anna und ich

ich habe anna nie kennengelernt. was ich über sie weiss, habe ich nur von walter, meinem grossvater und paula gehört. auch paula hat sie nie getroffen, aber oft von ihr geträumt.

anna wurde zwischen 1890 und 1898 wahrscheinlich in herisau geboren. sie arbeitete als serviertochter in einem gasthof. in der zeit um 1914 hat sie meinen urgrossvater heinrich kennen gelernt. die beiden haben sich ineinander verliebt. 1924 wurde dann walter geboren.

das klingt auf den ersten blick sehr idyllisch.
in den letzten monaten, während paulas züglete habe ich viele briefe und dokumente über anna erhalten. mir wurde vieles klarer.

anna und heinrich haben sich sehr viele briefe und karten geschrieben. in ihren briefen hat sie in ihn immer henri genannt. sie haben lange zeit im toggenburg gelebt. erschütternd war für mich der tag, als paula mir annas todesanzeige in die hand gedrückt hat. ein kleines stück papier aus dem jahr 1947 erzählt mir, wie meine urgrossmutter unter furchtbaren qualen starb. sie litt an brustkrebs und starb als junge frau.

doch nicht genug. in dem kleinen schächtelchen, von dem ich nicht weiss, wer es immer so sorgsam mit andenken meiner familie gefüllt hat, finde ich noch mehr: die todesanzeige meiner grosstante nelly, die 1922 starb. niemand hat je über sie gesprochen. ich weiss nicht, woran sie gestorben ist.

nelly erinnert mich an meinen bruder sven, der ebenfalls als kind starb. wiederholt sich hier ein muster? warum fühle ich diese nähe zu anna? wenn ich ihr gesicht auf photos anschaue, sehe ich mich selber. wir haben dieselben kantigen gesichtszüge. dieselbe frisur.

ich hätte sie sehr gerne kennengelernt.

paula und die hunde

in meiner frühesten kindheit war paula eine absolute vierbeiner-hasserin. vor katzen hatte sie angst und hunde fand sie schlimm. ich durfte, wenn ich mit ihr durch die stadt marschierte, niemals einen hund anfassen. zu gross war ihre angst, der hund könnte mich beissen.

als sie dann anfangs der 80er jahre peu-à-peu zu meinem grossvater und den urgrosseltern gezogen ist, war da barri. barri war ein appenzeller sennenhund / schäferhund-mischling, etwas fett und hinkte. er genoss zwar den urgrosselterlichen grossen garten, aber wegrennen war eines seiner lieblingshobbies. und so wurde er eines tages auf der hauptstrasse angefahren.

paula mochte barri anfangs gar nicht. er roch komisch und war sehr verfressen.
als dann die urgrosseltern verstorben waren, zog oma endgültig zu opa. und zu barri. das war der beginn einer schönen freundschaft.

paula und barri verstanden sich nämlich immer besser. ich würde heute sogar behaupten, dass dieser hund paula geliebt hat. paula mochte es zu singen und barri jaulte dazu. paula hängte wäsche auf und barri hockte daneben und schaute zu. paula und walter stritten sich, barri heulte.

auch meine schwester und ich liebten es, mit barri zu spielen, herum zu rennen und seinen scheisshaufen auszuweichen, indem wir drüber hüpften.

in den 90er jahren mussten paula und walter barri einschläfern lassen. er war alt und krank geworden. für meine paula und walter war sein tod wie der eines geliebten kindes. sie wollte keinen hund mehr. nach walters tod freundete sie sich dann mit herumstreunenden katzen an.

heute besuchten wir paula im pflegeheim. als wir uns verabschiedeten, kam sie mit vor die türe, um uns zu winken. wie wir so vor dem eingang des heims stehen, kommt eine 50jährige frau mit langen haaren daher. an der leine führt sie einen putzigen, jungen berner sennenhund. paula vergitzelt fast.
sie jubelt und freut sich, grüsst die frau und den hund.

paula: hoi büsibüsibüsi!!!

der hund bleibt stocksteif stehen und starrt paula neugierig an.

paula: du bist aber ein süsser, lieber, kleiner!

der hund gähnt und schüttelt den kopf.

paula: hoi büsibüsibüsi!

zora: (zur grauhaarigen frau) meine oma hatte früher auch einen sennenhund.

die frau nickt wissend und fordert ihren hund auf, weiter zu gehen.
der hund entscheidet, paula definitiv interessanter zu finden als den befehl

paula: jösses, bist du ein herziger! du lieber, kleiner barri!

die frau zerrt an der leine. der hund sträubt sich.

paula: büsibüsibüsi!

die frau schafft es endlich, den hund fort zu ziehen und verabschiedet sich.

zora: das war ein hund, omi!

paula: ach ja?

paula und ihre schwiegermutter

paula kann sich an viele dinge nicht mehr erinnern. sie weiss nicht mehr, dass sie mal verheiratet war und eine tochter geboren hat. sie hat ebenfalls vergessen, dass ihre tochter seit fünf jahren tot ist.

dafür sind ihr andere erlebnisse sehr präsent.
da ist beispielsweise ihre abneigung gegen ihre schwiegereltern, meine urgrosseltern: henri und rosa, genannt „röös“. da ihre schwiegermutter am anfang ihrer ehe auf ihr rumgehackt hat, hasst paula sie noch heute. photos von rosa darf ich einfach so mitnehmen. „nur weg damit!“ meinte sie beim umräumen.

ich wusste genau, wenn ihr ein möbelstück nicht sooo zusagte und sie es nicht mit ins altersheim nehmen wollte, dann brauchte ich nur zu fragen: „ist es von röös?“
sie nickt.

einige wochen vor dem umzug ruft mich paula an. genervt.
sie reklamiert zornig über die heillose unordnung im haus, die sie notabene selber veranstaltet hat. aber das erwähne ich nicht, weil es unwichtig ist.

paula sagt:
„das regt mich auf, dass in dieser bude noch immer sachen von röös herumstehen. die soll den ganzen seich mal abtransportieren.“
dass röös seit 1983 tot ist, erwähne ich ebenfalls nicht.

paula und christophorus

omas liebster heiliger ist der st. christophorus.
eine statue steht in ihrer (und meiner) geburtsstadt.
christophorus ist ein riesenhafter mann, der das jesuskind auf seinen schultern durch die fluten trägt.
von ihm stammt der spruch: „kind, du bist so schwer, als hätte ich die last der ganzen welt zu tragen“, woraufhin das kind antwortet: „du hast den christ getragen, von jetzt an darfst du christophorus heißen.“

ich war neun, zwei wochen im spital gelegen mit deformierten hüften. nun operiert. mühsam darf ich wieder anfangen zu laufen. meine eltern bringen mich zu paula und walter ins toggenburg.
dort liege ich im bett, lerne wieder an stöcken zu gehen und lenke mich ab. meine wundheilung ist sehr schlecht. immer wieder entzünden sich meine wunden.
die treppe ins schlafzimmer ist steil. mit stöcken ist sie unüberwindbar.
paula trägt mich auf ihren schultern die treppen hinunter. ich halte sie um den hals. beim drittletzten tritt stürzt sie. und ich mit ihr.

wir tragen keine schwerwiegenden verletzungen davon, nur ein paar blaue flecken. meine wunde platzt auf. mein vater regt sich furchtbar auf, weil er denkt, dass ich nicht wieder laufen lernen will.

26 jahre später. es ist herbst. paula und ich gehen die steile treppe hinunter. ich will vor ihr laufen, denn ich habe angst, dass sie stürzen könnte. zu schwach und zu unsicher läuft sie. ich stehe vor ihr und mir treten die tränen ins gesicht.

paula und die lust aufs leben

ich erinnere mich an eines unserer damaligen enkelin-zu-oma-gespräche. ich habe mit paula über alles gesprochen, sei es frust, streit oder liebeskummer.

wir trafen uns im café huber, paulas lieblingsconfiserie, zu kaffee und kuchen.
ich erzählte ihr davon, dass ich mich, nicht zum ersten mal, verknallt hatte und wie mein neuer freund war. ich war anfangs 20.

paula: wie ist er denn so?
ich: er ist sehr nett.
paula: hat er noch haare?
ich: ja. einige.
paula: und sonst?
ich: er macht gern sport.
paula: oh? das ist gut.
ich: warum?
paula: bewegung ist gesund.
ich: wie bitte?
paula: ich meine, es funktioniert doch alles bei euch?
ich: jaa?
paula: ich rede von sex.
ich: oma!?
paula: wusstest du denn nicht, dass sex gesund ist?

paula und opa erzählen eine geschichte.

ich habe meine grosseltern oft streiten, „chiffeln“, gesehen. opa konnte sehr fiese sprüche absondern. und paula konnte fluchen wie ein bürstenbinder.

aber es gab auch momente, da erlebte ich die beiden, anders als jemals meine eltern, als liebespaar. da gab es in den sommerferien, in der küche, jene situationen, in denen paula und opa gleichzeitig die gleiche geschichte erzählten. sie muss im winter 1950/51 passiert sein. dazu muss man wissen, dass paulas elternhaus in einer talsenke lag und der weg zum haus relativ steil war.

paula: wir waren noch nicht verheiratet.
opa: nein. aber wir wollten es sehr.
paula: ja.
opa: ich bin zum haus gelaufen.
paula: die alte mühle. der weg war sehr gefroren.
opa: damals hat man nicht einfach salz gestreut.
paula: nein. und es war wirklich ein steiler weg.
opa: stimmt. schöner scheissweg.
paula: das war mein elternhaus!!
opa: ja. trotzdem. scheissweg.
paula: hör auf zu fluchen. die goofen hören uns zu.
opa: jaja.
paula: jedenfalls haben meine eltern, meine schwestern, mein schwager giovanettoni und ich auf opa gewartet.
opa: genau. ihr hättet mal besser den weg frei gemacht.
paula: und wir haben ihm zugerufen.
opa: ja. und ich habe gewunken.
paula: es war schon dunkel und der opa hatte einen aff.
opa: ich habe den ganzen tag tanzmusik gemacht.
paula: wir haben dich schon gehört, als du den stadtweg runterkamst. du warst laut.
opa: ich habe gesungen.
paula: und dann bist du ausgerutscht.
opa: bei dem scheissweg.
paula: und du bist einfach runtergerutscht und hast deinen instrumentenkoffer in die höhe gehalten, damit das instrument nicht kaputt geht.
opa: genau.
paula: und dann hat der schwager gerufen: „hey, walter, wir sind hier unten. nicht vorbeirutschen.
opa: so ein arsch.
paula: walter, die kinder!!!

opa und das haus

„das haus“ ist schon seit 60 jahren im besitz meiner familie mütterlicherseits. mein urgrossvater heinrich und seine zweite frau rosa, die während des zweiten weltkriegs aus berlin in die schweiz geflüchtet war, hatten es der vorbesitzerin abgekauft. doch schon beim kauf hatte das haus bestimmt 50 jahre auf dem buckel.

opa liebte das haus auf seine weise. nichts durfte verändert werden. keine neuen möbel, keine neuen vorhänge, rein gar nichts neues konnte oma besorgen. nicht einmal das gartentor, das langsam vermoderte, durften wir ersetzen und streichen.
es gibt einen raum, die getäferte stube, wo mein urgrossvater, meine urgrossmutter und schliesslich mein opa starben. alle hauchten sie ihr leben auf dem bett neben dem kachelofen aus. erst als mein grossvater gestorben war, räumte oma um.

sie kaufte neue vorhänge, liess teppiche legen, den kamin erneuern. räumte den estrich leer. das haus wurde immer mehr ihr haus, ihr werk. dennoch sind der keller und der werkraum unverändert seit dem 7. januar 1997. an jenem tage starb nämlich mein grossvater.

es scheint mir manchmal, als lebe das haus. es atmet ein und aus. es steht da und wenn ich genau hinschaue, kann ich meinen urgrossvater auf der treppe sitzen sehen, seine frau und der hund stehen daneben. und vor dem keller steht mein grossvater und raucht eine pfeife. er trägt einen blaumann.

als mein grossvater starb, hab ich meine oma gebeten, dass er in seinem blaumann begraben wird. doch das geschah nicht. er trug einen schicken anzug. und eine der krawatten aus seiner swing-zeit. der blaumann hängt bestimmt noch immer in einem der vielen schränke.

über opa und oma

ein ganz anderer teil meiner kindheit ist opa walter. er war paulas mann.

ihre liebesgeschichte habe ich als kind oft gehört und erst als erwachsene verstanden. walter war der sohn von heinrich, beide ihres zeichens musiker und weberei-angestellte im toggenburg. walter war leidenschaftlicher swing-musiker. so hat er auch paula kennen gelernt.

es war an einem abend in wil. er spielte trompete oder klarinette. das lässt sich nicht mehr so genau eruieren. jedenfalls hat sie ihn angehimmelt. er: damals blond, eher kleingewachsen, mit strahlend blauen augen.
sie ist ihm sofort aufgefallen: schüchtern, gross, mit dunklen haaren. ihr ernster gesichtsausdruck. sie haben zusammen getanzt. am ende des konzerts hat sie ihm ihr velo ausgeliehen, weil er seinen zug verpasst hat. dafür bekam sie schlimme schelte von ihrem vater.

die beiden haben sich verliebt, doch die älteren schwestern und der schwager machten ihnen klar, dass sie nicht heiraten durften. das war anfangs der 50er jahre. paula war die jüngste schwester. es durfte einfach nicht sein, dass sie vor den älteren schwestern heiratete und sich womöglich nicht mehr um die eltern kümmerte.

die strategie der beiden liebenden war einfach. in der heutigen zeit wirkt sie vielleicht etwas hausbacken: die beiden praktizierten coitus interruptus in der hoffnung, paula würde schwanger und müsste heiraten.

nach einiger zeit war es dann soweit. paula wurde schwanger. fünf monate nach der hochzeit kam schliesslich meine mutter auf die welt. der plan war aufgegangen.

geburtstage

seit ich ein kind war, waren meine geburtstage im hochsommer ein highlight. ich wurde mit geschenken überhäuft. oma wusste einfach immer, was ich mir wünschte, ganz egal ob es pfirsichblüten-barbie, lego ritterburg oder ein robin-hood-kostüm war.

ich habe es zuerst mit meiner mutter miterlebt, wie es ist, wenn einem menschen das umfeld langsam wegschwimmt. mal telephonierten wir gar nicht, mal eine woche zu früh, mal einen tag später. dabei schien mir jener tag der geburt, gerade mit der mutter, sehr wichtig.

seit einigen jahren weiss auch paula nicht mehr, wann mein geburtstag ist. ich hab mich dran gewöhnt, auch wenn es beim ersten mal furchtbar weh tat. auch ihr eigener geburtstag rückte mehr und mehr in den hintergrund.
im juli dieses jahres allerdings geschah das unfassbare. paula rief mich punkt acht an und gratulierte mir zu meinem geburtstag:

„liebe zora, ich gratuliere dir ganz herzlich zu deinem 75sten geburtstag. bleib gesund und wie du bist, liebe schwester!“

oma und ich

das war schon ein ding. soweit ich mich zurück erinnern kann, waren oma und ich das dreamteam. es gab nichts, was wir einander nicht erzählten. sie war für mich immer der fels in der brandung.

es gibt da so eine geschichte. als mein bruder starb, rief mein vater zuerst oma an, damit sie zu mir kommt und auf mich aufpasst. ich war zwar erst zwei, aber ich erinnere mich, dass sie plötzlich da war und mich umarmte und mir alles erklärte. auch später war das thema tod nie ein tabu zwischen uns.

oma war immer da. als ich mich das erste mal unglücklich verliebte, das zweite und dritte mal, immer hatte sie einen rat für mich. von ihr kamen niemals abwertende worte. ich habe nie jemanden kennen gelernt, der derart gut motivieren konnte.

ein highlight waren die ferien bei oma. meine schwester und ich lagen in omas grossem bett, sie in einem kleinen bett, bekleidet mit einem barchetnachthemd, daneben. opa schlief im unteren stock neben dem kachelofen. oma erzählte uns spätnachts immer sehr tolle geschichten. sie erzählte mit leib und seele. da war alles möglich. einmal segelten wir auf einem bett die thur hinunter bis zum rheinfall, weiter bis zum meer. ein andermal flogen wir auf einem teppich über die sahara. im winter froren wir uns fast die füsse ab, weil es keine heizung hatte.

meine schwester und ich wurden zu heldinnen im wilden westen, zu unerschrockenen frauen in jeder lebenslage. für oma war es nie ein thema, dass wir einen beruf lernten. jahre später sind wir gemeinsam nach berlin gefahren. einfach so. da war sie bestimmt schon über 70. wir sind stundenlang durch die stadt gelaufen und haben geredet.

sie stellte nie in frage, dass ich keine kinder wollte. nur in der letzten zeit äusserte sie einmal den wunsch, sie hätte noch gerne einen urenkel. diesen gefallen kann ich ihr nicht tun, bei aller liebe.