Seit mein Opa Walter tot ist, kümmere ich mich um Paula. Kümmern bedeutete in früheren Jahren, dass ich ihr jeden Freitag einen Brief schrieb, den sie am Samstag im Briefkasten hatte. Wir telephonierten mindestens einmal die Woche. Wir sahen uns einmal im Monat, gingen ins Kino oder gemeinsam lädelen. wir besuchten uns regelmässig, soweit dies bei meinen Dienstzeiten möglich war. Dann und wann unternahmen wir gemeinsam Zugreisen, fuhren nach Zürich, Luzern, Berlin oder nach Ulm an den Weihnachtsmarkt.
Als ich 2000 die Autoprüfung machte und ein Auto besass, konnte ich sie häufiger besuchen. 2002 nahmen Paulas gesundheitliche Probleme zu. Sie litt unter Rheuma, was aufgrund der fehlenden Heizung in ihrem Haus auch kein Wunder war. Paula schaffte aber den Haushalt und den Garten noch immer selber. In jener Zeit schaute ich alle ein bis zwei Wochen bei ihr vorbei, brachte ihr Lebensmittel oder Briketts für den Ofen.
Als 2007 meine Mutter schwer krank wurde und schliesslich verstarb, verbrachten Paula und ich sehr viel Zeit im Spital und im Pflegeheim. Paula war damals 79. Sie war sehr betroffen vom Tod meiner Mutter und gleichzeitig beruhigt zu wissen, dass sie friedlich gestorben war.
Bald danach begann Paula langsam abzubauen. Mir schien, als würde sie nun altern, war sie doch vorher eine vitale Frau gewesen. Von 2008 an war Paula vermehrt auf die Spitex und den Mahlzeitendienst angewiesen. Aufgrund der Demenz hatte sie Mühe, ihre Medis rechtzeitig zu nehmen oder Termine einzuhalten.
Gemeinsam mit Sascha habe ich schliesslich die letzten Jahre für sie gesorgt. Ich ging an meinen freien Tagen bei ihr vorbei, half ihr, wo sie Hilfe benötigte und thematisierte immer wieder einen Heimeintritt. Paula schob dies immer wieder weit von sich. Es war einfach noch nicht so weit. Dass mir Bekannte und Familienangehörige rieten, ich sollte sie „halt entmündigen lassen“, widersprach meiner Haltung. Ich empfand es als stossend, einem alten Menschen jegliches Urteilsvermögen und Entscheidungsgewalt einfach so abzusprechen. Ich wusste und sagte Paula immer wieder, dass sie schlussendlich selber wissen muss, was sie will. Im Sommer 2012 wusste sie, dass sie keinen Winter mehr in ihrem Haus verbringen wollte. Sie bat mich darum, mit ihr zusammen ein Pflegeheim zu suchen.
Nun ist es leider so, dass pflegende Angehörige meistens recht alleine da stehen. In meinem Fall war das nicht gewollt: meine Mutter war tot, meine Schwester wohnte weit fort. Ich hatte die Sache alleine auf meinen Schultern liegen.
Von Freunden und Bekannten weiss ich, dass solange ein Demenzkranker lebt, das soziale Umfeld sich schön zurück hält. Wenn’s dann aber ums Auflösen einer Wohnung oder gar eine Erbschaft geht, sind besonders jene, die sich nie um den Angehörigen gekümmert haben, die ersten, die die hohle Hand aufhalten.
Es gibt auch nichts Ärgerlicheres, als Angehörige, die in schwierigen Situationen Ratschläge erteilen, anstatt aktiv mitzuarbeiten. Einen Einkauf übernehmen, die Begleitung bei einer ärztlichen Untersuchung oder einfach mal einen Nachmittag bei Kaffee und Kuchen verbringen, entlastet die pflegenden Familienangehörigen sehr.