Kisten packen

Ich hab einen leichten blassen Schimmer, wie ich die Zügelei gestalten soll. Wir müssen Kisten packen. Uns von Dingen jeglicher Art trennen. Uns überlegen, wie wir die Katze verschieben und eingewöhnen.

Ich muss Omas Schränke verschrotten. Sie sind klobig, unpraktisch und viel zu gross für die kleinen Zimmer im Toggenburger Haus. Da sind Heizkissen, alte Lampen, Bügeleisen, die alle grob gefährlich sind.

Mein Plan sieht folgendes vor: vorhandenen Müll recyclen so gut es geht. alte Möbel per Mulde entsorgen. Nicht weinen.

Mir fällt der Wegzug aus dem Thurgau schwer. Trotz allem hängt mein Herz an meinen lieben Nachbarn, der Landschaft und dem Kanton als solches. Die Traktoren allerdings werden mir nicht fehlen.

St. Gallen ist mir denkbar unsympathisch. Die Steuern sind viel höher, die Motorfahrzeugsteuer jenseits von allem denkbaren. Die Nutzung des Öv’S bleibt für mich vom Toggenburg ins Thurgau unbefriedigend, was meine Dienstzeiten betrifft.

Doch ich freu mich aufs Toggenburg. Aufs Renovieren. Auf die Besuche bei Paula. Darauf, dass sie das Haus wiedersieht. Meine neuen Nachbarn. Die Berge. Das schöne Wetter.

Aber trotzdem gibts in meinem Herzen so eine neblige Ecke. Die wird wohl für immer thurgauisch bleiben.

Spätherbstwiesentag

In einigen Tagen gehört das Haus (endlich!) uns. Es ist ein sehr seltsames Gefühl für mich. Ich freue mich. Ich kanns kaum erwarten, bis wir endlich umziehen.

Einmal mehr sind wir heute von Raum zu Raum gegangen und haben uns vorgestellt, was wir wohin stellen. Ich habe mich bereits entschieden, welche Möbel ich nicht behalten will. Ich hätte nie gedacht, dass mir das so leicht fällt. Ich brauche als nächstes eine Mulde, in die ich alles schmeissen kann, was ich nicht mehr im Haus haben will. Dann kann ich damit anfangen, Räume zu streichen.

Ich lief auf der Wiese umher und sammelte mit dem Rechen das Laub zusammen. An der Gartenmauer ist ein grosser Haufen. Ich hoffe auf freundlichen Besuch von Igeln.

Auf der Wiese bin ich schliesslich auf einen Brandschutz einer Petrollampe gestossen. Wer weiss, wie alt das Ding ist und wie lange es schon hier liegt? Ich habe den Müll auf dem Grundstück aufgesammelt. Bierdosen. Petflaschen. Zigis. Ich will gar nicht wissen, was hier abgegangen ist, als niemand mehr in dem Haus wohnte.

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Nun ist das Haus für den Winter bereit. Sobald es uns wirklich wirklich wirklich gehört, können wir den Kaminfeger bestellen und dann geht der Umzug wirklich los.

paula zieht aus teil2

nachdem ich mich noch telephonisch im heim angemeldet habe, sitzen wir schliesslich endlich im auto. paula wirkt zufrieden, fast wie bei einer ferienreise. wir fahren ins übernächste dorf. dort, in der nähe der thur, liegt das altersheim.
wir steigen aus. paula hat etwas mühe und verheddert sich im gurt. schliesslich stehen wir vor der türe. wieder spüre ich einen tiefen schmerz im gesicht. ich schlucke meine tränen herunter.

ich gehe mit paula am arm ins haus. frau g., die pflegefachfrau, erwartet uns. doch sie ist nicht die einzige. neben ihr steht eine fröhliche, weisshaarige frau. sie geht sofort auf paula zu. die beiden geben sich die hände und begrüssen sich. ich kenne solche situationen. paula kennt von ihrer tätigkeit als kioskfrau sehr viele menschen. wenn sie auf jemanden zugeht und diesen begrüsst, reagieren die wenigsten so aufgestellt. deren gedächtnis scheint nicht so gut sein wie das von paula. wir lassen die frauen allein und räumen das zimmer ein.

rolf und helene transportieren die ganzen möbel. liebevoll dekoriert helene das zimmer. nach einer viertelstunde sind wir mit dieser ladung fertig.die nächste wartet auf uns. ich gehe nach unten ins fernsehzimmer. paula sitzt breit grinsend da und stellt mir die weisshaarige frau vor. es ist eine kollegin, mit der sie vor über 50 jahren gearbeitet hat. ich bin stark gerührt und habe wiederum tränen in den augen. wie schön, denke ich. sie wird ihren weg schon machen, meine omi paula.

dann sagt paula zu den anderen alten frauen, die strickend im raum sitzen: „und das ist meine enkelin zora.“

paula zieht aus teil 1

heute morgen war es soweit. wir machten uns auf den weg zu paula für den umzug ins altersheim. als wir ankommen, finden wir paula in tränen aufgelöst. sie weint und wirft uns vor, wir hätten sie vergessen. ein blick auf die uhr klärt die situation. paula hat die uhr nicht zurückgestellt und wartet seit stunden.

das packen und ausräumen ihrer gewünschten möbel verläuft schwierig. paula steht verloren da. mehr als einmal fürchte ich, sie fällt gleich die treppe herab. in der küche herrscht ein grosses durcheinander: müll, katzenfutter und küchentücher stapeln sich auf der essbank. wenigstens hat paula die heizung eingeschaltet. so ist es wenigstens nicht allzu kalt.

beim einpacken ihrer sachen ist geduld meinerseits gefordert. dass wir zwei taschen mit plastiksäcken mitnehmen müssen, passt mir nicht. aber ich packe sie ein. schliesslich ist es ihr wichtig. als die nette spitexfrau kommt, um mir den übergaberapport von paula zu übergeben und mich fragt, was sie noch für mich tun könne, überkommt es mich. auch paula weint. sascha schafft es schliesslich, paula etwas abzulenken. die pflegefachfrau gibt mir den tipp, paula gleich bei der ersten fahrt mitzunehmen und sie dem pflegeteam anzuvertrauen. das packen und die noch schlimmere unordnung bringen paula durcheinander. ich bedanke mich für die ratschläge und die gute arbeit, schniefe weiter.

als wir die beiden autos geladen haben, folgt der wirklich schwierige teil. paula sollte sich umziehen. mit sehr, sehr viel überredungskunst schaffe ich es, dass sie ihre rote trainerhose auszieht und eine frische anzieht. den pullover und die wolljacke lässt sie an. ich gebe auf.

dann packen wir ihre handtasche. auch hier drängt sie darauf, einige plastiksäcke mitzunehmen. was mir anschliessend fast das herz zerreisst, ist paulas verabschiedung vom haus. sie geht in jedes zimmer und sagt ein paar worte. mir scheint, als hätte sie sich von allen geistern des hauses verabschiedet. sascha schafft es schliesslich, mit ihr heraus zu gehen. ich schliesse die tür hinter ihr ab.

paulas haus

morgen also zieht paula aus ihrem haus aus.
für mich war und ist es das haus meiner kindheit, mein sicherer hafen. mein pippi-langstrumpf-schloss. der schönste ort, den ich mir vorstellen kann.

als ich noch ein kind war, habe ich alle meine ferien bei oma und opa verbracht. meine schwester und ich spielten verstecken, bauten uns hütten aus leintüchern, spielten mit dem hund, ärgerten opa. wir waren total frei.
mein grossvater war anfangs der 80er jahre bei seinen eltern eingezogen, um sie zu pflegen. oma behielt vorerst ihre wohnung. nach dem tod ihrer schwiegermutter zog sie dann ebenfalls ein. die jahre mit meinem betagten urgrossvater müssen die hölle gewesen sein.

doch nach dem tod meines urgrossvaters erging es ihr nicht besser. mein grossvater, durch die weberei-krise immer wieder arbeits- und mutlos, war alkoholkrank. am haus durfte sie nichts verändern, das verbot er ihr.

nachdem mein opa nach kurzer schwerer krankheit in den 90ern starb, erblühten oma und das haus in neuem glanz. sie baute um und liess sich alles so einrichten, wie sie es wollte. nach dem tod meiner mutter wurde sie jedoch immer seltsamer. ihr rheuma nahm zu und ich bemerkte erste anzeichen ihrer demenz.

das haus ist über 100 jahre alt und mehr als 50 jahre im besitze meiner familie mütterlicherseits. es liegt neben einem bach und sollte anfangs der 80er abgerissen werden. ich liebe dieses haus so sehr.

ich habe angst vor morgen. paula muss nicht alles räumen. wir zügeln das, was sie braucht. der rest bleibt drin. wie wird es sein, wenn sie nicht mehr da lebt? ich habe angst, dass ich morgen nur noch weinen kann. dabei muss ich morgen stark für paula sein, damit sie den übergang gut schafft.