Kindsein

Meine Kindheit fand draussen statt.
Ich liebte es, mich auf Bäumen oder auf einen Hügel zurück zu ziehen.
Fürs Leben gern spielte ich am Bach oder auf der Weide, wo ich den Schafen zuschaute.

Dann zogen wir um, weil mein Vater eine neue Stelle hatte.
Er wurde Hauswart.
Die Zeit beim Schulhaus war die schlimmste meines Lebens.
Wer auf öffentlichem Grund lebt, hat kein Privatleben mehr.
Ich erinnere mich an einen Lehrer, der unbedingt wollte, dass meine Katze eingeschläfert wird, weil sie einen Frosch gejagt haben soll. Ich erinnere mich an zerstörte Spielsachen, unsere gequälten Haustiere, meine geliebten Laufenten, die vom Hund des Nachbars bei lebendigem Leibe zerrissen wurden und die ich verbuddelt in der Kugelwerfanlage fand. Ich erinnere mich an unsere Hühner, die getötet wurden, weil Menschen es nicht für nötig befanden, ihre Hunde an die Leine zu nehmen.

All das kommt mir in den Sinn, während ich diesen Zeitungsartikel lese.
Wer Kindern das Spielen verbietet, treibt sie in die Untätigkeit. Das ist meine Meinung.
Menschen, die Kinder nicht mögen, sollten sich am besten zurückziehen. Sie sollten nicht Politiker werden. Solche Menschen verachte ich.

Ich denke zurück an die glücklichste Zeit meines Lebens. Die Kindheit im Haus von Paula.
Wir durften lärmen, uns verkleiden, spielen, Hütten bauen. Wir waren frei.

Die Wiese

Seit drei Wochen habe ich es auf meiner to-do-liste: ich muss die Wiese mähen.
Paula hat jeweils jemanden engagiert. Aber ich wollte es selber machen. Es scheint mir auch zu kompliziert, wenn ich in ihrem Namen jemanden anstellte.

Zuerst musste ich meinen Vater davon überzeugen, dass er mir das Mähen mit der Sense beibringt. Dies gestaltete sich als etwas schwierig, weil er ja mitbekommen hat, wie ich als Teenager auf die grosse Heuete jeweils reagierte: mit grossem Getobe.

Nach viel gutem Zureden und dem Versprechen, weder meine Hände noch seine Sense kaputt zu machen, kriege ich Unterricht. Ich darf eine kleine Wiese unter dem gestrengen Auge meines Vaters abmähen und fühle mich mit einem Male nicht mehr wie 35 sondern wie 12.

Nachdem er sich vergewissert hat, dass ich mir beim Dengeln nicht meine Finger zerschneide, darf ich die Sense und den Schleifstein mitnehmen. Dies nicht ohne Hinweis, alles wieder ganz zurück zu bringen. Am Abend!! (War er immer schon so??)

Es ist ein sehr seltsames Gefühl, Paulas Wiesen abzumähen. Zum ersten Mal arbeite ich in ihrem Garten, ohne dass sie dabei steht, mir Hilfe anbietet oder meine Arbeiten kommentiert. Trotz alledem bin ich nicht traurig. Ich bin glücklich, weil ich dem Haus so nahe bin. Die Wiese und ich. Die Büsche. Ich schneide dem morschen Goldregen die brechenden Äste ab.

Mit einem Mal ist mir alles wieder präsent. Ich war ein Kind und bin in den Wiesen herumgehüpft. Barri rannte mit mir herum. Wir pflückten Blumen, spielten im Bach, haben Johannisbeeren geerntet und beim Tränken der Beete geholfen. Meine Schwester und ich sind den Hundehaufen ausgewichen. Wir sind glücklich. Alles ist gut.

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Werde ich bald wieder Johannisbeeren ernten dürfen?

Der Geburtstag.

Wir fuhren heute zu Paula.
Die feiert nämlich Geburtstag.
Sie trägt ein knallbuntes Jerseyoberteil, einen grünen Cardigan und eine braune Hose.
Ihre Frisur ist etwas windschief, aber ihr Lächeln und ihre Freude, als sie uns erkennt, sind grossartig.

Ich frage sie, ob sie mit uns zum Haus fahren will. Natürlich will sie! Das hatte sie sich schon so lange gewünscht und heute können wir ihr endlich diesen Wunsch erfüllen. Die Baustelle vor dem Haus ist nämlich weg, der Schnee geschmolzen und die elektrischen Öfeli, deren Stromverbrauch sie immer gereut hat und die wir den Winter durch eingestellt haben, damit das Haus nicht grau wird, sind sorgsam verstaut.

Die Pflegende bespricht mit mir dann kurz, wie wir vorgehen. Sie findet es gut, dass ich Paula kurzfristig „entführe“. So kann sie sehr viel besser drauf einstellen. Das Essen mitsamt Geburtstagsdessert bewahrt sie auf, für den Fall, dass Paula im Heim essen will. Sehr nett!!

Es ist ein sehr berührendes Bild mit Paula zu ihrem Haus zurückzukehren.
Ich bemerke, dass sie alles wieder erkennt, sich wegen des Löwenzahns auf dem Fussweg nervt, und sich trotzdem nur langsam ans Haus heranwagt. Ich schliesse die Tür auf und wir betreten den Flur, den Paula über ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hat und aus dem sie und ich weinend gegangen sind.

Sie wirkt befremdet über die Unordnung. Ich habe mich bisher nicht gewagt, ihre Sachen zu entsorgen, weil es doch ihre sind und obwohl sie mich darum gebeten hat. Ich bemerke in jenem Moment, dass dies eine gute Entscheidung war. Nur so kann sie sich damit auseinandersetzen, dass sie nicht mehr hier leben wird. Sie wirkt ruhig und neugierig, durchsucht ihre Schränke nach Dingen, die sie noch mitnehmen will. Einen Schuhlöffel will sie. Und Blusen. Und ihre Blazer.

Im Gegensatz zu vor einem halben Jahr kann ich ihr nun sagen: „Das brauchst du nicht.“ oder „Das sieht nicht mehr schön aus.“ Es scheint, als hätten ihre vielen Dinge ihren Wert verloren, als könnte sie sich nun mehr denn je auf das Wesentliche konzentrieren.

Nach einer halben Stunde verlassen wir ihr Haus. In einer Tasche sind einige Kleidungsstücke von ihr verstaut, ein Schuhlöffel, ein Tierchen, das ihr als Kind gestrickt habe, ein Foto von ihr als sehr junge, schöne Frau sowie eine grosse Kiste mit Briefen, die ihr seit meiner Kindheit geschrieben habe. Sie hat sie alle aufbewahrt. Sie sagt, das seien ihre Liebesbriefe. Mit geschlossenen Augen sagt sie:

„Ich habe dich geliebet. Ich liebe dich nicht mehr. Ich scheiss dir in die Augen, dann siehst du mich nicht mehr.“

Paula grinst. Wir fallen uns um den Hals.

Danach wünscht sich Paula, einen Milchkaffee in ihrem ehemaligen Lieblingscafé trinken zu gehen. Auch dies berührt mich, denn ich weiss ja, dass Hadi und Paula hier immer zusammen Käsekuchen gegessen haben. Paula allerdings erinnert sich nicht mehr. Sie geniesst den Moment. Sie hört den Vögeln zu, beobachtet die Kinder und lässt sich den Wind ums Gesicht ziehen.. Als nach zehn Minuten die Bedienung uns noch immer nicht bedient hat, wird Paula ungeduldig. Sie sagt: „Also, ich hab dann nicht ewig Zeit. Kommt, lasst uns gehen. Im Heim warten Teigwaren und ein Dessert auf mich.“

Ich lächle.
Ich erkenne, dass Paula angekommen ist.
Sie freut sich auf die Pflegenden, die so lieb sind, ihre Mitbewohner und das Essen.
Also fahren wir heim mit ihr. Was für ein schöner Geburtstag.

 

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Paula kocht(e)

Meine Grossmutter Paula hatte, seit sie 16 Jahre alt war, hart gearbeitet. Sie war immer Teilzeit-Hausfrau, Mutter und 100% berufstätig.
Paula war keine grosse Köchin. Sie hatte dafür einfach nie Zeit.

In ihrem Haus finden sich nur wenige Kochbücher und die vorhandenen wurden nie benutzt. Sie hat mir einmal erzählt, dass sie in den 50er Jahren versucht hat, einen Fuchsbraten zu machen. Dieses Experiment war derart grauenvoll, dass Paula und ihr Mann einen schlimmen Ehestreit hatten. Dementsprechend kochte sie, wenn wir bei ihr die langen Ferien verbrachten immer etwa dieselben Gerichte:

  • Rösti, Spiegeleier und Spinat
  • Tomatenspaghetti (die Sauce aus aufgewärmten Püreekonzentrat und Aromat)
  • Buchstabensuppe, auf Wunsch auch ohne Suppe
  • heisser Fleischkäse (Opas Lieblingsgericht)

und dann war da noch

  • das wunderbare Voressen

Dieses Essen kochten meine Mutter und Paula genau gleich. Beide taten sie für mich viele Rüebli in die Sauce, weil ich die so gerne mochte. Wenn das Voressen fertiggekocht war, schmolzen die Rüebli in meinem Mund, weil sie total weich waren. Die Farbe der Sauce war zutiefst dunkelbraun. Dazu gab es immer Müscheli, die ebenfalls weich gekocht waren, damit mein Opa sie essen konnte.
Leider habe ich meine Mutter nie nach dem Rezept gefragt, weil ich dachte, wir hätten genügend Zeit. Als jene Zeit abgelaufen war, dachte ich, ich hätte noch mehr. Denn Paula kannte das Rezept ja auch.
Aber auch diese Frist habe ich verpasst. Paula kann das Voressen nicht mehr kochen. Sie erinnert sich nicht mehr an die Zutaten, ja nicht einmal mehr daran, dass sie es einst gekocht hat und ich es liebte. Ich werde es nie mehr essen, geschweige denn kochen.

Paula und Barri

Barri war ein Schäferhund-Appenzeller-Sennenhund-Mischling. Er war der Hund meiner Urgrosseltern. In jungen Jahren büchste er aus dem Garten aus und wurde im Altstädtchen von einem Auto angefahren. Er hinkte seither.

Barri war mir der liebste Hund und Paulas bester Freund. Sie hat ihn sehr geliebt. Barri war auch der schlecht erzogendste Hund ever. Er konnte zwar Pfötchen geben und Stöckchen holen, aber das war’s dann auch schon.

Dieser Hund war wirklich aussergewöhnlich. Er liebte es, in den Bach zu springen, der aus einem kleinen Tunnelkanal am Haus meiner Grosseltern vorbei floss. Sein grosses Geschäft verrrichtete er meistens im Tunnel. Wir Kinder machten uns einen Spass daraus zu warten, bis es an uns vorbei floss.

Ich liebte es, mit Barri an der Sonne zu liegen und zu träumen. Ich bin mir ganz sicher, dass auch er oft geträumt hat.

Als ich schon in der Lehre war, wurde Barri krank. Er muss bestimmt 15, 16 Jahre alt gewesen sein. Er konnte immer schlechter laufen. Irgendwann brach er zusammen. Es regnete. Paula und ihr Mann mussten den Tierarzt holen.

Ich weiss nicht genau, was damals passiert ist, aber es hat Paula sehr lange beschäftigt. Immer wieder machte sie sich Vorwürfe.

Der Tierarzt hatte Barri eine Spritze gegeben. Paula wartete im Regen, bis er tot war. Sie sagte später, der Tierarzt habe Barri wie ein Stück totes Fleisch abtransportieren lassen. Sie war sich lange nicht sicher, ob er wirklich tot war. Oft litt sie unter Albträumen, Barri würde noch leben und gequält werden. Wie oft haben wir darüber gesprochen und geweint. Noch Jahre später, sogar nach Opas Tod, unterschrieb sie alle Briefe mit „Paula, Opi und Barri“.

Das hat vor ein paar Jahren aufgehört. Vielleicht ist das etwas der wenigen Dinge, die gut sind an einer Demenz. Man erinnert sich nicht mehr an alle Scheusslichkeiten des Lebens. Man vergisst seine lieben Toten und ist für sich selber existent und irgendwann nicht einmal mehr das.

Ostern mit Paula

Ich erinnere mich gut an unsere Osterfeste. Das Haus im Toggenburg war umgeben von hunderten von Primeliwolken, Tulpen und Osterglocken. Paula machte sich oft schon am frühen Morgen daran, für uns Osterhasen, Ostereier und Nestli zu verstecken.

Manchmal half auch Opa mit. Der versteckte dann die von Paula sorgsam verborgenen Geschenke von neuem. Noch heute, zwanzig Jahre später, warten bestimmt noch irgendwo auf dem Gelände Osterhasen darauf, entdeckt zu werden.

Unsere Kindheit im Toggenburg war friedlich und fröhlich. Ich kann noch heute den Geruch von frischem Moos, dem Wasser aus dem Bach, den Kräutern und den Duft von frischem Kaffee aus Paulas Küche ausmachen, wenn ich nur daran denke.

Doch dieses Jahr wird es anders. Paula lebt über ein halbes Jahr schon nicht mehr in ihrem Haus. Es ist nicht verwahrlost, denn ich habe mich darum gekümmert. Der harte Winter half mir dabei. Bald schon werden die Blumen blühen. Die Wiese wird wieder grün. Paulas Anwesenheit fehlt.

Ich soll mit ihr nochmals ins Haus, damit sie den Abschied besser begreift. Wieder ist Schnee gefallen. Es ist, als ob die Jahreszeiten sich dagegen wehren, dass sie dem Haus „Lebewohl“ sagt.

sommerferien bei paula

die sommerferien bei paula und walter im toggenburg waren die schönsten erlebnisse meiner kindheit. meine schwester und ich packten jeweils koffer (und migrossäcke) voll mit zeugs, das wir während zwei bis vier wochen mit zu ihnen nahmen. die eltern fuhren uns jeweils hin. dann verschwanden sie schnell wieder.

paula trug weite, bunte kleider. sie war gross gewachsen, ein wenig rundlich, aber nicht dick. ihr schwarzes haar war durchzogen von grauen strähnen. walter war schmächtig, hatte einen leichten buckel und trug fast immer seinen blaumann. nur wenn er in den ausgang ging, trug er einen feinen anzug mit krawatte.

wir waren vollkommen frei, meine schwester und ich. wir konnten spielen, bauten uns hütten aus tüchern über der wöschhänki, schwammen im lederbach, tollten mit barri herum oder schauten fern. manchmal gingen wir ins schwimmbad, wir gärtnerten, strichen das gartentor.

ich sortierte knöpfe, vogelfutter, walters werkzeug, studierte briefmarken, während meine schwester mit der schaufel barris haufen aus dem hohen gras fischte und in den bach schmiss.

manchmal machten wir ausflüge. wir reisten nach luzern zum löwendenkmal, ins kloster einsiedeln, in die epa nach st. gallen oder nach augusta raurica.

der sommer ging immer schnell vorbei. irgendwann ging ich nicht mehr zu paula und walter. ich glaube, mit 19 war ich das letzte mal da. ich hatte gerade eine woche im spital verbracht, da mein kiefer operiert wurde. ich konnte nicht mehr essen, nur noch trinken. es war warm draussen. paula verwöhnte mich wie ihren augapfel. barri schwänzelte um mich herum. walter lag im bett und fühlte sich krank. viereinhalb monate später würde er tot sein.

paula und die katzen

paula wuchs in den 20er jahren in einer kleinstadt in der ostschweiz auf. ihre eltern waren sehr, sehr, sehr arm. ich vermute, daher kommt auch paulas aufbewahrungszwang her. ihre eltern, berta und johann, hatten neben paula noch vier andere kinder. ich weiss nicht genau, wie sie aufgewachsen sind, nur wo. aber ich vermute mal, dass sie nicht immer genügend zu essen hatten.

als paula und mein opa verheiratet waren, schafften sie sich einen wellensittich an, piepsli. meine mutter hat ihm sprechen beigebracht. katzen hatten sie nie. paula fürchtete sie würden ihr die beine verkratzen. ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass paula angst vor diesen tieren hatte.

paula und mein opa zogen in den 80er jahren zu den urgrosseltern ins toggenburg. dort pflegten sie nicht nur die beiden hochbetagten, sondern auch deren tiere: eine strubbelige katze und barri, den sennenhund. paula und opa liebten barri über alles. als dieser starb, brach für paula eine welt zusammen. mit der strubbelkatze wurde sie nie so richtig warm.

nach opas tod war paula sehr einsam. doch sie blieb nicht lange allein. röteli, ein rotfelliges katzenweibchen und simeli, ein tiger, (und bestimmt noch x andere) kamen bei ihr vorbei. paula hatte grossen respekt vor diesen tieren und mir mehr als einmal geschildert, wie sie erfolglos versucht hat, die beiden zu vertreiben.

schliesslich zogen die beiden bei ihr ein. röteli schlief oft in der stube auf einem bereitgelegten barchetlaken, simeli kam zum fressen. mit der zeit vergass paula auch mal die namen der beiden oder gab ihnen neue. röteli blieb ihr so oder so treu. mir fiel allerdings auf, dass röteli kastriert und auch sonst gepflegt herum lief. wer war ihr anderer mensch?

die trennung von röteli war ganz furchtbar für paula. ich bin ganz froh, dass röteli bei paulas auszug nicht da war. als wir am mittag des selben tages noch ins haus gingen, um alles abzuschliessen, sah ich röteli das letzte mal. ich gab ihr zu fressen und richtete ihr grüsse von paula aus.

paulas nachbarin erzählte uns, dass der wahre besitzer von simeli und röteli sehr wohl wusste, dass paula seine katzen durchfütterte. er liess es aber geschehen und musste sich sprüche anhören, dass er sie jetzt wieder selber ernähren muss.

paula jedoch hat eine neue feline freundin gefunden. noch hat sie keinen namen. aber sie hat schon begriffen, dass es bei paula immer etwas feines zu fressen gibt.

paula und die alten kleider

wenn wir paula im heim besuchen gehen, rufe ich jeweils vorher an, um abzuchecken, ob sie noch etwas braucht. schliesslich soll es ihr im heim an nichts fehlen. paula soll ihre lieblingsäpfel, ihren lieblingskaffee und ihre lieblingskekse essen dürfen. ich frage auch jedes mal, ob sie noch was aus dem haus braucht.

sie äussert dann wünsche wie:
„nimm bitte alle meine akten zu mir nach hause und verstau sie sicher bei dir.“ oder
„im schrank unten links ist meine fünflibersammlung. bitte bring sie mir.“ oder
„ich hab für die nachbarskinder noch schoggi zurückgelegt. bitte gib sie ihnen ab.“

gesagt getan. gestern fanden wir in einem migrossack noch zwei ihrer alten barchet-nachthemden, die wir überall gesucht haben. ich hab sie ebenfalls mitgenommen und paula gezeigt.
paula rümpft die nase:
„die sind an den ärmeln zerrissen. nicht mehr schön. tu sie bitte weg.“
wegwerfen? ich stutze. schliesslich spreche ich mit paula, der herrin über 1000 plastiksäcke.
aber wenn sie will, dass ich sie wegschmeisse, mach ich das natürlich.

kaum sind wir wieder zuhause, klingelt das telephon. paula.
„mir ist noch was in den sinn gekommen.“
„ja?“
„die nachthemden.“
„was ist mit denen?“
„hast du sie schon weggeschmissen?“
„ich hab sie weggepackt.“
„oh.“
„was ist?“
„ich hab dir doch uropas nähmaschine gegeben.“
„ja?“
„jetzt könntest du sie einsetzen.“

paula und ihre nachbarn

heute waren wir beim haus. briefkasten leeren. die liebe post akzeptiert einen nachsendeantrag nämlich nur, wenn paula mir ein beglaubigtes schreiben aushändigt, das mir erlaubt, ihre adresse zu ändern oder aber wenn die arme paula selber an den schalter humpelt. wenn ihr mich fragt, pure schikane. offensichtlich muss man in diesem land sofort bevormundet werden, wenn man an demenz erkrankt ist.

soweit so gut. als wir ankamen, standen paulas nachbarinnen vor dem gartentor, das haus liegt am ende einer engen gasse. wir redeten miteinander. paulas nächste nachbarin, die sich auch sehr oft um sie gekümmert hat, obwohl paula nie müde wurde, im gespräch zu betonen, dass die scheidung der frau und ihr und krebs nichts schlimmes sei, begrüsste uns freundlich. wir redeten über dieses und das und nebenbei erfuhr ich jede menge über meine urgrosseltern.

so gab es wohl unter den kindern der kleinstadt den brauch, an silvester an den türen läuten zu gehen und dafür süssigkeiten zu bekommen. an der türe meiner urgrosseltern haben sie niemals geklingelt, weil sie angst vor meinem urgrossvater henri hatten. das lag nicht nur dran, dass er immer ein finsteres gesicht mit sich trug, sondern vor allem daran, dass er kleine kinder mit vorliebe mit dem bajonett verschreckt hat.

dann erkundigen sich die nachbarinnen, was mit dem haus geschieht. und sie fragen uns, ob nicht wir einziehen wollen…