Sensenvater und Sensentochter

Vor einigen Jahren, ich glaube, es war so um 2013 herum, zeigte mir mein Vater nach langem Nachfragen meinerseits, wie ich mit einer Sense mähen kann. Nun könnte man meinen, dass diese Tätigkeit für ein ehemaliges Thurgauer Landmeiteli doch nichts besonderes bedeutet hätte. Viele Sommer lang half ich meinem Vater beim Heuen und Emden, aber die Sense hatte immer er fest in der Hand.

Er zeigte mir, wie ich die Sense halten und wie tängeln muss, verbunden mit mehrmaligen Hinweisen, mir nicht die Hände zu zerschneiden, bzw. in meinem Fall nur ja gute Handschuhe zu tragen. Auch sollte ich darauf achten, nicht in Steine und andere Hindernisse zu hauen, weil davon die Sense einen „Hick“ bekommen könnte. Wir mähten also gemeinsam ein Stück Wiese vor seinem Kaninchenstall, dann durfte ich seine Sense mitnehmen.

Ich hatte vor, die Wiese um Omis Haus zu mähen. Omi lebte zu dem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr im Pflegeheim und ich hatte mir auf die Fahne geschrieben, das Haus zu erhalten. Zu dem Zeitpunkt dachte ich höchstens entfernt daran, mal hier im Toggenburg zu wohnen. Zu weit war der Thurgau entfernt, zu wenig flach war es hier für meinen damaligen Geschmack.

An jenem Tag, wo ich die abschüssigen Wiesen ums Haus von Hand schnitt, kam eine tiefe Sehnsucht in mir auf. Hier in Lichtensteig war ich immer glücklich gewesen. Es bereitete mir grosse Freude, mir die Hände mit Erde dreckig zu machen. Ich schwitzte und keuchte zwar, weil ich die harte Mäharbeit nicht gewohnt war, doch ich war glücklich. Ich wusste plötzlich, hier will ich leben.

Vielleicht bin ich an jenem Abend als eine andere zu meinem Vater gekommen, als ich gegangen war. Ich überreichte ihm seine Sense, er kontrollierte, ob ich einen „Hick“ rein gemacht hatte. Ich war leicht betüpft, weil ich sein Werkzeug doch so sorgfältig behandelt hatte. Einige Tage später kaufte ich mir eine eigene Sense, was er auch nicht wirklich toll fand.

Ein Jahr später, mein Vater hatte mich mit Engelszungen überredet, dass ich mir eine Fadensense anschaffe, standen wir, also Papi, seine Frau, Sascha und ich wieder vor dem Haus, und mähten. Mein Vater liess es sich nicht nehmen, mich in die Kunst des Fadensensenmähens einzuweisen. Er hielt mir einen Vortrag über Arbeitssicherheit, Helm mit Schutzschild, Handschuhen, Bergschuhen und passenden Arbeitshosen inklusive. Dann durfte ich mähen. Für vielleicht fünf Minuten. Dann nahm er mir das Werkzeug wieder ab und mähte fröhlich selber weiter, derweil wir anderen das geschnittene Gras wegtragen durften.

Rückblickend war es ein grosser Liebesdienst meines Vaters an mich und wenn ich nun auf der Terrasse hocke und auf die Wiese schaue, höre ich seine kritische Stimme. Ein klein wenig wünschte ich mir, er wäre jetzt hier und würde zuschauen, wie ich mähe. Er würde vielleicht die alte Linde kritisieren „Die nimmt einfach zu viel Licht weg. Ich würde die als umtun.“ Ich wüsste und spürte aber haargenau, dass er insgeheim furchtbar stolz auf mich ist.

Lebe-Wesen

Seit Februar 2015 lebe ich nun hier im Haus und der zweite Frühling, der etwas verseicht daher kommt, ist nicht minder spannend als der erste.

Ich habe Pflanzen und Bäume gepflanzt. Nach einem Jahr Training mit dem alten Rasenmäher kann ich seine Röchel und Stöhner besser interpretieren. Fast immer bringe ich dieses Scheissteil zum Laufen.

Mit der Fadensense habe ich mich bisher nicht anfreunden können. Aktuell ist sie bei meinem Vater, der es absolut toll findet, mit ihr herum zu mähen (und Krach zu machen). Ich bin eher so der Handsensentyp. Abgesehen davon dass Sensenmähen reinstes Krafttraining ist, machen mir die Bewegungen Spass. Ich spüre, wie stark mein Rücken, meine Arme und meine Beine sind und das macht mich glücklich.

Was ich am Handmähen ebenfalls mag, ist die Tatsache, dass ich immer wieder auf Tiere stosse, die wohl sonst zerfetzt würden. Unser Grundstück ist nämlich feucht, steil und zeitweise etwas schattig, gleichzeitig gibt es sonnige Stellen, Steinplatten und Büsche.

Heute traf ich nach dem Rasenmähen auf eine etwas schockierte Blindschleiche. Ich hatte nie Angst vor schlangenartigen Lebewesen. Blindschleichen fand ich immer wunderbar schon als Kind. Lieber hab ich kein perfekt gepflegtes Grundstück, als dass ich auf tote Blindschleichen stosse.

Ich habe auch entdeckt, wie spannend ich Weinbergschnecken finde. Diese doch stattlichen Lebewesen habe ich in mein Herz geschlossen. Ich schaue ihnen gerne zu, wie sie sich bewegen. Ich freu auch, wenn sich die Bienen an den Wildblumen am Steilhang oder an den Rosen nähren.

Ich freue mich auch über jeden Besuch von Eidechsen, Blaumeisen und dem Eichelhäher. Ich hoffe, das Grundstück ist so gestaltet, dass es meinen tierischen Freunden gefällt.

Ein wenig bin ich melancholisch, denn vor fünf Jahren machte ich die wunderbarste Begegnung: ich lernte Fritzi, eine junge Krähe kennen. Gemeinsam haben wir als Familie die Krähe gefüttert, ohne sie von uns abhängig zu machen. Manchmal denke ich daran, wie schön es wäre, wenn sie jetzt hier auf unserem Land leben und nisten würde.

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Januar 2015

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Frühling 2015

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Frühling 2015

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Juni 2016

Tochterglück

Ich war gespannt auf die heutige Mähsession um Paulas Haus im Toggenburg. Mein Vater wollte vorbei kommen und mir erklären, wie eine Schnürli-Sägiss funktioniert.

Das tat er dann auch. Während mein Vater anfing zu mähen, räumten wir anderen, Papis Frau, Sascha und ich, das Gras weg.
Natürlich war ich furchtbar ungeduldig, weil ich mich so sehr aufs Mähen gefreut hatte und jetzt die Maschine nicht bedienen durfte. Nach dem Mittagessen, als wir nur noch ein kleines Stück mähen mussten, war schliesslich der feierliche Moment:

Mein Vater übergab mir den Helm mit Sichtschutz und schulterte mir den Rucksackmotor auf. Dann endlich konnte es los gehen…

Mähen mit dieser Sägiss sieht einfacher aus, als es ist. Ich brauchte viel Kraft. Meine Arme waren zwar stark genug, um den Stiel zu halten und mähen. Aber mein Rücken fing an zu schmerzen, weil ich in gebückter Haltung im abschüssigen Gelände stehen musste.

Aber das Gefühl, mit einem solchen Gerät eine Wiese gemäht zu haben, ist unvergleichlich. Ich fühlte mich richtig gut.

Ebenso schön war es, mit meinem Vater und seiner Frau durchs Haus zu laufen und alle Räume anzusehen. Ich bin froh, dass sie uns beistehen. Besonders glücklich war ich über das Angebot, dass mein Vater mir helfen will bei den Umgebungsarbeiten. Das ist das krasse Gegenteil von dem, was er die letzten Jahre über Paulas Haus gesagt hat.

Er hat jede Menge Ideen, was man alles machen muss, um das Haus instand zu halten. Ich bemerke, wie wenig ich weiss, aber dass ich unglaublich Lust habe, endlich loszulegen.

So endet dieser Tag mit einer glücklichen Tochter, die dankbar ist, den wunderbarsten, liebsten und tüchtigsten Vater der Welt zu haben.

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Das Haus, mein Vater und ich. Teil2

Es ist ein seltsames Gefühl, heute zum Haus zu fahren, einmal mehr. Seit ich mich entschieden habe, es zu kaufen, warte ich nur auf den Moment, wo es endlich soweit ist. Noch muss ich warten. Schliesslich ist es das Haus meiner Oma und der Verkauf muss mit rechten Dingen, sprich abgesegnet von den Behörden werden.

Eigentlich dachte ich vor einigen Monaten, dass ich um diese Zeit bereits räumen könnte. Jetzt wäre der richtige Moment. Es ist nicht zu warm und nicht zu kalt. Doch stattdessen werde ich heute die Wiese mähen.

Ich liebe diese Arbeit, aber noch mehr Spass würde es mir machen, wenn es „meine“ Wiese wäre. Denn dann würde ich nach der Mäherei nicht alles wieder versorgen und nach Hause fahren, sondern mich auf die Gartenbank setzen und genüsslich ein kühles Bierchen trinken.

Mein Vater wird mir helfen. Das ist ein seltsames Gefühl, denn eigentlich mag er das Haus ja nicht. Dass er mich jetzt quasi bei den Umgebungsarbeiten coacht, ist für mich unschätzbar wertvoll und rührt mich zutiefst.

Er will mir heute zeigen, wie ich die Abhänge mit der Schnürlisägiss bearbeiten kann. Dann kann ich mir überlegen, ob ich ein solches Gerät anschaffen will.

Das seltsame Gefühl verfolgt mich. Andere Menschen in meinem Alter sind mit ihren Eltern durch ihre eigenen Kinder verbunden. Ich habe keine Kinder. Mein Vater wird zumindest durch mich nie Grossvater werden. Aber ich spüre, dass das Haus so eine Art Kind für mich ist. Natürlich will ich, dass er es mag. Ich wünsch mir, dass er dabei ist, wenn ich dem alten Haus am Bach neues Leben einhauche.

Ich bin gespannt auf heute.