Das Haus und ich

Noch schaue ich für das Haus.
Jede Nacht träume ich davon.
Ich sehe es aufgefrischt, schön, belebt,
aufblühend, mit Garten.
Ich sehe seine Zukunft.

Jetzt ist das Haus verlassen
leblos. Es ist, als ob sein Geist einer Leere gewichen wäre,
die alles verschlingt und muffig ist.

Ich schaue das Haus an und sehe seine Vergangenheit.
Da ist die Witwe B., die Zeit ihres Lebens in Rechtsstreitigkeiten
wegen einer Sickerleitung verstrickt ist.
Da sind Heinrich und Rosa, meine Urgrosseltern, die das Haus
gekauft haben und aufblühen liessen.

Ich sehe die Tulpen, den Garten, die Hunde.
Und dann sind da Paula und Walter, die das Haus erbten.
Meine Kindheit inmitten von trocknenden Leintüchern,
Versteckisspielen und dem Beobachten von Bachforellen.

Was wird sein?

Paula kocht(e)

Meine Grossmutter Paula hatte, seit sie 16 Jahre alt war, hart gearbeitet. Sie war immer Teilzeit-Hausfrau, Mutter und 100% berufstätig.
Paula war keine grosse Köchin. Sie hatte dafür einfach nie Zeit.

In ihrem Haus finden sich nur wenige Kochbücher und die vorhandenen wurden nie benutzt. Sie hat mir einmal erzählt, dass sie in den 50er Jahren versucht hat, einen Fuchsbraten zu machen. Dieses Experiment war derart grauenvoll, dass Paula und ihr Mann einen schlimmen Ehestreit hatten. Dementsprechend kochte sie, wenn wir bei ihr die langen Ferien verbrachten immer etwa dieselben Gerichte:

  • Rösti, Spiegeleier und Spinat
  • Tomatenspaghetti (die Sauce aus aufgewärmten Püreekonzentrat und Aromat)
  • Buchstabensuppe, auf Wunsch auch ohne Suppe
  • heisser Fleischkäse (Opas Lieblingsgericht)

und dann war da noch

  • das wunderbare Voressen

Dieses Essen kochten meine Mutter und Paula genau gleich. Beide taten sie für mich viele Rüebli in die Sauce, weil ich die so gerne mochte. Wenn das Voressen fertiggekocht war, schmolzen die Rüebli in meinem Mund, weil sie total weich waren. Die Farbe der Sauce war zutiefst dunkelbraun. Dazu gab es immer Müscheli, die ebenfalls weich gekocht waren, damit mein Opa sie essen konnte.
Leider habe ich meine Mutter nie nach dem Rezept gefragt, weil ich dachte, wir hätten genügend Zeit. Als jene Zeit abgelaufen war, dachte ich, ich hätte noch mehr. Denn Paula kannte das Rezept ja auch.
Aber auch diese Frist habe ich verpasst. Paula kann das Voressen nicht mehr kochen. Sie erinnert sich nicht mehr an die Zutaten, ja nicht einmal mehr daran, dass sie es einst gekocht hat und ich es liebte. Ich werde es nie mehr essen, geschweige denn kochen.

ja oder nein?

Paula wird bald einen Beistand brauchen. Noch haben wir ein wenig Zeit.
Ich soll es mir überlegen. Ja klar.
Schon vor bald zwei Jahren hat sich Paula gewünscht, dass ich ihre Angelegenheiten übernehme. Aber ich bin dazu bereit?

Ich bin nun in dem Alter, in welchem andere Frauen pubertierende Töchter und Söhne haben. Ich habe keine Kinder. Ich habe Paula, die sich darauf verlässt, dass ich das richtige tue. Die meisten Menschen treffen Entscheidungen für die Zukunft.

Doch was ist das richtige?
Was ist das Erbe meiner Familie mütterlicherseits, das ich übernehme?
Kann ich die Verantwortung für meine Paula tragen?

Paula und ich haben über so vieles gesprochen: ihre Beerdigung, ihren Grabstein, die Musik an der Trauerfeier. Aber wir haben nie darüber gesprochen, was sein wird, wenn sie nicht mehr alleine über ihr Leben entscheiden kann.

Paula und Barri

Barri war ein Schäferhund-Appenzeller-Sennenhund-Mischling. Er war der Hund meiner Urgrosseltern. In jungen Jahren büchste er aus dem Garten aus und wurde im Altstädtchen von einem Auto angefahren. Er hinkte seither.

Barri war mir der liebste Hund und Paulas bester Freund. Sie hat ihn sehr geliebt. Barri war auch der schlecht erzogendste Hund ever. Er konnte zwar Pfötchen geben und Stöckchen holen, aber das war’s dann auch schon.

Dieser Hund war wirklich aussergewöhnlich. Er liebte es, in den Bach zu springen, der aus einem kleinen Tunnelkanal am Haus meiner Grosseltern vorbei floss. Sein grosses Geschäft verrrichtete er meistens im Tunnel. Wir Kinder machten uns einen Spass daraus zu warten, bis es an uns vorbei floss.

Ich liebte es, mit Barri an der Sonne zu liegen und zu träumen. Ich bin mir ganz sicher, dass auch er oft geträumt hat.

Als ich schon in der Lehre war, wurde Barri krank. Er muss bestimmt 15, 16 Jahre alt gewesen sein. Er konnte immer schlechter laufen. Irgendwann brach er zusammen. Es regnete. Paula und ihr Mann mussten den Tierarzt holen.

Ich weiss nicht genau, was damals passiert ist, aber es hat Paula sehr lange beschäftigt. Immer wieder machte sie sich Vorwürfe.

Der Tierarzt hatte Barri eine Spritze gegeben. Paula wartete im Regen, bis er tot war. Sie sagte später, der Tierarzt habe Barri wie ein Stück totes Fleisch abtransportieren lassen. Sie war sich lange nicht sicher, ob er wirklich tot war. Oft litt sie unter Albträumen, Barri würde noch leben und gequält werden. Wie oft haben wir darüber gesprochen und geweint. Noch Jahre später, sogar nach Opas Tod, unterschrieb sie alle Briefe mit „Paula, Opi und Barri“.

Das hat vor ein paar Jahren aufgehört. Vielleicht ist das etwas der wenigen Dinge, die gut sind an einer Demenz. Man erinnert sich nicht mehr an alle Scheusslichkeiten des Lebens. Man vergisst seine lieben Toten und ist für sich selber existent und irgendwann nicht einmal mehr das.

Der Osterbesuch

Der Besuch bei Paula ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung.
Ich fahre jeweils fast eine Stunde, bis ich bei ihr im Toggenburg bin. Der heutige Verkehr hat an meinen Nerven gezehrt. Das Wetter war gelinde gesagt scheisse. Ich konnte nicht einmal die schöne Gegend geniessen.

Dann sind wir da. Wie immer haben wir Paulas Lieblingslebensmittel eingekauft: Schoggi, Äpfel und Bananen. Sie freut sich. Ich überreiche ihr einen kleinen Osterhasen, den Paula sofort in die Arme nimmt und an sich drückt.

Sie sieht nicht gut aus. Sie hat dunkle Augenringe.
Paula springt in ihrem Zimmer herum und verräumt Gegenstände, holt neue hervor, verräumt anderes wieder von neuem. Sie schildert uns Fetzen von Erlebnissen. Dann will sie uns unbedingt etwas Wichtiges zeigen. Sie denkt laut nach, was es ist. Sie erzählt etwas von einer warmen Lampe und dem Esstisch. Bibeli?

Sie will uns „ihre“ Bibeli zeigen. Wir verlassen das Zimmer. Die Türe lässt sie offen.
„Das kann man hier einfach so. Und das Licht lasse ich auch an!“

Wir gehen mit ihr in den ersten Stock. Überall sucht sie ihre Hühnerküken. Sie frägt eine andere Heimbewohnerin, wo sie wohl sein könnten. Diese zuckt ratlos die Schultern. Dann will Paula wieder ins Zimmer. Sie kann sich in dem Haus nicht mehr orientieren.

Ich schlage ihr vor, dass wir in den Essraum gehen. Dort sind sie dann auch, die Bibeli. Paula hat riesige Freude und erklärt uns sofort, dass die Bibeli dann aber nicht immer hier bleiben könnten. Sie tut dies in einer Art und Weise, wie sie mir schon als Kind die Tatsachen des Lebens erklärt hat.

Wir gehen zurück in ihr Zimmer. Sie steht erstarrt vor ihrem Zimmer.
„Wer war in meinem Zimmer? Und wer hat das Licht angemacht?“
Ich werfe Sascha einen vielsagenden Blick zu.

Wir bleiben eine Stunde. Dann ist meine Energie am Ende. Wir umarmen uns ganz fest und ich muss Paula zehn Mal versprechen, dass wir auch wieder kommen. Sie drückt mich an sich und kitzelt mich am Rücken. Auch das hat sie vor über 30 Jahren das letzte Mal getan, wenn sie mich jeweils nach dem Baden mit dem Frottiertuch abrubbelte. Wir lachen.
Sie sagt: „In meinem Monat werde ich 85. Du hast eine sehr alte Mutter, weisst du das?“
Ich nicke.

Auf dem Heimweg spreche ich nicht. Ich muss daran denken, dass auch ich vielleicht einmal dement werde. Ich hasse diese verfluchte Demenz, die mir den Menschen nimmt, den ich so sehr all die Jahre geliebt habe und mir unerbittlich aufzeigt, wo meine eigenen Grenzen sind.

Ostern mit Paula

Ich erinnere mich gut an unsere Osterfeste. Das Haus im Toggenburg war umgeben von hunderten von Primeliwolken, Tulpen und Osterglocken. Paula machte sich oft schon am frühen Morgen daran, für uns Osterhasen, Ostereier und Nestli zu verstecken.

Manchmal half auch Opa mit. Der versteckte dann die von Paula sorgsam verborgenen Geschenke von neuem. Noch heute, zwanzig Jahre später, warten bestimmt noch irgendwo auf dem Gelände Osterhasen darauf, entdeckt zu werden.

Unsere Kindheit im Toggenburg war friedlich und fröhlich. Ich kann noch heute den Geruch von frischem Moos, dem Wasser aus dem Bach, den Kräutern und den Duft von frischem Kaffee aus Paulas Küche ausmachen, wenn ich nur daran denke.

Doch dieses Jahr wird es anders. Paula lebt über ein halbes Jahr schon nicht mehr in ihrem Haus. Es ist nicht verwahrlost, denn ich habe mich darum gekümmert. Der harte Winter half mir dabei. Bald schon werden die Blumen blühen. Die Wiese wird wieder grün. Paulas Anwesenheit fehlt.

Ich soll mit ihr nochmals ins Haus, damit sie den Abschied besser begreift. Wieder ist Schnee gefallen. Es ist, als ob die Jahreszeiten sich dagegen wehren, dass sie dem Haus „Lebewohl“ sagt.

Pflege und schweig.

Ich wurde vor ein paar Tagen gefragt, warum ich über Paula und ihre Demenzerkrankung, das Pflegeheim und mich selber blogge.

Gute Frage.
Die Antwort vor ein paar Monaten wäre gewesen: weil ich nicht anders kann, als darüber zu schreiben, was mich bewegt und mir die (ausgesprochenen) Worte raubt.

Heute lautet die Antwort anders: Weil ich es will.

Im Nachhinein bin ich etwas ratlos über diese Frage. Habe ich in irgendeiner Weise damit wohl Paulas Persönlichkeit verletzt? Habe ich meine Familie bloss gestellt?
Nein. Die Wahrnehmung einer Krankheit und die Beschreibung meiner Erfahrungen ist keine Beleidigung, sondern das Gegenteil davon.

Die letzten Jahre und Monate, eigentlich seit 1997, habe ich für meine Oma geschaut. Ich habe sie besucht, für sie Lebensmittel, Kohlenbriketts und Katzenfutter eingekauft, ihre Wäsche gewaschen, ihre Kleider geflickt und den verteilten Müll in ihrem Garten zusammen gelesen. Ich tat dies in meiner Freizeit, die bei einem 100% Job rar ist. Ich habe die Veränderung ihres Wesens mitbekommen, ihre Krise, ihre Wut, ihre Trauer, ihre Verwirrtheit und immer seltener, ihre Freuden.
Ich war damit alleine, denn für mich ist sie ja noch immer Paula, meine Oma, die älter als ich und mehr vom Leben weiss. Dass plötzlich ich diejenige war, die alles zu entscheiden hatte, war schwer für mich.

Ich war mir sicher, dass es einigen Menschen so ergehen muss. Als Angehörige eines Demenzkranken wird man traurig und einsam. Ich hatte ja Glück. Ich konnte jeweils wieder gehen. Die Spitex sorgte noch für sie. Doch was ist mit all jenen Angehörigen, die ihre Arbeit aufgeben (meistens Frauen!!), die ihr soziales Umfeld langsam verlieren und nur noch für ihren kranken Verwandten herumrennen? Wer spricht von diesen Menschen? Wer beachtet sie? Kennst du, lieber Leser, jemanden, der seine Angehörige pflegt und noch grossartig am sozialen Leben teilnimmt?

Ich schreibe dieses Blog als Wertschätzung für meine liebe Paula und für alle jene Menschen, die nicht über ihre Erlebnisse mit demenzkranken Angehörigen schreiben können. Ihnen gebührt mein Respekt und meine Verbundenheit.

Paula und die Päpste

Paula war während ihrer 40er Jahre eine eifrige Wallfahrerin. Sie war in Lourdes und einige Male in Rom. In ihrem Gebetsbuch trägt sie die Bilder „ihrer“ Päpste Johannes XXIII und Paul VI mit sich herum. Deren Bilder, schwarz-weiss, etwas unheimlich, hingen in ihrem Haus im Toggenburg und begleiteten mich so durch meine Kindheit.

Beim Scannen alter Negative machte ich die Bekanntschaft mit Paulas Reisen. Lustig ging es da zu und her. Paula und ihre Arbeitskolleginnen, mehrheitlich Italienerinnen, machten Rom unsicher. Da ist Paula in ihrem Hotelzimmer, Paula in Rom, Paula an der Sonne, immer strahlend, immer glücklich.

Ich weiss nicht, wie stark Paula noch mit dem lieben Gott und ihren Päpsten kommuniziert. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie damals verstanden hat, dass Johannes Paul II gestorben ist und Benedikt XVI ans Ruder kam. Wie soll ich ihr erklären, dass der alte Papst nicht tot ist, sondern, im gleichen Alter wie sie, sich zurückgezogen hat? Wie erkläre ich Paula, dass der neue Papst einen neuen Namen trägt, nämlich Franz. Sie wird mich für verrückt halten.

Nachtrag 30.3.2013
Wir sprechen über den neuen Papst. Paula nickt eifrig und meint, der neue hätte einen einfacheren Namen als der letzte. Ich sage: „Der neue heisst Franz“. Sie nickt eifrig. „Hast du von dem schon gehört, Paula?“ Sie nickt erneut und zeigt auf das Photo auf ihrem Nachttisch. „Ich hab sogar ein Bild von ihm. Er ist ein hübscher.“ Das Bild zeigt Johannes XXIII.

Über Verantwortung, fehlende Zeit und ein schlechtes Gewissen

Wer nun denkt, dass man sich als Angehöriger zurücklehnen kann, wenn der alte Mensch im Pflegeheim wohnt, hat sich geschnitten. Nun geht es erst richtig los.

Da ist zuerst einmal das Haus oder die Wohnung, für die man sorgt oder auflösen muss. In unserem Fall ist es so, dass Paula ein eigenes Haus besitzt. Dieses hüte ich. Das bedeutet, dass ich bei jedem Besuch bei Paula vorher kurz vorbei fahre und schaue, ob alles in Ordnung ist.

Ich gehe noch jedes Mal für Paula einkaufen, denn obwohl sie im Altersheim alles kriegt, was sie will, braucht sie doch ihre eigenen Sachen. Sie will ihre Früchteschale mit ihren Lieblingsäpfeln, Bananen und Orangen. Sie will ihre Lieblingsmeringues und die Schümli aus der Migros haben. Und Schoggi. Falls mal jemand zu Besuch kommt. Paula trinkt fürs Leben gern Incarom. Den gehe ich ebenfalls kaufen. Und dann mag sie nur Gonfi ohne Körner drin, weil die sonst unter ihrem Gebiss kleben bleiben könnten und das hasst Paula.

Paula braucht neue BH’s, da sie so stark abgenommen hat, während sie zuhause lebte. Ich soll mit ihr in die Nachbarstadt fahren und neue kaufen. Auch damit fühle ich mich überfordert. Sie kann nicht mehr als eine halbe Stunde herumlaufen. Ihre Arme tun ihr weh. Wie sollen wir da BH’s ausprobieren? Ich entscheide mich dafür, mich von meiner Stiefmutter beraten zu lassen. Als Fachfrau hat sie das richtige Auge.

Die Frau, die Paulas Finanzen verwaltet, kommt offensichtlich nicht regelmässig vorbei. Paula hat bisher keinen Beistand. Auch die Klärung dieser Situation scheint meine Aufgabe zu sein, zumindest aus Sicht der Pflegenden. Diese Sache liegt mir schon lange auf dem Magen. Ich gebe es zu, es überfordert mich. Ich, die Enkelin. Aber sonst ist ja niemand mehr da.

Dann ist plötzlich Paulas Telephon defekt. Auch das ist meine Aufgabe. Ich besorge entweder neues oder versuche es zu flicken. Sascha bringt das Kunststück fertig. Glück gehabt.

Paula wünscht sich, mal wieder in ihr Haus zu gehen. Aufgrund der Wetterverhältnisse war dies aber nicht möglich, da der Weg zum Haus recht steil ist und ich nicht so nahe mit dem Auto ranfahren kann. Die Pflegenden würden ja gerne mit ihr dorthin gehen, aber leider haben sie dazu keine Kapazität. Also ist es mein Job. Ein freier Tag, der dafür drauf geht. Geplant ist er für übernächste Woche. Dann ist hoffentlich auch der Schnee ganz weg und Paula kann gefahrlos ins Haus laufen.

Es bleibt spannend.