Der erste Mann.

Mein Vater war der erste Mann in meinem Leben.
Er bedeutete mir immer viel.

Als ich noch klein war, war er der Mensch, der mich auf Händen trug.
Er war immer stolz auf mich.
Es gibt Fotos, da schaut er mich einfach nur an.
Seine liebenden Augen vergess ich nie.
Wenn ich krank war und im Spital lag, dann litt er mit.
Doch er zweifelte nie daran, dass ich es schaffe, wieder laufen zu lernen.

Wir glichen uns immer sehr.
Er und ich waren Menschen, die die Natur liebten,
beobachteten und sich wohl fühlten im tiefsten Grün eines Waldes, einer Wiese oder hoch auf einem Berg.

Er war es, der mich auf den Kindersitz seines Militärvelos gesetzt hat und mit mir über Berge und durch Täler fuhr.
«Schneller, Papi, schneller!!» schrie ich wohl.

Mein erster Geburtstag ohne ihn. Es scheint mir so irreal, auch wenn er über ein halbes Jahr tot ist. Er war immer da und jetzt ist er es nicht mehr.
Sein Platz bleibt leer und gerade an diesem Tag tut es umso mehr weh, weil mir bewusst ist, was wir alles hatten.

Was bleibt ist jene Nähe zu ihm, wenn ich unter einem Baum sitze, wenn ich den Vögeln zusehe, die durch die Luft fliegen oder wenn ich zum Säntis schaue. Dann scheint es mir, als sitzt er schweigend neben mir und schaut mir lächelnd zu, wie ich mein Leben – ohne ihn – weiterlebe.

Sommer

Mein Vater liebte viele Jahre den Sommer. Es konnte ihm nie warm genug sein.
Ich liebe den Sommer und verleibe ihn mir ein. Ich liebe die Hitze, die Schwüle, das starke Grün der Blätter.

Der Sommer war immer meine liebste Jahreszeit. Sommer war für mich seit frühester Kindheit an eine absolut ambivalente Zeit: Es konnte kühl sein, so dass Omi Fondue auftischte oder so heiss, dass wir uns von Cipollata und Rösti ernährten. Ich liebte als Kind beides.

Die Erinnerungen an den Sommer mit Omi und Opi sind sehr präsent. Im Sommer waren wir uns immer nahe. Der Sommer 1996 war unser letzter als Familie. Danach entfernten wir uns langsam. Opi erkrankte an Leberkrebs, ich erholte mich von einer Kiefer-OP. Wir führten einige gute Gespräche, deren Wert ich erst nach Opis Tod erkannte.

Seit ich ca 32 Jahre war, feierte ich meine Geburtstage mit meinem Vater und seiner Frau. Wir waren uns immer nahe. Die Geburtstage taten ihr übriges, Wir feierten jeweils ein Fest des Lebens mit unseren Freunden. Das habe ich immer sehr schön gefunden, weil es mir aufzeigte, wie wichtig es ist, (als Kinderlose) ein Netz von Freunden um sich zu wissen.

Wir feierten einfach den jeweiligen Tag. Meine Eltern begingen ihre Geburtstage im tiefsten Winter, ich den meinen im Hochsommer.

In wenigen Tagen werde ich 44 Jahre alt und es wird der erste Geburtstag in meinem Leben ohne meinen Vater sein. Ich habe wenig Ahnung, wie ich damit umgehen soll. Er fehlt mir einfach sehr. Vor einigen Tagen bekam ich von seiner Frau seinen ersten Ehering, seine Fischhalskette und seinen „Grabstein“. Jetzt bin ich Besitzerin von zwei solchen Relikten aus dem Militär.

Ich fühle mich reich beschenkt, weil ich einen liebenden, treusorgenden und sensiblen Vater an meiner Seite wusste. Ihn loszulassen kostet mich viel, weil seine Nähe, seine Liebe nicht missen mag. Ich wünschte mir sehr, dass er an meinem Geburtstag da wäre, aber ich bin auch dankbar, dass er gehen konnte in jener Zeit, wo er so sehr litt.

Diese Ambivalenz zwischen Leben und Tod, diese Lust am Leben und gleichzeitige Dankbarkeit gehen zu können, wenn das Leben zu schwer wird, macht mich demütig. Mein Vater war so lebenslustig, aber auch bescheiden. Er liebte das Leben sehr, hatte Freude an Begegnungen und Erfahrungen.

Mein Vater liebte viele Jahre den Sommer. Es konnte ihm nie warm genug sein.
Ich liebe den Sommer und verleibe ihn mir ein. Ich liebe die Hitze, die Schwüle, das starke Grün der Blätter.

Auf dem Friedhofshügel

Letzte Woche ging es mir nicht besonders gut. Ich hatte zu wenig geschlafen, war müde und die Hitze machte mir zu schaffen. Ich musste daran denken, was ich noch vor wenigen Jahren in einer solchen Situation getan hätte: Omi anrufen, vorbeigehen, reden.

All das schien mir in den letzten Monaten seit Omis Tod recht sinnlos. Ich hatte Mühe, auf ihr Grab zu gehen. Ich hatte den Eindruck, dass Omi wirklich weg ist und ich kam mir blöd vor, an ihrem Grab zu stehen. Als ich am Montagnachmittag nach Hause kam, zog es mich auf den Friedhofshügel. Ich marschierte vorbei an jenem Baum, wo ich vor bald 20 Jahren Omi und Mami fotografiert hatte.

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Omis letzte Ruhestätte ist sehr klein. Sie wünschte sich ein Urnengrab. Die meisten alten Menschen tun das hier oben, denn in der Erde zerfallen die Körper nur schwer. Ich jätete das Grab, schnitt die Rosen. Dann machte ich das Gleiche bei Mamis Grab. Sie liegt hier bald 10 Jahre.

Während ich die beiden Gräber pflegte, redete ich leise mit Omi. Nach einigen Minuten schon spürte ich, wie mein Herz leichter wurde. Mit einem Mal wusste ich, was ich zu tun hatte: Ich stieg ins Auto, fuhr in die Landi und kaufte neue Pflanzen für das Herbstgrab.

Als ich schliesslich den Friedhofshügel erneut verliess, war ich ruhig und zufrieden. Ein wenig noch habe ich Omis Stimme von früher im Ohr: „Nimm es nicht so schwer. Es kommt schon alles gut. Du wirst schon sehen. Ich habe dich sehr gern.“

Glück in der Erinnerung

Die Sommer im Toggenburg waren für mich in der Kindheit das Paradies. Ich liebte es so sehr, bei Omi und Opa zu sein, zu spielen, mich zu verkleiden, auf Entdeckungsreise zu gehen oder stundenlang zu lesen.

Vor einem Jahr schrieb ich darüber, wie viel Zeit Omi mit Schlafen verbringt. Damals dachte ich: Sie muss sich von diesem langen Leben noch ein wenig ausruhen, bevor sie uns verlässt. Denn solange Omi fit war, war sie immer unterwegs.

Omi stand vor fünf Uhr morgens auf, machte die Küche, die Wäsche, tränkte den Garten, ging für uns Kinder einkaufen, las den Blick, spielte Bingo, jätete oder las Beeren ab.

Damals habe ich dieses Bild gemacht:
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Wir Kinder spielen draussen, Omi schaut zum Fenster raus, ob wir auch ja recht tun. Sie wäscht gerade ab. Von Hand. Ihrem Gesicht sehe ich an, dass sie glücklich ist. Manchmal denke, dass sie damals mit uns ihre eigene Elternschaft mit meiner Mutter nachgeholt. Als meine Mutter noch ein Kind war, hat Omi viel gearbeitet und meine Mutter wuchs bei ihrer Omi Berta auf.

Meine Mutter hatte keine Enkel. Doch noch auf dem Sterbebett hat sie sich welche gewünscht, so wie Omi sich „Urenkeli“ gewünscht hat. Diesen Wunsch werde ich wohl nicht erfüllt haben.

Sommertraum

Vor einem Vierteljahr bin ich davon ausgegangen, dass das Haus im Juli mir gehören würde. Ich hab mich getäuscht. Noch heisst es warten.

Manchmal hab ich das Gefühl, die Zeit rinnt zwischen meinen Händen davon und ich stehe da und kann gar nichts tun. Ich bin jetzt im besten Alter, um den Garten zu bestellen und mein Haus zu renovieren. Abhängig zu sein von anderen widerstrebt mir aufs Tiefste.

Mitte Juli habe ich Ferien. Eigentlich hatte ich vorgehabt, dann das Haus zu räumen. Solange es mir nicht gehört, sind mir die Hände (und das Herz) gebunden.

Mein Vater hat mir heute gesagt, wie grosse Mühe er hat, dass ich ein renovierungsbedürftiges Haus kaufe. Ich wurde wütend. Wäre ich ein Mann und hätte ich Frau und Kinder, wäre wohl alles anders.

Ich bin eine Frau, die anpackt. Kein Huscheli. Ich will endlich mein Haus, um dort zu leben, den Garten bepflanzen und Omi Paula öfters sehen.

 

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Geduld

Wiederum sind zwei Wochen vergangen.
Ich arbeite. Mein Leben eilt an mir vorbei.
Während ich im Thurgau lebe, steht das Haus im Toggenburg
und wartet. Auf mich. Es wird Sommer.
Die Johannisbeeren sind bald bereit zur Lese.
Doch ich bin hier.

Im Sommer hat das Haus einen besonderen Zauber. Überall ist es drückend heiss, doch seine Mauern kühlen. Als Kind dachte ich, das Haus wäre verzaubert. Ich möchte auf der Terrasse sitzen und stricken. Oder die Nähmaschine auf den Vorplatz heraustragen. Die Katze darf an der Sonne liegen.

Ich jedoch sitze hier im Thurgau.
Das Haus ist weit weg, Paula ebenso.
Ich bin fleissig, doch nicht im Haus.
Bald ist Johannisbeerenlesezeit.