Gewalt im Altersheim

In unserer Phantasie gehen alte Menschen irgendwann ins Altersheim. Dort werden sie von liebevollen Pflegerinnen betreut und kriegen alles, was sie brauchen. Die einen dürfen ihre Katze mitnehmen, der andere kriegt jeden Abend sein Tschumpeli Roten und die dritte strickt Socken für den Kirchenbasar.

Alles könnte so schön sein. Die Realität sieht anders aus.

In Paulas Heim leben verschiedenste alte Menschen. Da sind einige, die freiwillig gekommen sind, weil sie nicht alleine leben wollen. Die einen sind noch sehr rüstig, treiben Sport, pflegen Tiere, helfen im Haushalt mit. Andere wiederum leben zurückgezogen, mit der Katze, im Zimmer, wollen ihr Zimmer nicht mehr verlassen, weil sie die Welt nicht mehr ertragen.

Dann leben da Menschen, die ihr ganzes Leben hart gearbeitet haben und nun nicht mehr können, weil sie vielleicht einen schweren Unfall hatten oder auf dem Hof nicht mehr gebraucht werden. Man merkt an einigen Gesichtern, dass sie nicht freiwillig hier sind. Einige Bewohner haben eine geistige Behinderung. Bei wiederum anderen ist die Demenz weiter fortgeschritten. Sie sind nicht mehr einfach nette alte Menschen, sondern rasten auch mal aus.

Auch Paula hatte eine solche Begegnung. Sie hat mir geschildert, schon vor längerer Zeit, dass es da eine Frau gebe, die ihre Erzählungen nicht hören mag. Wir haben immer mal wieder darüber gesprochen, wie sie mit dieser schwierigen Situation umgehen kann. Paula geht ja solchen Problemen gerne aus dem Weg und meistert sie mit dem ihr ganz eigenen Charme.

Hier stiess sie an ihre Grenzen. Sie erzählte mir vor ein paar Wochen, dass sie lieber nicht mehr mit den anderen essen mag, weil sie lieber ihre Ruhe hat. Das erstaunte mich. Aber ich dachte darüber nicht weiter nach.

Bei den letzten Besuchen erstaunte mich jedoch, dass die Pflegende jedes Mal rauf kam, um Paula zum Essen zu überreden. Wenn ich mich bei Paula anmeldete, wünschte sie sich jedes Mal Süssigkeiten und Früchte. Es konnte doch nicht sein, dass diese Frau, die so gerne isst, zum Essen überredet werden muss!!

Des Rätsels Lösung zeigte sich heute. Paula erwähnte so nebenbei, dass sie jetzt an einem anderen Tisch sitzt. Die „andere Frau“ sei ausgerastet und habe sie mehr als einmal beschimpft. Ich war erschüttert. Ich beschloss, die Pflegende zu fragen, was los war.

Frau B. erzählte mir, dass diese andere Frau sehr dominant sei und sich an Paulas Geplappere gestört habe. Deshalb wurde Paula an einem anderen Tisch versetzt. Paula scheint das ok zu finden. Aber mir wurde es schummrig.

Ich bedankte mich bei den Pflegenden, die so gut beobachteten und die richtigen Schlüsse zogen. Ich fragte mich, wie all diese Frauen mit allen den versteckten und offenen Gewalttätigkeiten unter den alten Menschen umgingen. Mein Respekt für diese meine Berufskolleginnen ist mit diesem Erlebnis noch mehr gewachsen.

Sei (verdammt nochmal!) freundlich!

Sogar mein eigener Vater sagt manchmal, ich solle mich höflicher verhalten und das, obwohl er sehr ähnlich wie ich ist. Wir sind beide keine grossen Redner.

Ich kann sehr gut zuhören. Ich kann versinken, wenn mir jemand eine gute Geschichte erzählt. Ich sitze dann einfach da und lasse mich von den Worten berieseln.
Doch diese Begeisterung für Stimmen und Worte hat eine andere Seite. Ich ertrage keine (dummen) Menschen.
Ich kann nicht langweiligem Gesülze zuhören.
Noch sehr viel schlimmer ist meine Unfähigkeit, Höflichkeit zu heucheln.
Wenn mich etwas nicht interessiert, wende ich mich ab. Und zwar total.

Als ich noch ein Kind war (und kein Handy hatte), hatte ich immer meinen Block mit dabei. Ich nahm ihn hervor, wenn Dinge langweilig wurden. Sehr oft ging ich mit meinem Vater an Kaninchenausstellungen. Während er mit seinen Freunden diskutierte, schrieb und zeichnete ich. Dann liess ich mich weniger von ihren Worten ablenken, versank in meinen eigenen Gedanken, war aber immer mit einem Ohr bei ihnen.

Mein Ex fand dieses Verhalten meinerseits höchst störend und beleidigend. Mehr als einmal stritt ich mich mit ihm, weil er meinte, ich sollte mich gefälligst mal zusammen nehmen und freundlich sein. Freundlich sein. Ich verstehe es schlicht und einfach nicht.

Ich sage mit ruhiger Stimme „guten Morgen“ und „gute Nacht“. Ich öffne älteren Menschen die Türe. Ich helfe anderen in den Mantel. Wenn ich in einer Runde mit Wein anstosse, achte ich darauf, den Menschen in die Augen zu schauen oder einen Punkt auf der Stirn zu fixieren. Ich passe auf, dass ich nicht über Kreuz zuproste. Ich lächle, wenn jemand etwas erzählt und alle anderen um mich herum lachen. Ich mache mich lächerlich, wenn ich nachfrage. Ironie ist nämlich in meinem Fall Glückssache.

Andererseits ist es unpassend, wenn ich lachen muss, wenn jemandem ein Missgeschick passiert. Ich bin schadenfreudig. Auch das ist nicht unbedingt ein Ausdruck von sozialer Kompetenz.

Ich gebe mir Mühe, nicht immer das zu sagen, was ich eigentlich denke. Es stösst andere Menschen offensichtlich vor den Kopf. Aber oft kann ich nicht anders. Ich bemerke dann an der Reaktion meines Gegenübers, dass ich das so wohl besser nicht gesagt hätte.

Dieses Freundlichsein ist für mich ein Fremdwort. Ich fülle es mit Inhalten, die ich aus Benimmbüchern und Rückmeldungen entnehme. Ich lerne, dass ich beim Essen nicht telephonieren darf. Ich lerne, dass ich nicht zu laut reden darf. Ich gebe mir Mühe, nicht zu ernst zu schauen.

Aber manchmal ist es mir scheissegal.

Ich kann andere Menschen nicht einfach so anlächeln. Ich blecke nur meine Zähne. Ich kann nicht auf Kommando freundlich sein. Ich verstehe es einfach nicht. Und dabei denke ich immerzu, diesen Code werde ich knacken. Ich werde verstehen, was ich tun muss. Freundlich sein kann ja wohl nicht so schwierig sein.

Aber dann versagt meine Stimme und ich kann nicht mehr sprechen. Das passiert, wenn ich sehr traurig oder sehr wütend bin. Schreiben geht gottseidank immer.

Ich bin darauf angewiesen, dass mein Umfeld meine Sprachlosigkeit akzeptiert und meine Wörter liest. Aber das verlangt von meinen Nächsten ab, dass sie das Schweigen akzeptieren. Manchmal ist das wohl eine zu hohe Erwartung an ein Umfeld, das immerzu spricht.

Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Blogger-Themen-Tage.

Einfach-Sein-150x115

Die konstante Begegnung mit dem Tod

Vor einem halben Jahr habe ich mit Bloggen über die Demenz meiner Oma Paula angefangen. Ich war an einem Punkt, wo ich nicht mehr über meine Gefühle reden konnte. Ich war nur noch müde, gefangen im Hamsterrad des Helfens, des Funktionierenmüssens und der Überforderung.

Das Schreiben hat mir gut getan.
Im Laufe der letzten Wochen konnte ich so auch immer wieder nachdenken.
Als wir Paula beim Umzug geholfen haben, mein Vater und seine Frau unterstützten mich dabei, fiel mir auf, wie sehr mein Vater litt. Er und Paula sind zwar Ex-Schwiegersohn und Ex-Schwiegermutter, doch irgendwie hat ihn ihre Demenz sehr betroffen.

Mein Vater fragt oft nach Paula.
Er stellt sich Fragen übers Leben und den Tod.
Ihr langsames von dieser Welt gehen, berührt ihn, denn auch er ist sich seiner Sterblichkeit mehr als bewusst. Er leidet seit zwei Jahren an Prostatakrebs.
Wie ich ist auch er kein Mann der grossen (gesprochenen) Worte.
Er lebt sein Leben und behält seine Gefühle für sich.

Umso heftiger ist es nun für mich, ihn heute im Spital zu besuchen. Ich bin mir mit einem Mal seiner Zerbrechlichkeit bewusst. Er wirkt zart. Dabei war er während vieler Jahre ein Ausdauersportler. Muskulös. Gross. Und nun liegt mein Vater, mein Held, in diesem riesigen weissen Bett inmitten von Apparaten. Er lächelt, als er mich sieht. Ich tue es auch, denn ich möchte ihm ja Mut schenken. Dennoch bin ich schockiert.

Wir reden über vieles. Er redet sehr viel. Er wählt seine Worte geschickt. So kenne ich ihn gar nicht. Das Morphium lockert seine Zunge. Er wiederholt sich. Ich höre zu. Halte seine Hand, die mir mit einem Mal so bleich erscheint.

Er erzählt von seinen Ängsten, die er vor der Operation von heute ausgestanden hat. Er hat mit seinem Leben abgeschlossen, sagt er. Er war bereit zu gehen. Jetzt ist er aber wach. Und lebt. Er schaut raus und freut sich auf den Frühling. Der Scheiss-Schnee soll endlich weg.

Ich sage ihm, dass er heute neu beginnt. Der Krebs ist rausgeschnitten. Fang bei Null an!
Er blickt mich überrascht an.
„Bei Null?“
Sascha und ich nicken.
Sascha sagt: „Vielleicht nicht ganz bei Null. Eher so nach Pubertät. Ist doch praktischer.“
Mein Vater grinst breit.
„Dann fange ich bei 20 an.“
„Vielleicht ohne die Rekrutensschule, grad nachher?“
Er grinst breiter.
„Ich habe meinen 20sten in der Rekrutenschule gefeiert. Oder eher nicht. Ich bekam nicht mal Ausgang. Das waren noch andere Zeiten.“
Ich nicke.
„Du hast sie gut gemeistert.“
Dann grinst er noch breiter.
„Also meinen 65sten Geburtstag morgen werde ich wohl auch nicht grossartig feiern. Ist wirklich fast wie als ich 20 war.“

Paula redet sich raus.

Paula ist der mit Abstand höflichste Mensch, den ich kenne. Sie ist immer freundlich und sehr charmant. Halt so, wie man sich seine 84jährige Oma vorstellt.

Paula war schon immer so. Charmant. Freundlich.
Das hat sie im Verkauf gelernt. Sie war viele Jahre Kioskfrau. Diesen Beruf hat sie über alles geliebt. Sie liebte es, Zeitschriften genau einzusortieren, Zigaretten einzufüllen und Süssigkeiten in die Auslage zu legen. Ich bin mir sicher, dass ich diese Interessen, die Genauigkeit in kleinsten Dingen, von ihr habe.

Doch wie oft habe ich mich über sie geärgert, wenn eine Verkäuferin nicht nett war mit ihr?
Mehr als einmal hab ich zu ihr gesagt: „Omi! Wehr dich!! Lass dir nicht alles gefallen.“
Doch Paula lächelt sanft.

Leider habe ich ihre charmante Höflichkeit nicht geerbt. Im Gegensatz zu ihr kann ich nicht in jeder Lebenslage lächeln und Leute, die mich ärgern, kriegen meine kalte Schulter zu spüren oder einen Tritt in den Hintern.

Aber Paula, die ist anders. Paula kann lächeln.
Allerdings kriegt diese Eigenschaft, diese praktische Fassade, in ihrer Demenz Risse.
Paula ist noch immer freundlich.
Doch nun nutzt sie die Freundlichkeit zu 100% für sich.
Theaternachmittag im Alterszentrum?
Paula sagt charmant: Danke. Da komm ich doch gern.
Zwei Tage später meint sie, weniger charmant: ich bekomme Besuch.
Ich räume mein Zimmer auf.
Ich muss die Katze meiner Zimmernachbarin füttern.
Und dann, in einem Nebensatz: „Es scheisst mich an. Da geh ich nicht hin.“

Paula lächelt.
Alles ist gut.

Liebe und Zärtlichkeit im Alter

Ich kenne nicht viele Menschen, die so sind wie meine Paula. Eigentlich kenne ich niemanden, der nur im entferntesten so ist wie sie. Sie ist ungewöhnlich. Sie ist ein unglaublich freundlicher, demütiger Mensch, eine liebe Frau. Ich habe sie selten fluchen hören und wenn, dann nur aus Gründen und wie ein Bierkutscher.

Paula hat es in ihrem Leben nicht immer gut gehabt. Sie ist, wie schon früher erwähnt, in sehr armen Verhältnissen aufgewachsen. Aber, und das ist das Entscheidende: sie wurde geliebt von ihren Eltern. Diese Fähigkeit hat sie weiter gegeben. An ihre Tochter und wohl auch an mich.

Natürlich habe ich mich gefragt, wie es in ihr aussieht. Ich bin neugierig, was sie gefühlt hat, wie sie beispielsweise in meinem Alter Liebe und Zärtlichkeit empfunden hat. Darüber hat sie nämlich nie viel gesprochen. Mein Grossvater hat uns erzählt, dass er nach der Geburt meiner Mutter so geschockt war, dass er ihr versprochen hat, dass sie niemals mehr ein Kind gebären muss. In den frühen 50er Jahren kann man sich sehr gut vorstellen, was das für die beiden bedeutet hat.

Aber, da ist etwas, was mich sehr rührt: Jetzt, im hohen Alter, hat sie es gelernt, ihre Bedürfnisse zu äussern. Sie sagt: ich will, dass du mich umarmst und küsst. Zu Sascha sagt sie beim Abschied jedes Mal: Gibst du mir noch einen Kuss?

Paula und das soziale Leben

Paula geht’s gut. Sie hat die ersten drei Monate in guter Gesundheit überstanden. Langsam gewöhnt sie sich in den Heimalltag ein. Sie geht morgens um halb neun in den Essraum und kriegt dort ihren Incarom und ihre Gonfi serviert (ohne Kerne, damit sie nicht zwischen den Zähnen stecken bleiben). Nachher marschiert sie zurück in ihr Zimmer und räumt auf. Nicht, dass sie das müsste. Ihr Zimmer ist immer sauber. Aber sie macht es eben gern.
Und um viertel vor zwölf klopft die Pflegende an die Tür, um sie zu erinnern, dass sie Mittagessen kriegt. Paula hat einen festen Platz und diskutiert dort über das Wetter. Oder den Papst. Dass der heute seinen Rücktritt angekündigt hat, sage ich ihr nicht. In ihrer Welt leitet Johannes XXIII seine Schäfchen. Und er macht es gut. Alles andere würde sie wohl verstören.

Am Nachmittag legt sie sich hin. Manchmal geht sie auch schwimmen. Das heisst, die Schwester begleitet sie in die Badewanne. Morgen besucht Paula einen Theaternachmittag für Senioren im Dorf. Das wird sicher lustig, meint die Pflegende. Paula geht natürlich hin. Wenn ich sie morgen abend anrufen werde, wird sie allerdings nicht mehr so genau wissen, was sie gemacht hat.

Als wir heute da waren, erzählte Paula, dass sie vor ein paar Nächten einen Geist zu sehen geglaubt hatte. Ich schreckte schon auf. Bitte nicht schon wieder!!
Aber nein, beruhigt mich Paula. Alles ist in Ordnung. Der Geist war zwar sehr dick und nackt und weiblich, stellte sich aber als desorientierte Mitbewohnerin heraus, die das Klo suchte. Paulas lakonischer Kommentar: „Die ist eben schon sehr alt, bestimmt schon 80. Und drei Jahre jünger als ich.“

Ich atme beruhigt aus.
Paula begleitet uns nach unten. Gleich gibt’s Mittagessen. Wir laufen vorbei an einer betagten Frau, die inständig die Pflegende versucht davon zu überzeugen, dass das Theaterstück im Schulhaus und nicht in der Altersanlage gezeigt wird. Das sei sehr wichtig. Auf Paulas freundliches Grüezi und „das ist meine Enkelin“, reagiert die alte Frau gehässig und ruft Paula nach: „Das hab ich schon gemerkt. Ich bin ja nicht blöd.“ Paula entgegnet im Weggehen: „Die hat einfach immer schlechte Laune. So ein Totsch.“

Mein liebes Kind

Mein liebes Kind

ich schreibe dir diesen Brief, weil Du vielleicht hättest meines sein können.
Sei Dir sicher, ich hätte Dich neun Monate in mir getragen und
Dich geboren.
Du wärst als mein Kind aufgewachsen und ich hätte Dich über alles
geliebt. Ich hätte jeden Tag ein Bild von Dir gemacht und mich über jeden
Deiner Entwicklungsschritte gefreut. Ich hätte Dich kriechen und laufen gesehen.
Du wärst mit Tieren aufgewachsen und mit einem Vater, der Dich ebenfalls über alles
geliebt hätte. Und ich hätte deinen Vater über alles geliebt.
Gleich, was auch immer passiert wäre, wir hätten dich geliebt.

Du wärst in unseren Familien aufgewachsen und auch dort geliebt worden.
Mein Vater wäre Dir ein wunderbarer Grossvater gewesen. Ihr hättet zusammen Hühner
und Kaninchen gefüttert. Deine Urgrossmutter würde Dich wie einen Goldschatz behütet und verwöhnt haben.

Ich hätte mit Dir Lego gespielt und Dir Kleider geschneidert.
Tagsüber wäre ich für Dich da gewesen und in den frühen Morgenstunden hätte ich
Gedichte geschrieben, die Du einmal hättest lesen können.
Bei den Aufgaben hätte ich Dir geholfen und Dich in Deinen Träumen bestärkt.

Ich hätte Dich beschützt.
Ich hätte Dich zu einem anständigen Menschen erzogen.
Ich hätte auch Deine Wut in der Pubertät ertragen.

Was auch immer Du hättest werden wollen, ich hätte Dir dabei geholfen. Ich wäre immer stolz
auf Dich gewesen und hätte Dir das gezeigt.

Ich hätte mich darauf gefreut, dass Du Dich auch verliebst und auch Kinder hast.
Dann wäre ich Grossmutter geworden und hätte es geliebt.

Wenn ich dann sterben müsste, fiele mir der Abschied von Dir am schwersten.

Doch stattdessen schreibe ich Dir jetzt diesen Brief, mein ungelebtes, geliebtes Kind in der Hoffnung, dass Du das Kind einer anderen Frau wirst, die Dich genauso liebt, wie ich es getan hätte.

paula und der liebe gott

paula ist gläubige katholikin. im gegensatz zu mir.
ich bin reformiert aufgewachsen als tochter zweier atheisten.
als kind ging ich sehr gerne mit paula in die katholische kirche. besonders jene in wängi hatte es mir angetan. die mosaiken faszinieren mich noch heute. paula und ich fuhren auch oft nach einsiedeln. paula war eine glühende marienanbeterin.

ich glaube, paula war sehr enttäuscht, als meine eltern sich damals entschieden, mich protestantisch zu taufen. sie hatte sich darauf verlassen, dass ich, wie meine mutter, katholisch aufwachsen würde.
ganz im ernst: es hätte mir damals nicht missfallen. ich durfte mit 11 das weisse kleid meiner mutter tragen, als ich einen engel im weihnachtsspiel darstellte. ein tolles gefühl. überhaupt. der prunk, der geruch und die schönheit von katholischen kirchen faszinierten mich.

mein vater ist atheist. aber er würde nicht zur kirche austreten, weil er es unanständig findet. er hat es allerdings auch nicht zugelassen, dass wir mädchen katholisch aufwachsen. er ist ein asket.

paula wünschte sich damals in den 80ern mit mir nach lourdes zu fahren. sie hatte in einem wettbewerb gewonnen. natürlich haben wir beide mehr als einmal „the song of bernadette“ gesehen. ich wollte ja auch nonne werden. als mein vater das erfuhr, wurde er sehr wütend auf paula. die beiden haben bestimmt einige wochen nicht mehr miteinander gesprochen.

paula hat meinen austritt aus der kirche nicht so bewusst miterlebt.
aber instinktiv hat sie mir in jener zeit einige vorträge zum thema: „der liebe gott sieht im fall schon was du alles machst.“ gehalten. zu spät.

vorletzte woche waren wir bei paula im heim zu besuch. sie erzählt mit grosser freude, dass sie an einer messe war. ebnat-kappel ist offensichtlich sehr protestantisch. das ist für paula aber kein problem. sie meint lakonisch: „es gibt ja schliesslich nur einen herrgott.“

Fragen über Fragen

Wenn ich an meine Vorfahren denke, die leider nicht mehr leben, kommen mir so viele Fragen in den Sinn.

Ich hätte gerne meinen Urgrossvater Heinrich gefragt, wie es damals war, als er 1939 mit seiner Trompete in Lichtensteig den Krieg ausgerufen hat. Ich würde ihn fragen, was er dabei gefühlt hat. Schliesslich hatte er ja 1914 bis 1918 schon den ersten miterlebt. Ich würde ihn fragen, ob er Angst hatte.

Meine Urgrossmutter Rosa würde ich über ihre Jahre in Berlin in den 40ern befragen. Ich würde mehr über ihren ersten Mann, den geheimnisvollen Italiener, wissen wollen. Ich würde sie fragen, wie es ihr erging, so als zweite Frau meines Urgrossvaters, so kurz nach dem Krebstod meiner Urgrossmutter Anna. Und ich würde wissen wollen, warum sie all die Jahre Paula so schlecht behandelt hat.

Meine Urgrossmutter würde ich fragen, wie sie Heinrich kennen- und lieben gelernt hat. Mich nähme wunder, wie hart sie arbeiten musste. Ich würde sie nach meiner Grosstante Nelly fragen. Ich würde Anna fragen, wie es ihr danach gegangen ist. Anna litt an Brustkrebs. Ich würde sie fragen, wie ihre Behandlung damals von statten ging.

Fragen über Fragen, die ich niemandem mehr stellen kann, weil sie alle schon tot sind. Sie fehlen mir.

Filme mit Paula

Paula war in den 80ern ein totaler Serienjunkie. Sie liebte Dallas, Denver-Clan, Gute Zeiten – Schlechte Zeiten, Lindenstrasse und den furchtbar botoxhaltigen California-Clan. Schon als Kind wusste ich, dass ich sie zu den Sendezeiten dieser Serien nicht anrufen musste. Sie ignorierte das Telephon.

Mit ihr über Serien zu diskutieren, war eine endlose Geschichte. Ihr Gedächtnis, was die Affären jeglicher Nebendarsteller anging, war unglaublich. Ich glaube, ein wenig habe ich diesbezüglich von ihr geerbt. Vielleicht war ich deshalb so irritiert, als ich ihre Demenz bemerkte.

Paulas erster Film im Kino war „Der Untergang der Titanic“ mit Barbara Stanwyck und Robert Wagner. Damals muss sie Mitte 20 gewesen sein. In den 90ern gingen wir sehr oft und mit sehr viel Enthusiasmus ins Kino. Wir beide haben gemeinsam die unglaublichsten Filme gesehen:

„Die drei Musketiere“ sahen wir an einem Wochenende, als ich vom Welschland für zwei Tage zurück kam. Ich war sofort verknallt in Tim Curry, was Paula sehr schräg fand. Sie mochte Charlie Sheen sehr viel lieber.

Warum wir „Junior“ mit Arnold Schwarzenegger anschauen gingen, entzieht sich meinen Kenntnissen. Ich vermute, es lag an meiner Schwärmerei für Emma Thompson. Jedenfalls sahen wir den Film im wunderbaren Schlosskino in Frauenfeld an, das damals noch mit pinken Plüschsesseln ausgestattet war. Paula schlief nach zehn Minuten ein und schnarchte sehr laut. Meine Schwester und ich versuchten vergebens, sie aufzuwecken. Als sie schliesslich die Augen öffnete, meinte sie: „Bei dem langweiligen Film kann man ja nur schlafen.“ Paula bekam Szenenapplaus.

Eines Tages rief mich Paula an und meinte, sie würde sehr gerne mit mir mal wieder ins Kino gehen. Ich sagte zu und fragte sie nach ihrem Wunsch. Sie meinte, sie würde gerne jenen neuen Film mit den weissen Ameisen sehen. Ich war überfordert. Der Name wollte ihr nicht einfallen.
Ich fragte sie aus.
Ameisen? Meinte sie „Antz“?
Sie verneinte. Nein, kein Zeichentrickfilm. Das waren echte Leute. Hrm. Ich war überfragt.
Dann begann sie: „Da waren auch noch Roboter.“
„Roboter?“
„Und bärtige Männer mit farbigen Neonröhren in den Händen.“
Ich war schockiert.
„Star Wars?“
„Genau!! Das Wort hat mir gefehlt.“

Und so schauten Paula und ich anno 1999 „Star Wars Episode I – Die dunkle Bedrohung“. Ich war anfangs 20 und Paula 71 Jahre alt. Sie war mit grossem Abstand die älteste Kinobesucherin an jenem Mittwochnachmittag. Sie hat jede Minute genossen und den tollen Ton gelobt. Und Liam Nessons Bart.