Zwei Mütter

Als die Ehe meiner Eltern auseinander ging, war ich 16 Jahre alt. Ich war geschockt und gleichzeitig erleichtert. Ich hatte jahrelang mitbekommen, wie meine Eltern sich alle erdenkliche Mühe gaben, zusammen zu bleiben und es doch nicht schafften. Ich wusste, sie hatten das für uns Kinder getan.

Mein Vater hatte sich (endlich!) neu verliebt und zwar in eine von Uschis nächsten Freundinnen. Sie hiess Heidi, war ebenfalls verheiratet und irgendwie eine heimliche Heldin meiner Kindheit. Heidi war nämlich der coolste Mensch, den ich kannte. Sie hatte immer ein beruhigendes Wort zur Hand und ich bin ganz sicher, wäre sie an Bord der Titanic gewesen, hätte sie das Schiff und die Menschen gerettet. Das ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben, aber im Gegensatz zu Uschi konnte Heidi nichts erschüttern.

Heidi war Mutter von vier Kindern. Wir verbrachten viel Zeit bei ihr und ihrem Mann zuhause. Bei ihr ass ich zum ersten Mal in meinem Leben Raclette. Ihr ältester Sohn war der erste Junge, den ich geküsst hatte. Wenn sie bei uns vorbeikam, gab ich ihr jeweils Liebesbriefe für ihren Sohn mit, weil ich mir die Briefmarken nicht leisten konnte und das sowieso doof gewesen wäre.

Nun war ich also 16 und bemerkte, dass mein Vater sich in diese tolle Frau verliebt hatte. Ich war glücklich für ihn – und für mich.

Die Wirren der Pubertät allerdings liessen mich zu einem Monster werden. All das, was ich an Abnabelung mit meiner Mutter nicht geschafft hatte, reagierte ich nun an Heidi, die mit meinem Vater zusammengezogen war, ab. Ich schäme mich noch heute dafür.

Eigentlich hätte ich ihr am ersten Tag am liebsten gesagt, dass ich froh bin, wenn sie jetzt meine Mutter ist. Aber das getraute ich mich nicht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie jetzt mit meinem Vater, meiner Schwester und mir zusammenlebte, für uns kochte, ihre Kinder jedoch bei deren Vater blieben.

Erst einige Jahre später, ich war längst ausgezogen und in einer unglücklichen Beziehung, kamen wir uns wieder näher.
Sie schenkte mir liebe Worte, wenn ich nicht mehr weiter wusste. Sie tröstete mich, wenn mir alles über den Kopf wuchs.

Das liebste aber tat sie für mich, während meine Mutter im Sterben lag. Sie fragte mich regelmässig wie es mir ging. Das taten damals nur wenige Menschen. Das hätte sie nicht tun müssen, denn meine Mutter war seit der Scheidung sehr gemein zu ihr gewesen. Aber für Heidi spielte das alles keine Rolle.

Als wir letztes Jahr Paula ins Pflegeheim brachten, waren sie und mein Vater zur Stelle und halfen uns. Ich hab vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr gesehen. Heidi jedoch, bewaffnet mit Massband und Bleistift, mass Möbel ab und organisierte den Transport der Züglete.

Heidi ist für mich nach wie vor die Mutter, die ich gerne gehabt hätte und irgendwie auch habe. Wenn ich Kinder hätte, wäre ich gerne wie sie: lebensfroh, witzig, gelassen und lieb.

Als ich Heidi heute erzählte, dass mein erstes Buch erscheint, hat sie sich so sehr mit mir gefreut, dass ich danach weinen musste, weil ich weiss, dass sie für mich da ist.

Wie es ist.

Heute war zum ersten Mal seit vielen Jahren ein guter Tag für mich.
Den 20.9. verbrachte ich bisher jeweils gedämpft und traurig.
Ich trug meistens schwarz und redete wenig.
Ich trauerte um meinen Bruder.

Das war heute anders.
Ich entschloss mich, den Herbst einzulassen und zu meinen grauen Kleidern rostrote Strümpfe zu tragen. Ich will nicht länger traurig sein.

Ich verbrachte heute den ganzen Tag am Frauenseminar in Romanshorn und habe mich im Rahmen meiner Ausbildung zur Biographie-Schreibpädagogin mit der Heilkraft der Laute, umgeben von lieben Kolleginnen, beschäftigt. Nur wenig dachte ich an meinen Bruder. Es war mir, als würde das Herbstlicht mich ermuntern, Sonne in mein Herz lassen. Ich wünschte mir mit einem Mal, er könnte auch in meinem Leben langsam verblassen.

Ich habe es heute so stark gespürt, dass er weg ist und ich offenbar noch die einzige bin, die sich seiner erinnert. Er ist nicht mein Kind, sondern das meiner Mutter. Trotzdem bin ich traurig, dass er nicht mehr lebt.

Diese Trauer, dieses Erinnern ist mir geblieben. Wie oft habe ich mit Paula über ihn geredet?
Auch sie weiss nicht mehr, dass es ihn mal gegeben hat. Ihre Erinnerung an das Leben vor über 30 Jahren ist verschwunden.

Ich wollte nie Kinder haben. Oft habe ich mich gefragt, warum das so ist. Es gibt viele Gründe. Einer davon ist sicherlich, dass ich Angst hatte, ein Kind zu gebären und so zu verlieren, wie es meiner Mutter passiert ist. Andererseits denke ich heute, dass es vielleicht, in jüngeren Jahren, das Risiko wert gewesen wäre.

Die Natur, Gott, was auch immer, hat mir jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Ich werde nie Kinder kriegen.

Allerdings ist da noch das Schreiben, was mich beflügelt und glücklich macht.
Etwas zu schreiben ist wie Gebären: Man ist inspiriert, verliebt, leidet, wartet und ist glücklich und erleichtert, wenn es endlich da ist. Das Wort. Der Satz. Die Geschichte.

So wie diese hier.