Frühling mit Walter.

Ich weiss nicht, in den letzten Tagen muss ich sehr oft an meinen Opa Walter denken. Jetzt, wo der Frühling kommt, fehlt er mir besonders. Als er im Januar 1997 an Leberkrebs starb, fand ich es so schrecklich, dass er die warmen Tage nicht mehr erleben konnte.

Mein Opa Walter ist für mich nach wie vor ein sehr rätselhafter Mensch. Er ist das zweite Kind von Anna und Henri, kam einige Jahre nach dem Tod des ersten Kindes, Nelly auf die Welt. Als Walter im Dezember 1924 auf die Welt kam, waren seine Eltern etwa so alt wie ich jetzt. Mitte 30. Der erste Weltkrieg hatte ihrer Lebensplanung einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ich weiss nicht, welche Träume Walter einst hatte. Ich vermute, er wollte Musiker werden. Er war in meinen Augen nicht die Sorte Mann, die täglich brav zur Arbeit geht und abends die Zeitung liest. Nein. Er liebte Jazz, Swing und Marschmusik. Er spielte so viele Instrumente: Querflöte. Saxophon. Klarinette. Geige. Flöte. Trompete.

Walter war ein politischer Mensch. Er hörte Radio, las die Zeitung, schaute sich die Tagesschau an. Er war keiner, der den Mund hielt. Oftmals löste ihm der Rosé die Zunge.

Mein Opa war ein zarter Mensch. Dass er mit 20 ins Militär musste, hat er nie bejammert. Er war Militärmusiker. Es gibt Photos, da sitzt er auf seinem Pferd. Seine Gesundheit war nicht besonders. Er war sehr dünn. Der zweite Weltkrieg hat ihn geprägt wie nichts anderes.

Aber im Frühling, da ist mir mein Opa wieder so nahe, als würde er noch immer unten am Bach seine Pfeife rauchen und warten, dass wir Kinder ihn und Paula besuchen kommen. Der letzte Blick von der Brücke über den Bach in Richtung des Hauses gilt noch immer ihm. Auch wenn er längst nicht mehr da steht.

Neue Ufer

Paula hat seit einigen Wochen einen Beistand. Er ist etwa gleich alt wie meine Eltern und hatte selber eine Mutter, die an Demenz erkrankt ist. Ich bin froh, dass wir hier nicht das Rad neu erfinden müssen.

Ich bin froh, dass es einen Menschen gibt, der all das amtliche und finanzielle übernehmen wird. Es ist eine emotionale Entlastung. Seine Aufgabe ist, das Beste für Paula herauszuholen. Das befreit mich.

Dennoch tue ich mich schwer, den Zweitschlüssel des Hauses zu übergeben. Mir wird bewusst, dass die letzten Jahre nur wenige Menschen das Haus betreten haben. Es ist ein komisches Gefühl. Keine Ahnung, wieso.

Der Beistand und ich telephonieren. Wir sprechen über Paulas Telephonanschluss. Sie hat ihn seit Monaten nicht mehr benutzt. Seit ihr altes Telephon defekt ist, kann sie das neue (altersgerecht mit riesigen Tasten!!) nicht mehr bedienen. Natürlich bezahlt sie noch allmonatlich ihren Anschluss bei der Swisscom…

Ich getraute mich nicht, einfach so bei ihr anzurufen, weil ich nicht weiss, wie sie darauf reagieren würde. Würde sie mich erkennen? Würde sie stürzen (und sich nochmals Knochen brechen)?

Da nächste Woche die periodische Hausschätzung ansteht, bringe ich am Samstag dem Beistand den Schlüssel vorbei und besuche Paula.

Kranksein ohne Paula

Früher, wenn ich krank war, rief ich immer Paula an. Ich schilderte ihr meine Beschwerden, liess mich von ihr trösten und wusste, alles wird wieder gut. Da spielte es keine Rolle, ob ich Grippe, Halsweh oder Bauchweh hatte. Paula bestärkte mich jedes Mal, mir gut zu schauen und nur ja nicht zu früh arbeiten zu gehen, damit ich nicht noch kränker würde. Ich fands immer so schön, jemanden zu haben, der sich so um mich sorgt.

Es fehlt mir heute. Ich liege zuhause mit starken Bauch- und Rückenschmerzen und würde furchtbar gerne ihre Stimme hören. Paula ist im Pflegeheim und hat zwar ein Telephon. Aber benutzen kann sie es nicht mehr selber. Ich hab Angst davor, anzurufen und zu bemerken, dass sie mich nicht mehr kennt.

Ich muss daran denken, wie ich 1986 nach meiner Hüftoperation die Genesungszeit bei Paula verbrachte und kaum laufen konnte. In das Schlafzimmer im oberen Stock konnte ich mit den Stöcken nicht laufen. Die Treppen waren zu steil. Ich hievte mich am Geländer hoch. Wenn ich morgens aufstand, trug mich Paula nach unten. Auf unzähligen Fotos aus Kindertagen hält sie mich in den Armen. Sie war gerade mal 49, als ich zur Welt kam. Sie schaut mich an und ist unsagbar stolz auf mich.

Das ist das Bild, welches ich von Paula und mir habe. Sie war mir immer so eine Art St. Christopherus. Jetzt ist es wohl umgekehrt. Aber ich fühl mich nicht immer stark genug für das, was noch kommt. Ich hab eine verdammte scheiss Angst.

In eigener Sache

Für meine Abschlussarbeit als Schreibpädagogin arbeite ich an einem Schreibprojekt. Aus diesem Grunde suche ich Angehörige von Demenzkranken. Ich möchte mit Ihnen ins Gespräch kommen, was meine Idee betrifft und möchte wissen, was Sie davon halten.

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Die Nachthemd-Herausforderung

Gestern kriegte ich in meinem Nähkurs eine sehr spezielle Situation mit, die mich noch bis spät in die Nacht beschäftigt hat.

Seit einigen Jahren gehe ich in einen Nähkurs, der von einer Hauswirtschaftslehrerin geleitet wird. Das tolle an diesem Kurs ist, dass die Atmosphäre entspannt und arbeitsam ist. Das Angebot wird mehrheitlich von Frauen Mitte 50 bis 70 wahrgenommen, aber immer mal wieder kommen auch jüngere Frauen, die gerade Kleider für ihre Kinder nähen.

Für mich ist der Kurs eines der wenigen Hobbies, welche ich mir so planen kann. Beim Nähen kann ich mich entspannen.

Gestern sass hinter mir eine ältere Frau, die nur ausnahmsweise in den Kurs kam. Sie hatte mehrere Barchetnachthemden mitgebracht, die sie unter Anleitung der Lehrerin abänderte. Ich kriegte mit, dass die Kleider ihrer demenzkranken Mutter gehörten.

Ich war neugierig und fragte die Frau, warum sie die Hemden zerschneide. Sie antwortete mir, dass ihre Mutter eigentlich immer lieber Pyjamas getragen habe. Nun, da sie schwer pflegebedürftig sei, müsse sie Nachthemden tragen. Da die Mutter aber plötzlich nachts stark schwitze, bewege sie sich mehr im Pflegebett, so dass es bei einem normalen Hemd Falten gäbe, die sich auf ihre Haut auswirkten.

Aus diesem Grunde hatte die Pflegefachfrau sie gefragt, ob sie die Nachthemden der Mutter abändern könne. Sie sollte auf dem Rückenteil den Stoff aufschneiden, damit der Rücken frei liege. Die Arme sollte sie weiten, damit die Pflegenden sie der Mutter besser anziehen könnten.

Ich war konsterniert.
Einerseits fand ich es schade, dass die Mutter, die wohl gerne Pyjamas getragen hatte, nun Nachthemden tragen musste. (Wie kommt das wohl mal raus, wenn ich ins Pflegeheim gehen sollte?? Ich schlafe nackt!!)

Andererseits fand ich es schön, dass die Tochter zumindest die gewohnten Kleidungsstücke der Mutter abänderte. Strange fand ich, dass dem Komfort der Pflegenden soviel Gewicht gegeben wurde. Meiner Meinung nach stellt es kein Problem dar, einer pflegebedürftigen Person ein nicht abgeändertes Kleidungsstück anzuziehen.

Fragen über Fragen…

Was ist Dankbarkeit?

Ich fragte die Pflegende nach Paulas Befinden. Als Angehörige sieht man ja nicht wirklich den Pflegealltag. Die Einschätzung der Fachfrau hilft mir, klar zu sehen.

Paula braucht viel Hilfe. Aber sie gibt sich grosse Mühe, so autonom wie möglich zu bleiben. Das bewundere ich an ihr. Dieser unbeirrbare Wille!

Dann sagte die Pflegende etwas, was mich sehr gerührt hat: Ihre Oma ist eine so dankbare Person.

Das war sie schon immer. Ihr Wesen ist freundlich und zuversichtlich. Anders könnte sie in ihrer aktuellen Lage nicht so sein. Ich bin dankbar dafür, dass es ihr den Umständen entsprechend gut geht.

Am Samstag habe ich in einem der vielen Seitenschränke endlich Paulas Sonntagsblusen gefunden. Ich freu mich, ihr diese beim nächsten Besuch zu übergeben. Hoffentlich erkennt sie sie noch und hat Freude daran.

Ebenfalls gerührt war ich, als ich mit Paulas Beistand geredet habe. Wir diskutierten darüber, ob sie wohl Freude daran hätte, ins Haus zu gehen. Mal sehen, wann wir das machen!

Das Haus verfällt

Langsam zerbröckelt es.
Es ist alt. Nichts hält ewig.
Ich möchte es umarmen.
Aber die Zeit läuft mir weg.
Ich werde so viele Dinge räumen müssen.
Es gibt soviel zu tun.
Ich will verhindern, dass es stirbt.

 

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ein Kellerabteil

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der Kompost

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Uropas Waschbärenstall

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Whatever.

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der Geräteschuppen

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Opas Keller

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Opas Werkzeuge. Unverändert seit 1997

Gang in die Vergangenheit

Das Haus liess mir die letzten Tage keine Ruhe.
Ich schlafe schlecht. Träume immer wieder davon.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als mich meinen Ängsten zu stellen. Letzte Nacht kam mir endlich die rettende Idee.

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Ich fuhr also zum Haus mitsamt einer Schachtel von Photos meiner Urgrosseltern. Ich positionierte mich mit meiner Kamera an jenen Orten, wo sie voneinander Photos gemacht haben. Ich wurde schnell ruhig und zufrieden. Irgendwie bin ich gerade sehr dankbar.

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Nachher bin ich mit Sascha durchs Haus gelaufen. Wir haben uns jeden Raum angesehen und phantasiert, wie er mal aussehen wird, wenn wir hier wohnen.

Da ist mein Büro. Dort wird Saschas Schreibtisch stehen. Unser Schlafzimmer. Unter dem Dach. Im rosa Zimmer wird unsere Bibliothek sein. Im Keller wird unser Seminarraum entstehen mit Blick auf den Bach. Dort wo jetzt alles überwachsen ist, werden Gartenmöbel stehen.

Ich weiss, dass ich Photos aufhängen werde. Ich werde Collagen anfertigen mit Bildern der Menschen, die hier gelebt haben.
Alles wird so sein, wie es gut ist.

 

 

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Alles über Anna

Anna lässt mich nicht los.
Immer wieder hoffe ich, im Haus Spuren von ihr zu finden. Wir haben Ähnlichkeiten. Sie war eine herbe Frau. Sie hat gearbeitet wie ein Tier. Sie liebte Briefe schreiben. Wie meine Mutter auch hat sie ein Kind verloren. Im ersten Weltkrieg liebte sie meinen Urgrossvater Henri. Seine Postkarten hat sie alle schön behalten. Ihre Briefe sind verschwunden.

Anna tauchte einfach auf. Sie war Serviertochter in Herisau, in einem Restaurant, das es wahrscheinlich schon längst nicht mehr gibt.

Ich möchte wissen, wie sie geschrieben hat. Ich möchte erforschen, wo sie gelebt hat. Manchmal träume ich nachts von ihr. Paula, ihre Schwiegertochter, hat Anna nie getroffen. Anna war schon einige Jahre tot, als Walter und Paula sich verliebten. Vielleicht kein Zufall, dass sich Walter nach Annas Tod in Paula verliebte.

Paula erzählte mir, dass sie manchmal davon träumte, dass Anna sie holen kommt, wenn sie stirbt. Sie sagte: ich sah eine sehr dünne, zerbrechliche Frau in einem Leiterwagen. Sie trug ein schwarzes Kleid.

Vom schwarzen Kleid hab ich auch schon geträumt. Vielleicht liegt es irgendwo in einer Kiste im Haus und wartet auf mich.

Hausträume

Letzte Nacht träumte ich mal wieder einen jener absolut verwirrenden Träume vom Haus.

Ich half Sachen aus dem Haus tragen. Es sollte geräumt werden. Eine grosse Mulde, Lastwagen standen vor dem Eingang, und das, obwohl kein Durchkommen durch die schmale Gasse wäre!

Seltsames geschieht: an mir fliegen Trachten, Herrenanzüge, Sommerkleider aus längst vergangenen Zeiten vorbei. Sie scheinen lebendig, stehen aber doch nur für die Geister meiner Vorfahren. Ich bin irritiert.

Dann bemerke ich, was im Traum geschieht: das Haus wird an jemand anderen als mich verkauft. Alles wühlt sich auf.

Die Sehnsucht ist gross.
Ich sehne mich nach den Schneeglocken im Garten. Ich will den Tulpen beim Wachsen zusehen. Ich träum davon, mich mit der Katze an der Sonne zu aalen. Ich will in meinem Büro unter der Treppe sitzen und schreiben. Sogar den Estrich will ich erforschen. (ich hoffe, da sind nicht zu viele Spinnen!)

Ich würde gerne in der Küche für Freunde kochen. Im Garten grillieren. Hühner züchten, Zucchetti essen aus eigenem Anbau.

Doch jetzt sehe ich zu, wie die Gartenbank meiner Urgrosseltern langsam verfault. Die Wiese wächst. Die Hortensien werden blühen. Sie tun es ohne mich. Ich steh daneben und neben mir. Das nicht-dortsein verfolgt mich bis in die Träume und raubt mir meine Zufriedenheit.

Warum nur?
Wie kann es sein, dass ich so tiefe Sehnsucht nach diesem einen Haus habe?

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