Geduld

Wiederum sind zwei Wochen vergangen.
Ich arbeite. Mein Leben eilt an mir vorbei.
Während ich im Thurgau lebe, steht das Haus im Toggenburg
und wartet. Auf mich. Es wird Sommer.
Die Johannisbeeren sind bald bereit zur Lese.
Doch ich bin hier.

Im Sommer hat das Haus einen besonderen Zauber. Überall ist es drückend heiss, doch seine Mauern kühlen. Als Kind dachte ich, das Haus wäre verzaubert. Ich möchte auf der Terrasse sitzen und stricken. Oder die Nähmaschine auf den Vorplatz heraustragen. Die Katze darf an der Sonne liegen.

Ich jedoch sitze hier im Thurgau.
Das Haus ist weit weg, Paula ebenso.
Ich bin fleissig, doch nicht im Haus.
Bald ist Johannisbeerenlesezeit.

Der Bahnhofstraum

Ich schlief seit gestern abend acht Uhr bis heute halb sechs einfach durch. Ich war erschöpft von der Woche, die sehr turbulent gewesen war.

Ich träumte wild.
Mit einem Mal trug ich wieder ein schwarzes Kleid und eine weisse Schürze, wie damals in der Lehre. Ich servierte in einem Café in einem grossen Bahnhof. Viele Leute kamen vorbei. Ich sah Freunde, die längst nicht mehr leben und die ich schmerzlich vermisse. Ich erkannte Freunde, mit denen ich keinen Kontakt habe und die mir furchtbar fehlen.

Dann trat Paula in mein Café ein. Sie trug ihren dunklen Mantel, ein hübsches Kleid und hatte die Haare elegant frisiert. In ihren Händen hielt sie einen Koffer und eine Reisetasche. Sie setzte sich und bestellte freundlich wie immer einen Milchkaffee. Ich war erstaunt und machte mir Sorgen, dass sie sich verlaufen haben könnte. Doch sie winkte ab. Sie sagte meinen Namen und erklärte mir, dass sie hier auf Tante Hadj wartet.

Ich schüttelte den Kopf, sagte ihr, dass Tante Hadj seit über einem Jahr nicht mehr lebt. Paula lächelte mich milde an.
„Tumms Züüg“, sagte sie.
Ich brachte Paula den Milchkaffee und ein Erdbeertörtchen, weil sie diese so gerne mag. Dann ging die Türe auf und meine Grosstante Hadj, Paulas Schwester trat ein.

Sie trug wie früher ihre Cat Eyes Brille, das dunkelblonde Haar offen und ohne ein graues Haar. Sie trug eine kleine Handtasche bei sich. Auch sie begrüsste mich freundlich, so als wenn nichts geschehen wäre. Sie setzte sich zu Paula und die beiden vertieften sich in ein angeregtes Gespräch.

Sie bestellten Früchtewähe und Käsetoast, denn das hatten sie auch immer im Café Abderhalden gegessen. Ich brachte es ihnen.
Nach einer Weile blickte Tante Hadj auf ihre goldene Damenuhr.
„Wir müssen, Paula“, sagte sie.
Paula nickte und dann stritten sich die beiden, wer jetzt Essen und Kaffee bezahlen dürfte. Das haben sie nämlich immer getan. Ich schaute ihnen zu und sagte:
„Das geht aufs Haus.“

Die beiden blickten mich überrascht an.
„Du bist mir aber eine“, sagte Paula.
Zum Abschied umarmten mich beide und bedeckten mich mit ihren feuchten Grossmütterküssen. Dann verliessen Paula und Hadj gemeinsam mein Café.

ein freier Tag

Heute ist mein einziger freier Tag in dieser Woche. Über die Feiertage arbeite ich. Ich habs nicht zu Paula geschafft.

Hab ich das Recht, einfach so einen freien Tag für mich zu beanspruchen? Darf ich einen Tag lang mich einfach erholen von der Arbeit und allem, was sonst noch so um mich herum schwirrt?

Darf ich einen Tag lang mal die sein, die ich tief drinnen bin? Die Frau, die gerne mal tagsüber eine Stunde schläft? Eine, die träumt. Eine, die nicht immer stark sein will.

Das schlechte Gewissen sitzt in meinem Nacken. Ich sollte so vieles. Vorbei gehen. Trost spenden. Hände halten. Fragen, ob sie etwas braucht.
Doch stattdessen sitze ich zuhause. Ich nähe. Warte, dass ich mein Auto von der Reparatur abholen kann. Gehe an die Sonne. Höre den Vögeln zu.
Ich erhole mich. Ich lese. Streichle die Katze. Denke übers Kochen nach, über die Menschen, die ich in meinem Leben so arg vermisse.

Auf dem Heimweg gehen wir im Café Nafzger in Wängi vorbei und essen einen Coupe. Ich schaue auf die Kreuzung und den kleinen Bahnhof. Dort ist Paula immer ausgestiegen, wenn sie mich mittwochs vom Kindergarten abholte.

Sie ist die Strasse entlang gelaufen und hat dann den „Stich“ hinauf zum Kindergarten in Angriff genommen. Wenn um elf Uhr Schluss war, trat ich auf die Strasse, denn ich wusste, dass Omi von unten her hinauf laufen würde.

Ich rannte jeweils jubelnd und schreiend auf sie zu.

„Omiomiomiomi!“ rief ich, während ich meine Jacke und mein grünes Heiditäschchen in weitem Bogen von mir schmiss. Ich rannte und sie breitete die Arme aus, um mich aufzufangen. Ich wusste, Omi würde mich immer halten.

Ich sitze im Café. Es sieht fast noch alles gleich aus wie vor dreissig Jahren. Nur ich bin älter geworden. Die grüne Heidi-Kindergartentasche habe ich gegen eine braune Damenhandtasche ausgetauscht. Ich reisse mir nicht mehr einfach so die Kleider vom Leib.

Das Bähnchen hält. Viele Leute steigen aus. Ich sehe eine Frau mittleren Alters und stelle mir vor, dass auch sie eine Oma ist, die zu ihrem Enkelkind geht. Ich lächle. Sie läuft an der Terrasse der Conditorei vorbei und lächelt mir zu. Ich nicke. Alles klar.

Zerfliessende Tage

Während ich mich hier mit dem Alltag herumschlage, manchmal fluche, wenn ich zuviel oder zulange arbeite, lebt meine Oma im Pflegeheim. Ihre Tage gehen langsamer vorbei. Das liegt aber nicht daran, dass sie kein Programm hätte.

Nein.
Seit sie nicht mehr in ihrem Haus lebt, kann sie sich ihren eigenen Bedürfnissen widmen. Sie kann im Pflegeheim jederzeit mit jemandem reden, was ihr vorher nicht möglich war.

„Geniess dein Leben, du hast nur eines“, sagte sie früher oft zu mir, „aber vergiss dein Omi nicht.“

Wie könnte ich das je?

Gerade jetzt, wo es ihr gesundheitlich nicht super geht, bin ich oft in Gedanken bei ihr. Ich wünschte, ich könnte endlich in ihrem Haus leben. Dann hätte ich mehr Zeit für sie. Doch stattdessen sitze ich hier, arbeite, putze die Wohnung, mache die Wäsche und träume von meinem noch brachen Garten.

Während ich herumhetze, wartet sie auf das Ende. So ist es nämlich. Sie weiss es. Ich weiss es auch. Daran ist nichts Schlimmes. Ich hoffe nur, ich habe noch genügend Zeit.

Demenz vs. Spitalpflege

Omi Paula ist inzwischen wieder aus dem Spital X. entlassen worden. Ich bin nicht unglücklich darüber.

Nein. Mehr als einmal wurde mir in den letzten Wochen bewusst, wie sehr ich die Arbeit der ausgebildeten Fachfrauen im Pflegeheim schätze. Dort ist meine Oma zuhause. Dort wird sie so angenommen wie sie ist. Wenn sie was sucht oder nicht mehr findet, nimmt man sie ernst und hilft ihr.

Aus eigener (Ausbildungs-)Erfahrung weiss ich natürlich, dass Spital (ambulante Pflege) und Pflegeheim (stationäre Pflege) zwei unterschiedliche Welten sind. Menschen wie Demenzkranke sind da – sorry – Störenfriede im Alltag.

Meine einzelnen Begegnungen mit den Pflegenden des Spitals waren mehrheitlich positiv. Dennoch stossen mir die negativen Erlebnisse umso mehr auf. Ich bin nachdenklich.