Ich wurde schon einige Male gefragt, warum ich überhaupt über Paulas Demenzerkrankung, das Sterben und den Tod schreibe. Schliesslich sind das sehr intime Themen. Auch der Vorwurf des Breittretens wurde mir schon gemacht.
Es ist ganz einfach.
Ich finde, diese Themen gehören zum Leben dazu, genauso wie andere auch. Beispielsweise finde ich Babyfotos sehr viel privater.
Das Schreiben über die Ereignisse und Erlebnisse befreit mich. Das ist mein egoistischer Grund. Aber da gibt es noch einen anderen.
Als ich 2007 um meine Mutter trauerte, war ich sehr verzweifelt. Es gab nichts, was mich tröstete und niemanden, der mich verstanden hat. Ich las in jener Zeit sehr viele Bücher übers Trauern. Die meisten waren bullshit.
Dann stiess ich auf die Bücher von Jorgos Canacakis.
Seine Herangehensweise ans Thema Trauer hat mich total berührt. Jorgos begrüsst den Leser seines Buches und bietet sich als Expeditionsleiter ins Land der Gefühle an.
Nachdem ich monatelang nicht mehr über meine Gefühle sprechen oder lesen konnte, nicht mehr weinte, brachen beim Lesen von „Ich sehe deine Tränen“ alle Dämme. Ich weinte, bis ich nicht mehr konnte.
Ich begann mich mit meiner Trauer auseinanderzusetzen und schrieb.
Jorgos Canacakis Worte begleiteten mich von nun an. Ich bemerkte, dass nur schon die Erlaubnis, übers Traurigste zu reden, ohne Furcht, einem die Herzen zu anderen Menschen öffnet.
Als Paulas Demenzerkrankung vor über einem Jahr weiter fortschritt, und ich einfach nur noch überfordert und mit meinen Kräften am Ende war, fiel es mir wieder ein: sobald du darüber schreibst, bist du nicht mehr alleine.
So ist es noch heute. Wenn ich über meine Gefühle schreibe, komme ich ins Gespräch mit Menschen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Der Austausch über Ängste und tiefe Gefühle bringt uns einander näher in einer Zeit, wo Rituale von früher nicht mehr gelebt werden (können).
