Paula fast nicht gehen. Wir begleiten sie an ihren Tisch zu den anderen, doch sie will mir nachgehen und mich nochmals umarmen. Nochmals winken.

Mit einem Mal wird mir klar, dass sich trotz Demenz rein gar nichts verändert hat. Es ist so wie früher. Ich gehe, sie winkt. Paula lächelt mich an. Ihr Blick verheisst: komm wieder und vergiss mich nicht.

Geburtstag und feiern

Ich wäre furchtbar gerne an die Republica nach Berlin gereist. Als ich mir das Datum aber genauer angesehen hatte, war klar, dass ich nicht hinfahre. Paulas Geburtstag am 6. Mai ist einer der festen Grössen im Jahr. Heute wird sie 86 und ich freute mich darauf, sie zu besuchen. Schliesslich weiss ich nie, wann es ihr letzter Geburtstag ist.

Das Pflegeheim fragte vor vier Wochen nach, ob wir mit Paula das Mittagessen einnehmen wollten. Natürlich wollten wir das. Mittagessen in Restaurants gestalten sich nämlich mittlerweile schwierig, weil Paula nicht mehr so viel essen mag.

Die Menüs im Pflegeheim sind denn auch schön hergerichtet, mit frischem Gemüse und in kleinen Portionen serviert. Paula kann so ihren Teller ohne Mühe leer essen. Sie hasst es nämlich, wenn etwas übrig bleibt. Diese Angewohnheit hat sie, seit ich sie kenne und stammt wohl aus Kriegszeiten.

Sie freut sich, dass wir da sind und wir umarmen uns. Paula zeigt ihre Geschenke, Blumen, weiss allerdings nicht mehr genau, von wem sie diese geschenkt bekommen hat.

Paula wünschte sich Kartoffelstock, Bohnen und Hackbraten und zum Dessert Früchtesalat mit Vanilleglacé. Das liebevoll, extra für uns gekochte Menü schmeckt wunderbar.

Beim Kaffee schliesslich reden wir über alte Zeiten und ich bemerke sehr rasch, dass mich Paula heute mal wieder für ihre Schwester Hadj hält. Paula erzählt mir von den „kleinen Brüdern“ und wie frech sie sind. Als sie nach dem Verbleib dieser fragt, antworte ich, dass sie tot sind. Paula sieht betroffen aus. Dann will sie wissen, was mit der Mamme sei. Was soll ich Paula sagen? Ja. Es geht ihr gut?

Stattdessen antworte ich damit, dass Paulas Mamme tot ist. Paula findet, das kann sie nicht glauben, ob es denn letzthin passiert sei. Ich schüttle den Kopf und sage: „Nein, es war vor über fünfzig Jahren.“

Ich fühle mich etwas mies, denn am Geburtstag redet man ja eigentlich von den schönen Dingen im Leben. Doch dann denke ich, dass Trauer um die Mutter am eigenen Geburtstag eine normale Sache ist. Schliesslich empfinde auch ich den „Freudentag“ als emotional, weil meine Mutter eben nicht mehr lebt.

Doch schon zehn Minuten später hat Paula unser Gespräch vergessen und fragt mich erneut nach der Mamme. Wieder macht sie dasselbe, leicht erschrockene Gesicht. Als sie mich nach dem Vater fragt, muss ich ihr erneut sagen, dass auch dieser nicht mehr lebt.

Schliesslich fragt sie mich nach ihrer Schwester Bibi. Nun kann ich ihr endlich eine positive Auskunft geben. Bibi ist zwar bald 90, lebt aber noch und zwar in einem Pflegeheim ein paar Dörfer weiter. Paula ist nun nicht mehr zu bremsen. Sie findet es doof, dass Bibi nicht zu ihr zieht.

Als ich sie frage, ob sie wirklich will, dass ihre ältere Schwester immer in der Nähe ist und alles kommentieren kann, was sie tut, schüttelte sie lachend den Kopf.
„Nein!“, ruft sie, „ich hatte schon immer meinen eigenen Grind!“