was ich alles erbe

paula ist nun seit einer woche im altersheim und es geht ihr gut. fast täglich telephonieren wir und sie klagt jedes mal über furchtbares heimweh. wenn wir dann ein wenig sprechen, kehrt sich ihre laune und sie dankt mir dafür, dass ich ins altersheim gebracht habe. das beruhigt mich und ich spüre, wie ich sehr viel weniger energie brauche, um mit ihr zu sprechen.

was mich zeit und energie kostet, ist das haus.
zwar hat paula alle schränke geräumt und den inhalt (tonnenweise weisse bettwäsche!) in schachteln gepackt. doch da ist noch mehr: im oberen stock gibt es einen schrank voller wolle und fäden, nebendran einen anderen voll bepackt mit anzugsstoffen. ein anderer schrank ist gefüllt mit schuhen aus den 50er jahren. und dann ist da noch der seitliche estrich, wo drei komplett funktionsfähige strickmaschinen auf mich warten.

paula hat sich damit abgefunden, dass sie aktuell nicht zurückkehrt, hat mir aber den auftrag gegeben, das zu entsorgen, was ich nicht mehr haben will. super.

opa und das haus

„das haus“ ist schon seit 60 jahren im besitz meiner familie mütterlicherseits. mein urgrossvater heinrich und seine zweite frau rosa, die während des zweiten weltkriegs aus berlin in die schweiz geflüchtet war, hatten es der vorbesitzerin abgekauft. doch schon beim kauf hatte das haus bestimmt 50 jahre auf dem buckel.

opa liebte das haus auf seine weise. nichts durfte verändert werden. keine neuen möbel, keine neuen vorhänge, rein gar nichts neues konnte oma besorgen. nicht einmal das gartentor, das langsam vermoderte, durften wir ersetzen und streichen.
es gibt einen raum, die getäferte stube, wo mein urgrossvater, meine urgrossmutter und schliesslich mein opa starben. alle hauchten sie ihr leben auf dem bett neben dem kachelofen aus. erst als mein grossvater gestorben war, räumte oma um.

sie kaufte neue vorhänge, liess teppiche legen, den kamin erneuern. räumte den estrich leer. das haus wurde immer mehr ihr haus, ihr werk. dennoch sind der keller und der werkraum unverändert seit dem 7. januar 1997. an jenem tage starb nämlich mein grossvater.

es scheint mir manchmal, als lebe das haus. es atmet ein und aus. es steht da und wenn ich genau hinschaue, kann ich meinen urgrossvater auf der treppe sitzen sehen, seine frau und der hund stehen daneben. und vor dem keller steht mein grossvater und raucht eine pfeife. er trägt einen blaumann.

als mein grossvater starb, hab ich meine oma gebeten, dass er in seinem blaumann begraben wird. doch das geschah nicht. er trug einen schicken anzug. und eine der krawatten aus seiner swing-zeit. der blaumann hängt bestimmt noch immer in einem der vielen schränke.

über opa und oma

ein ganz anderer teil meiner kindheit ist opa walter. er war paulas mann.

ihre liebesgeschichte habe ich als kind oft gehört und erst als erwachsene verstanden. walter war der sohn von heinrich, beide ihres zeichens musiker und weberei-angestellte im toggenburg. walter war leidenschaftlicher swing-musiker. so hat er auch paula kennen gelernt.

es war an einem abend in wil. er spielte trompete oder klarinette. das lässt sich nicht mehr so genau eruieren. jedenfalls hat sie ihn angehimmelt. er: damals blond, eher kleingewachsen, mit strahlend blauen augen.
sie ist ihm sofort aufgefallen: schüchtern, gross, mit dunklen haaren. ihr ernster gesichtsausdruck. sie haben zusammen getanzt. am ende des konzerts hat sie ihm ihr velo ausgeliehen, weil er seinen zug verpasst hat. dafür bekam sie schlimme schelte von ihrem vater.

die beiden haben sich verliebt, doch die älteren schwestern und der schwager machten ihnen klar, dass sie nicht heiraten durften. das war anfangs der 50er jahre. paula war die jüngste schwester. es durfte einfach nicht sein, dass sie vor den älteren schwestern heiratete und sich womöglich nicht mehr um die eltern kümmerte.

die strategie der beiden liebenden war einfach. in der heutigen zeit wirkt sie vielleicht etwas hausbacken: die beiden praktizierten coitus interruptus in der hoffnung, paula würde schwanger und müsste heiraten.

nach einiger zeit war es dann soweit. paula wurde schwanger. fünf monate nach der hochzeit kam schliesslich meine mutter auf die welt. der plan war aufgegangen.

altersheimalltag

heute, am 1. november, wäre eigentlich geplant gewesen, dass paula ins heim geht. da wir dies jedoch vorgezogen haben, hat paula nun schon drei tage dort verbracht.

paula freut sich riesig, als wir kommen. es ist ein ungewohntes gefühl, sie sauber gekleidet, fleckenlos, wie eine blumenwiese riechend zu erleben. sie sitzt auf dem bett und spricht ruhig vor sich hin. sie wirkt klar, bedankt sich für die sachen, die wir ihr mitgebracht haben, insbesondere ihre zimmerpflanzen, äpfel und birnen sowie ihre bh’s.

sie kommt sehr schnell darauf zu sprechen, dass sie streit mit einer anderen heimbewohnerin hat. diese hat sich nämlich indirekt beklagt, dass paula zu viel spreche. paula ist tief beleidigt. sie fragt mich, warum diese frau sie nicht möge. bevor ich etwas gescheites antworten kann, erklärt paula, dass diese andere frau nicht mehr richtig reden kann. ich sage paula, dass die frau wahrscheinlich traurig ist, weil sie selber nicht mehr sprechen kann. paula sieht das ein und meint, sie hätte trotzdem weinen müssen. ich tröste paula so gut es geht und sage ihr, dass es keinen gibt, der sie nicht mag. sie nickt und meint, sogar die hofkatze sei gekommen und hätte mit ihr geschmust.

wir zeigen ihr die mitgebrachten pullover, die sie freudig in empfang nimmt. allerdings haben wir keine nachthemden gefunden, da diese alle schon hier sind. doch weil paula die letzten wochen offensichtlich nicht mehr in der lage war, ihre kleider abends zu wechseln und immer mehr abmagerte, passen sie ihr nicht nun mehr.

in einem ruhigen moment, sascha raucht gerade eine, beklagt sich paula bitterlich darüber, dass ihre brüste nicht mehr so schön sind wie früher. zum beweis hebt sie den pullover.
ich weiss jetzt, was mich erwarten wird, wenn ich mal 84 bin.

veränderung

ich gebe es gerne zu: vor dem ersten telephonat mit paula habe ich mich gefürchtet.
dazu kommt, dass es bis und mit heute abend nicht gefunzt hat mit dem anrufen. ich hatte angst, das sie mit dem telephon nicht mehr umgehen kann.
ich erwartete weinen und klagen.

dann, am anderen ende die stimme von paula.
ich frage sie, ob sie mich erkennt.
– ja klar, zora.
– wie geht’s dir?
– nicht so gut. heimweh.
– das tut mir leid.
– du hast da einen fehler gemacht, zora.
– ja?? (ich erwarte einen vortrag über die tatsache, dass ich sie ins heim gebracht habe.)
– du hast die falschen nachthemden eingepackt.
– was?
– die sind mir zu lange.
– oh. ich näh sie um.
– ich will aber lieber die anderen. die aus der schachtel.
– ich bring sie dir morgen.
– gut. und unterwäsche.
– ok.
– und pullover. ich will noch mehr pullover.
– bring ich dir. kein thema!
– und bring mir bh’s. die tragen hier alle.

geburtstage

seit ich ein kind war, waren meine geburtstage im hochsommer ein highlight. ich wurde mit geschenken überhäuft. oma wusste einfach immer, was ich mir wünschte, ganz egal ob es pfirsichblüten-barbie, lego ritterburg oder ein robin-hood-kostüm war.

ich habe es zuerst mit meiner mutter miterlebt, wie es ist, wenn einem menschen das umfeld langsam wegschwimmt. mal telephonierten wir gar nicht, mal eine woche zu früh, mal einen tag später. dabei schien mir jener tag der geburt, gerade mit der mutter, sehr wichtig.

seit einigen jahren weiss auch paula nicht mehr, wann mein geburtstag ist. ich hab mich dran gewöhnt, auch wenn es beim ersten mal furchtbar weh tat. auch ihr eigener geburtstag rückte mehr und mehr in den hintergrund.
im juli dieses jahres allerdings geschah das unfassbare. paula rief mich punkt acht an und gratulierte mir zu meinem geburtstag:

„liebe zora, ich gratuliere dir ganz herzlich zu deinem 75sten geburtstag. bleib gesund und wie du bist, liebe schwester!“

erleichterung

die erste nacht seit über einem jahr schlafe ich nun in ruhe. ich habe keine albträume gehabt. glücklicherweise habe ich spätdienst, so dass ich nicht schon um sechs uhr auf muss. paula hat nun die erste nacht in ihrem pflegeheim verbracht. ich fühle mich seltsam befreit.

es ist ja nicht so, dass sie mich jeden morgen zu bett heraus geklingelt hat. aber die sorge um sie hat mir offenbar mehr zugesetzt, als ich mir zugestehen wollte. um halb zehn uhr rufe ich sie an. sie nimmt nicht ab. offenbar hat die umschaltung mit ihrer alten nummer noch nicht geklappt.
ich rufe im sekretariat an. eine pflegende nimmt ab.

sie ist ein wenig erstaunt, dass ich mich nach paula erkundige. offenbar ist das nicht usus, dass angehörige sich um ihre alten angehörigen kümmern. die pflegende wirkt etwas ratlos, meint, sie könne mir nicht sehr viel sagen. ich frage also explizit. wie hat sie geschlafen?

zu meinem erstaunen sagt die pflegende, dass paula die ganze nacht durchgeschlafen hat und erst um neun uhr überhaupt aufgewacht ist. das ist insofern verwunderlich, als dass paula seit ich sie kenne, immer um fünf uhr aufgestanden ist und die küche geputzt hat.

die pflegende erzählt schliesslich auch, dass paula sehr viel diskutiert hat, sich am abend aber trotzdem einsam fühlte und wieder nach hause wollte. sie hätten sie dann aber überzeugt, hier zu bleiben.

ich bin sehr gespannt, wie es paula geht, wenn ich sie heute nachmittag anrufe.

paula zieht aus teil2

nachdem ich mich noch telephonisch im heim angemeldet habe, sitzen wir schliesslich endlich im auto. paula wirkt zufrieden, fast wie bei einer ferienreise. wir fahren ins übernächste dorf. dort, in der nähe der thur, liegt das altersheim.
wir steigen aus. paula hat etwas mühe und verheddert sich im gurt. schliesslich stehen wir vor der türe. wieder spüre ich einen tiefen schmerz im gesicht. ich schlucke meine tränen herunter.

ich gehe mit paula am arm ins haus. frau g., die pflegefachfrau, erwartet uns. doch sie ist nicht die einzige. neben ihr steht eine fröhliche, weisshaarige frau. sie geht sofort auf paula zu. die beiden geben sich die hände und begrüssen sich. ich kenne solche situationen. paula kennt von ihrer tätigkeit als kioskfrau sehr viele menschen. wenn sie auf jemanden zugeht und diesen begrüsst, reagieren die wenigsten so aufgestellt. deren gedächtnis scheint nicht so gut sein wie das von paula. wir lassen die frauen allein und räumen das zimmer ein.

rolf und helene transportieren die ganzen möbel. liebevoll dekoriert helene das zimmer. nach einer viertelstunde sind wir mit dieser ladung fertig.die nächste wartet auf uns. ich gehe nach unten ins fernsehzimmer. paula sitzt breit grinsend da und stellt mir die weisshaarige frau vor. es ist eine kollegin, mit der sie vor über 50 jahren gearbeitet hat. ich bin stark gerührt und habe wiederum tränen in den augen. wie schön, denke ich. sie wird ihren weg schon machen, meine omi paula.

dann sagt paula zu den anderen alten frauen, die strickend im raum sitzen: „und das ist meine enkelin zora.“

paula zieht aus teil 1

heute morgen war es soweit. wir machten uns auf den weg zu paula für den umzug ins altersheim. als wir ankommen, finden wir paula in tränen aufgelöst. sie weint und wirft uns vor, wir hätten sie vergessen. ein blick auf die uhr klärt die situation. paula hat die uhr nicht zurückgestellt und wartet seit stunden.

das packen und ausräumen ihrer gewünschten möbel verläuft schwierig. paula steht verloren da. mehr als einmal fürchte ich, sie fällt gleich die treppe herab. in der küche herrscht ein grosses durcheinander: müll, katzenfutter und küchentücher stapeln sich auf der essbank. wenigstens hat paula die heizung eingeschaltet. so ist es wenigstens nicht allzu kalt.

beim einpacken ihrer sachen ist geduld meinerseits gefordert. dass wir zwei taschen mit plastiksäcken mitnehmen müssen, passt mir nicht. aber ich packe sie ein. schliesslich ist es ihr wichtig. als die nette spitexfrau kommt, um mir den übergaberapport von paula zu übergeben und mich fragt, was sie noch für mich tun könne, überkommt es mich. auch paula weint. sascha schafft es schliesslich, paula etwas abzulenken. die pflegefachfrau gibt mir den tipp, paula gleich bei der ersten fahrt mitzunehmen und sie dem pflegeteam anzuvertrauen. das packen und die noch schlimmere unordnung bringen paula durcheinander. ich bedanke mich für die ratschläge und die gute arbeit, schniefe weiter.

als wir die beiden autos geladen haben, folgt der wirklich schwierige teil. paula sollte sich umziehen. mit sehr, sehr viel überredungskunst schaffe ich es, dass sie ihre rote trainerhose auszieht und eine frische anzieht. den pullover und die wolljacke lässt sie an. ich gebe auf.

dann packen wir ihre handtasche. auch hier drängt sie darauf, einige plastiksäcke mitzunehmen. was mir anschliessend fast das herz zerreisst, ist paulas verabschiedung vom haus. sie geht in jedes zimmer und sagt ein paar worte. mir scheint, als hätte sie sich von allen geistern des hauses verabschiedet. sascha schafft es schliesslich, mit ihr heraus zu gehen. ich schliesse die tür hinter ihr ab.

oma und ich

das war schon ein ding. soweit ich mich zurück erinnern kann, waren oma und ich das dreamteam. es gab nichts, was wir einander nicht erzählten. sie war für mich immer der fels in der brandung.

es gibt da so eine geschichte. als mein bruder starb, rief mein vater zuerst oma an, damit sie zu mir kommt und auf mich aufpasst. ich war zwar erst zwei, aber ich erinnere mich, dass sie plötzlich da war und mich umarmte und mir alles erklärte. auch später war das thema tod nie ein tabu zwischen uns.

oma war immer da. als ich mich das erste mal unglücklich verliebte, das zweite und dritte mal, immer hatte sie einen rat für mich. von ihr kamen niemals abwertende worte. ich habe nie jemanden kennen gelernt, der derart gut motivieren konnte.

ein highlight waren die ferien bei oma. meine schwester und ich lagen in omas grossem bett, sie in einem kleinen bett, bekleidet mit einem barchetnachthemd, daneben. opa schlief im unteren stock neben dem kachelofen. oma erzählte uns spätnachts immer sehr tolle geschichten. sie erzählte mit leib und seele. da war alles möglich. einmal segelten wir auf einem bett die thur hinunter bis zum rheinfall, weiter bis zum meer. ein andermal flogen wir auf einem teppich über die sahara. im winter froren wir uns fast die füsse ab, weil es keine heizung hatte.

meine schwester und ich wurden zu heldinnen im wilden westen, zu unerschrockenen frauen in jeder lebenslage. für oma war es nie ein thema, dass wir einen beruf lernten. jahre später sind wir gemeinsam nach berlin gefahren. einfach so. da war sie bestimmt schon über 70. wir sind stundenlang durch die stadt gelaufen und haben geredet.

sie stellte nie in frage, dass ich keine kinder wollte. nur in der letzten zeit äusserte sie einmal den wunsch, sie hätte noch gerne einen urenkel. diesen gefallen kann ich ihr nicht tun, bei aller liebe.