paula packt

paulas entschluss steht fest. sie geht ins altersheim. wirklich entspannend ist das nicht, denn paula hat es sich in den kopf gesetzt, ihr haus aufzuräumen.

es ist ja nicht so, dass paula ein messie ist. im gegenteil. sie ist ein sehr ordentlicher mensch. sie behandelt ihren besitz sehr sorgfältig. ihre kaffeemaschine hat sie in plastik verpackt, damit ihr ja nichts passiert. ebenso andere küchengeräte. paula kann gegenstände wie plastiksäcke oder kartonschachteln nicht wegwerfen. im vorratsraum stehen deshalb schachtelnweise schön gefaltete plastiksäcke herum.

da paula in ihrem eigenen haus lebt, braucht sie es jetzt auch noch nicht zu räumen. ihr das jedoch näher zu bringen, ist schwierig. manchmal ruft sie weinend an, weil sie müde ist vom schränke aufräumen und ihren besitz ordnen. nun könnte man einwerfen, warum ich, die liebe enkelin, sie da nicht unterstützt.

das ist leider sehr schwierig. mit paula etwas aufzuräumen, ist ein ding der unmöglichkeit. wenn ich sie frage: „soll ich das wegtun?“ antwortet sie mit „nein, das kann ich noch brauchen.“ eine diskussion übers horten von alten plastiksäcken macht nur dann sinn, wenn ich streit mit ihr will. und das will ich natürlich nicht.

vorsorglich kleider fürs altersheim packen ist ebenfalls eine sisyphosarbeit. schön gepackte schachteln sind einige tage später wieder ausgepackt, der inhalt im ganzen haus verteilt. alles fein säuberlich aufgeräumt. es ist zum schreien.

über die scham

neben all den dingen, die eine demenz mit sich bringt, finde ich scham die schrecklichste.

zwar war paula schon früher eine frau, die sich für alles entschuldigte: zu lautes husten, weinen, dass die wohnung nicht so sauber geputzt war, wie sie es vorgehabt hatte und für stundenlange, notabene hochinteressante, telephonate. das habe ich nie nachvollziehen können. meine mutter, ihre tochter, war nämlich anders.

jetzt, wo sich paulas demenz verändert, verändert sich auch ihr schamgefühl. ihr inneres leiden wird sichtbar. in klaren momenten entschuldigt sie sich für ihr vergessen und klagt darüber, dass sie die hoffnung hat, dass es nochmals besser wird. im nächsten moment weint sie darüber, denn sie spürt ganz genau, dass da was mit ihr passiert. sie hat angst, schämt sich für diese angst. ein ewiger teufelskreis.

mir scheint, dass sich paulas eigenschaften, die ich schon immer kannte, nun verschärfen. sie ist noch immer der mensch, den ich seit meiner geburt an meiner seite wusste und ist doch ganz anders. ich hasse die scham. wenn ich die macht hätte, würde ich sie wegzaubern. aber das kann ich nicht. es bleibt mir nicht viel mehr, als sie in den arm zu nehmen und zu sagen: „alles in ordnung. ich bin da für dich.“

paula sucht ein heim

im frühling hat die frau von der spitex gemeint, ich soll anfangen, ein heim für paula zu suchen. einen ganzen winter ohne zentralheizung würde sie nicht mehr durchstehen. schön und gut. paula sah das nicht wirklich ein.

immer wieder mal habe ich das thema angeschnitten und bei paula auf granit gebissen: heim? ich doch nicht. nein. mir gefällt’s hier. das geht schon. du musst mir halt helfen.

im verlauf des frühsommers verschlechterte sich ihr zustand. das war für mich umso schlimmer, als dass sie sonst in der warmen jahreszeit immer aufblühte. dieses jahr war das anders.

für mich war war aber klar, dass ich nicht einfach ein heim suche, ohne dass ich sie einbeziehe.

diese tatsache stiess nicht bei allen familienmitgliedern auf ein gutes echo. im gegenteil. sätze wie „mach mal was. du musst sie halt entmündigen lassen.“ waren nicht selten. anpacken im sinne von überzeugungsarbeit wollte dann aber keiner. diese tatsache kommt wohl jedem angehörigen eines demenzkranken menschen bekannt vor.

im juli schliesslich wollte ich mit meinem freund für eine woche in die ferien. um acht uhr morgens, eine stunde vor unserer abreise klingelt das telephon. paula ist dran. ihre worte sind kurz und knapp:

„ich habs mir überlegt. ich geh jetzt in ein heim.“

na toll. jetzt heisst bei paula jetzt. mühsam versuchte ich ihr klar zu machen, dass ich jetzt gar nichts tun könnte. in ein heim tritt man nicht einfach ein. das sah auch paula ein. wir machten ab, dass ich das nach abschluss meiner ferien regle.

gesagt getan: zwei minuten, nachdem wir wieder zuhause waren, klingelte das telephon. paula.

„und? hilfst du mir jetzt? ich will mein haus verkaufen.  jetzt. ich geh nämlich in ein heim.“

 

wie könnte ich anders, als ihr zur seite stehen. in ihren aussagen, ihrer haltung ist sie nach wie vor klar, obwohl sie wortfindungsstörungen hat und sich nicht mehr an alle namen erinnert. ihren willen teilt sie mit. und danach richte ich mich.

nur ein tag

vor anderthalb jahren war es soweit. paula sah ein, dass sie mit ihren rechnungen, der steuererklärung und dem ganzen drumherum überfordert war. ich war es schon länger, denn wie schon erwähnt: paula hat einen harten grind. da bin selbst ich mit meinen überredungskünsten am ende.

wir besprachen uns mit der spitex, die paula einen sachbearbeiter der pro senectute, nennen wir ihn herr fröhlich, empfahl. der herr fröhlich kam dann auch prompt bei paula vorbei. leider konnte ich bei diesem treffen nicht dabei sein, da ich 100% arbeite und mich nicht kurzfristig frei machen konnte.

eigentlich erwartete ich an jenem donnerstagabend noch einen anruf von paula, die mir erzählen wollte, wie ihr gespräch verlaufen war. ich hatte spätdienst, kam also erst nach neun Uhr abends nach hause und ging gleich zu bett. ich war todmüde. am freitag war mein einziger freier tag in dieser woche vor dem wochenenddienst. ich wollte ausschlafen und mich erholen. doch dazu kam es nicht.

um halb sieben klingte mein telephon, am anderen ende paula. weinend. hysterisch. total neben den schuhen. sie sagte, sie hätte einen furchtbaren fehler gemacht und mit einem fremden, netten mann gesprochen. der hätte ihr gesagt, er wäre der enkeltrickbetrüger. da er so nett wirkte und sagte, er sei von der spitex geschickt worden, hätte sie ihn ins haus gelassen und alles, was sie besessen hätte, mitgegeben. an seinen namen könne sich sich nicht mehr erinnern, doch er habe eine karte dagelassen, die sie allerdings nicht mehr finde.

ich war schockiert. ich versuchte sie zu beruhigen. doch sie weinte immer mehr. sie tat mir sehr leid. dann allerdings meinte sie, sie hätte bereits um mitternacht die polizei informiert, doch diese habe sie auf den morgen vertröstet. sie könnte dann ja noch einmal anrufen. ich solle mich doch bitte drum kümmern.

ich war mit einem mal hellwach. meine erste panik, dass paula tatsächlich ausgeraubt werden könnte, schob ich zur seite. langsam aber dämmerte es mir, dass der enkeltrickbetrüger eventuell etwas mit dem besuch des sachbearbeiters zu tun haben könnte. ich beruhigte paula so gut es ging, rief um sieben uhr früh die Spitex an und informierte diese. gottseidank war sich die leiterin solche situationen gewohnt und beruhigte nun mich. sie würden nach paula schauen und ich sollte mal in aller ruhe mit herrn fröhlich sprechen.

um halb neun uhr schliesslich erreichte ich herrn fröhlich und teilte ihm mit, dass meine oma ihn offensichtlich für den enkeltrickbetrüger hielt und ihm die polizei auf den hals gehetzt habe. er fand das nicht unkomisch, meinte dann aber, das erstaune ihn jetzt aber: paula hätte ihn an der türe erwartet und ihn reingelassen. sie hätten nett geredet und sie habe seine vorschläge für die besorgung der unterlagen für gut befunden. paula wirkte charmant wie immer. da ihr haus recht abseits der strasse lag, gab er ihr beim abschied den tipp, nicht jedem menschen die türe zu öffnen, da enkeltrickbetrüger unterwegs seien.

dieser eine satz ist paula im gedächtnis geblieben und hat dort seine unendlichen runden gezogen. um mitternacht muss sie halb wahnsinnig vor angst gewesen sein. glücklicherweise vergass sie diesen zwischenfall schnell wieder. ich hingegen nicht.

über die wut

manchmal werde ich wütend.

als angehörige einer demenzkranken frau leiste ich die organisation der pflege in meiner freizeit. immer. auch wenn oma krank ist. ich habe arbeitsrechtlich keine chance auf bezahlte freitage, um die pflege zu organisieren.

natürlich könnte ich jetzt mein pensum senken und 50km von meinem arbeitsort entfernt oma pflegen und pendeln. doch leisten kann ich mir das nicht. bezahlen würde mir diesen lohnausfall niemand. und mit meiner stelle kann ich nicht mit tieferen prozenten arbeiten.

die pflege und begleitung von menschen mit einer demenzerkrankung ist zeitintensiv. bisher schaffen wir es noch telefonisch. doch ich habe angst vor dem moment, wo sie zahlen nicht mehr lesen kann und meine stimme nicht mehr erkennt. ohne die pflege der spitex-frauen wäre dies das wohnen zu hause schon länger nicht mehr möglich gewesen.

ich hab seit monaten mit meinem vorgesetzten klartext gesprochen. ich denke, das ist nicht mehr als fair: die demenz ist an- und ausgesprochen. ich habe rückhalt. vielen anderen geht es jedoch nicht so gut. sie sprechen nicht darüber und arbeiten sich fast zu tode.

mein grossvater wurde in der 80er jahren des letzten jahrhunderts im zuge der textilindustriekrise arbeitslos und hat mehrere jahre seine stiefmutter und seinen vater gepflegt. ich weiss nicht, wie viele männer diesen dienst einfach so getan hätten. deshalb ist er für mich ein grosses vorbild. ich frage mich, wie er das geschafft hat.

über paula

wenn ich mich zurückerinnere, war paula, meine oma, schon immer sehr aussergewöhnlich. sie war nie ein braves hausmütterchen, sondern hat immer gearbeitet. sie ging schon als junge frau in eine fabrik, wo sie strümpfe verarbeitete und verpackte. später hat sie sich dann ihren grossen traum erfüllt: sie wurde verkäuferin. für mich die beste, die ich je erlebt habe. jahrzehntelang war sie als kioskfrau tätig, oft nahm sie mich mit.

paula hat nie eine lehre gemacht. paula kann nicht auto fahren. paula war nie an der urne. das frauenstimmrecht zog einfach an ihr vorüber. sie hat mir in früheren jahren oft erzählt, wie hart ihr leben war. sie wurde als drittes von fünf kindern geboren. ihre eltern waren sehr arm. anfangs des zweiten weltkriegs erlitt paula eine hirnhautentzündung. sie konnte während wochen nicht mehr sprechen, nicht mehr laufen, hat sich alle haare ausgerissen.

irgendwie hat sie’s aber geschafft. sie hat nämlich einen unbändigen lebenswillen. wenn paula was im kopf hat, treibt ihr das keiner aus.

paula hat ihre eltern, ihre schwiegereltern und meine mutter überlebt. immer war sie eine starke frau. ich weiss nicht, ob das gute an der demenz ist, dass sie sich nicht mehr an vieles erinnern kann. um ehemann und tochter trauert sie jedenfalls nicht mehr. sie reagiert erstaunt, wenn ich ihr sage, dass sie verheiratet war.

vielleicht ist es einfach schicksal, dass am ende ihres lebens nur noch sie und ich da sind. ich war immer ihre lieblingsenkelin. ich war ihr augenstern. ihr goldschatz. jeden meiner misserfolge hat sie mit mir durchgestanden und mich auf erfolge vertröstet. wenn was gut ging, haben wir gemeinsam gefeiert. wir sind gemeinsam durch die welt gereist (bis nach berlin!!) und schrieben einander briefe und karten. das verpflichtet mich, jetzt da zu sein für sie. anders kann ich mir das gar nicht vorstellen.

oma, paula und ich.

oma sucht mal wieder ihr portemonnaie. und ihre schlüssel. oma sucht eigentlich immer irgendwas. wenn sie was nicht mehr findet, ruft sie mich, ihre enkelin an. sie ruft mich an, weil sie sich noch an mein sein, allerdings nicht mehr an meinen namen erinnern kann. früher betete sie zum heiligen christopherus. aber auch den hat sie längst vergessen.

sie ruft mich zu jeder tages- und manchmal auch nachtzeit an. meistens weint sie.
ich beruhige sie. versuche zu helfen. tröste sie. hänge auf. weine selber.
so geht das nun schon seit mehreren jahren.

noch im letzten herbst konnte sie selber einkaufen gehen. heute weiss sie nicht mehr, wo der laden ist. beruhigend ist lediglich, dass sie nicht so gut zu fuss ist. denn sonst würde sie noch mehr herum marschieren, sich verirren und man würde sie irgendwann tot auffinden. da bin ich mir sicher. gepflegt wird paula von frauen der spitex. die schauen, dass sie ihre medis nimmt, ihren müll nicht in den dorfbach schmeisst, sich regelmässig wäscht.

einmal die woche, an meinem freien tag, besuche ich paula. denn meine geliebte oma, die frau, die mich als kind vor allem bösen beschützt hat, hat längst paula platz gemacht. paula ist jetzt 84, verwitwet und lebt immer mal wieder in der zeit des zweiten weltkriegs. ich bin froh, dass ich mich in diesem thema auskenne, dank dem kann ich einschätzen, wenn paula angst hat zu verhungern oder dass irgendwas schlimmes passiert. ich trauere mit ihr um meine urgrosseltern, ihre eltern, die schon lange nicht mehr leben und die ich nie getroffen habe. für paula allerdings scheint es gestern passiert.

mein wissen über geschichte und demenz hilft mir, dass ich nicht jedes mal schreiend aus dem haus renne, mir die haare raufe und mich nicht noch schlechter fühle, als ich es jetzt schon tue. aber es schützt mich nicht vor der einsamkeit. darum schreibe ich diesen blog.