Ich habe Angst

Angst vor Morgen.
Ich soll mich mit Behördenmitgliedern und dem zukünftigen Beistand von Paula treffen. Noch weiss ich nicht, was mich da erwartet. Ich bin froh, dass es keine Frage ist, dass Paula da mit dabei ist.
Meine Angst überwiegt. Wie geht es weiter?
Kann ich Paula das Haus abkaufen? Wie wird sich die weitere Betreuung gestalten?

Ich stehe so voller Tatendrang. So gerne würde ich das Haus räumen. Aber ohne Auftrag geht das nicht. Es tut mir in der Seele weh, dass das Haus leer steht. Bald ist Frühling. Es gibt soviel zu tun.

Ich weiss ganz bestimmt, dass sich mein Leben ändern wird. Es hängt von den nächsten Wochen ab. Ich bin bereit.

Zwei Familien.

Im Zuge der Diskussionen um die Masseneinwanderungsinitiative musste ich immer wieder daran denken, woher ich eigentlich komme.

Meine Familie väterlicherseits ist urthurgauisch, was auch immer das heissen mag. Die Debrunners stammen aus einem Weiler bei Herdern, haben sich offenbar nie ernsthaft bei Kriegen betätigt und irgendwie überlebt. Der Name „Debrunner“ bedeutet Hirschtränke. Diese Seite macht mich sesshaft. Es ist kein Zufall, dass ich keine fünf Kilometer Luftlinie entfernt vom namensgebenden Weiler „Debrunne“ lebe.

Bei der Familie meiner Mutter verhält es sich total anders. Diese Familie beinhaltet halb Europa: da sind Toggenburger, Appenzeller, St. Galler, Polen, Tschechen, Deutsche, Franzosen und Italiener involviert. Es scheint mir kein Wunder, dass ich von dieser Seite die künstlerischen Fähigkeiten geerbt habe.

Noch weiss ich viel zu wenig von meinen Altvorderen, aber bei einer Sache bin ich sicher: sie waren neuem aufgeschlossen. Anders wäre die Verschmelzung dieser verschiedenen Nationalitäten gar nicht möglich gewesen.

Die Männer in unseren Leben

Was ich an der Erziehung meiner Eltern und dem Einfluss meiner Oma Paula auch heute noch schätze, war die Haltung gegenüber Männern und Sexualität. Nie haben sie so seltsame Dinge gesagt wie „ein Mädchen muss sich für den Richtigen, den Ehemann aufsparen“ oder „benimm dich nicht wie ein leichtes Mädchen“.

Zwar haben mir meine Eltern, als ich 13 Jahre alt wurde, unter Androhung einer kalten Dusche verboten, dass ich mir mit Kajal die Augen zu schminke und herumzuknutsche, aber das beirrte mich nie. Im Gegenteil.
Mit 13 wäre ich feinmotorisch gar nicht in der Lage gewesen, mir die Augen schwarz zu schminken. Meine starke Kurzsichtigkeit und die dicke Brille taten den Rest dazu. Zudem war auch anfangs der 90er das Geek-Girl (hellblaue, dicke Brille, sehr kurze Haare, Cordhosen) nicht unbedingt das beliebteste Mädchen der Schule. Im Ernst: ich habe nie herumgeknutscht, nie herum gemacht und schon gar nicht herum geschlafen. Das war mir damals viel zu unheimlich, zu eklig und zu aufwändig.

Bei meiner Mutter lag der Fall etwas anders. Sie war schon als Teenager aussergewöhnlich schön: Sie war eine Frau mit glänzendem, langen schwarzbraunen Haar, dunklen Augen, zarten roten Lippen und leicht olivfarbener Haut. Sie besass sehr lange Beine, elegante Hüften und einen tollen Busen. Meine Mutter konnte sich wohl vor Verehrern nicht retten. Ihre Erziehung gestaltete sich Paula zufolge als anspruchsvoll. Die Angst vor unerwünschten Schwangerschaften (meine Mutter beichtete mir in den 90ern, dass man „damals“ noch so habe können, wie man wollte, ohne Angst vor AIDS haben zu müssen), war riesig, zumindest für ihre Mutter Paula. Es war die Zeit der freien Liebe und mehr als einmal schwärmte meine Mutter von ihren Ex-Freunden, u.a. einem Hippie, der Gras rauchte. Die Liebesgeschichte meiner Eltern hörte sich damals an wie ein wunderbarer, kitschiger Roman.

Paulas Liebesgeschichte habe ich ja schon erzählt. Erwähnenswert scheint mir, dass sie mir vor vielen Jahren mal noch von einem anderen Mann erzählt hat. Ich weiss leider seinen Namen nicht mehr, doch ich war ganz sicher, dass die beiden sich gerne hatten. Er war ein eleganter, gross gewachsener Mann, ein Gentleman. Manchmal muss ich dran denken, dass sie sich vielleicht in schlimmen Ehezeiten nach diesem einen Mann gesehnt hat. Ihr Leben wäre an seiner Seite ganz anders verlaufen. Aber vielleicht wäre ich dann auch nicht da.

flitterwochen 1974

in der Mitte mein Vater, ganz rechts meine Mutter, 1974 in den Flitterwochen

Vergangenheitsform

Paula und ich haben immer offen über den Tod gesprochen. Irgendwie waren wir in dem Punkt sehr ähnlich:
Ich verbrachte als Kind einige Zeit im Krankenhaus.

Paula ist im Alter von 8 oder 12 Jahren fast an einer Hirnhautentzündung gestorben. Ihre Erzählungen über diese Zeit hörten sich jeweils hochdramatisch und sehr traurig an. Sie erzählte oft, wie schlecht es ihr ging, sie nicht mehr sprechen konnte und sich in Tobsuchtsanfällen die Haare vom Kopf riss. Der Tod war ihr also nahe und ich denke, er muss damals seinen Schrecken für Paula verloren haben.

Wir sprachen oft über meinen Bruder. Paula konnte auf sehr anschauliche Art beschreiben, dass mein lieber Bruder jetzt im Himmel sei. Dies fand ich zwar etwas speziell fand, da er doch meinem Vater zufolge in jenem kleinen Kindersarg unter der Tanne begraben war. Aber ich wagte es nicht, Paula auf diese logische Diskrepanz aufmerksam zu machen.

Paula erlebte in ihrer Ehe oft Krisen und mehr als einmal hat sie ausgesprochen, was sie gefühlt hat: sie wäre am liebsten tot. Doch dann schreckte sie jeweils zusammen und meinte, das sei dumm, denn dann hätte ich ja keine Oma mehr. Damit hatte sie irgendwie recht.

Als Paula und ich älter wurden und mein Opa starb, kam der Tod wieder näher. Aber irgendwie spürte sie, dass es nicht Zeit war zu sterben. Paula war kreativ, baute ihr Haus mit Tante Hadi um. Erst als meine Mutter starb, wurde Paula nachdenklicher. Mehr als einmal meinte sie, es wäre furchtbar, sein Kind sterben zu sehen. Es war ihr immer wieder wichtig, dass ich Bescheid weiss, wenn es einmal so weit wäre. Was sie sich wünscht. Was nicht. Der Tod verlor einmal mehr seinen Schrecken.

Während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass ich mehrheitlich die Vergangenheitsform benütze. Seltsam. Paula lebt und erfreut sich angesichts ihres hohen Alters einer guten Gesundheit. Doch eines weiss ich ganz sicher. Solche Gespräche werde ich nie mehr mit ihr führen. Sie fehlen mir, denn ich erfuhr nie im Leben einen Menschen, der derart offen über sich selber und seine Gefühle sprechen konnte.

Paula, der liebe Gott, die Jungfrau Maria und ich

Paula war stets umgeben von ihren Heiligen und der Muttergottes. Wenn wir am Stadtweiher von Wil spazierten, besuchten wir jedes Mal die grosse Holzstatue des Christophorus. Paula erzählte mir dann in bunten Worten, wie dieser auf seinen Schultern das Jesuskind und die ganze Welt getragen hatten. Das kam mir zwar immer etwas übertrieben vor, doch die Statue, die nun im Stadttor steht, gefällt mir noch heute.

Paulas gute Beziehung zum St. Christophorus war alt: schon als ich noch ein Kind war, hat sie immer zuerst mit ihm geredet, wenn sie ihren Schlüssel, ihr Portemonnaie oder eine Rechnung nicht mehr fand. Als Paula dann älter (und vergesslicher) wurde, hat sie sehr oft mit ihm geredet.

Mein Vater erzählte mir unlängst eine Geschichte, die mich sehr nachdenklich gemacht hat: so wollte Paula wohl einige Tage nach meiner Geburt dafür sorgen, dass ich katholisch getauft werde, obwohl meine Eltern das anders abgemacht hatten: mein Vater war Protestant, meine Mutter nicht-praktizierende Katholikin.

Dies hat wohl nicht wirklich dazu beigetragen, dass meine religiöse Erziehung problemlos vonstatten ging. Da war einerseits mein sehr nüchterner Vater, der dem ganzen Tand und den Ritualen in Kirchen weniger als nichts abgewinnen konnte. Andererseits war da Paula, die mir Geschichten von ihren Pilgerreisen nach Rom und Lourdes erzählte und die sich immer so sehr gewünscht hatte, mit mir dahin zu fahren.

Zwischendrin war ich. Ich war ein braves Kind, liebte die Sonntagsschule, weil die Sonntagsschullehrerin eine alte, liebe Frau mit einer tollen Stimme war und wunderbar Geschichten erzählen konnte. Ich sah ihr nach, dass nach den Geschichten das „Negerkässeli“ die Runde machte. Der weissgekleidete, schwarze Junge, der für jeden Rappen den Kopf wie ein Wackeldackel bewegte, tat mir leid.

Ein anderer Grund für meine Besuche in der Sonntagsschule war der Friedhof, der sich gleich neben der Sonntagsschule befand. Dort lag nämlich mein Bruder. Dem erzählte niemand Geschichten. Darum tat ich das jeweils, was dazu führte, dass ich meistens nicht pünktlich nach Hause kam.

Mein kindlicher Glaube liess mit elf Jahren nach. Zuviel passiert, als dass ich noch an irgendeinen lieben Gott, einen auf Wasser wandelnden Jesus und die jungfräuliche Maria glauben konnte.
Paula hat meinen Austritt aus der Kirche zur Kenntnis genommen. Meinen Marien-Anhänger hat sie aufgehoben und mir vor über einem Jahr wieder geschenkt. Paula gibt (mich) nicht auf.

Wil 2010 (77)

danach und davor

Die Summe der Menschen in meiner Familie, die ich tot sah, ist klein. Ich sah meinen Urgrossvater Henri, wie er in seinem weissen Totenhemd im Sarg lag, meinen Grossvater Walter im schwarzen Anzug und meine Mutter.

Wenn ich an meine tote Mutter denke, kommen mir viele Gedanken. Ich bin dankbar, dass ich ihre letzten 36 Stunden miterleben durfte. Die Wache an ihrem Bett, die schlaflose Nacht, die Tränen und die Nähe zu ihr waren nervenaufreibend. Ich hatte das Gefühl, ich wäre die Löwin, die ihr Löwenjunges verteidigt. Ich hatte mich so lange nach meiner Mutter gesehnt, solange mit ihr Streit gehabt, dass ich am Ende dabei sein wollte und durfte. Ihr Tag, an dem sie starb, begann neblig und endete mit Sonne. Als sie um 16.15 ihren letzten Atemzug tat, war ich erleichtert.

Oft denke ich über diese Stunden nach. Sie starb einige Meter vom Spital Wil weg, wo sie mich 30 Jahre zuvor geboren hatte. Vier Tage lang wartete sie auf meine Geburt. Hochsommer. Sie hat bis fast am Ende darüber gelästert, wie genervt sie über mein Nicht-Geboren-Werden-Wollen war. Im Vergleich dazu kommen mir die 36 Stunden Warten_auf_ihr_Gehen wie ein schlechter Witz vor.

Sie starb in einem Alter, wo Menschen sich normalerweise mit ihrer Pensionierung auseinandersetzen. 56 ist kein Alter zum Sterben. Eigentlich ist es das ohnehin nie.

Oft habe ich mich gefragt, ob sie noch etwas offen hatte. Wollte sie noch was klären? Hatte sie alles erledigen können?

Mit grosser Rührung stellte ich am letzten Tag fest, dass sie tatsächlich eine Patientenverfügung erstellt hatte. Sie hatte sich wirklich mit ihrem Ableben auseinandergesetzt. Sie hat mir, ihrer Tochter, nicht einfach Verantwortung delegiert.

Was wird sein, wenn ich sterbe?
Sterbe ich alleine? Langsam? Allzu schnell?
Im Frühling? Im Winter?
Wird meine Liste abgearbeitet sein?

Angst vor dem Tod – oder dem Leben?

Als Kind hatte ich kein Bild vom Tod.
Ich wusste nur, dass es ein Ausdruck für „tief und fest schlafen“ ist. Dass Menschen, wie mein kleiner Bruder, nach ihrem Tod in ein Bett aus Holz und Tannenreisig kommen, mit Blumen bedeckt werden und alle rundherum weinen. Das schien mir nicht so schlimm zu sein.

Mit neun oder zehn stand ich dann selber an jenem Punkt.
Ich erwachte langsam nach einer Operation und fragte mich, ob ich wirklich in jenen (meinen) schmerzgepeinigten Körper zurück wollte. Der Gedanke an die Eltern und die Grosseltern holen mich schnell zurück. Aber das friedvolle Gefühl, die Ruhe und das Licht beruhigten mich irgendwie. Ich hatte keine Angst mehr vor dem grossen Nichts.

Als mein Grossvater starb, bemerkte ich, wie mühsam und lange Sterben dauern kann. Es ist eine quälende Sache, besonders wenn ein Mensch weiss, was ihn an Leiden erwartet. Doch ist nicht das einzig Gute daran, dass man von seinen Lieben bewusst Abschied nehmen kann?

Meine Mutter starb nicht ruhig und friedlich. Bis sie endlich ihren letzten Atemzug tun konnte, dauerte es 36h. Todeskampf ist ein schlimmes Wort. Ich mag es lieber anders nennen: Lebenskampf. Sie wollte leben, nicht sterben.

Ich denke oft über meine Mutter und ihre letzten Tage nach. Sie hat so gerne gelebt, trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse. Die letzten Jahre ihres Lebens hat sie wirklich und intensiv gelebt, Dinge getan, die sie liebte. So überredete sie an ihrem Geburtstagsfest 2006 im Restaurant Rebstock einen Rocker, ob sie auf seinem Trike mitfahren dürfte. Natürlich durfte sie das, denn Rocker sind liebe Menschen. Es war das letzte Fest, das wir gemeinsam verbrachten. Ich sass da und schämte mich, weil meine 55jährige Mutter sich benahm wie ein Teenager. Ich hatte keine Ahnung, was uns erwarten würde.

Sie hat so sehr geliebt. Wenn sie verliebt war, dann liebte sie mit Haut und Haar und Kochbuch. Sie hat auch oft geweint. Denn zu grosser Liebe gehören auch viele Tränen.

Was würde sie zu mir sagen, wenn sie mich heute sähe?
Wäre sie glücklich? Oder würde sie fragen: Meitli, läbsch würklech?

Lieblingsenkelin

Tante Hadi hat mich vor einigen Jahren bekniet, Paula endlich ins Altersheim zu bringen.
„Sie ist dement“, sagte Hadi am Telephon. Ihre Stimme klang ärgerlich.
„Ja. Ich weiss“, antwortete ich. Was sollte ich sonst auch sagen? Paula und Hadi telephonierten damals einmal pro Woche. Meine Oma hat Hadi den letzten Nerv geraubt, weil sie immer wieder das gleiche sagte und vor allem nie das tat, was ihr ihre ältere Schwester an Ratschlägen bereithielt.

„Du bist ihre Lieblingsenkelin“, sagte Hadi und es klang wie ein Vorwurf. „Dich hat sie geliebt und verwöhnt. Du bist es ihr schuldig.“
Das wusste ich auch. Kann man Liebe schulden? Ich denke nein.

Es war unsinnig, Hadi meine Haltung zu erklären. Sie war eine Frau Mitte 80, eine wahre Dame. Wie sollte ich ihr denn klar machen, dass ich fand, dass Paula so lange wie möglich selbst über ihr Leben bestimmen sollte? Ich war anfangs 30, hatte gerade meine Mutter, Hadis Patenkind, verloren und sah mich nicht in der Lage, meiner Oma einfach zu sagen, was sie tun sollte.

Paula hat immer ihren eigenen Kopf gehabt. In meiner mittlerweile fast inexistenten Familie mütterlicherseits gab es den Ausdruck „Toggenburger-Grind“. Das bedeutet, dass einer unglaublich stur ist.

Ich hab mir damals lange überlegt, was wirklich meine Aufgabe war. Ich liebte Paula sehr, aber ich wusste, ihr einfach den Willen zur Selbstbestimmung abzusprechen, wäre ein Vertrauensmissbrauch sondergleichen gewesen.
Paula sagte sehr oft zu mir: „Du bist der grösste Schatz in meinem Leben und der Grund, warum ich überhaupt noch da bin.“
Das ist ein Ausdruck grösster Liebe und gleichzeitig eine grosse Last. Als ich als Kind oft im Spital war, dachte ich darüber nach, was es bedeuten würde für Oma, wenn ich stürbe. Diesen Gedanken verwarf ich jeweils schnell wieder, denn ein Kind von zehn Jahren darf doch nicht an den Tod denken. Dann kam mir mein Bruder in den Sinn und ich wusste: der Tod gehört einfach dazu, egal wie alt du bist.

Nun bin ich 36.
Ich denke oft an jene Zeiten zurück, als ich noch ein kleines Mädchen war und glücklich, wenn Oma da war. Ihre Umarmungen, ihre Geschichten und ihre bedingungslose Liebe haben mich wohl gerettet.

Meine Oma war zu einer Zeit für mich da, als meine Mutter es nicht mehr konnte. Wenn ich früher dachte: eigentlich ist meine Oma meine Mutter, so lag ich nicht so falsch. Meine Mutter hat mir mein Leben geschenkt, mich geboren. Meine Oma hat mich geliebt.

über meine Wut.

Zum ersten Mal weiss ich nicht, ob ich das, was ich hier schreibe, wirklich schreiben darf.

Ich habe mit meinem geliebten Vater geredet, bzw. er mit mir. Er sprach endlich über meinen Bruder, der anno 1979 drei Tage nach seiner Geburt starb.

Wir sprachen über seinen Ärger auf den Dorfpfarrer, der nach dem Tode meines Bruders nicht mal bereit war, in unser Haus zu kommen. Nein. Meine Eltern mussten ins Pfarrhaus gehen. Wie schwierig war es für meine Eltern, diesen Gang zu tätigen? Wie viel Abgebrühtheit gehört dazu, eine schwer traumatisierte Frau zu sich zu bestellen? Wie schwer muss es für meinen Vater gewesen sein, ein solches Gespräch zu führen?

Ich bin wütend.

Mein Vater beschrieb mir, wie unglaublich beleidigend und beschämend die Pflege anno 1979 im Kantonsspital Frauenfeld war. Meine Mutter hatte eben erst ihren Sohn verloren, wurde nicht begleitet. Mein Vater fand sie in ihrem Nachthemd auf dem Parkplatz auf, verwirrt, weinend. Niemand hat sich um sie gekümmert. Im Gegenteil. Sie sollte schnell verschwinden, denn man wollte eine Panik unter den Müttern der Abteilung vermeiden. Ihr Schicksal hat niemanden bekümmert. Mein Bruder wurde meinem Vater so übergeben, als wäre er ein Gegenstand in einer Schuhschachtel. Mein Bruder wurde obduziert.

Was ist da geschehen?

Ich will es wissen.
Ich werde es herausfinden.

(to be continued)

1914

Heinrich, genannt Henri, war 1914 bis 1918 im Militär. Er, 1889 geboren, verbrachte einige Jahre im Militär. Während der ganzen Zeit hielt er via Postkarten Kontakt zu Anna, meiner Urgrossmutter. Ihre Karten lesen sich fast wie heutige SMS:

„Liebe A. Hiermit teile ich Dir mit, dass ich also bestimmt am 3. März komme. Jedoch kann ich leider nicht bestimmt berichten, wann. Die Bahnverbindung ist sehr schlecht. Es kann Abend werden. Mit Gruss Henri“

Sie kannten sich bestimmt seit 1912, haben aber erst nach 1914 geheiratet. Meine Grosstante Nelly muss nach 1914 auf die Welt gekommen sein, starb aber früh. Mein Grossvater kam Ende 1924 auf die Welt, als mein Urgrossvater schon Mitte 30 war. Anna war nur wenig jünger. Was muss ihnen durch den Kopf gegangen sein? Wie haben sie sich gefühlt?

Immer wieder hoffe ich, dass ich im Haus auf ihre Spuren stosse, noch mehr Briefe finde, vielleich sogar ein Tagebuch. Ich sehne mich danach, mehr zu erfahren über Annas Leben

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