paula und ihre schwiegermutter

paula kann sich an viele dinge nicht mehr erinnern. sie weiss nicht mehr, dass sie mal verheiratet war und eine tochter geboren hat. sie hat ebenfalls vergessen, dass ihre tochter seit fünf jahren tot ist.

dafür sind ihr andere erlebnisse sehr präsent.
da ist beispielsweise ihre abneigung gegen ihre schwiegereltern, meine urgrosseltern: henri und rosa, genannt „röös“. da ihre schwiegermutter am anfang ihrer ehe auf ihr rumgehackt hat, hasst paula sie noch heute. photos von rosa darf ich einfach so mitnehmen. „nur weg damit!“ meinte sie beim umräumen.

ich wusste genau, wenn ihr ein möbelstück nicht sooo zusagte und sie es nicht mit ins altersheim nehmen wollte, dann brauchte ich nur zu fragen: „ist es von röös?“
sie nickt.

einige wochen vor dem umzug ruft mich paula an. genervt.
sie reklamiert zornig über die heillose unordnung im haus, die sie notabene selber veranstaltet hat. aber das erwähne ich nicht, weil es unwichtig ist.

paula sagt:
„das regt mich auf, dass in dieser bude noch immer sachen von röös herumstehen. die soll den ganzen seich mal abtransportieren.“
dass röös seit 1983 tot ist, erwähne ich ebenfalls nicht.

paula und christophorus

omas liebster heiliger ist der st. christophorus.
eine statue steht in ihrer (und meiner) geburtsstadt.
christophorus ist ein riesenhafter mann, der das jesuskind auf seinen schultern durch die fluten trägt.
von ihm stammt der spruch: „kind, du bist so schwer, als hätte ich die last der ganzen welt zu tragen“, woraufhin das kind antwortet: „du hast den christ getragen, von jetzt an darfst du christophorus heißen.“

ich war neun, zwei wochen im spital gelegen mit deformierten hüften. nun operiert. mühsam darf ich wieder anfangen zu laufen. meine eltern bringen mich zu paula und walter ins toggenburg.
dort liege ich im bett, lerne wieder an stöcken zu gehen und lenke mich ab. meine wundheilung ist sehr schlecht. immer wieder entzünden sich meine wunden.
die treppe ins schlafzimmer ist steil. mit stöcken ist sie unüberwindbar.
paula trägt mich auf ihren schultern die treppen hinunter. ich halte sie um den hals. beim drittletzten tritt stürzt sie. und ich mit ihr.

wir tragen keine schwerwiegenden verletzungen davon, nur ein paar blaue flecken. meine wunde platzt auf. mein vater regt sich furchtbar auf, weil er denkt, dass ich nicht wieder laufen lernen will.

26 jahre später. es ist herbst. paula und ich gehen die steile treppe hinunter. ich will vor ihr laufen, denn ich habe angst, dass sie stürzen könnte. zu schwach und zu unsicher läuft sie. ich stehe vor ihr und mir treten die tränen ins gesicht.

paula und der bruder tod

paula ist dem tod schon einige male begegnet. als kind erlitt sie eine schwere meningitis. niemand hatte geglaubt, dass sie überleben würde. aber irgendwie ist sie dem bruder tod von der schippe gesprungen.

mehr als einmal hat paula als kioskfrau miterlebt, wie sich menschen vor den zug warfen. sie hat nie gross darüber gesprochen, doch am bahnhof wollte sie immer, dass ich ganz fest ihre hand halte.

den tod meines bruders hat sie mir mehr als einmal erklärt. als kind war mir dank ihr klar, dass er jetzt einfach an einem anderen ort als ich ist. und dass ich ihn nicht besuchen kann. noch nicht.

die leberkrebserkrankung meines grossvaters hat sie gar nicht als solche begriffen. opa wurde halt immer kränker. sie sprachen viel miteinander, wahrscheinlich mehr als das ganze leben hindurch. doch am ende, also ganz am ende, da war sie an seiner seite und hielt seine hände, tröstete ihn, als er fast nicht mehr atmen konnte. ich weiss bis heute nicht, wie sie das geschafft und ertragen hat.

das sterben meiner mutter hat sie getragen wie eine wahre matriarchin. sie hat selten geweint, immer nur getröstet. mir schien damals, als würde alles schlimme dieser welt an ihr vorüber ziehen.
wir haben so viel übers sterben gesprochen, dass ich nie angst davor hatte. gemeinsam waren wir bei meiner mutter bis zum ende. das verbindet.

mir ist vor dem tag bange, wo es bei ihr soweit ist. werde ich an ihrer seite wachen können? oder wird sie alleine gehen? fest steht, dass ich sehr alleine sein werde, wenn sie nicht mehr lebt.

zora und die netten helferlein

als kind liebte ich daniel düsentrieb. und ich hasste sein helferlein. fragt mich nicht warum. lag wahrscheinlich am klugscheissen.

heute ging es mir gleich. mich ruft eine wildfremde frau an, die paula beim zahlen der rechnungen hilft. diese person staucht mich zusammen, weil die postumleitung nicht funzt.
ja. die funzt nämlich nicht, weil der tubel auf der poststelle eine beglaubigung will. wie die genau aussehen soll, wusste er zwar nicht. das bisher übliche formular wurde nämlich abgeschafft. ich habe mich geweigert, paula mit auf die post zu nehmen.
ich dachte, das mit der postumleitung wäre in der schweiz, von nachbardorf zu nachbardorf eine schnelle sache.
ich habe mich getäuscht.

jedenfalls pflaumt mich die frau an, dass ich alle rechnungen bis am donnerstag ins altersheim zu paula bringen soll. mach ich ja. jedes mal. leider arbeite ich 100%. und ich habe erst wieder nächsten freitag frei. an einem freien tag zu paula fahren geht nämlich so:

8.30 von mir zuhause abfahren, je nach tag im stau stehen, weil so ein bekackter traktor auf der strasse fährt und ich nicht überholen kann. dann einkaufen für paula, ins haus gehen. aufräumen. kontrollieren, ob alles ok ist. die katze füttern. mit den nachbarn sprechen.

10.30 im altersheim sein. mit paula sprechen. wünsche erfüllen. evtl. nochmals ins haus.

13.00 zuhause sein.

toll. das ist also mein freier tag.
woher nehme ich einfach so vier stunden an einem tag, wo ich im dienst bin?

die nette helferin hat das nicht interessiert. nein. sie haut noch einen drauf. sie ist nämlich ein helferlein.

helferin: die frau p. hat mir gegenüber erwähnt, dass sie gerne ihre neuen finken hätte.
zora: die habe ich ihr doch vor 10 tagen gebracht.
helferin: sie möchte aber lieber die anderen.
zora: welche anderen? ich habe ihr die fellfinken gebracht.
helferin: sie hatte ganz neue. sie hat sie mir gezeigt in ihrem haus. die will sie. sie soll doch bitte schön anständig herumlaufen.

ja. da ist es wieder. das schlechte gewissen. ich habe paula nicht alles gebracht, was sie braucht. ich trage die verantwortung für meine oma paula, die nicht einmal mehr weiss, dass sie mal finken gekauft hat. ich bin schuld, dass sie nicht anständig herumläuft.

was ich nicht ertrage, sind vorhaltungen einer person, die sich rein emotional einen scheiss um paula kümmert. die nicht weiss, wie es mir geht. und die mir mit ihrer passiv-aggressiven art, versteckt hinter sozialen engagement, den arsch tuches lecken kann.

paula und die lust aufs leben

ich erinnere mich an eines unserer damaligen enkelin-zu-oma-gespräche. ich habe mit paula über alles gesprochen, sei es frust, streit oder liebeskummer.

wir trafen uns im café huber, paulas lieblingsconfiserie, zu kaffee und kuchen.
ich erzählte ihr davon, dass ich mich, nicht zum ersten mal, verknallt hatte und wie mein neuer freund war. ich war anfangs 20.

paula: wie ist er denn so?
ich: er ist sehr nett.
paula: hat er noch haare?
ich: ja. einige.
paula: und sonst?
ich: er macht gern sport.
paula: oh? das ist gut.
ich: warum?
paula: bewegung ist gesund.
ich: wie bitte?
paula: ich meine, es funktioniert doch alles bei euch?
ich: jaa?
paula: ich rede von sex.
ich: oma!?
paula: wusstest du denn nicht, dass sex gesund ist?

paula und opa erzählen eine geschichte.

ich habe meine grosseltern oft streiten, „chiffeln“, gesehen. opa konnte sehr fiese sprüche absondern. und paula konnte fluchen wie ein bürstenbinder.

aber es gab auch momente, da erlebte ich die beiden, anders als jemals meine eltern, als liebespaar. da gab es in den sommerferien, in der küche, jene situationen, in denen paula und opa gleichzeitig die gleiche geschichte erzählten. sie muss im winter 1950/51 passiert sein. dazu muss man wissen, dass paulas elternhaus in einer talsenke lag und der weg zum haus relativ steil war.

paula: wir waren noch nicht verheiratet.
opa: nein. aber wir wollten es sehr.
paula: ja.
opa: ich bin zum haus gelaufen.
paula: die alte mühle. der weg war sehr gefroren.
opa: damals hat man nicht einfach salz gestreut.
paula: nein. und es war wirklich ein steiler weg.
opa: stimmt. schöner scheissweg.
paula: das war mein elternhaus!!
opa: ja. trotzdem. scheissweg.
paula: hör auf zu fluchen. die goofen hören uns zu.
opa: jaja.
paula: jedenfalls haben meine eltern, meine schwestern, mein schwager giovanettoni und ich auf opa gewartet.
opa: genau. ihr hättet mal besser den weg frei gemacht.
paula: und wir haben ihm zugerufen.
opa: ja. und ich habe gewunken.
paula: es war schon dunkel und der opa hatte einen aff.
opa: ich habe den ganzen tag tanzmusik gemacht.
paula: wir haben dich schon gehört, als du den stadtweg runterkamst. du warst laut.
opa: ich habe gesungen.
paula: und dann bist du ausgerutscht.
opa: bei dem scheissweg.
paula: und du bist einfach runtergerutscht und hast deinen instrumentenkoffer in die höhe gehalten, damit das instrument nicht kaputt geht.
opa: genau.
paula: und dann hat der schwager gerufen: „hey, walter, wir sind hier unten. nicht vorbeirutschen.
opa: so ein arsch.
paula: walter, die kinder!!!

paula und die katzen

paula wuchs in den 20er jahren in einer kleinstadt in der ostschweiz auf. ihre eltern waren sehr, sehr, sehr arm. ich vermute, daher kommt auch paulas aufbewahrungszwang her. ihre eltern, berta und johann, hatten neben paula noch vier andere kinder. ich weiss nicht genau, wie sie aufgewachsen sind, nur wo. aber ich vermute mal, dass sie nicht immer genügend zu essen hatten.

als paula und mein opa verheiratet waren, schafften sie sich einen wellensittich an, piepsli. meine mutter hat ihm sprechen beigebracht. katzen hatten sie nie. paula fürchtete sie würden ihr die beine verkratzen. ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass paula angst vor diesen tieren hatte.

paula und mein opa zogen in den 80er jahren zu den urgrosseltern ins toggenburg. dort pflegten sie nicht nur die beiden hochbetagten, sondern auch deren tiere: eine strubbelige katze und barri, den sennenhund. paula und opa liebten barri über alles. als dieser starb, brach für paula eine welt zusammen. mit der strubbelkatze wurde sie nie so richtig warm.

nach opas tod war paula sehr einsam. doch sie blieb nicht lange allein. röteli, ein rotfelliges katzenweibchen und simeli, ein tiger, (und bestimmt noch x andere) kamen bei ihr vorbei. paula hatte grossen respekt vor diesen tieren und mir mehr als einmal geschildert, wie sie erfolglos versucht hat, die beiden zu vertreiben.

schliesslich zogen die beiden bei ihr ein. röteli schlief oft in der stube auf einem bereitgelegten barchetlaken, simeli kam zum fressen. mit der zeit vergass paula auch mal die namen der beiden oder gab ihnen neue. röteli blieb ihr so oder so treu. mir fiel allerdings auf, dass röteli kastriert und auch sonst gepflegt herum lief. wer war ihr anderer mensch?

die trennung von röteli war ganz furchtbar für paula. ich bin ganz froh, dass röteli bei paulas auszug nicht da war. als wir am mittag des selben tages noch ins haus gingen, um alles abzuschliessen, sah ich röteli das letzte mal. ich gab ihr zu fressen und richtete ihr grüsse von paula aus.

paulas nachbarin erzählte uns, dass der wahre besitzer von simeli und röteli sehr wohl wusste, dass paula seine katzen durchfütterte. er liess es aber geschehen und musste sich sprüche anhören, dass er sie jetzt wieder selber ernähren muss.

paula jedoch hat eine neue feline freundin gefunden. noch hat sie keinen namen. aber sie hat schon begriffen, dass es bei paula immer etwas feines zu fressen gibt.

paula und die alten kleider

wenn wir paula im heim besuchen gehen, rufe ich jeweils vorher an, um abzuchecken, ob sie noch etwas braucht. schliesslich soll es ihr im heim an nichts fehlen. paula soll ihre lieblingsäpfel, ihren lieblingskaffee und ihre lieblingskekse essen dürfen. ich frage auch jedes mal, ob sie noch was aus dem haus braucht.

sie äussert dann wünsche wie:
„nimm bitte alle meine akten zu mir nach hause und verstau sie sicher bei dir.“ oder
„im schrank unten links ist meine fünflibersammlung. bitte bring sie mir.“ oder
„ich hab für die nachbarskinder noch schoggi zurückgelegt. bitte gib sie ihnen ab.“

gesagt getan. gestern fanden wir in einem migrossack noch zwei ihrer alten barchet-nachthemden, die wir überall gesucht haben. ich hab sie ebenfalls mitgenommen und paula gezeigt.
paula rümpft die nase:
„die sind an den ärmeln zerrissen. nicht mehr schön. tu sie bitte weg.“
wegwerfen? ich stutze. schliesslich spreche ich mit paula, der herrin über 1000 plastiksäcke.
aber wenn sie will, dass ich sie wegschmeisse, mach ich das natürlich.

kaum sind wir wieder zuhause, klingelt das telephon. paula.
„mir ist noch was in den sinn gekommen.“
„ja?“
„die nachthemden.“
„was ist mit denen?“
„hast du sie schon weggeschmissen?“
„ich hab sie weggepackt.“
„oh.“
„was ist?“
„ich hab dir doch uropas nähmaschine gegeben.“
„ja?“
„jetzt könntest du sie einsetzen.“

paula und ihre nachbarn

heute waren wir beim haus. briefkasten leeren. die liebe post akzeptiert einen nachsendeantrag nämlich nur, wenn paula mir ein beglaubigtes schreiben aushändigt, das mir erlaubt, ihre adresse zu ändern oder aber wenn die arme paula selber an den schalter humpelt. wenn ihr mich fragt, pure schikane. offensichtlich muss man in diesem land sofort bevormundet werden, wenn man an demenz erkrankt ist.

soweit so gut. als wir ankamen, standen paulas nachbarinnen vor dem gartentor, das haus liegt am ende einer engen gasse. wir redeten miteinander. paulas nächste nachbarin, die sich auch sehr oft um sie gekümmert hat, obwohl paula nie müde wurde, im gespräch zu betonen, dass die scheidung der frau und ihr und krebs nichts schlimmes sei, begrüsste uns freundlich. wir redeten über dieses und das und nebenbei erfuhr ich jede menge über meine urgrosseltern.

so gab es wohl unter den kindern der kleinstadt den brauch, an silvester an den türen läuten zu gehen und dafür süssigkeiten zu bekommen. an der türe meiner urgrosseltern haben sie niemals geklingelt, weil sie angst vor meinem urgrossvater henri hatten. das lag nicht nur dran, dass er immer ein finsteres gesicht mit sich trug, sondern vor allem daran, dass er kleine kinder mit vorliebe mit dem bajonett verschreckt hat.

dann erkundigen sich die nachbarinnen, was mit dem haus geschieht. und sie fragen uns, ob nicht wir einziehen wollen…

paulas einkaufsliste

das verkünden der einkaufsliste ist ein telephonisches ritual zwischen paula und mir. früher, also bis vor zwei wochen, lautete die liste von paula folgendermassen. das kursive sind paulas original kommentare

3 bananen „gern grün, dann kann ich sie länger behalten“
6 äpfel „mit roten backen“
4 birnen „die vom letzten mal, die schmeckten so fein“
1 aufbackzopf „nimm aber einen mit einem langen datum, sonst läuft der mir ab“
2 pack meringues „ich muss langsam sparen, aber bring mir trotzdem zwei“
1 doppelpack incarom „aber nicht den von der migros.“
1 butter „wie viel kostet der jetzt schon wieder?“
1 paar servelat „aber bitte richtigen!“
2 4er pack milch „wer weiss, ob bald schnee liegt.“
4 joghurt „bring mir himbeer. in den erdbeer-joghurts hat’s so körner, die bleiben mir im gebiss hängen“
1 3er pack schoggi „dann kann ich eine den nachbars-goofen schenken“
4 säcke katzenfutter „der röteli streitet immer mit dem simeli drum“
6 pack brikett „aber nur, wenn ihr das tragen könnt.“ – „ja eh, das nimmt sascha.“ – „der ist halt schon ein starker. soll ich ihm tragen helfen?“

heute lautet die liste so:

3 bananen „die gibts noch gar nicht so lange“
6 äpfel „wenn mir langweilig ist, esse ich einen apfel“
4 birnen „ich hab zwar noch zwei, aber von denen kann man nie genug haben.“
1 pack meringues „ich sollte die nicht zwar essen, weil die immer so brösmelen.“
1 sack zuckerbölle „welche sorte, paula?“ – „das weiss ich nicht mehr.“ – „wie sahen die aus?“ – „ich war schon lange nicht mehr in der migros.“ – „caramel?“ –“genau.“ – „kleben die dir nicht am gebiss fest?“ – „oh. bitte bring mir noch eine schachtel kukident.“